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Wiesbadener Tagbtstt.

51. Jahrgang.

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U0. 18 j . B-rlags^-rnsprechrr No. 2958, DvNNerstag, btt! 23. April.

ReSaktionS-Fernsprecker No. SS.

1803 .

worgen-ftusgate.

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Tierschutz und PolKswirtschast.

?. Die Tierschutzvereine stehen seit etwa zwei Menschen- ilter :n der Gunst des Publikums. Die Gründung des ersten reicht bis ins Jahr 1824 zurück. ES war dies die noch heute bestehende englische Gesellschaft zur Verhütung der Tierquälerei. 1837 entstand der erste derartige Verein in Deutschland, und zwar in Stuttgart. Bald kamen noch andere hinzu. Eine Reihe ging wieder ein. 8iS auf dm hentigm Tag haben sich aber von den ältestm Vereinen diejenigen zu Dresden (1839), zu Berlin (1841) und zu Hamburg (1841) in immer steigender Entwicklung erhalten.

Das Gefühl, aus dem die Tierschutzvereine heraus­wuchsen. war das Mitleid. Me inannigfachen Qualm, velche Roheit, Faulheit, Unverstand und Leidenschaft der uns umgebenden Tierwelt bereiten, suchten die Vereine durch Verbreitung von Aufklärung und durch Ausübung bon Tierschutz-Polizei abzustellen. Neben der Bekämp­fung^ der . eigentlichen Mißhandlung betrat zuerst der Pariser Tierschutzverein Bahnen, welche darauf abzielten, ganz unmittelbar eine wohlüberlegte Tierbehandlung herbeizuführen. Das Sittlichkeitsprinzip, welches die Abwendung von Schmerz und Leiden aus ethischen Be­weggründen forderte und so veredelnd aus den einzelnen Menschen einzuwirken suchte, verschwisterte sich nun all­mählich mit dem Nützlichkeitsprinzip, welches betont, daß das gut gepflegte Tier uns durch größerm Nutzen reich­lich belohne. Der Pariser Verein war es, welcher 1860, also um die Zeit als das französische Bahnnetz in seinen Hanptzügen vollends war, auf die mangelhaste Art des Transportes des Schlachtviehes hinwies. ES fehlte dm Tieren an Raum, Luft, Futter, Wasser und jeglicher Wartung auf der Reise. Verschmachtet, aufgeschunden, dft verwundet und mitunter erstickt kämm die Rinder, Schafe, Schweine an ihrem Bestimmungsort an. Der da- dialige Eisenbahntransport fügte der Volkswirtschaft größeren Schaden zu als der Ausbruch von Smchm. Die

Petition des Vereins um Erlaß von tierschützenden Vor­schriften hatte Erfolg, da es nur wenige Eisenbahn- Direktionen galt unter einen Hut zu bringen. In Deutsch­land suchten die Vereine bis zur Verstaatlichung der preußischen Bahnen vergebens ihren Wünschen Gehör zu verschaffen, dann allerdings eignete sich die Regierung selbst die Forderungen dm Tierschutzvereine an und erließ dementsprechende Vorschriften. In neuester Zeit habm die Tierschutz-Bestrebungen auch ihr Augenmerk auf eine Verbesserung des Seetransports gerichtet, da die Ein­fuhr lebenden Vrehes von Übersee immer mehr an Be­deutung gewinn!.

Die Fürsorge für rationelle Schlachtung ist ja in mster Linie ethischen, nicht volkswirtschaftlichen Charaktms, doch ist es unbestritten, daß eine möglichste Abkürzung der Todesangst und des Todeskampfes das Fleisch des Tieres gegenüber dem des geängsteten und gequälten erhöht. Auch die alten Bemühungen der französischen Tierschutz­vereine, Roßschlächtereien einzuführen und das Vorurteil gegm das Pferdefleisch zu benehmen, haben national- ökonomische Bedeutung. Erstens vermehren sie das An­gebot von Fleisch, wirken also verbilligend auf dessen Preis, dann aber verbessern sie dm Pferdebestand, da Tiere, die sich zum Zug nicht mehr recht eignen, früher als bei uns, wo der Ekel vor Pferdefleisch noch besteht, ausgemerzt werden.

