M- Jahrgang.
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|ta. 192» BerlagSOerusprecher Ro. 2963.
Samstag» den 25» April.
RebaktionS-FerufpreLer No. 62. 1903.
Abend-Ausgabe.
Deutscher Reichstag.
»erlitt, 24. April.
Das Haus ist schwach besetzt. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Interpellation Gröber-Stötzel: 1. Was dem Reichskanzler über die Tötung des Artilleristen Hartmann in Essen durch den Seekadetten Hüssener bekannt sei, 2. ob der Reichskanzler dahin zu wirken bereit sei. daß durch Abänderung der bestehenden Vorschriften über das Wasfentragen beurlaubter Kadetten und Mannschaften der Begehung solcher und ähnlicher Verbrechen mehr als bisher vorgebeugt wird. — Staatssekretär Tirpitz erklärt sich bereit, sofort zu antworten. - Abg. Stütze! (Zentr.) schildert den Tatbestand, wre er rn der Presse bekannt geworden ist, und die in Essen entstandene Aufregung. Wenn das Waffentragen auf Urlaub verboten wäre, würden solche Fälle nicht Vorkommen. — Staatssekretär Tirpitz bejaht zunächst, daß ihm der Fall bekannt sei. Hüffener sei verhaftet und die Untersuchung eingeleitet. Ein ihm heute zngegangenes Telegramm besage, Hüssener, der einen Stotz erhalten hätte, als Hartmann sich von ihm los mH und fluchtete, sei völlig nüchtern gewesen, gebe an, in gutem Glauben gehandelt zn haben und bestreite jede Tötungsabiicht. Die weitere Untersuchung, fährt der Staatssekretär fort, werde ja Näheres ergeben. Er sei alsdann bereit, dem Hause weitere Angaben zn machen. Was die Bestimmungen über dasWaffentragen anlange, so seren diese ganz präzis, ebenso die Bestimmungen darüber, wann von der Waffe Gebrauch gemacht werden könne. Nur rm Falle äußerster Not und dringender Gefahr solle man sich mit der Waffe Gehör verschaffen. (Lachen links, Ruf. äußerster Not!). Diese Bestimmung enthalte gegen die frühere ursprüngliche eine Verschärfung, denn früher habe sie geheißen: äußerster Not oder dringender Gefahr, jetzt müßten beide Voraussetzungen gleichzeitig vorliegen, nur im Falle äußerster Not u n d dringender Gefahr. Soweit der Fall bis jetzt zn ubersehen ser, sei in demselben gegen jene Bestimmung verstoßen worden. (Bewegung.) Er selbst werde dahin wirken, daß allen Beteiligten diese Bestimmung wiederholt von neuem em- geschärft würde. Es handle sich übrigens nicht um einen Kadetten zur See, sondern um einen Fähnrich, um einen Unteroffizier mit Portepee, der im dritten Dienst,ahre und im 21. Lebensjahre sei. Es liege ihm, dem Staat!.- sekretär, fern, hierin eine Beschönigung zu erblicken, rm Gegenteil, das verschärfe den Fall. Der Vorredner habe geglaubt, sagen zu dürfen, cs sei rm Publikum der st e- danke verbreitet, daß den betreffenden Chargen em unrichtiges Ehrgefühl anerzogen werde. Dagegen protestiere er. Für niemanden sei ein solcher Fall unangenehmer, als gerade für die Vorgesetzten Behörden. Was das verbot des Waffentragens im Urlaub anlange, so frage er, wo sei da die Grenze? Solle dies denn auch für den
Garnisons-Urlaub gelten. Das würde doch zur Folge haben, daß überhaupt das Waffentragen außer Dienst zu verbieten sei. (Rufe links: Sehr richtig!) Das werde doch wohl nicht einmal in der Absicht der Interpellanten selber liegen. Die Marine verurteile durchaus das Vorkommnis und in dieser Verurteilung der Marine liege offenbar die stärkste Sicherheit gegen Wiederholung solcher Vorfälle, soweit dagegen eine Sicherheit überhaupt gegeben werden kann. — Auf Antrag des Abgeordneten S ch ä d l e r wird gegen die Stimmen der Rechten die Besprechung der Interpellation beschlossen. — Abg. Lenz mann (freis. Volksp.): Im allgemeinen ist es nicht zweckmäßig, Gegenstände auf dem Wege der Interpellation zn besprechen, wenn noch die gerichtliche Prozedur schwebt. (Sehr