51. Jahrgang.
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|I(>. 183. Berlags-Fernsprecher No. 2968.
Morgen-Ausgabe.
Der Dest der Parlamentssesflon.
Heute nachmittag um 2 Uhr tritt der Reichstag und mittags um 12 Uhr das preußische Abgeordnetenhaus um letzten Rest der Session zusammen, die bei beiden zugleich den Schluß der Legislatttrperiode bildet. Den Schluß der Reichstagssession gedenkt man noch im Laufe "es April herbeizuführen, während die Session des preußischen Landtages sich vermutlich noch bis in den Anfang des Mai hinziehen dürfte.
Der noch nicht zur Erledigung gelangte Beratungs- stoff des Reichstags besteht aus 3 Gesetzent- ürfen, nämlich der Krankengesetznovelle, dem Phosphor- ündwarengesetz und der minder bedeutenden Novelle zum Reichsbeamtengesetz, ferner aus der Vorlage über die Änderung des Wahlreglements, 9 Pettttonsberichten, 7 Rechnungssachen, 5 Interpellationen, 6 Berichten der Geschäftsordnungskommission, 2 Berichten der Wahlprüfungskommission (Sieg und Will) und 46 Jnitiativ- anträgen. Von diesem Material scheiden die Jnittattv- anträge und Jnterpellattonen selbstverständlich von vornherein aus; sie werden den Rest ihres Daseins in dem großen parlamentarischen Papierkorb beschließen. Was die Wahlprüfungen betrifft, die jetzt, beim Schluß der Tagung, selbstverständlich nur noch eine formelle Bedeuttmg haben, so ist deren Erledigung noch zweifelhaft. Ter nächste Reichstag wird sich ernstlich mit der Frage Zu befassen haben, in welcher Weise ein beschleunigteres Verfahren bei den Wahlprüfungen ermöglicht werden kann, damit dem unhaltbaren Zustand ein Ende gemacht wird, daß beim Schluß der Legislaturperiode noch immer einige Wahlprüfnngen „in der Schwebe" sind. Macht es doch fast den Anschein, daß sich die Wahlprüfungskommission die Schillerschen Worte: Drum Prüfe, wer sich ewig bindet! mit der Variation zum Motto erkoren habe: Drum prüfe ewig, wer sich bindet!
Tie Berichte und Rechnungssachen erfordern ja wenig Zeit zur Erledigung und werden in Anbetracht der vorgerückten Stunde im Töff-Töff-Tempo besorgt werden. Desgleichen wird auch die Erledigung der Novelle zum Reichsbeamtengesetz und des Phosphorzündwarengesetzes, welches die Verwendung des weißen Phosphors zur Herstellung von Streichhölzern verbietet, ohne Schwierigkeiten vor sich gehen. Dagegen läßt sich das gleiche nicht von der Abänderung des Wahlreglements und der Novelle zum Krankenversicherungsgesetz sagen, die gleichsam den „dem der Saison" bilden.
Insbesondere bei der Novelle äitin J8al)I = regiement, die bereits auf die Tagesordnung der
Dienstag, den 81. April.
ersten Sitzung gesetzt worden ist und die nur einer Lesung bedarf, wird man sich wohl auf 'ein parlamentarisches Turnier gefaßt machen tonnen, da die konservativen Parteien dieser eine verstärkte Sicherung des Wahlgeheimnisses bezweckenden Vorlage eine unverhohlene Feindschaft entgegenbringen, während sie den Parteien der Linken noch nicht weit genug geht. Ta die letzteren aber wissen, . daß mehr, als die Regierungsvorlage bietet, zur Zeit nicht zu erreichen ist, und da die überwiegende Mehrheit des Reichstags dem Prinzip der Regierungsvorlage zustimmt, so wird man auf eine glatte Annahme derselben rechnen können, wenn —sich zu diesem Zweck ein beschlußfähiges Haus versammelt. Auf einen oder auf zweiTage wird sich aber auch dieser altersschwache und an chronischer Beschlußunfähigkeit leidende Reichstag doch wohl zu einer solchen Leistung aufraffen können!
