M. Jahrgang.
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|td< 100« Verlags-Fernsprecher No. 2958.
Abend-Ausgabe.
De Keifen der fmAjW» JJrfittDtattn.
Unser Pariser Korrespondent schreibt: Die Fahrt Emile Loubets nach Algerien gibt uns den Anlaß, einen Rückblick auf die Reisen der bisherigen sieben Präsidenten der Republik zu werfen. Während es heute ganz natürlich erscheint, daß das französische Staatsoberhaupt der Reihe nach die großen Städte und die Departements besucht, das mittelländische Meer durchquert und selbst die Grenzen überschreitet, um dem fernen Alliierten seine Aufwartung zu machen, lagen die Dinge nach dem großen Krieg wesentlich anders. So oft Thiers den Wunsch äußerte, Frankreich zu bereisen, uin sich mit eigenen Augen von dm Wunden des darniederliegenden Landes zu überzeugen, so oft stieß er auf den unbeugsamen Widerstand der Nationalversammlung, derm Mehrheit einen unerwünschten Zuwachs seiner Popularität befürchtete. Versailles wurde dem ersten Präsidenten als obligatorische Residenz angewiesen und als das Parlament ihm später seltene Empfänge im Pariser Elysäe erlaubte, machte es zur Bedingung — wie das „Petit Journal" ins Gedächtnis zurückruft — daß' Thiers noch an demselben Wend in die Stadt Ludwigs XIV. zurückkehren müßte.
Nachdem die Royalisten der Nationaloersammlung den reiselustigen Thiers in Versailles wie in einem Kloster eingesperrt hatten, suchten sie Mae Mahon, der für Reisen nicht die mindeste Neigung hatte, zu Rundreisen in: Lande zu bestimmen, um dadurch das gänzlich mangelnde Prestige der Regierung wieder herzustellen. Aber der brave Märschall hatte mit seinen Reisen wenig Glück. Ohne die geringste Rednergabe und von Natur etwas schüchtern, fand er im Verkehr mit dm Civilbe- hörden und der Bevölkerung nie den rechten, Ton. Einige Worte von ihm sind historisch geworden, so das bekannte „Hue ck'eau! que d’ea.u!" in welche tiefsinnige Phrase er seine Gedanken beim Anblick einer iiber- schweminten Landschaft zusammenfaßte. Noch andere klassische Aussprüche werden ihnr in die Schuhe geschoben — zu Ehren des Marschalls, des tapferen Besiegten, nehmen wir an, daß seine Feinde die geistigen Väter der Definition des Typhus: „Er tötet oder macht dumm; ich habe ihn gehabt", oder der Ermahnung waren, die der Marschall bei einer Truppenschau an einen Soldaten, welcher auf die Frage nach seiner Heimat geantwortet hatte: „cks suis un nögre", mit dem noch jetzt vielzitierten Worte richtete: „Continuez!" (Fahren Sie so fort.)
Mac Mahons Nachfolger, Jules Grävy. haßte die Reisen aus dem einfachen und praktischen Grunde, weil sie Geld kosten, und beschränkte seine Promenaden auf
Freilag» de« 24. April.
den Garten des Elysäe, wo er seine Lieblingsente Bäbä fütterte, im Hühnerhof die frisch gelegten Eier in einem Körbchen sammelte und im Bewußtsein erfüllter Pflicht in den Palast trug. Nur inr Sommer verließ er den letzteren, um auf seinem Landgute Mont-sous-Vaudrey irr blauer Bluse der Jagd obzuliegen, gelegentlich am Tische eines Jagdwächters einen Eierkuchen mit Speck zu essen und dessen Kindern die Fabeln La Fontaines zu erzählen.
Inr Gegensatz zu ihm setzte Sadi Carnot seine Ehre darein, alles Geld, das er vom Staate erhielt, bis zuin letzten Centime für Repräsentationspflichtei: auszugeben. Er hatte eine ausgesprochene Vorliebe für Reisen, wußte sich als Ingenieur vortrefflich mit dm Arbeitern, als Grundeigentümer ausgezeichnet mit den Landleuten und als Mensch von müdem, gütigem Charakter nicht minder glücklich mit den weißgekleideten Mädchen zu unterhalten, die ihnr Blrrnren cntgegenstreckten. Als die Polizei ihn auf seinen Reisen mit einem sicheren Schutze umgeben wollte, wehrte er mit den Worten ab: „Ich habe kcirrm Feind" uird mußte seine Vertrauensseligkeit mit einem entsetzlichen, qualvollen Tode büßen.
