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Berlage zum Wiesbadener Tagblatt.

. 187. Morgen-Ausgabe.

^ Sprich nie etwas Böses von einem Menschen, wenn Du A « es nicht gewiß weißt; und wenn Du c» gewiß weißt, so frage ? - Dich: Warum erzähle ich es? Lavarer. ^

(4. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Men wuchte sinnend in gleichmäßigem Tempo das Ruder ein und blickte über die weite blaue, heute von keinem Wellchen gekräuselte Seefläche, die in den: heiteren Sennenglanze wie ein Spiegel dalag. Grün schimmern­der Wald umgab sie ringsum, ein paar weiße Möven durchschossen über ihr blitzartig die Luft und tauchten flüchtig mit den silberglänzenden Mügeln in die stille Flut.

Adine war immer riicksichtslos aufrichtig. Ellen be­schäftigte sich nicht viel mit eitlen Gedankeir, ihr Geschmack war auch noch wenig gebildet, sie hatte noch keinen rechten Maßstab für hübsch und häßlich. Mer daß sie nicht schön sei, wußte sie natürlich.

Ihr Blick streifte unwillkürlich die Freundin. Ja, die war schön, heute besonders in dem Hellen, blauenKachemir- kleide und dem lose umgeschlungenen weißen Shawl. Der runde Strohhut mit dem schlichten blauen Bande kleidete sie entzückend.

Einen Moment schwellte ein unbekanntes, sehnsüchtiges Gefühl ihre Brust — wenn sie auch so schön wäre! — aber, was würde es ihr groß nutzen. Auf dem Wege, der vor ihr lag. brauchte sie gar keine Schönheit.

„Ich verheirate mich natürlich nie", sagte sie nach einer Pause fest, als Abschluß ihrer Gedankensprünge.

Mine hatte über anders nachgesonnen und ihre vor- hergegangene Rede vergessen. Sie blickte verwundert auf.

„Ach, das sagen wir Mädchen ja wohl, ehe ein Antrag oder die Liebe gAommen ist, aber das ist ein Unsinn. So als Me Jungfer herumzulaufen, ist ein langweilig Ding. Man wird sich ja wohl schließlich einen aussuchen müssen."

„Du wohl, Adine, ich nicht", lachte Ellen. „Es ist mir auch schnuppe."

„Zuletzt erziehst du noch meine Kinder", rief Mine übermütig.

„Schwerlich", entgegnete Men, „bis dahin hoffe ich weiter zu sein."

Sie glitten jetzt geräuschlos am Ufer entlang, unter überhängenden Weiden, der Kahn trieb von selbst, die Ruder feierten. Mine legte plötzlich ihre Hand auf Ellens Arm und flüsterte ihr zu, sich still zu verhMen. Sie horchten beide — da hinter dem Gebüsch am Ufer erklangen Stimmen, männliche, — sie erkannten deutlich die Leopolds.

Die beiden Mädchen stemmten leise die Ruder ein und hielten das Boot ssill, sie lugten durch die erst matt grün schimmernden Zweige, die noch nicht dicht belaubt einigen Durchblick gestatteten.

Da lagen zwei Jünglinge im Grase, sie wandten

Donnerstag, den 23. April.

ihnen den Rücken und hatten von dem Boot augenschein­lich noch nichts gewahrt. Leopold hielt die Arme unter dem Kopf verschränkt, und schaute durch die Wipfel über sich an den blauen Himmel. Er deklamierte ein Gedicht, ein pathetisches Liebeslied. . _

Ellen unterdrückte ein Kichern, solch hohen Schwung kannte sie an dem Poldel rächt.

Ter andere, auch ein Abittrrient, schlug mit einer Weidengerte gegen den Baumstamm, an dem er lag.

„Famos, Kramer! Hast du das wirflich selbst gemacht?"

„Sicher — ich schreibe jetzt an einem Drama — das spukt mir im Kopf, du hast keinen Begriff davon — etwas Großes muß es werden."

„Was für einen Stoff hast du deirn?"

„Na, aus dem Mittelalter, zur Zeit der Minnesänger, und die Heldin, das stolze Burgfräulein —"

„Die schwarze lllanin nattirlich", schaltete der andere ein.

Adine packte Ellens Arni, ihre Augen blitzten spöttisch und triumphierend. Sie wußte genau, wer damit gerneint war. Ellen hielt den Atem an.

„Melleicht", sagte Leopold langsam, „sie wäre, das kannst du nicht leugnen, eine poettsche Figur, wie sie nicht besser zu finden ist."

„Na —- ob sie für dich bloß eine poettsche Figur ist, wollen wir lieber nicht weiter untersuchen", rief der Freund lachend.

Unsinn", erklärte Poldel unwirsch, „sie ist mir int übrigen völlig Wurscht."

Adine tauchte plötzlich mit lautem Schlag die Ruder ein, und ließ ein Lallten erschallen, das silberhell, nixen­gleich über das stille Wasser hallte.

Die Jünglinge fuhren empor und sprangen auf ihre Füße. Sie sahen sich ganz entsetzt um. und entdeckten erst, als sie ein paar Schritte durch dos Dickicht sich bahnten, die Ursache des Spuks.