Eine vernunftgemäßere Behandlung der Zugtiere, die mehr verlangt als Unterlassung von Mißhandlung, ist besonders von dm deutschen und amerikanischen Tier­schutzvereinen ausgegangen. Über dm Wert oder Unwert des grausamen „Coupierms" der Pferde. welches dm Tieren einen Teil der Schwanzrübe und. den langhaarigen Schweif raubt, hat der Meißner Verein kürzlich eine inter­essante Umfrage veranstaltet, deren ErgÄnis eine ein- hellige Verurteilung dieser Mode ausspricht. Nicht nur, daß ziemlich viele junge Pfmde durch die schmerzhafte Operation zu Grunde gehen, sondern auch der Umstand, daß der Wert des conpierten Tieres auf die Dauer, be­sonders für seine späteren Jahre, vermindert wird, fällt volkswirtschaftlich ins Gewicht. Das junge Equipagen- Pferd bedarf bei seiner anfmerksamm Wartung nicht so sehr des insektenabwehrenden Schweifes als das alte Zug- und Droschkenpferd, das meist auf Selbsthilfe an­gewiesen ist und dessen Leistungsfähigkeit durch die In­sektenstiche wesentlich geschmälert werden kann. Auch die Bekäinpfung der Aufsatzzügel bei dm eleganten Wagen­pferden fällt m die Rubrik der Werterhaltung. Das stolzere Aussehen des Tieres wird mit einer vorschnellen Abnutzung desselben erkauft. Die Beschirmung der Pferde vor Sonnenbrand und grellem Licht durch dm Strph- oder Segeltuchhut haben die deutschm Vereine nach amerikanischem Vorbild in die Hand genommen. Bei dm Pferdebesitzern hat sofort diese Neuerung Gegenliebe ge­funden. Schnell wareir allein in Dresden 1200 Stuck abgesetzt. Eine Qual für die Pferde sind die Aus­

schachtungen an Baustellen und die Anfahrt von Bau- material auf den bodenlosen Wegen, die eigentlich noch keine Wege sind, sondern erst werden sollm. An solchen Plätzen werden jetzt auf Anregung der Tierschutzvereine mehrfach Vorspannpferde gegen billiges Entgelt gestellt (in Dresden z. B. bei fiskalischen Bauten unentgeltlich vom Fiskus) und, tvo tunlich, Bohlenwege arigelegt, dis ein Versinken der Räder im weichen Bodeil verhüten. In Leipzig haben z. B. die-Fuhrwerksbesitzer unter einander vereinbart, bei 30 Mark Konventionalstrafe nur solche Bauherren zu bedienen, die Bohlenbahnen legen. Jede Ersparnis an tierischer Kraft ist nicht nur eine Wohltat für die Tiere, sondern gleichzeitig ein Nutzen für dessen Eigentümer. In England habm regelrechte Versuche, welche Droschken- und Omuibusbesitzer auf Anregung des Vereins gegen Tierquälerei angestellt habm, ergeben, daß regelmäßige Ruhetage auch aus das Pferd erhaltend wirken. Ti« Feiertagsruhe erhöhte die intmsive Leistung der anderen Tage derart, daß der Gewinn des Besitzers um durchschnittlich 7 Prozent stieg. Regelmäßig aus­ruhende Pferde bleiben auch längere Jahre voll arbeits­kräftig als alltäglich angespannte.

Dm Ersatz der Zughunde durch Esel haben sich die Tierschutzvereins zur Aufgabe gestellt. Der Berliner hat bereits 1500 Grautiere, der Dresdener etwa 240 unter­gebracht. Mit der Zeit kann durch diese erhöhte Nach­frage nach Eseln der deutschm Tierzucht ein verloren ge­gangenes Gebiet wiedergewonnen werden. Vorderhand müssm die Vereine ihr Material meist aus dem Ausland (Irland und Ungarn) beziehen.

Hinsichtlich des Rindviehes, welches dem Landmann besonders als Zugtier dient, steten jetzt Bestrebungen hervor, die eine zweckmäßigere Anspannung einzuführen suchen. Statt der noch üblichen Sftrnjoche sollen besondere .Kummete, die dem Körper des Rindes angepaßt sind, all­mählich Verwendung finden. Durch die größere Be­wegungsfreiheit steigt die Leistungsfähigkeit und tritt Er- müdung erst später ein. Professor Falke in Leipzig, der Leiter der landwirtschaftlichen Station der Universität und gleichzeitig Vorsitzmder des Verbandes der sächsischen Tierschutzvereins ist, bemüht sich ganz besonders, dieser Steuerung Eingang zu schaffen. Landwirte, die sie der- suchen wollm, können sich an ihii wenden!