Casimir Pürier hatte nicht viel Zeit für Reisen übrig, da seine Präsidentschaft nur ein halbes Jahr währte.
Sein Nachfolger, Fülix Faure, erhob das Reisen zu einem politischen System. Gleich nach seiner Wahl besuchte er die Normandie, die er eben noch im Parlamente vertreten hatte, rmd heimste überall der: bewundernden Ausruf ein: „Er ist der Alte geblieben!" Jedesmal, wenn er eine Fabrik besuchte, pflegte er zu den Arbeitern zu sagen: „Ihr wißt, ehemals war ich einer von euch!" Er verstand es, sich populär zu machen, ohne sich ein Tüpfelchen von feiner Würde zu vergeben. Der Glanzpunkt seiner Präsidentschaft war die Reise nach Rußland, von der er nicht nur reiche politische Ausbeute, sondern auch einen ausgeprägten Geschmack für pomphaftes per- sönliches Auftreten mit heimbrachte. Einen Augenblick dachte er sogar daran (wie übrigens einstmals schon der alte und mit einer weniger imponierenden Gestalt versehene Thiers), bei Truppenrevuen, Empfängen von Souveränen :c. den schmucklosen Frack durch eine Uniform zu ersetzen.
Der jetzige Präsident, Emile Loubet, dürfte der populärste sein, den Frankreich bis jetzt gehabt hat, obwohl ihm am Anfänge seiner „Regierung" der Hut eingetrieben wurde. Er setzt die von Faure inaugurierte Reisepölitik mit unleugbarem Geschick fort und weiß sich die Herzen überall inr Sturm zu erobern, auch die- jcnigen Herzen, denen die Mairieren Faures mitunter etwas parvenumäßig vorgekommen waren. Loubet zeigt auf seiner jetzigen Reise eine bemerkenswerte Unabhängigkeit vom Kabinett Combes. In Marseille lobte er die Ordensschwestern, in Orair verwünschte er die Proskription und die Sektierer, in Sidi-bel-Abbes kritisierte er die ministeriellen Eisenbahnrückkaufspläne. Natürlich
Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1003»
sind die Anhänger des „Blocks" über die freiheitlichen Äußerungen Loubets in helle Entrüstung geraten. Aber der Präsident der Republik muß doch, wenn er den Mund auftut, etwas Vernünftiges verlauten lassen. Es existiert kein Artikel der Verfassung, der ihn verpflichtet, nur Banalitäten oder Sottisen zu sagen.
Die Klage des Laten Mannest
Einen ergreifenden Artikel veröffentlicht ein intelligenter, gebildeter amerikanischer Indianer namens F. McD. Jacobs im „American" über die Behandlung seiner Rasse, die ihr Aussterben zur Folge hat. Er dringt darauf, daß dem Indianer die Gelegenheit geboten wird, amerikanischer Bürger zu werden, und eine gute Erziehung zu erhalten. „Des Weißen Habgier wird die indianische Rasse ganz vernichten, wenn nicht bald etwas geschieht. Wenigstens scheint alles anzuzeigen, daß die Aussichten unserer Indianer sehr gering sind, obgleich wir in vielen Hinsichten den Weißen gleichkommen. Eure Leistungen bei der Unterjochung der Indianer sind derart, daß der Weiße nicht stolz darauf sein kann. Die einzigen bestehenden Beziehungen des Weißen mit dem Indianer sind mit Verträgen und Handel oder Krieg und Unterjochung verknüpft. In erster Linie hat der Weiße unveränderlich die Rechte und Territorien der Indianer geschmälert. Man wird Dokumente gebrochener Versprechen in den verschiedenen Reservatgebieten finden, und in den hauptsächlichsten Städten der Vereinigten Staaten und Kanadas können viele Vermögen direkt auf den indianischen Handel zurückgeführt werden. Und noch immer wird der Indianer gewaltsam an Orte getrieben, an