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P(l, 189. Verlags.Ferufprecher No. 29SS.
Freitag» den 24. April.
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Rebaktions-Fernfprecher No. 52. 1903.
Morgen-Ausgabe.
Pc riijM fran ttnh Ms AmlieMen.
Von Ferdinand Neubürger.
Die Tatsache, daß die Zahl der iveiblichen Geburten Die der männlichen weitaus überschreitet, muß schon eure uralte sein. Sie hat, meines Erachtens, zur Polygamie geführt, die wir insbesondere in Asien und Afrika noch heute beobachten können. In unseren Tagen und unter dm civilisierten Völkern Europas und Amerikas hat sie die sogenannte Frauensrage hervorgerufen.
Es ist der naturgemäße Beruf des Weibes, Gattin und Pkutter zu werden. Da aber die Zahl der Männer weitaus geringer ist als die der Frauen, die Kriege, die jedes Jahrhundert einige Male auch auf dem europäischen Kontinent toben, zudem die Zahl der heiratsfähigen Männer verminderit, so hat sich bei der gesetzlich gebotenen Monogamie die Zahl der ledig bleibenden Frauen vermehrt, wozu noch die Ehescheu so vieler junger Männer kommt, die angesichts der hochgesteigerten Bedürfnisse einer Familie von der Eingehung einer legalen Ehe lieber absehen.
Dies ist ein unleugbares Faktum, das bei allen Kulturvölkern beobachtet werden kann. Die Folgen sind fast allenthalben die gleichen: überall sehen wir eine Vermehrung der verblühten weiblichen Existenzen, die, schon um ihr Leben zu fristen, großenteils einen mehr oder minder selbständigen Beruf ergreifen, der zudem die Lücke im Gefühlsleben notdürftig überdeckt. Dies ist allenthalben der Fall, wo Bildung und Sittlichkeit des Volkes einen hohen Grad erreicht haben; wir dürfen mit freudigem Stolze sagen: zum Beispiel in Deutschland. Aber auch bei uns zeitigt die Ehelosigkeit nebenbei weniger erfreuliche Resultate: in erster Reihe die große Zahl wllder Ehen, in zweiter eine stets sich vergrößernde Prostitution, namentlich in den großen Städten.
Auch in Rußland ist diese Erscheinung zu beobachten; aber hier ist das Mid ein ungleich trüberes; hier über- biegt die wilde Ehe und die Prostitution, und dazu kommt noch die Zersetzung des ehelichen Lebens, wovon man im Westen keine Vorstellung hat, wofür aber dre Erklärung in den absonderlichen russischen Verhältnrssen liegt. Denn hier herrscht von uralten Zeiten her der Gebrauch, daß der Vater das unumschränkte Familienhaupt ist, nicht bloß heißt. Ohne seine Erlaubnis kann keine wichtige Handlung stattfinden. Das ist so in Fleisch und Blut der russischen Anschauungen übergegangen, daß es gar keinem einfällt, sich dieser väterlichen Autorität k>W ■ » n^asassBSBSsmmsas?
Feuilleton.
Londoner Brief.
die Reise des Königs. — Julius Seeth, der Löwenbändiger. — llhrcnsmeyer. — Dauermarsch der Börsenmanner. — Feuerwehr, stnsstclluug. - Britische Musik. - NibeI»»ge«-R,ng. -Alt- Heidelberg. — Tolstois ..Auferstehung" dramatisiert. — Ibsens Krieger von Hclgeland.
London, 20. April.