Ein beschlußfähiges Haus ist auch erforderlich, wenn die K r a n k e n v e r s i ch e r u n g s n o v e l l e Gesetz werden soll. Tie Novelle enthält 3 Verbesserungen des geltenden Gesetzes, die allgemein als solche anerkannt werden, nämlich die Airsdehnung der Krankenversicherung von der 13. bis zur 26. Woche, die Verlängerung der Wöchnerinnen-llnterstützung von 4 auf 6 Wochen uiid die Streichung der Bestimmung, wormch bei Geschlechtskrankheiten die Krankenunterstützung fortfällt. Dagegen hat sich gegen die die Verwaltung der Krankenkassen betreffenden Bestimmungen Widerspruch von links geltend gemacht, und andererseits sind zahlreiche Wünsche in der jetzigen Novelle unerfüllt geblieben. Diese Wünsche hat die Kommission in etliche Resolutionen zusammengefaßt und die Forderung ausgesprochen, daß in der nächsten Session des Reichstags eine gründliche Reform des Krankenversicherungsgesetzes vorgenommen werden soll. Ta die Sozialdemokraten in der Kommission eine scharfe Opposition gegen das Zustandebringen der jetzigen Novelle angekündigt haben, so wäre mithin au ein Durch- bringen der Vorlage, die am 1. Januar 1904 in Kraft treten soll, nur dann zu denken, wenn ein beschlußfähiges Haus vorhanden ist.
Der preußische Landtag hat noch einen größeren Beratungsstosf vor sich, denn es sind noch 15 von der Regierung eingebrachte Gesetzentwürfe, freilich zumeist geringen Umfanges, zu erledigen. Die wichtigsten derselben sind die Vorlagen über die Befähigung für den höheren Verwaltungsdienst, über die Ausfüh- rungsbestimmungen zum Reichsseuchengesetz, die Sekundärbahnvorlage, die Entwürfe über die Bahnverstaatlichungen und iiber die Gebühren der Medizinalbeamttn. Dazu konimen noch eine Wahlprüfung, Petittonsberichte und etliche Anträge aus dem Hause, welch letztere nur zum Teil auf Erledigung rechnen können, da der Landtag auf jeden Fall spätestens Anfang Mai geschlossen werden soll.
Redaktions-FernspreLer No. 62.
1903.
Alkoholismus und Bier.
8. u. H. Bremen, 19. April.
Heute vorniiitag fand die Schlußsitzung des neunten internationalen Kongresses gegen den Alkoholisnms im „Künstlerverein" statt. Sie war der Erörterung des Themas: Alkoholismus und Bier gewidmet. Als erster Redner wandte sich I)r. mell. K e f e r st e i n -Göttingen gegen die Ansicht, daß der Alkoholismus als Volks- krankheit nur durch den Genuß konzentrierter alkoholischer Getränke entstände und daß Bier etwa unschädlich oder gar nützlich sei. Als» Bauer und Bollinger in München klinisch und pathologisch-anatomisch die idiopathische Herzhypertrophie untersuchten, fanden sie als Ursache fast ausschließlich übermäßigen Biergenuß: jeder Sechzehnte der irr den Kranken- h ä u fern ge st o r b e n e n Männer war a n diesem Leide nzu Grunde gegangen ! Zur Erklärung der Entstehung des „Bierherzens" führte der Redner außer der Alkoholwirkung gerade die Eigenschaften des Bierherzens arr, die genreinhin als seine Vorteile bezeichnet würden: sein Gehalt an Kohlenhydraten und sein geringer Alkoholgehalt, der, um trotz- dein die erwähnte Alkoholwirkung zu erhalten, die Ausnahme großer Flüssigkeitsmengen nötig mache. Da jedoch von anderen Beobachtern dieselben Herzveränderungen auch bei Schnapstrinkern beobachtet seien, könne man bei ihnen einer spezifischen Bierwirkung neben der Alkoholwirkung keine große Bedeutung zuschreiben. Die Herzkrankheit des Biertrinkers führe zu Leber- und Nierenveränderungen. Eine bestimmte Form der Nierenentzündung soll nur dem Bier seinen Ursprung verdanken. Strümpell konnte außer chronischen auch akute Nierenentzündungen durch Biergeimß beobachten. Die Erfahrungen air verschiedenen Orten machen es aber wahrscheinlich, daß auch hier iveniger eine spezifische Bierwirkung als vielmehr eine Alkoholwirknng die Ursache ist. Krankhafte Fettleibigkeit steht oft in leicht erkennbarer Beziehung zum Biertrinken. Für die Zuckerkrankheit hat das Bier ohne Zweifel Bedeutung; sie wird durch Bier verschlimmert und kann in bestimmten Fällen durch Absttnenz verschwinden. Die Größe des Elends, das der Bieralkoholismus im allgemeinen erzeugt, läßt sich zahlenmäßig nicht angeben. Von 149 in einer Privattrinkerheilanstalt Norddeutschlands behandelten Kranken verdankten 41 ihren Alkoholismus vorzugsweise dem Schnaps, 30 dem Wein und 78, mehr als die Hälfte, dem Bier. Auf die Empfehlung des Bieres zur Bekämpfung des Alkoholismus folgte die Erkenntnis seiner schädlichen Wirkungei:, die man aber für spezifisch, von der der anderen Alkoholika verschieden halten wollte. Es zeigt sich jetzt, daß die spezifische,: Wirkungen des Bieres
Feuilleton.