richtig! rechts.) Trotzdem halte ich die Interpellation Gröber für durchaus berechtigt und ich freue mich, daß sie eingegangen ist, einesteils wegen des nahen Schlusses des Reichstags und andernteils weil sich der Fall von dem Fall Brüsewitz dadurch unterscheidet, daß es sich hier nicht um die Tat eines einzelnen, sondern um symptomatische Anschauungen handelt, die wir besprechen müssen, der Richterspruch mag ausfallen, wie er will. Der Leutnant Brüsewitz hat damals die Strafe auf sich genommen, die Tat gesühnt und nachher moralisch einen Tod gefunden, der auch gewissermaßen eine Sühne enthält. Im Gegensatz dazu scheint mir das Benehmen des Hüssener ein außerordentlich minderwertiges. Nichts ist schimpflicher und schmählicher, als sich durch Verunglimpfung des Opfers und durch Unwahrheit aus der Schlinge ziehen zu wollen, das ist kein Mut, sondern das Gegenteil. Der Getötete soll betrunken gewesen sein, ich will mit dieser Möglichkeit rechnen. Wenn er wirklich betrunken war, dann hätte der junge Kadett sich sagen müssen, daß er viel pflichtmäßiger und ehrenvoller handelte, wenn er den Betrunkenen in sicherer Begleitung nach Haus bringen ließ, anstatt ihn wegen Ungehorsam zu provozieren. Dieser einfache Ausweg, den das GeseC vorschrieb, war leicht auszusühren, denn das Kasernement und die elterliche Wohnung waren nur wenige Schritte von der Restauration Müller entfernt. Ob sie Schulkameraden waren, ist gleichgültig, sie kannten sich, denn Hartmann ist der Inhaber des ersten Hotels in Essen, wo sämtliche Offiziere zu verkehren pflegen. Hartmann sen. und die beiden Brüder des Verstorbenen waren ganz Essen bekannt; ich selbst kannte auch den Verstorbenen und kann ebenfalls bezeugen, daß er ein ruhiger Mensch war, der nicht behandelt werden durfte, wie ein wildes Tier behandelt zu werden pflegt. Hartmann soll den Gehorsam verweigert haben im Zustand der Trunkenheit. Daß das wirklich der Fall war, bestreitet der noch nicht vereidigte Zeuge Lüscher, nach dessen Zeugnis ist der Mann ganz ruhig mitgegangen. Das ist doch nicht Gehorsamsverweigerung, das ist nicht einmal Widerstand. War der Seekadett überhaupt berechtigt, den Mann zu verhaften? Er konnte ihn auch nicht verhaften lassen, um die Identität feststellen zu lassen, denn der Hartmann war ihm persönlich bekannt. Wenn man jedesmal einen verhaften kann, auch wenn die Verhaftung nicht nötig ist, und wenn
jeder über den Haufen gestochen werden kann, sobald der Verhaftende glaubt, der andere wolle sich ihm entziehen, dann brauchen wir ja die ganzen Bestimmungen über Gehorsamsverweigerung nicht, dann würde es Rechts- grundsatz sein, daß der Ungehorsam allemal mit dem Tode bestraft werden kann. Für den Hüssener war nicht der Gedanke an die Ehre bestimmend, sondern bloß der I n - stinkt der brutalen Uber Hebung eines Sekundaners und Tertianers, der sich für gottähnlich hielt, obwohl er nur ein ganz kleines, winziges Hühnchen auf Gottes Erdboden ist. Auf der Wache hat er dem Wachhabenden eine Cigarette angeboten und selbst in Gemütsruhe eine Cigarette geraucht, als ob nichts passiert wäre! Die beste Beleuchtung dieses Seekadetten gibt der Brief, den er aus dem Gefängnis geschrieben hat an die Eltern des Ermordeten. Angesichts der Tat und seines Benehmens nach der Tat, angesichts des albernen Briefes kann ich mir diesen Mann nur konstruieren als ein Konglomerat von Dummheit, Gefühlsroheit und protziger Uber Hebung, dieser Jüngling wird wohl nicht dazu kommen, die Armee noch länger zu verunzieren. Die Interpellation erwähnt das Verbot des Waffentragens. Hierauf hat der Marineminister so gut wie gar nichts geantwortet, denn wenn er von der Schwierigkeit spricht, die Grenzen zwischen erlaubtem Waffentragen und unerlaubtem