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Jahrgang.

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~ ' erscheinenden Ausgabe, wie für die SInzeigen-Antnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Ah». 186. «erlags^ernsprecher 9U. 2958.

Mittwoch» den 22. April.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Biorgen-Ausgabe.

Arbeilerelend.

London, int April 1903.

Trotzdem in England das Volk im allgemeinen eine größere politische Reife besitzt als in anderen Staaten oder vielleicht gerade deshalb, hat der Sozialismus hier so bedeutende Fortschritte nicht gemacht, spielt er bei »eitern die Rolle nicht_ wie in Deutschland, Frankreich, Belgien und Italien. Don den Gegnern der Umsturz­parteien wird dies und wohl mit Recht eben dem Um­stande zugeschriebcn, daß auch die Arbeiter sich genügen­des Urteil erworben haben, um nicht Utopieen nachzu­jagen. Die Sozialdemokraten selbst aber behaupten, die Lage der unteren Klassen, wenigstens der großen Mehr­zahl derselben, die arbeiten, sei in England, welches in Wahrheit eine Republik mit einem nominellen königlichen Oberhaupt wäre, eine so unvergleichlich günstigere als in Deutschland z. V., daß dies den Wunsch, sie zu verbessern, nicht so übermächtig mache.

In Wirklichkeit ist der Verdienst eines Teiles der Arbeiter in England allerdings wohl ein größerer, aber andererseits auch das Elend derer, die nicht zu den Be- günsügten gehören, ob sie gleich Beschäftigung haben, ein weit schlimmeres. Die ungeheure Konkurrenz, die in London der Zustrom immer neuer Einwanderer herauf­beschwört, hat das sogenannte Sweating-System gezeitigt, durch welches Zwischenhändler vom Schweiße armer Ausgesogener leben, die, um uicht zu verhungern, zu jedem Preise Arbeit nehmen. Häufig genug schon ist gegen dasselbe geeifert worden, aber wie will man Leute ver­hindern, eine Arbeit zu übernehmen, die sie dann von anderen ausführen lassen?

Nach Ansicht der Weltverbesserer würde dies allerdings m einem Staate, in welchein die Mehrheit, also das Volk, regiert, nicht möglich sein. England befindet sich nun aber in Wirklichkeit doch in einer solchen Verfassung und nicht nur ist das System dort verbreiteter als anderswo, die aus der Majorität hervorgegangene Regie­rung vergibt nicht nur ebenfalls Arbeit an solche Unter­nehmer, sondern bezahlt auch die von ihr direkt beschäf­tigten Arbeiter in einer Weise, wie cs der schlimmste unter den „infamen" Kapitalisten auch nicht anders tun dürfte.

So wird z. B. in einer der Fabriken, in welcher die llniformen für das Heer hergestellt werden, als höchster Lohn 24 Shilling wöchentlich gezahlt. 1700 Frauen und 1100 Männer sind dort angestellt, von denen erster« die Schneiderarbeit machen, während letzteren die Ver­packung, Versendung rc. obliegt. Dieselben werden aber nicht etwa mit 24 Shilling angestellt, sondern erhalten

anfänglich nur 21, dann 22 und erst in der obersten Klasse, welche nur die wenigsten erreichen, 24 Shilling. Der Mann, der die Aufsicht über den Vorratsraum hat, in welchem die goldenen Tressen und seidenen Litzen auf­bewahrt werden, die einen Wert von 50 000 Pfd. Sterl. (1 000 000 Mark) haben, erhält nach 20-jähriger Dienst­zeit die 24 Shilling.

Was _ es aber in London bedeutet, mit 21 bis 24 Shilling per Woche eine Familie zu erhalten, das kann sich jeder, der Großstädte kennt, sagen. Tie eng­lischen Arbeiter sind sogar meist mit zahlreichen Kindern gesegnet. Einer derselben erklärte, daß sein dinner sdie Hauptmahlzeit), wenn er es gemeinschaftlich mit den Seinen einnimmt, ihn 60 Pf. zu kosten pflegt, d. h. für ihn selbst, die Frau und vier Kinder. Es besteht gewöhn­lich aus Fleischabfällen, Kartoffeln und Brot. Doch selbst das leistet er sich nur am Samstag, wo er zeitig nach Hause kommt, an allen anderen Arbeitstagen nimmt er das dinner mit, das aus Brot und Käse, oder Brot und etwas Fleisch besteht, wozu im nächsten public bouse ein Glas Bier getrunken wird.