Ter Schutz unserer gefieberten Freunde, wie er von den Tierschutzvereinen seit Jahren durch Kömer-Aus- streuungm und Verabfolgung von Vogelfutter ans Publikum im Winter gepflegt wird, hat jetzt eine erfreu- liche Erweiterung erfahren. Freiherr von Berlepsch. Kassel hat für diese Winterfütterung eine Art Zapfen hergestellt, die aus allerhand Futter bestehen, das durch eine stark fleisch- und talghaltige Masse zusammen- gehalten wrrd. Diese Zapfen sollm an Waldrändern, in städtischen Anlagen undGärtm an die Bäume gehängt werden. Dann schlägt er vor, dm Christbaum nach dem Wechnachssest, mit Talg hier und da begossm, in die

FemUeLon.

feben und Treiben auf einer Zuckerrohr^ planlage in den Antillen.

In der letzten Nummer der „Deutschen Export- Revue" entwirft hierüber ein Verfasser, der an Ort und Stelle Studien gemacht har, in einem größeren Aufsatz kin sehr anschauliches und interessantes Bild, dem mir 'olgcndes entnehmen:

Obwohl der Rohrzucker hier und dort in sub­tropischem Klima — z. B. in Südrußland und in dem- ftnigen Teile Südspaniens, wo bereits die Glut der afrikanischen Sonne zur Geltung kommt — gedeiht, muß inan ihn ein echtes Kind der Tropensonne nennen.

Die junge Pflanze, entweder als Schößling einem alten Felde entnommen oder beim Schneiden durch die Krone des Rohres geliefert, wird „gesteckt".

Das Pflanzen geschieht in der nassen Jahreszeit nach Schluß der Ernte. Die nasse Jahreszeit der Antillen entspricht dem europäischen Sommer. Die Vorbereitung des Bodens für das Pflanzen geschieht durch Pflügen und Umgrabcn mit Gabeln. Die gebräuchliche Art des Ümpflügens ist noch immer die alte, patriarchalische: fünf Paar Ochsen in vorsündflutlichcr Schirrung. Der Pflug greift 50 Eentimeter durch. Tiefer streckt das Zuckerrohr seine Wurzel nicht. Ohne zum Dampfpslug iu greifen, haben Verbesserungen der Neuzeit zweifels- ahne Methoden erdacht, welche hier helfend eingreifen konnten. Freilich, das Bild ist alttestamentarisch schön. Die schweren, granweitzcn Höckerochsen, der ostindische Treiber, voran der Kultjunge,' ganz „Doräe", aber leider eben fünf Jahrhunderte zurück.

Auf dem frischgepflügtcn Felde stehen in Abständen aon 2 bis 8 Fuß (80 Centimctcr) die Pflänzlinge in Reih' und Glied, sorgfältig ausgerichtet. In Abständen von "wa 18 Metern befindet sich die „Regiments"furche zum Zwecke der Bewässerung nnd Entwässerung.

Es mag hier erwähnt sein, daß eine andere Methode, Kämlich Pflänzlinge aus Samen zu gewinnen, die größte

Aufmerksamkeit seitens der Botaniker und Pflanzer be­ansprucht. Man hofft dadurch der Entartung des Rohrs zu entgehen, welche bei obigem Verfahren nicht aus- bleibt. Auch soll durch zweckmäßige Behandlung eine starke und saftretche Pflanze gezüchtet werden, welche einen erhöhten Nutzwert des Rohres sichert. Erfolge sind ja nicht ausgeblieben, wenn auch einer allgemeinen Bepflanzung durch Saatschötzlinge noch deren kostspielige und schwierige Erzeugung hindernd im Wege steht.

In der Regenzeit entwickelt sich die junge Pflanze. Das Rohr bildet seine Blütterkrvne — die Form der Blätter ist unserer deutschen Schwertlilie ähnelnd —, reckt sich zum Licht empor und mit ihm das tropische Un­kraut, die Plage der Pflanzer. Alsbald beginnt das Reinigen in ähnlicher Weise wie in den Kartoffelfeldern.

Mit der Hacke auf der Schulter, in der Rechten das „Bnschmcsser", ln der Linken daS Proviantgeschirr, geht die Schar mit Tagesanbruch auf das Feld.