denen kein Weißer leben möchte. Wir Indianer im Rat haben fähige und charaktervolle Männer erzeugt, während wir im Kriege wie die Weißen Mut und Scharfsinn gezeigt haben. Erziehung, Wissen und Reichtum haben den Weißen befähigt, die Indianer zu überwältigen, und wir sind jetzt auf seine Gnade angewiesen. Was die Bürgerschaft anbetrifft, so will ich folgendes sagen: Die Regierung möge eine der Bevölkerung entsprechende Anzahl von Schulen (wenn nötig, obligatorische) errichten und die Kinder in ihrer Muttersprache sowie im Englischen unterrichten. Der Weiße mutz bedenken, daß unsere verschiedenen indianischen Dialekte (einige fünfzig) uns Indianern ebenso heilig sind, wie dem Weißen seine Sprache. Durch Begründung von Jn- dustrieen in den verschiedenen Reservatgebieten könntet Ihr sicher gute Bürger aus uns machen. Es scheint, als ob viel gefordert wird, aber das ist nur eine Kapitalsanlage, und am Ende wird der Nutzen größer sein. Der Indianer braucht nur einen Anfang, dann wird er für sich selbst sorgen. Einige sagen, die Erziehung für einen Indianer sei ein Mißgriff. Das ist nicht der Fall. Ich will hier z. B. auf meinen würdigen Bruder, Dr. Oronyatekha, feiner General Parker, der General Grants Stab angehörte, den Millionär Matthew Splitlog aus Kansas City u. a. m. Hinweisen. Diese Herren
Am sonnigen Strande.
Von Henryk Sienkiewicz,
Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner. (6. Fortsetzung.)
Und er blickte sie fast mit Herzlichkeit an. Im weißen ianellkleide mit Matrosenkragen und den strahlenden ngen erschien sie ihm, trotz der leichten Spuren von uder im Gesicht, so jung und reizend wie noch niemals, inen Augenblick lang tat es ihm leid, daß nicht er der lücklicho war, deii sie zil begrüßen kan: und er
stand es sich ein, daß die Methode, durch die er sich um e Gunst der schönen Witwe bemühte und die darin be- md, derselben nur Bosheiten ins Gesicht zu sagen, lehr lmm gewesen. Doch er tröstete sich mit dem Gedanken, ie er über de @uttert und andere spotten wolle, dte eben« lls „degradiert" waren.
Nach der Begrüßung dankte Swirskr für die Rosen, e sie ihn: gesandt, doch sie hörte ihm mit eurer gewissen erlegenheit zu, von Zeit zu Zeit auf Wiadrow^n ickend, als ob sie sich schämte, daß er Zeuge dieser Dank-
gungeii fei. , , , .
Er begriff daher, daß er am besten tun werde, seiner fege gehen. Doch fuhren sie noch zusammen mit dem ist in die Höhe, wo das Spielhaus samt den Garteii lag. nzwischen gelang es der jungenWitwe, ihre Ruhe wieder-
„Zum Frühstück! gleich zum Frühstück! rief sie froh- ch aus, „ich habe einem Appetit wie ein Wallfisch. ,
Wiadrowski brummte uiiter der Nase, daß er weniges Jonas sein möchte, aber ec sagte die» mcht laut, nur er dachte sich, daß. weiiir ihn Swirskr beim Kragen idcn und aus dem Lift werfen würde, wie er es für nen solchen Einfall verdiente, er sehr hoch fallen wurde
Inr Garten verabschiedete er sich bald von ihnen und -ng fort, doch als er sich iimwandte, bemerkte er daß rar: Korecka, sich fest auf den Arnr Sivirskis stritzend, -mselben etwas ins Ohr flüsterte.
„(sic verständigen sich über das Dessert nach dem Frühstück", dachte Wiadrowski.
Doch er irrte sich, deiin sie flüsterte, indem sie das reizm de Köpfchen dem Maler zuwandte:
„Weiß es Wiadrowski schon?"
„Nein", antwortete Swirski, „ich bür ihm erst auf dem Bahnhof begegnet."