Die meisten dieser Arbeiter könnten sich aber bei dem Lohn, den sie erhalten, wenn sie verheiratet sind, über­haupt nicht satt essen, falls sie nicht noch eine Nebenbe­schäftigung hätten. Sie helfen abends in den Theatern oder Restaurants, die Frauen gehen waschen und reine- machen und selbst die Kinder müssen, ehe sie zur Schule gehen, Zeitungeu und Milch anstragen, so daß sie tot­müde zum Unterricht kommen.

Noch schlimmer sind die Frauen daran, die außer­ordentlich geschickte Arbeiterinnen sein müssen. Im Jahre 1900/01 erhielten sie durchschnittlich 16 s. 5 V 2 d. wöchentlich, aber dies war ausnahmsweise viel, da in­folge des Krieges vielfach Überstunden geinacht werden mußten, zu gewöhnlichen Zeiten verdienen sie nicht mehr als 15 Shilling. Und diese Summen erhalten die Frauen nur, wenn sie direkt beschäftigt werden, doch ver­gibt- die Regierung auch Arbeit an Unternehmer und natürlich an die, welche Mindestforderungen stellen und dann, um einen Verdienst zu erzielen, die Arbeiterinnen bis aufs Blut drücken.

Die Sozialisten werden natürlich einwenden, daß, ivie eben das Staatswesen überall jetzt beschaffen sei, eine Unterdrückung der Schwachen das Resultat sein müsse, aber da sie doch nicht das anarchistische Ideal realisieren wollen, das keinen Gott und keinen Herrn kennen will, so würden auch sie eine Leitung haben müssen, die die Mehrheit des Volkes erwählt. So aber ist es doch in der Tat hier, wo die Regierung sofort fällt, wenn sie nicht mehr das volle Vertrauen der Majorität der von der Nation Erwählten genießt.

Und- so steht zu fürchten, daß zu allen Zeiten Angebot und Nachfrage die Regulatoren sein müssen, und so langt, der Zustrom der Arbeiter nach London ein so großer sein,

ein Teil der letzteren schwer zu kämpfen haben wird. In Australien hatte allerdings eine sozialistische Mehrheit dem ein Ziel gesetzt, indern sie einfach die Einwanderung von Arbeitern verbot, zu einer derartigen radikalen Maß- regel würde sich aber keine englische Regierung, ob sie nun konservativ oder liberal sei, bereit finden, das über* läßt sie denen, die da Freiheit und Gleichheit auf ihre Fahnen geschrieben haben. H. L a n d.

Verschiedene Erziehung.

Schärfer als heute, da der ausgleichende Verkehr und die alles umgestaltende Großindustrie die Gegensätze innerhalb der herrschenden Kreise mehr und mehr ab­schleift, traten dieselben noch vor zwei Menschenaltern in die Erscheinung. Wie spiegelte sich damals die ganze Auf- fajsung des Lebens in dem intimsten Gebiet, dem der häuslichen Erziehung, wider? Es ist ivohft kaum ein größerer Gegensatz denkbar, als er sich auftut zwischen der Knabenerziehnng, wie sie damals in den vornehmen Kreisen beliebt wurde, einerseits in der Hauptstadt Sach­sens, des fürsorglich regulierten Polizetstaates, anderer­seits in dem republikanischen Hamburg, wo Seeluft wehte.

Zwei etwa der gleichen Zeit entstammende Schilde­rungen reden bei allem Lakonismus Bände. Gustav Nieritz, der zur Aufbesserung seines knappen Einkommens Privatunterricht erteilte und so Einblick in das häusliche Leben der vornehmen Kreise gewann, entwirft in seiner Selbstbiographie von der Erziehungsweise in einer sol­chen Familie folgendes ergötzliche Bild:

Mein Schüler wurde gänzlich verzärtelt. Das Zimmer, in welchem ich unter steter Aufsicht der mütter­lichen Exzellenz meinen Unterricht erteilte, war im Winter mit Doppelfenstern versehen, sein Fußboden mit einer dicken Wolldecke überkleidet und mit einer soge­nannten spanischen Wand gegen die kalte Zugluft geschützt, die bei dem Offnen der Türe hereindrang. An den Füßen trug mein Schüler wollene Strümpfe, Stiefeln und darüber wieder Filzschuhe. Wollte er seinem Vater einen Besuch abstatten, wobei er ein großes, ungeheiztes Zimmer durchgehen mußte, so wurde folgendes Verfahren be­obachtet. Zunächst wurden des Knaben Kopf, Hals und Achseln mit einem großen Schal verhüllt. Ein Diener stellte sich vor der diesseitigen Türe des kalten Zimmers auf, ein zweiter vor der jenseitigen. Auf ein gegebenes Zeichen, daß der Knabe zum Abmarsch fertig sei, riß der eine Diener hier, der andere dort die Türe auf und der Knabe durcheilte das kalte Zimmer mit beflügelten Sprüngen. Wenn in der warrnen Jahreszeit der Wind nur mäßig wehte oder der Erdboden nach einem statt- gcfundenen Regen noch etwas feucht war, so durfte das arme, verweichlichte Kind nicht ausgehen, sondern in dem verschlossenen Scheibenwagen ausfahren. Alltäglich kam der Hofrat I)r. Pienitz, um nach dem Befinden meines

Ferrilietorr.

Im europäischen Wellerwinkel.

Reisebriese von Paul Lindenberg.

I.

Aerlin-Bndapest. — Na» Belgrad. — »esürchtungen unterwegs. Ankunft in der serbischen Hauptstadt. — Empfang beuii König Alexander. — Wichtige Äußerungen. — Allerhand Unterhaltungen. - Unpolitisches und Politisches. — Belgrad im Friihlingsschmud.

— Ans nach Albanien.

Belgrad, 10. April.

Abfahrt nachnlittags Berlin Zoologischer Garten. Kalt und- unfreundlich ist's draußen und nicht minder drinnen in dem seit Anno Toback benutzten Eisenbahn- wagen, der auf jeder größeren Station liebevoll auf seinen Gesundheitszustand untersucht wird und der, wenn ihn wider Willen die fauchende Lokomotive vorwärts Äeht, seine Abneigung gegen die Steigerung des modernen Verkehrs durch Quietschen und Stöhnen zu lebhaftem Ausdruck bringt. Und darin ward er _ unterstützt von den in drangvoller Fülle zusammengepreßten Fahrgästen, die sich die Zeit vertrieben mittels anmnftger, aber absolut uicht anzüglicher Bemerkungen über gewisse direkte Tagen zwischen Berlin und Budapest einer gewissen ^iscnbahnverwalftrng. Es war also eine nette Nacht, welche an die Akrobatenkunststücke menschlicher Glred- Maßen recht anhaltende und schwierige Anforderungen stellte. — Desto schöner war der Morgen, libergossen von goldigem Frühlingslicht lagen die ungarischen Gefilde da mit blühenden Mandel- und Pfirsichbäumen, mit stattlichen Gehöften, in denen es regsam zuging, mit der Blitzenden Donau und den alten Kastellen wie prunken­den Stiftskirchen an ihren Ufern. Budapest — ein paar Stunden Aufenthalt. Freudenreiche und freudcnspendende Stadt mit deinen holden, lebensprühenden Frauen lind deinen stolzen, vielbelebten Hauptstraßen, mit deinem wstigcn internationalcnGetriebe und deiner krähwinkeltg- lächerlichcn Anmaßung, daß icdermann auf Gottes weitem Erdmrunde die ungarische Sprache schon imt der Muttermilch eingesogen haben muß.

Dann wieder zur Bahn. Durch die endlose Pußta geht's, hier und da ein paar wackelige Hütten, hier und da ein paar Ortschaften mit weißen Häuschen, ein von hasttgen, staubaufwirbelnden Pferden dahingeschlenderter offener Wagen, ein von sechs mächtigen Ochsen gezogenes, schwerfälliges Gefährt mit buntfarbig gekleideten Bäuerinnen — sehr aufregend ist die Geschichte gerade nicht. Ganz anders die Gespräche in den Coupes: Serbien will mobil machen, in Belgrad gab's einen blutigen Aufstand, in Albanien schlägt man sich Tag für Tag, in Macedonien herrscht Anarchie, Fürst Ferdinand denkt, von der Armee und dem Volk gedrängt, der Tüftkei den Fehdehandschuh hinzuwerfei: und hofft da­mit den europäischen Brand zu entzünden, der ihm die Königskrone bringen soll — und all das wurde sehr ernsthaft von ganz ernsthaften Leuten verhandelt!