zu finden, so sind das wohl keine ernst zu nehmenden Gegengründe dagegen, daß den jungen Offizieren von vornherein ein gewisser Respekt vor der Waffe eingeflötzt wird. Außerhalb des Dienstes hat der Soldat die Waffe nicht nötig, deshalb wünschen wir, daß ganz allgemein das Waffentragen außerhalb des Dienstes verboten werde. Das Mindeste, was wir verlangen können, muß sein, daß unreife Leute, die noch nichts gelernt haben, die in der Armee noch nichts als Lehrlinge sind, nicht Waffen tragen dürfen. Herr Stütze! wundert sich über die Ruhe, die die Bevölkerung dem Burschen gegenüber bewahrt hat und daß sie nicht zu Exzessen geschritten ist. Die Bevölkerung in Essen ist so ruhig gewesen, aber sie wird nicht überall so ruhig sein. Solche Knaben können die Bevölkerung auch aufwiegeln zu Exzessen. Eine solche Nichtachtung des menschlichen Lebens, wie sic sich hier dokumentiert, ist auch nur zu sehr geeignet, Anarchisten zu züchten, ich habe darauf schon beim Fall Brüscwitz hingewiesen. Wer es mit dem Vaterland, der Marine und dem Heere gut meint, darf eine solche Tat nicht entschuldigen und mutz dafür sorgen, daß derartige alberne Dummejungenstreiche in Zukunft vermieden werden. Darum begrüße ich die Interpellation freudig und hoffe, daß sie im Hause Anklang finden wird. (Beifall links.) — Abg. Bebel (Soz.) bedauert vor allem, daß solche De- batten leider erfahrungsgemäß nichts helfen. Es bleibe hinterher ja doch alles beim alten, und habe man sich über einen solchen Fall beruhigt, so komme ein anderer. Der Staatssekretär habe versprochen, die Vorschriften über den Gebrauch der Waffe solle den Leuten wieder einmal eingeschärft werden, aber davon sei nichts zu erhoffen, denn wer sich einmal in seinen Interessen verletzt glaubt, der mache, wenn er die Waffe bei sich habe, auch
Am sonnigen Strande.
Von Henryk Sienkiewicz.
Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner.
(7. Fortsetzung.)
Sie hingegen blickte ihm eine Weile in das Gesicht
Eifersüchtiger, ober ein Undankbarer
sesagt?" • .
Aber der Rkaler antwortete ausweichend:
„Sie haben recht . . . Wenn dem so ist, muß Kreso- vicz selbstverständlich aus dem Haus . . -
„Ich werde noch heute mit ihm abrechnen und der
Dache ein Ende machen." . .. ,~ r
Dann schwiegen beide und man horte bloß die schütze
de Sintens und des Ungars.
Swirski konnte ihr jedoch jenes Lächeln nicht der- zeihen, das er im Fluge auffing. Er sagte sich zwar, r atz Frau Korecka gegen Kresowirz so handelte, wie es Me Pflicht erheische, und daß kein Grund zur Unzufrie ei- heit vorhanden sei — trotzdem aber suhlte er rn seiner Seele eine immer größer werdende Gereiztheit. Es geschah, noch im Anfänge der Bekanntschaft m:t Frau Korecka, daß er sie einmal auf emem Rade sah: sie fuhr um einige Schritte voraus, hinterher de Srtlten, der iirnge Kladzki. Porzecki. Wilkisbev uiid Warford.
Auf Swirski machte diese Gruppe damals den wider, lichen Eindruck einer tierischen Jagd von Männchen nach einem Weibchen. In diesem Augenblick kehrte dieses Bild mit doppelter Macht in sein Gedächtnis zuruck und seine empfindliche, künstlerische Natur fing an tatsächlich zu leiden. „Es ist nun eiiiwal so", sagte er zu sich st bs, »ihr laufen alle nach, und wenn ich über ern^Hindern s hinstürztc, so würde der nächste sie erreichen.
Doch seine weiteren Erwägungen unterbrach Frau Korecka, welcher cs im Schatten kühl zu werden begann und welche den Wunsch äußerte, sich ein wenig rn d Sonne zu erwärmen.
„Lassen Sie uns in Ihre Wohnung gehen, wo Sie eine Umhülle nehmen werden", sagte Swirski aufstehend. Worauf sie deir Rückweg nach der oberen Terrasse an- trateii. Doch in der Mitte der Treppe blieb sie plötzlich stehen: „Sie siird nicht zufrieden mit mir", sagte sie.
