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**• Jahrgang.

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ft«. 188. «erlags-Fernl-re«» No. 296 ». Donnerstag» de« 23. April. Red-kti-u^Fernspr-ch.r No. 52 . 1903.

Abend-Ausgabe.

Jur fuge in Sachsen.

In Sachsen ist das herrschende System im Begriff, völliges Fiasko zu machen. Seit der Ersetzung des all­gemeinen gleichen Wahlrechts durch die Dreiklassenwahl hat die Regierung zwar einen gefügigen Landtag, aber, was seitdem aus dem Gebiete der Gesetzgebung und Finanzen geleistet wurde, das mußte in allen Kreisen des Landes bitter enttäuschen. Um nur einen Fall her­auszugreifen, drucken wir nachstehend eine dem „Bert. Tagebl." zugegangene Zuschrift aus Sachsen ab, die sich mit dem neuen Ständehause beschäftigt: „In welch un­verantwortlicher Weise in Sachsen mit dem Gelbe der Steuerzahler gewüstet wird, zeigt der Bau des neuen Ständehauscs, das eigentlich völlig überflüssig ist, da das bisherige Landhaus auch in diesem Jahrhundert trotz seiner mangelhaften Restaurationsverhältnisse seinem Zweck gedient hätte. Dieser gewaltige Neubau, der, nebenbei bemerkt, auf einem ganz ungeeigneten Platze steht und die eigenartige Schönheit der Brühlschen Terrasse und der katholischen Hofkirche stark beeinträch­tigen wird, erfordert nach dem Anschlag einen Kostenauf­wand von 3 783 962 Mk., hierzu kommt noch die enorme Summe für den Arealerwerb von 2186 916 Mk., wovon allein in die königliche Civilliste für Aufgabe des Nutzungsrechtes am ehemaligen Brühlschen Palais l 600 006 Mk. geflossen sind. Ferner sind noch veranschlagt für Nebenanlagen 246 412 Mk. und für Mobiliar-Aus­stattung 600 900 Mk., so daß sich die Gesamtkosten des neuen Ständehauses mindestens auf 6 717 290 Mk. stellen werden, denn mit den üblichen Überschreitungen des An­schlages dürfte sich die Bausumme bis 1906, wo dieser Riesenbau fertig sein soll, noch höher stellen. Ist es nicht ein Hohn auf die Verhältnisse, wenn sich der sächsische Landtag mit seinen meist bäuerlichen, konservativen Ab­geordneten, die für die traurigen Finanzverhältnisse des Landes und den seit vorigem Jahre eingeführten Zuschlag von 25 Prozent zur Einkommensteuer verantwortlich sind, mit der Erbauung eines ganz unnötigen neuen Ständc- hauscs belohnt, das die bescheidene Summe von sieben Millionen erfordert?" Zu diesen bedenklichen Verhält­nissen, die im Lande immer mißliebiger bemerkt wurden, gesellte sich dann noch die Eheirrung am sächsischen Hofe, deren Begleiterscheinungen das Volk tief verstimmten. Auch der Ausruf des Königs Georg hat, wie sich voraus- sehcn ließ, das Gegenteil der erhofften Wirkung gehabt. Dabei hatten dann die Minister und andere Würden, träger die schwerverständliche Hoffnung, dem König Georg bei seiner Rückkehr von Gardone am 3. Mai durch Zwangs-Ehrenjungfrauen Potemkinsche Dörfer der Volksgunst vorspiegeln zu können. Wie es in Wirklichkeit in Sachsen stehen muß, ersieht man aus einer Auslassung der sehr weit rechts stehenden „Dresd. Nachr.", in der es heißt: „Es hieße die Augen absichtlich vor offenkundigen

Am sonnigen Strande.

Von Henryk Sienkiewicz.

Aull dem Polnischen übersetzt von L. Berner.

<5. Fortsetzung.)

, Doch im Augenblick, als er fortzugehen die Absicht laste, wurde im Vorzimmer die Glocke gezogen und gleich darauf zeigten sich im Atelier zwei schottische Jacken, zwei "lande Mähnen und die beiden Vogelköpfe des Romulus "nd Nemus, hinter tvelchen Kresowicz einherschritt, der noch weit blässer und finsterer aussah, als sonst.