Zettschrrfien-Bunüschau.
„K u n st w a r t", Herausgeber Ferdinand Avena- rius, verlegt bei Georg W. Callwey, München. Das erste Aprilheft sucht in einem Leitartikel das Wesen der Klopstockschen Muse zu definieren. Avenarius gelingt das besonders dadurch, daß er dem Messiasdichter seinen ganz anders gearteten Freund zur Seite stellt: Matthias Claudius, den Wandsbecker Boten. Die bis zur Anbetung sich steigernde Verehrung, welche Klopstock bei seinen Zeitgenossen fand, hat ihren Grund darin: „seit langer Zeit zum erstenmal empfand man bei einem Dichter hier Ernst, empfand man hier Leben." Freilich sein „Schwimmen in Empfindungen", der Mangel an Gestal- tnngskraft und lebendiger Anschaulichkeit, wie es uns aus jedem Gesänge Goethes entgegenleuchtet, bewirkte cs, daß Klopstock wohl „die Geister herrlich rufen, aber nicht bannen" konnte. Mag man in Claudius selbst einen Philister entdecken, jedenfalls hat er seine nirgends ungewöhnlichen Vorstellungen „so hingestellt, daß eine atmende Gcschöpfwclt sich um uns bewegt". Man lese nur einmal die im selben Heft folgenden Proben, und es wird vielleicht manchem ergehen wie mir, daß er etwa bei dem Vierzeiler „Tod" oder dem Abendlied, besonders seiner letzten Strophe, an das Erhabenste und zugleich Kindlichste eines lutherischen Kirchenliedes erinnert wird. Nein, hier ist noch etwas, das dort nicht ist: die vornehm- liebenswürdig verklärte Abcndstille eines deutschen Dichterheims im 18. Jahrhundert weht einen wie ein leises Herbstrauschen an: ein Mann faltet die Hände zum Gebet. Er kennt die großen Tragödien des Altertums, kennt Horaz mit seiner aristokratischen Feinschmeckerei, und dennoch feiert er seine schönste Andacht mit folgenden Worten:
„Verschon uns, Gott, mit Strafen Und last uns ruhig schlafen Und unfern kranken Nachbar auch".
Das letzte Märzheft des „Kunstwart" mar dem Andenken Hugo WvlfS gewidmet und brachte eine ganze Reihe vorzüglicher Beleuchtungen feiner Kunst.
„Politisch-Anthropologische Revue", Monatsschrift für das soziale und geistige Leben der Völker. Begründet von Ludwig Woltmann und Hans K. Buhmann. Thüringische Berlagsanstalt, Leipzig. Die Aufgabe der Revue als. folgerichtige Anwendung der natürlichen Entwiüelungslehre im weitesten Sinne des Wortes ans die organische, soziale und geistige Entwicklung der Völker vertritt in dem Leitartikel des Aprilheftes Proseffor vr. E. v. Wagner in einer Betrachtung zur gegenwärtigen Lage der Dcscendenztheorie. Er gibt da in der Tat der Wahrheit nur die Ehre, wenn er die seit Darwins Auftreten verflossene Zeit als eine Blüte- periode der Biologie bezeichnet. Die Abstammungstheorie hat schon vor Darwin, und znletzt in einem Hauptwerk von I. B. Lamark, fachmännische Bearbeitung gefunden. „Daß Darwin glücklicher war und so erst er der Begründer der Descendenztheorie in den biologischen Wissenschaften geworden ist, verdankte er neben dem umfassenden Beweismaterial, das er beibrachte, und der weisen Bedachtsamkeit, mit der er vorging, in allererster Linie der Zuchtwahllehre, die nicht nur einen verbliiffend einfachen Zusammenhang zwischen bisher unverstandenen Tatsachenreihen stabilierte, sondern auch das größte Rätsel des Organismus, dessen Zweckmäßigkeit, verständlich machte. So machte die Selektionshypothese die Desecndenz evident." Die Ausführungen zeigen, in welch lebendigem Flusse zur Zeit die von Darwin angeregten Probleme sich befinden, zugleich aber auch, daß wir weit davon entfernt sind, an einen:, wenn auch nur vorläufigen Abschluß in irgend einer Richtung angekommen zu sein. Schon deshalb kann von einer entscheidenden Wendung in der Wertung des spezifischen Darwinismus nicht gesprochen werden.