„Was habe ich verbrochen und habe ich nicht so gehandelt, wie es sich schickte?"
Darauf antivortete Swirski. welcher sich iiidessen ein wenig beruhigt hatte und den ihre Unruhe weicher stimmte: „Vergeben Sie einen: alten Sonderling: ich bin es, der nicht recht gehandelt, und Bitte Sie inständigst um Verzeihung."
Frau Korecka wollte um jeden Preis erfahren, was ihm die Laune verderben konnte, doch gelang es ihr auf keine Weise, eine Antwort aus ihm herauszubringen. Da fing sie an, zur Hälfte scherzend, und zur Hälfte traurig, gegen die Künstler loszuziehen: „Was das für unausstehliche uird sonderbare Menschen sind, welche an allein Anstoß nehmen, deireu jede Kleinigkeit weh tut, und die sich gleich in sich verschließen und in die einsamen Ateliers zurückziehen. Heute z. B. hat sie cs schon dreimal bemerkt, wie sich in ihm der Maler wiederfand Das ist nicht gut! . . . So soll denn zur Strafe dieser schlimme Maler zum Diner und bis zum Abend hier bleiben."
Swirski jedoch erklärte, daß er nach Hause müsse, worauf er ihr die Sorgen seines Künstlerberufes anver- traute, die Unannehmlichkeiten, die er infolge des vergeblichen Suchens nach einen: Modell zu seinem Bilde „Der Schlaf und der Tod" habe, und endlich seine Hoffnungen, welche er an dieses Bild knüpfe.
„Ich ersehe daraus", antwortete lächelnd die junge Witwe, „daß ich immer eine gefährliche Rivalin haben werde, nämlich die Kunst."
„Das ist keine Rivalin", erwiderte Swirski. „das ist eine Göttin, der Sie gemeinschaftlich mit mir dienen werden."
Nach diesen Worten zogei: sich die regelmäßigen
Brauen der schönen Frau auf einen Augenblick zu-
sammen, aber indessen waren sie vor dem Hotel angelangt. An diesem Tag legte Swirski drei Viertel des Weges zum Himmel zurück — hernach fuhr er mit einem wollüstigen Schauer in den Glieder nach Hause und hatte zugleich die Überzeugung gewonnen, daß erst die Ehe ihm die Pforte zu demselben öffnen werde.
Ilnd nachden: er im Eisenbahnzug das Gleichgewichr einigerinaßen wiedergewonnen hatte, war er Frau Korecka dankbar für diese Überzeugung.
IV.
Am folgenden Tag ließ sie vor dem Diner den Lehrer zur Abrechnung zu sich bescheiden und sie tat cs mit einiger Neugierde in der Seele, wie sich dem: ihr beiderseitiger Abschied gestalten werde. Sie sah in: Leben so viele All- tagsmenschen, die den Eindruck machten, als ob sie von demselben Schneider nach derselben Form zugeschnitten wären, daß dieser'junge Sonderling sie seit einiger Zeit schon interessierte und jetzt, wo er in: Begriff war, ihr Haus mit gebrochenem Herzen für immer zu verlassen, fing er an, sic nock mehr zu interessieren. Sie war über, zeugt, daß seine Leidenschaft sich auf irgend eine Weise verraten werde und hatte sogar den stillen Wunsch, daß sich dieselbe verraten möchte, indem sie sich nicht ganz offen vornahm, diese mit einem Blicke oder Worte zu zügeln, wenn sie eine gewisse Grenze überschreiten sollte.
Aber Kresowirz trat kalt ein, mit einen: Gesichte, das eher unheilverkündend als verliebt war. Nachdem Frau Korecka einen Blick auf ihn geworfen hatte, dachte sie sich, daß dieser Kopf Swirski, als Maler, in der Tat auf- fallen mußte, denn es stecke in ihn: etwas ganz Außer- gewöhnliches. Es warm dies gleichsam eherne Züge, in denen der Wille die Intelligenz übcrtraf, indem er ihnen bis zu einem gewissen Grade einen stumpfen und unerbittlichen Ausdruck verlieh. Swirski erriet es gleich, daß dies einer jener Menschen sei, denen, sobald sie sich an eine gewisse Idee fcstgeklammert, niemals der Hauch des Sceptirismus den Glauben an dieselbe trüben, noch der Zweifel die Fähigkeit zur Tat untergraben könnte, eben