„Guten Mohgen! guten Mohgen!" riefen die Knaben, Ataman sendet Ihnen diese Rosen und bittet Sie zum

Frühstück."

Diese Worte sprechend und mit dem^strauß schöner -tosen schüttelnd, übergaben sie dieselben Swirski, worauf J' c irrt Atelier umherzulaufen und sich überall umzusehen begannen. Am meisten schienen sie die Skizzen, welche Uackte Leiber vorstellten, zu wundern und ihre Neugierde Sh wecken, denn sie blieben vor denselben stehen und netzen einander mit den Ellbogen an:

„Diens!"

„Regarde!"

Doch Swirski, den das ärgerte, blickte auf die Uhr und sagte:

„Wenn wir rechtzeitig zum Frühstück kommen wollen, Müssen wir gleich aufbrechen."

Er nahm seinen Hut und sie gingen hinaus. In der sjähe des Ateliers standen keine Wagen, weshalb sie zu Fuß gehen mußten. Unterwegs fragte Swirski, der wit Kresowicz ging: .

„Nun, was werden Sie mir von Ihren Schülern sagen?"

k, Kresowicz wendete ihm dos gehässige, höhnische Ge­loht zu und antwortet«:

„Von meinen Schülern? Nichts. Sie sind wohlauf

Tatsachen, auf die man bei jedem Schritt stößt, ver­schließen, wenn man in Abrede stellen wollte, daß in letz­ter Zeit in den breitesten Schichten der Dresdener Be­völkerung eine Mißstimmung Platz gegriffen hat, die zu ernsten Erwägungen Anlaß gibt. Ein solches Bekennt­nis öffentlich auszusprechen, erscheint, so sehr bedauerlich die Tatsache selbst ist, nachgerade als eine Pflicht. Für niemanden, der nur einigermaßen Fühlung mit allen Kreisen der Bevölkerung und sich eine unbefangene Be­urteilung der tatsächlichen Verhältnisse bewahrt hat, wird diese Behauptung der näheren Begründung bedürfen. Die Ursachen des iibcrhand genommenen Mißmutes sind gewiß in weitgehendem Maße auf die gedrückte Lage der allgemeinen Erwerbsverhältnisse, auf den schlimmen Zu­stand unserer Staatsfinanzen mit seiner dringend gebote­nen Sparsamkeit und seinen namhaften Stener- zuschlägen :c. znrückzuführen; die Gemütsstimmung weiterKreise ist in der Zeit aber besonders bedrückt worden durch die nachhaltigen Versuche offiziöser Kreise, ans die Empfindnngsäußerung der Dresdener Einwohnerschaft bestimmend einzuwirken. Es muß ausgesprochen werden, daß mit den gedachten Maßnahmen ein nichts weniger als glücklicher Weg betreten worden ist, selbst wenn man zunächst auf einen äußeren Erfolg Hinweisen kann. Diese Auffassung entspricht nicht etwa nur der Beurteilung derjenigen Leute, die in angeborener Abneigung gegen das, was andere begeistert, gewohnheitsmäßig alles bc- kriteln und herabziehen, sie reicht weit in die Kreise der Bevölkerung hinein, deren staatserhaltende, nationale und monarchische Gesinnung in jedem Falle über allen Zweifel erhaben ist. Es liegt hier ein Mißgriff vor, der als Gewissenszwang empfunden wird." — Es mutz wahr­lich schon weit gekommen sein, wenn das typische Blatt der sächsischen Philister seiner Harfe solche Töne entlockt. Aber schließlich krümmt sich auch der Wurm, wenn er immer wieder getreten wird. Hoffentlich beugt man in Sachsen vor, che es zu spät ist.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 22. April.

Das Haus erledigt bei ganz schwacher Besetzung zu­nächst einige Nechnungssachen. — Bei der Übersicht über Einnahmen und Ausgaben des ostafrikanischen Schutzge­bietes weist Abg. Dasbach (Zentr.j daraus hin, wie groß die Etats-llberschreitungen hier seien, und zwar hauptsächlich, weil man sich bei dem Voranschlag für die Usambara-Bahn so sehr verrechnet habe. Dadurch recht- fertige sich zur Genüge die Stellung, die er zu der Frage des Baues der Zentralbahn eingenommen habe. — Es folgt sodann die zweite Beratung der Vorlage, be­treffend Verbot der Herstellung von Zündwaren aus weißem oder gelbem Phosphor. — Beim 8 1 erklärt Abg. Schaettgen (Zentr.j, daß er trotz seines Interesses für soziale Reformen dieser Vorlage doch nicht seine Sympathie entgegenbringen könne. Die Vorlage mache viele Arbeiter brotlos und schädige den nationalen Wohl-

und sehen ganz nett in ihrem schottischen Anzuge aus. Man wird seine Freude an ihnen erleben — doch nicht ich."

