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Mittwoch, 23. August 1915.
Abend-Ausgabe.
Nr. 394« ♦ 63. Jahrgang.
Oie Krönung des Abenteuers.
Don unserem früheren römischen T.-Mitarbester.
Seien wir gerecht: Italien wußte sich nicht anders mehr zu Helsen, es mutzte den Krieg der Türkei erklären. Inner- und autzerpolitische Gründe zwangen es dazu. Es blieb ihm keine andere Wahl mehr üdrrg, als seinen „nationalen" Krieg in die Bahnen des Drei- verbandskriegs hinüberzuleiten. Schon vor acht Wochen stand Italien vor der bangen Entscheidung, an den Dardanellen einzu greisen. Die Regierung war Hofsir, Herr Cadorna dagegen. Das Volk war auf das neue Abenteuer gefaßt. Da kehrte Herr Salandra vom Hauptquartier nrit der Kunde nach Rom zurück, daß die Heeresleitung keine. Zersplitterung der ,Kräfte wünscht. Die Kriegserklärung gegen die Türkei unterblieb, und den Negierungsorganen erwuchs die Aufgabe, das als weiß hinzustellen, was gestern schwarz war, und die Gründe für diesen Krieg in ebenso gewichtige Gründe gegen ihn umzuwandeln.
Selbstverständlich kann heute Herr Cadorna erst recht keine Kräfte abgeben, nachdem alle seine Anschläge gegen die eiserne Mauer des. Feindes fehl geschlagen sind. Wenn es mit richtigen Dingen zugehen würde, müßte die Regierung ihm noch schnell neue Truppen an die Front schicken, ehe die Österreicher Verstärkungen aus dem mehr und mehr entlasteren Heeresverbands im Osten erhält und ehe vor allen Dingen die Macht des Winters den italienischen Zielen in den Alpen ein energisches Halt zürnst. Aber in Italien geht es eben nicht mehr mit richtigen Dingen zu. Die Regierung ist doch nicht mehr Herr ihrer Entschließungen. Sie muß äußeren Notwendigkeiten nachgeben, sich die Wege von denen vorschreiben lassen, 'die aus Kosten der militärischen Kraft Italiens sich über Wasser zu .halten glauben. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe tritt Italien den Gang nach den: Osten an, wo der Schluß seines Kriegsabenteuers sich abspielen soll.
Seien wir unparteiisch: Wenn auch alle militärischen Gründe geigen die italienische Aktion im Orient sind, so sprechen doch eine Reihe nicht von der Hand zu weisender Gründe diplomatischer Natur zugunsten der Aktion. Der Dreiverband glaubt, die Balkanier nur noch dann an seinen Wagen spannen zu können, wenn .ihnen der Türke als Beute vor die Füße gelegt wird. Italien hat die Aufgabe, die Türkei zu besiegen, da- -init der Dreiverband die Teilung der Beute vornehmen kann. Italien kämpft also nicht mchr für seine eigenen, sondern für die Interessen des Dreiverbandes. Soweit wäre die Geschichte im klaren. Es fragt sich nur: kann Italien auch diesen neuen Kampf ousnehmen und wie will es ihn ausnehmen? Wollte es vor der Schwere und der Ungeheuerlichkeit dieses Kampfes zurückzucken, dann gibt England Italien weder Geld noch Kahlen noch Eisen. Das eine braucht es so notwendig wie das andere, zum Leben und zum Krieg- -führen. Ist -das also von England vergewaltigte Italien überhaupt noch kampffähig in dem Sinne, daß es eine Entscheidung im Osten herbefführen kann, nachdem cs an seinen eigenen Grenzen längst an mehr als einem Teile vom Angriff sich in die Defensive zurückgeworfen sah? Hüben wir Ursache, der Weiterentwickelung der Dinge im Mittelmeer durch die italienische Intervention mit Bangigkeit entgegenzuschen?