Er empfand eine gewisse Unruhe bei dem Gedanken, daß Frail Korecka von der Verlobung wie von einer vollbrachten Tatsache spricht und daß es nötig sein wird, allen Bekannten Mitteilung davon zu machen, doch allmählich wirkte die Nähe und die Schönheit der Frau Korecka auf ihn ein, sodaß seine schlimme Laune verging und er neue Hoffliung zu schöpfen begann.
Das Frühstück fand zwar in Gesellschaft der beiden Knaben und Kresowiczs statt, welch letzterer nicht ein einziges Wort während desselben gesprochen hatte, doch bald nach dem schwarzen Kaffee erlaubte Frau Korecka den Kindern unter der Aufsicht des Lehrers in der Richtung gegeii Rocca-Brune zu gehen, dann fragte sie beit Maler:
„Wollen Sie spazieren gehen oder lieber fahren?"
Er wäre am liebsten zu ihr nach Hause gegangen, uin dort wenii auch nur den „halben Weg zum Himmel" zurückzülegen — und wenigstens eine „halbe Seligkeit" zu empfinden — doch dachte er, daß, sobald sie es nicht wünsche, dies ein Beweis sei, wie ernst und edel sie ihr beiderseitiges Verhältnis nehme — und er sagte sich im Geiste, daß er ihr dafür Tank wissen sollte.
„Wenn Sie nicht müde siird, so möchte ich lieber einen Spaziergang mocheii", antwortete er.
„Gut! Ich bin nicht im geringsten müde. Doch wo- hin wollen wir gehen? Haben Sie vielleicht Lust, sich das Taubenschießen anzusehen?"
„Mit Vergnüge,:, nur daß wir dort nicht allein sein werden, da gewiß Sinten uiid der junge Kladzki nach dem Frühstück üben."
„Möglich, aber sie werden uns nicht stören. Wenn es sich um Tailben handelt, da werdeii sie taub und bliiid gegen alles, was um sie herum vorgeht ... übrigens mögen sie niich sehen mit nicinem großen Manne." ’
lind den Kopf herüberneigend, blickte sie ihm mit einem Lächeln in die Augen:
„Es sei denn, daß der große Mann sich dies nicht wünscht? . . ."
„Im Gegenteil, mögen sie uns sehen!" cntgegnete Swirski, indem er ihre Hand küßte.
„So lassen Sie uns denn hinuntergehen — ich sehe dem Taubenschießen überaus gerne zu."
„Gut."
lind nach einer Weile befanden sie sich auf der großen Treppe, die zur Schietzstätte führte.
„Wie sonnig ist es hier, wie gnt und wie glücklich bin ich", sagte Frau Korecka.
Worauf sie flüsternd fragte, obgleich es niemand hören konnte:
„Und Sie?"
„Meine Sonne ist bei mir!" erwiderte er, ihren Arm an sich pressend.
Dann stiegen sie die Treppe herab. Der Tag war in der Tat noch sonniger als sonst, die Luft golden nnd blau, das Meer sah in der Ferne granatfarben aus.
„Vorerst bleiben wir hier", sagte Frau Korecka. „Mau kann von hier aus die Käfige sehr gut überblicken."
llnd wirklich sahen sie zu ihren Füßen einen halb- kreisförmigen Rasen, der sich tief in das Meer einschnitt. In diesem Halbkreise waren die Käfige mit den Tauben bogenartig auf der Erde aufgestellt. Jeden Augenblick sprang einer derselben plötzlich auf, der aufgescheuchte Vogel brach in schnellen: Flug auS. worauf ein Schuß ertönte — und die getroffene Taube dann entweder auf den Rasen, oder auch in das Meer fiel, wo auf den Wogen Kähne sich schaukelten, in denen die auf die Beute harrenden Fischer saßen.
Manchmal kam cs jedoch vor, daß der Schuß fehl ging — dann flog die Taube gegen das Meer zu, und nachdem sie einen Kreis gemacht hatte, kehrte sie zurück, um in den Gesimsen des Spielhauses Zuflucht zu suchen.
„Von hier aus sehen wir die Schützen nicht und 1 können nicht wissen, wer loszielt", sagte die sehr aufge-