Die Augen des englischen Volkes sind gegenwärtig in besonderem Matze auf das europäische Festland gerichtet. Sie verfolgen den „T rin m p hzug" ihres Königs, dem man, wie es in Lissabon geschehen, so mch jedenfalls in Rom und Paris einen besonderen Empfang bereiten wird. Freilich ganz ohne Einspruch wird bas auch nicht von statten gehen, wie tioch letzthin 'in wutschnaubender Artikel der „Patrie" gezeigt. Dresc erklärt, es würde eine „schändliche Infamie" sein, wenn man dem König einen feierlichen Empfang bereite, erinnerte an Faschoda und zog dann in den heftigsten Ausdrücken gegen die Engländer im allgemeinen los. Indessen, die „Patrie" wird jedenfalls in Bezug auf den Königsbesuch kaum die Gesinnung der besonneneren Elemente des französischen Volkes widerspiegeln. Gleich nach seiner kontinentalen Tour wird der König dann sein eigenes Land bereisen. Ein besonders festlicher Empfang dürfte seiner in Schottland harren, wo in dem alters- geheiligten Holyrood-Palast in der schottischen Hauptstadt glänzende Festlichkeiten veranstaltet werden. Der wundeste Punkt, den der König auf all seinen Reisen aber berühren wird, liegt jedenfalls in dem „Vereinigten Königreich selbst. Das ist Irland, wo man nichts von ?inem englischen König wissen will. Dahin hat sich auch -er Führer der irischen Partei, Redmond, bereits rn f V Freimütigkeit ausgesprochen, indem er erklärte, Eduard werde mit Höflichkeit und Gastlichkeit Empfangen werden, aber das irische Volk werde in keiner Weis, an einem offiziellen Empfang sich beteiligen. »Für uns Nationalisten von Irland, fuhr Nedmond fort, »repräsentiert er ein Regierungs-System, das wir als eine Usurpation ansehen. Für uns ist er kein konstttutto- Ueller König, wie er es in England ist, und nach meinem Urteil sind wir daher absolut verhindert, einen osft-
zu entziehen. Zu den HohÄtsrechten des Familienoberhauptes gehört es, daß er, ohfie Widerspruch zu erfahren, für den Sohn, bezw. Enkel eine Gattin, für die Tochter oder Enkelin den Gatten wählt. Und bei dieser Wahl wird selten die Neigung, sondern fast immer nur der materielle Besitz, die Mitgift und das zu erwartende Erbteil in Betracht gezogen.
Den geschäftlichen Teil: das Auskundschaften passender Partieen, die Vermittelung, besorgen Ehevermittler. Das ist in Rußland ein durch die Sitte sanktionierter Beruf, dem durchaus nicht das Unzarte, um nicht zu sagen Schimpfliche, anhastet, das man im Westen hiermit verbindet. Fast der allergrößte Teil der russischen Ehen wird durch Heiratsvermittler zu stände gebracht, und selten wstd das junge Paar, dessen Glück damit begründet werden soll, hierbei gefragt. Nun ist aber im griechisch- katholischen Kultus für Eheschließungen ein ganz be- stlmmterZeitraum vorgeschrieben, oder genauer bezeichntet: während gewisser Zeiten, z. B. während der großen Fasten, die zweimal im Jahre, je sechs Wochen, statt- finden und auch sonst noch zu anderen kirchlichen Zeiten dürfen von Rechtgläubigen keine Ehen geschlossen werden. Tie Folge davon ist, daß diese Eheschließungen im heiligen Rußland zweimal im Jahre sozusagen en masse stattfinden und daß Verlobung und Vermählung in unglaublich klrrzer Zeit, oft irn Laufe einer Woche vor sich gcht; das will sagen: ein junges Menschenpacrr, das sich zuvor vielleicht uie gesehen hatte, das sich also auch gar nicht kannte, wird durch das Sakrament einer nicht wieder zu lösendeir Ehe cm einander gekettet und lernt sich erst kennen, wem: eine legale Trenmrng nicht mehr möglich ist. Was daraus entstehen muß, kann man sich leicht denken. Lebte so ein junges Ehepaar aus einer wüstere Insel des Ozeans, nur auf sich allein angewiesen, so würde sein Leben sich gewiß erfreulich gestalten; auch auf einem Dorfe, selbst in einer kleinen Stadt, wo Zer- streuurrg und Verführung gering, die Kontrolle durch die Umgebung aber bedeutend »st, würde es zu einem ehelicheri Ein- und Zusammenleben kommen.