Als der Verfasser dieses vor nunmehr drei Wochen sich an zwei italienische Parlamentarier von. Ruf mit der Frage wandte: Wird Italien über kurz oder lang gegen die Türkei losschlagen, wurde ihm von der einen Seite geantwortet: „Nein! ich halte das für ausge
schlossen, weil zu allererst die Österreicher besiegt werden müßten." Und der zweite Gewährsmann meinte: „Die Gründe, die für Italien schon Mitte Juni maßgxbend waren, der Türkei nicht den Krieg zu erklären und seine Schiffe nicht an die Dardanellen zu schicken, werden von Tag zu Tag gewichffger. Es wäre ein Verhängnis für unser Land, wollte die Regierung sich verleiten lassen, die Kräfte des Heeres und der Ma r i n e zu zerreißen." Je mchr Truppen Italien von seiner Hauptstellung loslöst, um sie gegen die Türkei zu schicken,' um so mehr erleichtert es den Österreichern ihre Ausgabe in der Stunde, die diesen neue Verstärkungen von dem russffchen Kriegsschauplatz bringen muß." Und haben nicht auch die Regierungsorgane Italiens, wie namentlich der „Corriere della Sera", immer* wieder hervorgchoben, daß bei der Schonung der Kriegsschiffe das englische Beispiel noch mit weit mchr Recht nachgeahmt werden müsse, da die Situation für die italienische Flotte im Mittelmeer weit gefahrvoller wäre, zumal sie in bezug aus Zahl und Größe hinter der englischen weit zurückstche!
Darum wird Wohl auch in Italien kein Mensch sich finden wollen, der behaupten kann, daß die dortige Re
gierung logisch, nach den Gesetzen der Vernunft und den Interessen des Landes handelt. Geld, Kohle und Eisen kann Italien von England doch nur dann erhallen, wenn seiner Aktion auch der Erfolg beschieden ist. Zn einem erfolgversprechenden Auftreten vor Den Dardanellen und vor dem Balkan aber gehören viele, viele Soldaten und kostbare Schiffe. Die Verluste an Soldaten und an Schiffen sind aber schon während des ersten Kriegsvierteljahres außer jedem Verhältnis gewesen. Die italienischen Blätter betonen, sie hätten dies Ereignis vorausgeichen, da es die naturgemäße Folge des Vorgehens der Regierung sei. Kerns aber sagt, daß das Volk die Kunde von der neuen Mion mit Begeisterung ausgenommen habe. Wo sollte sie auch Herkommen? Es ist genau ein Vierteljahr seit der Kriegserklärung gegen Österreich und nahezu vier Jahre seit Beginn des italienisch-türkischen Krieges her. An Libyen denkt das italienische Volk mit Entsetzen, rlnd wenn es auf die -Ergebnisse des ersten Kriegsviertel- jachres in denr gegenwärtigen Ringen im Norden zu- rückolickt, wird es schwerlich Anlaß zu Freudensprüngen haben.
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Salandras Reifs zum RSnige.
W- T--B- Paris, 25. Aug. (Nichtamtlich.) „Petit Journal" meldet aus Rom: Ministerpräsident Salandra hat seine Abreise nach der Front auf morgen verschoben. Er wird dort mit dem König Fragen der internationalen Politik und die Fragen, die sich aus der Kriegserklärung an die Türkei ergeben, besprechen und dann mit Cadorna zusammenkommen.
Eine italienische Offensive gegen das vrautal?
Die Erfolglosigkeit des Angriffsplans gegen Görz.
Wien, 25. Aug. (Zeus. Bln.) Die „Wiener Reichspost" meldet aus Lugano: In italienischen Gcneralstabskreifcn erklärt man, die italienische Heeresleitung habe den Plan einer Durchbrechung der Görzer Stellungen durch einen Frontalangriff aufgcgeben. Dagegen wurde der Plan einer Offensive gegen das D r a n t a l gefaßt.
Das Drautal, ein ausgedehntes Längental der Ostalpen, entsteht durch den gleichnamigen Fluß, der am Toblacherfeld im P u st e r t a l in Tirol entspringt, sich durch die Enge der Lienzer Klause in die Talweitupg von Lienz ergießt. Durch die Jsel verstärkt, tritt die Drau bei Oberdrauburg aus Tiro! nach Kärnten über, wo die Dolomitketten der Karnischen Alpen das rechte Ufer bilden. Bei Unterdrauburg geht das Tal dann durch Steiermark über. Für etwaige Kämpfe dürsten vor allem diese Teile des Tales in Betracht kommen.