Wen es lockt, über diese Frage weiteres zu lesen, der sei noch auf die folgenden Aufsätze dieses Heftes hin- gewiesen: „Die anthropologische Gcschichts- und Gesellschaftstheorie", Dr. Ludwig Woltmann, „Die Menschenrassen Europas", 7>r. Gustav Kraitschek, „Die aufsteigcndc Entwicklung des Menschen", Professor Dr. Christian Ehrenfels, „Monismus nnb Psychologie", Professor 7)r. August Forcl.
„H a l b n: o n a t S h c f t e der Deutschen Rundschau", herausgegcvcn von Julius Rodcnberg, bringen
im letzten Märzheft den Schluß der Memoiren von August SchneeganS, der als Abgeordneter und Sekretär der Vertretung Elsaß-Lothringens der National-Ver- samminng in Bordeaux angehörte. Er mußte als Protestant und besonnener Politiker die gröbsten Schmähungen und Verleumdungen ertragen. Aber die Gefühlspolittk, welche damals Elsaß-Lothringen zu der bekannten Protesterklärung gegen die Abtretung an Deutschland hinritz, schüchterte auch ihu und die wenigen ruhigen Köpfe unter den elsüssischen Abgeordneten ein. Der Tod des Vorsitzenden Küß nahm ihnen den letzter: Halt. Als Schneegans nun in einer Rede Frankreich anfforderte, Elsaß-Lothringen nicht im Stich zu lasse::, brachte ein Herr Rochefort folgende unglaubliche Übertreibung zu stände, der natürlich von Schneegans sofort widersprochen wurde. „Hören wir, was die Abgeordneten des Elsasses uns sagen! Sie erklären uns im Namen ihrer Mitbürger, daß, wenn wir für den Friedensschluß sind und der Abtretung ihres Gebietes unsere Zustimmung geben, die Elsässer und Lothringer den Krieg auf eigene Rechnung fortftthren werden, in ihren Schluchten, hinter jeder Scheune, hinter jeder Hecke, den Guerillakrieg bis aufs Messer. Haben wir das Recht, sie preis- zugcbeu, sie allein zu lassen im Kampfe, während wir uns zurückziehen?"
Gerade dieser Teil hat des Interessanten so unendlich viel, daß es sich wirklich verlohnt, hier einmal Wiederaus erster Quelle französische Parlamentsgcschichte zu studieren. Schneegans gibt einen ausführlichen Bericht dieser Versammlung und der haarsträubendsten unlogischen Angriffe, die ihm noch aus der kleinsten Vorsicht für die Zukunft Elsaß-Lothringens gemacht wurden. „Später noch und bei mancher Gelegenheit", so fährt Schncegans dann fort, „begegnete ich derselben Ge- sinnnngswcisc, deren beleidigende Wiederholung mich schließlich aus Frankreich verjagte. Andere meiner Kollegen sind Zeugen ähnlicher Vorkommnisse gewesen. Gar viele haben freilich ihre damaligen Eindrücke vergessen oder wollen sich ihrer nicht erinnern. Der Zorn über die Eroberung läßt diese schmerzlichen Erinnerungen bei ihnen nicht mehr anfkommcn. „Ich muß viel an die Preußen denken", sagte mir einer von ihnen noch vor kurzem, „um an das Frankreich von 1871 nicht zu denken".