„Weshalb?"

„Deshalb, weil ich morgen das Haus verlasse."

„Warum denn?" nieinte Swirski mit einiger Ver­wunderung, „ich wußte es nicht, niemand erwähnte etwas davon. Welch ein Verlust für die Schüler!"

„Für die gar keiner", antwortete Kresowicz

„Es sei denn aus dem Grunde,, weil sie noch nicht im stände sind, ihn zu begreifen."

„Sie werden nie im stände sein, ihn zu begreifen . . . weder heute noch jemals im Leben! Niemals!"

„Ich hoffe, daß Sic sich irren", entgegnete Swirski trocken, „doch in jedem Falle ist es mir nicht angenehm, dies hören zu müssen."

Ter Student dagegen sprach lveiter, wie zu sich selbst:

„Allerdings ein Verlust, aber bloß an Zeit. Tenn zu welchem Ende haben sie meiner nötig, oder ich ihrer? Es ist sogar besser, daß sie so sein werden, wie sie eben sind. Wer Roggen säen will, muß das Gras jäten, und dies geschieht um so leichter, je dürftiger dasselbe ist. Es wäre viel darüber zu reden, und dies ist ebenfalls nicht der Mühe wert, besonders nicht für mich. Die Bazillen werden mich so wie so auffressen."

„Eine Lungenkrankheit hat Ihnen nie gedroht. Frau Korecka informierte sich bei einem Arzte über Ihre Ge­sundheit, ehe sie Ihnen einen Platz in ihrem Hause an- bot — was Sie nicht wundern darf, weil eS ihr um die Kinder zu tun war. Doch der Arzt versicherte ihr, daß gar keine Gefahr vorhanden sei."

„Gewiß ist keine Gefahr vorhanden. Ich habe übrigens, ein unfehlbares Mittel gegen Bazillen entdeckt "

„Was für ein Mittel?"

„Es wird in den Zeitungen angezeigt werden. Solche Entdeckungen werden nicht unter den: Strohsack versteckt."

SwirSki warf einen Blick auf Kresowicz, als ob er sich überzeugen wollte, ob derselbe nicht in der Fieberhitze