Die Ortler Hochjochhütte niedcrgebrannt.
W. T.-B. Berlin, 25. Aug. (Nichtamtlich.) Die Sektion Berlin des deutschen und österreichischen Alpenvereins hat einen schweren Verlust erlitten. Am 3. Juli wurde ihre Ortler Hochjochhütte von den Italienern a n gezündet und verbrannt. Es stehen nur noch die nackten Mauern.
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
Die Schlacht am vobr.
Das Kriegsmaterial wird aus Brcst-Litowsk weggeschafft.
Nr. Kopenhagen, 25. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Rntzkij Invalid" bestätigt die Pariser Meldungen von einer gewaltigen Schlacht am Bobr. Der Petersburger Korrespondent des „Daily Ehronicle" telegraphiert, daß aus Brcst-Litowsk das Kriegsmaterial bereits nach rückwärts abtransportiert werde.
Der Rückzug der russischen Armee bei Brest-Litowsk.
Nr. London, 25. Aug. (Eig. Drahtbericht. Jens. Mn.) „Morning Post" meldet anS Petersburg: Nach den letzten Meldungen fetzte lich der Rückzug der ruffiscken Armeen bei Brest-LitowSk i» östlicher Richtung fort. Ter Rückzug ist wegen der vielen Sümpfe außerordentlich schwierig und stellt an das Widcrsieiidsverniögen und die Maral der russischen Truppe» außerordentliche Anforderungen. Es steht jedoch nicht fest, ob der Rückzug genau in östlicher oder nordöstlicher Richtung erfolgt, weil hierüber strengstes Stillschweigen bewahrt wild. ES folgert jedoch hieraus, daß die russischen Truppen, bezw. ein Teil derselben hinter der Bcresina Stellung nehme n werden und man rechnet damit, daß sch B r e st - L >«« w s t noch einige Ta ge halten werde. Dieser kurze Zeitraum, glaubt man, werde genügen, dir russischen Heere vor einer Umzingelung von Norden und Süden durch Mackensen und Hindenburg zu bewahren.
Zur Räumung Rigas.
Ein gleichzeitiges Eindringen der Deutschen von der Ser- und Landseite?
Br. London, 25. Aug. (Eig. Drahtbericht. Jons Bln.) „Daily News" melden aus Petersburg: Die Anzahl der noch in Riga verbliebenen Zivilbewohner dürfte sich ans höchstens 30 000 belaufen. Es sind dies nur Bewohner des rechten UfcrS der Düna. Die linkS der Düna liegenden Stadtteil.- und alle Vorstädte send voll i>- verödet. Man erwartet ein gleichzeitiges Eindringen ton der See- und von der Lans-
seite. Vom Meere anS ist in der letzten Zeit häufig schwerer Kanonendonner hörbar gewesen. Täglich überfliegen von Tukkum aus Zeppelinschiffc und Flug3cure die Stadt. Die Flieger werfen jedoch keine Bomben, sondern unternehme» nur AufklLrungkfabrten. Sie fliegen so hoch, daß sie sich außerhalb deS Feuerbereichs der russischen Ballon- abtvehrkanoncn besenden. Der Feind hat an verschiedenen Stellen die Misse überschritten.
Die Wahrheit über die „Seeschlacht" bei Riga.