Wir saßen beim flackernden Gnsschein zu dreien im Speisewagen und ließen uns den Vöslauer Goldeck munden, da trat mit gutmütigem Läckjeln ein furchtbar dicker österreichischer Polizeiwachtmeister an unseren Tisch: „I bitt' schön um Vergebung, daß i stör', meine Herren, i bitt' schön die Pässe!" — Nanu, das war doch früher nicht? Ter Ticke liebäugelt mit der Flasche und schmunzelt, als ob er den Goldeck schon auf den Lippen fühlte: „I bitt' schön, 's ist halt Befehl von oben!" — Die Leute, die vorhftt den Weltkrieg in Hellen Flammen hatten auflodcrn lassm, blickten höhnisch jene an, die ihnen widersprochen, und meinten mit chimborasso- artiger Überlegenheit: „Nun, was haben wir gesagt, 's geht eben los!" — Und da schlängelte sich auch noch der Mann mit dem Zahlblock herzu: „Meine Herren, darf

ich bitten? Wir sind gleich in Semlin. Fahren's auch nach Konstantinopel? Nein, bloß bis Belgrad? Na, da sein's froh! 'S ist schon wieder bei Mustapha Pascha letzte Nacht eine Brucken gesprengt worden — sie machens toll da unten! — Bitt' schön, drei Gulden fünfzig jlren.zer", und der liebenswürdige Zeitgenosse benutzte die Wirkung seiner Alarmnachricht, sich schleunigst um einen Gulden dreißig zu verrechnen, natürlich nicht zu seinen Ungunstcn.

Trübest, jenseits der Donau, tauchen in langer Kette

die flimmernden Lichter Belgrads auf, der Zug rasselt über die langgespannte eiserne Brücke, kurz vor 10 Uhr ist die serbische Hauptstadt erreicht. Eine genaue, aber freundlich durchgeführte Kontrolle des Passes seitens eines energisch dreinschauenden Polizeioffiziers, eine flüchtige Durchsicht des Gepäcks, hinein in die Stadt dann, daß Kies und Funket: stieben.

Alles still rind friedlich, wo noch vor kurzem eine so „furchtbare Revolte" getobt haben soll, das elektrische Licht der Straßenampeln liegt mit mildem Schein auf den hellgrünen Blättern der Kastanien, die Hufschläge einer Kavallerie-Patrouille klappern hallend auf dem Pflaster, die Fensterläden der Häuser sind geschlossen, Dunkelheit vernrählt sich mit Ruhe, und das Ergebnis ist von philisterhafter Wirkung, nur ans dem Erdgeschoß eines gelbgetünchten, niedrigen Hauses, ans dessen Dache die rot-blau-weiße Fahne flattert, glüht heller Kerzen- schein auf die Blumen des Vorgartens — es ist das Arbeitsgemach im Konak des Königs.

Und zwei Tage später stand- ich in jenem behaglich eingerichteten Gemach König Alexander gegenüber, der von gleicher Freundlichkeit und demselben geivinnenden Wesen war wie vor zwei Fahren. Der König, der die kleidsame, dunkelblaue Infanterie-Uniform trug, be­grüßte mich mit festem Handschlag, er sieht frisch und kräftig aus, klar blicken hinter den Brillengläsern die Augen, in denen tiefes seelisches Empfinden liegt. In 'er zwanglos und zwar deutsch geführten Unterhaltung nnnnerte ich den König daran, daß vor zwei Jahren, ;enan wie jetzt, eine Verfassungsändernng vorgenommen worden wäre. „Ja", rief lebhaft der König aus, „ich hatte doch eingesehen, daß sich durch manch Drumherun, zu viele Schwierigkeiten ergaben, ich merkte, daß wir nicht so flott wciterkamen, wie ich wollte, und daher die Neueinsetzung der alten Verfassung. Und ich hoffe, sie wird uns _ gute Dienste tim", ans ein Zettungsblaft weisend mit seiner Proklantation an das serbische Volt.

Dann fragte der König nach Woher und Wohin de- Reise. Auf die Antwort, daß es nach Albanien und Macedonien gehen solle, versetzte der König: „Da sieht's gefährlich ans. Wie soll das noch enden? Gutes ist kau-'