Aber wie ganz anders gestalten sich die Verhältnisse in einer Großstadt! Die jugendliche Sinnlichkeit, die in der ersten Zeit des ehelichen Beisammenlebens vielleicht die Gatten zusammenhält, muß, wenn sie nicht durch Sittlichkeit und gegenseitige. treue Neigung veredelt wird, zu einem trennenden Keil werden, der die Ehe auseinander sprengt. Bald gehen beiden die Augen auf. Die Ehe könnte nur durch die Gnade des Kaisers gestennt werden — und das kostet viel Geld. Das will sagen: nicht der Kaiser läßt sich dafür bezahlen, sondern die Organe, die eine diesbezügliche Bittschrift befördern und zur rechten Zeit in die rechten Hände legen — die lassen
zielten Empfang zu bereiten." Gleichwohl schmeichelt ein solcher Besuch den Irländern und derselbe ist vom politischen Standpunkte ans immerhin eine richtige Maßnahme.
Einer der besonderen „Löwen des Tages" ist hier im Augenblick der bekannte Löwenbändiger, unser Landsmann Julius Seeth, der inmitten seiner Schar von einunddreißig solcher Könige der Tiere eine erstaunliche Herrschaft über dieselben ausübt und ste wunderliche Kunststücke verrichten läßt. Von seiner Geistesgegenwart legte aber letzthin auch ein amüsantes Interview, dem er sich unterzogen, einige gelungene Proben ab. Er hatte eben erzählt, daß sein Vater in einem Löwenkäfig seinen Tod gefunden, als ihn der Interviewer mit der Frage unterbrach:
„Sind Sie nun nicht bange, jemals wieder einen Löwcnkäfig zu betreten'?"
„Und wo starb Ihr Vater?" entgegnete Seeth.
„Im Bett."
„Sind Sie denn nicht bange, jemals wieder zu Veit zu gehen", war die schlagfertige Antwort.
In dem ganzen Kreuzverhör wußte der Löwenbeherrscher die Lacher auf scine^eite zu ziehen, und so war es wohl nur noch eine besonverc Artigkeit, wenn er zum Schluß gestand, er wolle lieber hundert Löwen gegenüberstehen, als einem Zeitungsmann.
Ein anderer Deutscher oder Deutsch-Anverikaner, der im Augenblick viel von sich reden macht, ist Herr Ahrensmeyer, der letzthin mehreremale mit verbundenen Augen ein paar Rosse im scharfen Trab durch das Londoner Straßengewirr lenkte, indem er nur durch einen dünnen Draht mit einigen im Wagen sitzenden Herren verbunden war, die nur „ihren Sinn darauf zu richten" hatten, in welcher Weise er die Pferde leiten sollte. Nun, wir haben ja noch lange nicht ausreichend ergründet. was für geheimnisvolle Kräfte uns Menschen — oder manchen von uns! — innewohnen. Ein Betrug ist nach der Aussage von Preßvertretern, welche die Leistungsfähigkeiten Ahrensmcyers geprüft, unbedingt ausgeschlossen. Daß die Polizei trotz alledem die Fortsetzung derartiger Experimente in dem Gewirr der Straßen untersagt hat, ist gewiß nur in der Ordnung. Aber es werden sich doch auch Mittel und Wege finden lassen — Wege, die nicht gerade volkbelebte Gassen sind —, die von AhrenKmeoer beansvruchten Kräfte anderweitig zu unter
sich dabei und zwar sehr hoch bezahlen, so daß nur notorisch Reiche an diesen erlösenden Schritt denken können. Man schätzt die Durchschnittszahl der „Bittschriften auf den Namen des Kaisers" (dies der russische Ausdruck füp das, was wir „Immediatgesuch" nennen) auf täglich 500, eine Ziffer, die vermutlich zu hoch gegriffen ist, besonders wenn man erwägt, daß die durchschnittliche Erfolglosigkeit dieses Schrittes allgemein bekannt ist. Aber wenn ihre wahre Zahl auch nur den vierten Teil betrüge, so würde auch dies die Prüfung durch den Kaiser selber unmöglich machen. In der Tat besteht denn auch eine sogenannte Bittschristen-Kommission, die mit der Sichtung und Begutachtung betraut ist und dem Kaiser die zu erwägenden Bittschriften vorlegt, bezw. chm Vorschläge macht — dies ist der Kanal, von dem die Rede isst
In anderen Ländern, wo die Ehe auch unlösbar ist, z. B. in einigen Ländern, wo die römisch-katholische Konfession Staatsreligion ist, würde dieser Schritt durch einen Religionswechsel zu erreichen. sein: auch das ist in Rußland unmöglich; denn ein Bekenner der griechisch- kacholischen Religion darf seine Kirche nicht mit einer anderen vertauschen; darauf steht Sibirien; es wäre denn, daß die Betreffenden die Erlaubnis erhielten, aus dem russischen Untertanenverbande auszutreten. Aber auch das ist mit vielen Weitläufigkeiten, jedenfalls mit! Geld kosten verknüpft und also auch — um mit Shakespeare zu reden — „Kaviar fürs Volk". Da ist es viel einfacher, die Ehepaare kaufen auseinander; die Frau findet einen „Freund", der Mann eine Geliebte. Auch diese Verbindungen, die nicht auf sittlicher Grundlage beruhen, lösen sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder, um neuen Platz zu machen, und so fort mit Grazie ins Uneirdliche. Das ist seit Jahrhunderten so gewesen, und ist heute poch so.