stand. Wenn die Vorschriften von 1893 strikte ausgeführt würden, sei die Gefahr der Phosphor-Nekrose minimal. Redner erhebt dann noch Bedenken gegen die vom Reiche erworbene Schwieningsche Zündmasse. — Präsident Graf B a l l e st r e m teilt sodann mit, es sei ein Antrag Pichler eingegangen, unter Aussetzung der weiteren Beratung den Reichskanzler zu ersuchen, Erhebungen über eine Reihe von Punkten zu veranstalten, insbesondere eine Statistik aufzustellen über schwere und leichte Fälle von Phosphor-Nekrose. — Staatssekretär Posad o ros k y hätte dringend gewünscht, daß dieses Gesetz schon längst zu stände gekommen wäre. Bei seinen früheren Aus­führungen über die Schädlichkeit der Fabrikation mit weißem Phosphor habe er sich auf erste Autoritäten ge­stützt. Die meisten Staaten hätten bereits die Fabrikation und Einfuhr von Zttndwarcn mit weißem Phosphor ver­boten. Eine Explosionsgefahr sei bei der Schwieningschen Masse nicht vorhanden. Was ferner die Frage der Ent­schädigung anlauge, so sei doch niemand berechtigt, ein Gewerbe zu betreiben, welches so schwere Gesundheits- gefahren für andere mit sich bringe. Die Zustimmung der Regierung für dieses Gesetz sei niemals zu erwarten, wenn dasselbe mit einer Entschädigung verkuppelt werde. Es hieße das nichts anderes, als die ganze sozialpolitische Gesetzgebung lahm zu legen. Die Zünbivaren-Fabri- kation solle ja garnicht verboten werden, sondern es werde nur ein anderes Verfahren verlangt, zu welchem den Beteiligten das Patent zur Verfügung gestellt werde. Die Gefahren der Phosphor-Nekrose leugnen, hieße ge­radezu, die Sonne am Hellen Tage leugnen. — Abg. Pichler (Zentr.s bittet, nach Beendigung der Dis­kussion über seinen Antrag abstimmen zu lassen. — Abg. W u r m (Soz.j tritt lebhaft für die Vorlage ein. Die Gefährlichkeit des weißen Phosphors sc! längst nachge­wiesen. Er bitte dringend, den Antrag Pichler abzuleh­nen, der ans lveiter nichts als auf Berschleppnug hin- auslanfc. — Mciningischer. Staatsrat Schalter tritt dem vom Vorredner erhobenen Borwurf entgegen, als habe die meiningischc Regierung sich bei Kontrolle der Ausführung der Borftyrifren von 1884 und 1893 auf die­sem Gebiete Pflicht-Versäumnisse zu schulden kommen lassen. — Abg. Pichler (Zentr.s hält setuen Antrag für notwendig, da erst vollkommen Klarheit über alle Ver­hältnisse geschaffen werden müsse. Wo cs sich um das völlige Verbot einer Fabrikation handle, die viele Tausende von Arbeitern beschäftige, da sei es doch das wenigste, was man verlangen könne, daß erst die ein­gehendsten Erhebungen über die Erkrankungen an Phos­phor-Nekrose, sowie auch über das Entschädigungs-Er­fordernis stattfinden. — Geheimrat Sprenger vom Reichsgesundheitsamt verbreitet sich auf Grund der amt­lichen Untersuchungen über die Nekrose, und betont dabei besonders, daß viele Fälle garnicht zur Anmeldung kämen. — Abg. C r a m e r (Soz.) tritt für die Vorlage ein. — Abg. Pauli- Oberbarnim (Reichsp.j hält das Gesetz für einen Segen für die Arbeiter. — Abg. Oertel lkons.) ist gleichfalls mit der Vorlage einverstanden. — Staats­sekretär Posadowsky bemerkt, alle Gcwerbe-Auf-

spreche. Unterdessen waren sie bis zum Bahnhof ge­kommen, der bort Menschen wimmelte.

Gäste aus Nizza fuhren, wie immer des Morgens, nach Monte Carlo. Im Augenblick, als Swirski im Be­griffe war, eine Fahrkarte zu lösen, kam Wiadrowski auf ihn zu.

„Guten Morgen!" sagte er. „Nach Monte?"

„Ja. Haben Sie schon eine Fahrkarte?"

„Ich habe eine Monatskarte. Es wird heute ziem­lich unbequem im Waggon sein."

„So werden wir auf dem Trittbrest fahren."

„Das ist eine wahre Wallfahrt, nicht wahr? Und jeder führt das Sündengeld mit. Guten Morgen, Herr Kreso- uricä! Wie gefällt Ihnen das hiesige Leben? Machen Sie irgend eine Bemerkung vom Standpunkte Ihrer Partei."

Kresowicz fing an mit den Augen zu zwinkern, als ob er nicht begreifen könnte, was man von ihm wolle, worauf er erwiderte:

„Ich gehöre zur Partei der Schweigsamen."

„Ich weiß, ich weiß! . . . Eine tüchtige Partei: ent- weder schweigt sie, oder sie platzt heraus . . ."

Und er begann zu lachen.

Unterdessen ivurde zur Abfahrt geläutet und man mußte sich beeilen. Vom Perron herüber hörte man die Rufe: „en voiture! en voiture!" Nach einer Weile befanden sich Swirski, Kresowicz, Wiadrowski und die beiden Knaben im schmalen Durchgang des Waggons

„Bei meinem Zipperlein ist das eine angenehme Sache!" sagte Wiadrowski. „Sehen Sie nur, wie es hier zugeht! An einen Sitzplatz ist nicht einmal zu denken. Die reine Völkerwanderung!"

Und in der Tat waren nicht nur die Waggons, sondern auch die kleinen Zwischengänge mit Menschen der- schiedenster Nationalität überfüllt. ES fuhren Polen, Russen, Engländer, Franzosen, Deutsche und alle, um die Bank zu sprengen, welche jeden Tag diese Mengen zurückdrängte und sie brach, wie der Fels, welcher, über