W- T-B. Berlin, 25. Aug. (Nichtamtlich.) Aus zuverlässiger Quelle erfahren wir: In den letzten Tagen werden von russischer und englischer Seite über die Vorgänge ini Rigaischen Meerbusen vom 16. bis 21. August, die mit der Vertreibung der russischen Strei-tkräfte ihren Abschluß fanden, wahrheitswidrige Nachrichten veröffentlicht. Es ist von. einer großen Schlacht die Rede, und es wird behauptet, die Russen hätten einen großen, glänzenden Seesieg erfochten und die Deutschen vertrieben, nachdem sie ihnen schwere Verluste beigebracht hätten. Ohne auf alle Einzelheiten der russischen Lügen einzugehen, sei . folgendes ausdrücklich nochmals festgestellt: 1. Die in dem Rigaischen Dreerbusen vorgedrungenen deutschen Streitkräfte fanden dort nur leichte russische Kräfte vor, die teils vernichtet, teils vertrieben wurden. Von einer großen Seeschlacht kann somit gar keine Rede sein. 2. Deutsche Verluste sind außer den in l>en amtlichen Berichten veröffentlichten nicht eingetreten. Kein größeres Schiff, kein Kreuzer ist gesurlken oder ernstlich beschädigt. Alle russischen Meldungen, die anderes berichten, sind erfunden. 3. Von dem Abschlagen eines LandungsversucheZ bei P e r n a u kann nicht die R-de sein; ein solcher ist entweder begonnen worden, noch war er beabsichtigt. Die Torpedobootsflottille, die hier erschien, hatte den Zweck, die Sperrung des Hafens zu decken. Hierbei entwickelte sich ein Geschützkampf met den Hafen- und Feldbatterien, bei dem eine Hafenbatterie zum Schweigen gebracht, die Feldbatterien mit gutem Erfolg beschossen wurden. Ein russischer Dampfer und sechs russische Segelschiffe wurden außerdem aufgebracht und versenkt. 4. Die von den Russen angeblich erbeuteten Schisse sind Dampfer, die von uns zur Sperrung von Fahrstraßen versenkt wurden.
Die voreilige Siegesfeier in Paris.
W. T.- B. Parts, 25. Aug. (Nichtamtlich. Drahtberichk.)' Gestützt aus die russischen Generalstabsberichte und englischen Blättcrmeldungan, wonach die Seekämpfe in der Buchst von Riga mit dem Rückzug der deutschen Flotte geerdet haben, welche ein großes Kainpfschiff, zwei Kwuzer und mindestens acht Torpedoboote verloren haben soll, feiert die französische Presse einen großen Sieg der russischen Marine. Diese Niederlage sei schlimmer als die bei den Falklands- Jnseln und werde von großem Einfluß aus die weitere Kriegsführung in Rußland sein.
Der Uaiser zum Fall von Nowogeorgijewsll:
Ein Telegramm an den Kronprinzen.
W. T.-B. Saarbrücken, 25. Autz. (Nichtamtlich.) Aus Anlaß der Eroberung von Nowogeorgizewsk hat der Kaiser an den Kronprinzen folgendes Telegramm' gerichtet:
„Dank dem gnädigen Beistand Gottes und der bewährten Führung des Eroberers von Antwerpen, Generals von B e s e l e r, sowie der heldenhaften Tapferkeit unserer Truppen und der vortrefflichen deutschen und österreichischen BelagcrwugSartillerie, ist dee stärkste und modernste russisch: Festung NowogeorgijewSk unser. Tief ergriffen habe ich eben meinen braven Truppen meinen Dank ausgesprochen. Sie waren in prachtvoller Stimmung; Eiserne Kreuze auZ- geteilt; alles Landwehr und Landsturm. Es ist eine der schönsten Waffentaten der Armee. Di? Zitadelle brannte. Lange Kolonnen Gefangener begegneten mir auf Hin- und Rückfahrt. Dörfer meist von Russen aus Rückzug total zerstört. ES war ein erhabener Tag, für den ich in Deniut Gott danke. — Die Beute in Kownv ist auf 600 Geschütze gestiegen."
Bestrafung der „SündenbScke" von Warschau.
Nr. Bukarest, 25. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nach einem Petersburger Telegramm wurde der Beschluß der Duma, die an der Räumung von Warschau Schuldigen zu bestrafen, streng durchgeführt. Das Kricgsministerium hat mehrere hochstehende Beamte zur Verbannung nach S e b i r x e n verurteilt.
Eine falsche Mitteilung des vumapräsidenten.
Nr. Kopenhagen, 25. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Noch englischen Meldungen aus Petersburg teilte der Duma- präsident Rodzjanko der Duma mit, die Deutschen hätten in der Schlacht in der Rigaer Bucht den Panzerkreuzer „M o l t k e", drer Kreuzer und sieben Torpedoboote verloren. iBergl. den amtlichen deutschen Bericht. Die Schriftl.)
Oie russischen Industriellen gegen das Urregs- ministerium.
Rotterdam, 24. Aug. lZens. Bln.) , Risuwe Rotterd. Cousmt" meldet noch einige Einzelheiten über den kürzlich, in Petersburg abgchaltenen Kongreß der in-.