Das Kommando führt der Treiber (Driver). Seine Schar zählt wohl 60 bis 100 Köpfe. Männer, Weiber und Kinder. Er trägt meist schon einen Anschein euro­päischer Kleidung, wohl Hut und Beinkleid, auch Regen­schirm, auf den er besonders stolz ist.

Die Schar paradiert in Lumpen. Alle sind ostindische Kulis. Die „schlechten Zeiten" haben die Tagelohnarbeit im Feld jeder Farm durch Accordarbcit verdrängt. Ein Felüabschnitt von etwa 8 mal 40 bis 60 Meter bildet ein Abteil (taska), die Aeeordcinycit. Nach der Höhe und Dichtheit des Unkrauts wechselt die zu liefernde Quadrat- flächc, deren Lohn für solche „task" etwa 60 Pf. beträgt. Ein guter Arbeiter kann zwei „tasks" per Tag säubern d. h. 1,20 Mk. verdienen, während der Tagelohn ihm nur 1 Mk. sichert.

Die Reinrgungsarbert vollzieht sich zwei- bis drei« ivührcnd der Regenzeit und ist für die Pflanzungen e kostspielige Notwendigkeit. Manche Pflanzungen hat bis 5000 Hektar in Bepflanzung. Der Abschurf wird i Gründüngung auf Längshaufen geschichtet, so daß Zuckerrohrpflanzcn schließlich wie in Laufgräben sitzen Während der Trockenzeit, welche im Januar einse erfolgt die künstliche Bewässerung.

Dre verschreüenen Treiber eines Pflanzungsdistrikts kommandiert der Overseer, meist ein junger Europäer. Der rertet schon auf einem Maultier einher. Ein hartes Stuck Brot unter der glühenden Sonne, tagelang im Sattel zu sitzen, denn soweit das Zuckerrohr reicht, ver- ssteut kern Baum Schatten. Dazu nachts abwechselnd Wache in der Fabrik, kargen Verdienst und dabei den ewigen Whiskyüurst der Schottlünöer.

Das Ganze leitet der „Manager". Er trägt die ganze Verantwortlichkeit im morschen Schiff. Sparen soll er und immer sparen! Viel Arbeit liefern mit trägen Ar- K EN« Geld. Viel Fuhren mit abgearbeiteten -rrcren auf ausgefahrenen Wegen leisten

„ra ^uher war's ein fürstlich Leben, damals,

als die Zuckerrübe noch nicht wuchs und hundert Pfund Zucker ein Psund Sterling wert waren. Da fuhren wir vierspännig und plagten uns iiicht mit billiger Kuli- ? l ® e .ü' künstlichem Dünger, Bodenanalyse und Scheuer» betrieb. Das war eine köstliche Zeit! ’

Und der Besitzer? Der ist längst verloren nnd ver­gessen, seitdem die jchweren Zeiten kamen mit dem Rüben- zucker und die lustigen, goldenen Tage zu Rüste gingen. Ä"^"k!s wohl stemmte er sich gegen den Zusammenbrnch. Auf die Seite gelegt hatte man nichts, aber Geld konnte man ausnehmen, um die schlechte Zeit zu überdauern, bis dre Zuckerrübe tot gemacht war. Aber der Gläubiger kam doch noch eher und nahm die Pflanznng weg: billig zwar und doch noch zu teuer. Und ihn wieder drückten die Kvmpagnieen mit den neuen Maschinen und neuem Kapital heraus. Seitdem aber die Zuckerrübe nun schon e..i Menschenalter lang alles versüßt, ist auch der etzte Zuckerpflanzer, der eine Pflanzung sein eigen nannte, zu Grabe gegangen. Und wenn wirklich noch einer da ist, so steht er nur, weil die unsichtbare Kompagnie oder eine ivaghalstge Bank hinter ihm steht. Vae victis!

Doch zurück ins Feld. Weihnachten kommt! Das Zuckerrohrfeld ist bereits zum zweitenmal gesäubert Das Rohr erstarkt in der Blatt-Umhüllung, bildet bereits Knoten nnd färbt sich gelblich. Mit Löffeln in den Händen laufen flinke Kuliweiber nnd verteilen den Pflanzen künstlichen Dünger, welcher sofort von den Arbeitern eingcscharrt wird. Der Stalldünger ist schon vor de:»