Was aber neu ist, d'äs sind die vielen wilden Ehen zwischen Studenten und Grisetten; ganz wie in Paris, nur ins ganz Grvbe übersetzt; nur daß in den großen russischen Städten sich die Armut zur Armut findch und das damit erzeugte Elend, das sich hoffnungslos der hohläugigen Verzweiflung gegenüber findet, die Brutstätte nihilistischer Existenzen wird.
Die Kap-Kairo-Eisentmhn.
Der Bau der vielbesprochenen, besonders von Cecil Rhodes seiner Zeit befürworteten Bahn vom Kap nach Kairo ist nunmehr bis zu einer Entfernung von 167, Meilen nördlich von Buluwayo vorgeschritten. Bis zu diesem Punkte ist die Bahn auch dem öffentlichen Verkehr bereits durch einen Frachtzug, der vor wenigen Tagen abging, übergeben worden. Das Unternehmen,
suchen. Er behauptet auch, durch bloße Suggestton andere Leute von körperlichen Schmerzen befreien zu können. Dagegen würde die. Polizei gewiß nichts ein- zuwenden haben.
In diesem Lande des Sports — und der seltsamsten Abarten desselben — plant auch die . B ö r s e der Hauptstadt eine neue Sportleistung. An der Stock Exchange gcht es keineswegs so würdig und gemessen zu, wie an derartigen Instituten des Festlandes. Lustige Scherze, ja, und derbe Späße sind an der Londoner Börse an der Tagesordnung. Da hat man nun beschlossen, am 1. Mai einen Dauermarsch von London nach Brighton a n z n t r e t e n, zu dem nur Mitglieder der Börse zugelasscn werden,' und von ihnen haben sich bereits über hundert dazu angemeldet. Die Entfernung beträgt etwa 80 Kilometer, und einer der Herren hat sich bereits anheischig gemacht, die ganze Strecke in neun und einer halben Stunde zurückzulegen, was also durchweg mehr als 8 Kilometer die Stunde bedeuten würde, und es sind natürlich längst gar erhebliche Wetten für und wider ihn — und andere! — eingegangen. Schon heißt es, daß auch die Pariser Börsenmänner einen ähnlichen Marsch in Aussicht genommen. Wird da das Beispiel nicht am Ende auch weiter — ich meine Ihnen näher, ansteckend wirken!
Die seit Jahren jeden Sommer in Earls Court ins Werk gesetzte A u s st e l l u n g wird dieses Jahr dem internationalen Feuerwehr-Wesen gewidmet sein und verspricht eine besonders interessante zu werden. Zusammen mit der Ansstellnng aller möglichen in das Fach schlagenden Apparate und der Vorführung ihrer Leistungsfähigkeit bei künstlich veranstalteten Feuersbrünsten wird auch ein iutcrnatioualer Kongreß von Feuerwehrmännern abgehalten werden,' und es ist erfreulich, daß gerade Deutschland nach jeder Richtung hin besonders stark vertreten sein wird.
Auf diesem Gebiete mögen ja auch die Engländer Rühmenswertes leisten, aber wie empfindlich zeigen sie sich da in Bezug auf ein Unternehmen, das für nächsten Herbü geplant worden, ein National Festival o f British Musi c. Einer der leitenden Veranstalter desselben beklagt sich in einer Zuschrift an die Presse allen Ernstes darüber, daß die Sympathie der in diesem Lande ansässigen Ausländer für das Unternehmen