Leopold Kramer erschrak heftig. „Donnerwetter! solch eine Hinterlisttgkeit. Ob sie wirklich alles gehört hat?"

„Daß sie dir „Wurscht" ist, Wohl jedenfalls", meinte der Konrad.

Sie zogen sich eilig wieder in das Gebüsch zurück, in der schwachen Hoffnung, doch vielleicht nicht erkannt zu sein, und von ihrem Versteck aus verfolgten sie den Kahn mit seinen beiden Insassinnen.

Die helle Gestalt in dem blauen Kleide, deren sirenen- haftes Lachen noch herübertönte, wiegte sich auf und ab nach dem Takt der Ruder, in der ihr gegenübersitzenden, kleineren, dunkeln erkannte Leopold die Schwester.

„9da, Ellen soll mir berichten", sagte er. Seine Ge­fühle klärten sich allmählich, die Sache war nicht so haar­sträubend. Schließlich — wenn sie sein schönes Gedicht gehört hatte, und die Bemerkungen dazu — es war nicht geeignet, ihn in ihren Augen herabzusetzen. Warum horchte sie.

Wenige Tage darauf nahm er Abschied, die sorglosen Schülerjahre waren vorüber, nutt ging es hinaus ins Leben, in die Freiheit, in die akademische Burschenherr­lichkeit, von der die Dichter gesungen.

31. Jahrgang. 1903.

Vorher kam für ihn noch eine feierliche Stunde in des Juslizrat Goldaus Junggesellenheim.

Es benahm einem immer den Atem, wenn man da über die Schwelle trat. Frau Holz, der Ceberus, di« Küchenmegäre — wie Leopold sie getauft hatte — welche des pedantischen alten Herrn Hauswesen Vorstand, guckte mit ihren roten tränenden Augen jedesmal aus ihrer Tür, wenn ein Besucher vorn in des Herrn Wohnräuiiw trat. Sie sorgte dafür, daß derselbe sich erst gründlich die Stiefel abkratzte.

Dann stand inan in einem feierlichen Raum, besten Wände mit Bücherregalen von oben bis unten bedeckt waren, dazwischen weiße Büsten, Galiläi, Newton, Leibnitz, Goethe, Herder — auch ein Moderner — Metzsche. Es roch hier immer nach Moder und Stamm Weiche Teppiche bedeckten die Dielen, alles ließ auf große Wohlhabenheit des Besitzers schließen.

Die nach hinten hinaus gelegene Schreiberstube, wo die gewöhnlichen Klienten warteten, war kahl genug, und daran stieß ein fast druikler Raum, in dem eine ewrgö Lampe brannte, die Arbeitsstub-e des Justizrats.

Leopold kannte jene Gelasse, brauchte sie aber nicht zu betreten, er schritt vom Flur aus gleich in dies^ Bibliothekzimmer, und rückte dann in das Allerhemgste des Hausherrn vor, wo nur die Nächsten Zutritt hatten.

Hier war äußerst behagliche Einrichtung, mit dunklem Plüsch bezogene Polstermöbel, schwere Vorhänge, _ ern großer, mit vieler! Schiebfächern versehener, mit Papieren und Briefschaften bedeckter Schreibtisch, schöne Ölgemälde, Kopieen alter Meister an den Wänden. , ,

Der Justizrat erhob sich beim Eintritt seines Mündels und Schützlings. Er stand ganz allein, ohne irgend nahe Verwandte in der Welt, eirr Bruder, dessen Porttat über dein Schreibtisch hing, war als junger Mensch gestorben, sein einziger Freund, Leopolds Vater, hatte auch nur knapv das vierzigste Jabr erreicht. Seitdem lebte der Justizrat ganz einsam, verkehrte nur mit seinen Klienten und verbrachte zuweilen eine Ilbendstunde in seinem Klub. Dieser bestand aus einigen ihm sympathischen Herren seiner Altersklasse, und führte im Publikum den Spottnamen „Das Wachsfigurenkabinett". Fama be- haupttte, daß die Mitglieder außer einer kurzen Be­grüßungsformel, nie ein Wort mit einander wechselten, sondern schweigsam, lesend und rauchend, allabendlich eine Stunde gemeinsam verbrächten.

Ob der Justtzrat je eine Herzensasfäre, irgend tvelche ttaurige Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht gehabt hatte, wußte niemand zu sagen. Auffallend war feilte Weiberschetl. Außer Frau Holz, der Küchenmegäre, die ihm nur selten zu Gesicht kam, sorgte sein Faktotum, Schneider, für seine Bedürfnisse — ein grauhaariger, mit beträchtlichem Phlegma ausgestaüeter Diener. Mit Schneider mußt- sich jeder stellen, der vom Justtzrat etwas wollte.

„Du kommst, Abschied zu nehrnen", sagte der alt« Herr mit einem ungewöhnlich wohlwollenden Klang in seiner Sttmme. „Freust dich natürlich auf das Hinaus­fliegen, und aus dem Frauenzimmergcplempel heraus.. Ist auch notwendig für einen Jungen, daß er früh vom Schürzenband der Mrrtter loskommt."

«Fortsetzung folgt.)

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