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1 . Beilage Min MesbaLener Tagblatt.

Uo. 183. Morgen-Ansgade,

Dienstag, den 21. April.

31. Jahrgang. 1903.

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Es kommt Vieles auf ein richtiges Auffaffen der eigenen fr Individualität an; wer sich falsch beurteilr, ist in Gefahr. £ sich selbst zu zerreiben. Herbart. §

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(2. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

i | »Bitte mich gnädigst einmal anzuhören", unterbrach sie Leopold, „ich war auf diesen Sturm bei meinem zimperlichen Frauenzimmer gefaßt und habe schon alle schwierigen Fragen erwogen. Ihr räumt für uns die Wohnstube, richtet hier in diesem kleinen Eßzimmer ein Büffet ein. geschnittene Butterbröde mit verschiedenen Fleischsorten belegt. Heringssalat und ein paar Torten. Vor allen Dingen sorgt ihr für Gläser, — ein Füßchen Bier besorge ich, das wird hier aufgelegt und fröhlich ausgetrunken."

„Wie viele hast du denn einqeladen?" fragte die Mutter kleinlaut.

„Hm — es werden vierzehn, darunter sind mehrere, die morgen in die Ferien reisen, daher mußte es heute sein."

, „Vierzehn!" echote die blasse Frair in einem Toir, der eine mitleidige Seele erschüttert hätte.

Ellen stand mit blitzenden Augen. „Poldel! Du bist rücksichtslos, wo denkst du eigentlich, daß wir. die Miitter und ich bleiben sollen."

„Puh! Mamsell Grobiail! andere Schwestern lieben ihre Brüder und bringen gern ein kleines Opfer. Ihr habt doch euerScblafzimmer, vor acht Uhr kommt niemand, und dann geht ihr ja bald zu Bett, ich stelle von da ab leine Anforderungen mehr an euch."

„Zu gütig! Du erlaubst uns also die Nacht bei eurem Geiohle wachend zu verbringen."

Die Mutter ivar schweigend in die Küche gegangen um die Suppe zu holen, sie hielt sich kein Mädchen, nur eine Auswarterin. welche in den frühen Morgenstunden me gröbsten Arbeiten besorgte. Sie inußte sich erst be- stnnen, des Sohnes Einrichtirngen, die er ohne ihre Zu- stimniung einzuholen, getroffen, warfen ihre geringe isassung über den Haufen.

„Laß nur Ellen", sagte sie jetzt, während sie die Lerrine mit der dampfenden Brühe auf den Tisch setzte „wenn er seine Freunde bereits eingeladen hat, so ist ja nichts mehr zu ändern. Wir wolleir nun erst essen, und musM dann daran gehen, das Nötige zu besorgen und me «tuben auszuräumen."

„Mama! Du bist — du bist einfach zu gut und zu nachgiebig — rief Men entrüstet. „Wenn ich an deiner Stelle wäre. Leopold" —

„Nun — was wolltest du denn beginnen, kleine Weis- oeit. solchen zwingenden Gründen gegenüber", fragte der iSe^ Crr ^Esch- indem er behaglich seine Suppe

„Was ich begänne — ich will es dir sagen. Ich n>äre offen und wahr, und spräche ehrlich mit meinen, Vormund und Gönner, der mir eben die hjchsche Summe übergab

Ich sagte ihm, daß ich als Primus eine althergebrachte Gewohnheit inne halten müsse — er wird das so gut wissen wie du —■ und daß ich immer.schwachen Mutter die Unruhe nicht zumuten könne, also --"

Leopold lehnte sich hinten über und lachte laut . . . „Ei! du bist ja superklug — was weißt du von den Schrullen dieser alten Mumie — ein Abiturienten­schmaus hat der in seinem Programm nicht vorgesehen, und was nicht darin steht, das gibt's nicht."

Poldel war doch rot geworden und sah jetzt sehr ge­ärgert aus.

Ellen beachtete es nicht. Ihre ehrliche Natur sträubte sich zu sehr gegen diese Heuchelei und Heimlichkeiten.

„Wo ich mit der Wahrheit nicht durchkäme, ließe ich es darauf ankommen", sagte sie trotzig, „und von einer „Mumie", für die ich weder Respekt noch Liebe empfände, nähme ich keine Hundertmarkscheine an. Eher ging ich betteln."

Poldel sah jetzt kirschrot aus im Gesicht und warf der Schwester einen wütenden Blick zu.

„Mama! ^ Du solltest Ellen besser erziehen", rief er, „sie gewöhnt sich eine Art zu reden an —"

„Ich mag es garnicht, wenn ihr beiden euch zankt", sagte die blasse Doktorin, während Ellen schweigend die Teller abräumte, und in die Küche ging, das Fleischgericht zu holen. Ihre Haltung war fest und stolz, als sie die Stube verließ, in ihr gärte und kochte es. sie tadelte innerlich mich die Mutter ob ihrer Nachgiebigkeit, und fühlte sich mit ihrer Auffassung der Tinge vollkommen im Recht.

Als sie wieder eintrat, hörte sie noch den Schluß von der Mutter Rede. „Du. Poldel. mußt ja später Mens Stütze und Versorger sein, wenn sie sich nicht verheiratet, ivas wohl sehr sanglich ist."

„Ja. freilich, und beneiden möchte ich den Mann nicht, der sie kriegt", brummte Poldel grimmig.

Ellen lachte. Diese Wendung kam ihr zu komisch vor.

„Wenn ich einmal heiraten will, werde ich mir wohl selbst den Mann dazu aussuchen und dich nicht bemühen", meinte sie übermütig, „und ioenn ich nicht heirate, so kannst du mich getrost sein, daß ich dich nicht in Anspruch nehme, ich habe gottlob ein paar feste Füße, um darauf zu stehen!"

Poldel zuckte jetzt nur geringschätzig die Achsel, und das Mahl wurde unter allgemeiner Schweigsamkeit zu Ende gebracht.

Daun erhob sich der junge Herr und erklärte die Ein­käufe für dm Belag der Butterbröte selbst besorgen zu wollm, die Mutter möge nur alles übrige Herrichten. Er ging brummend und fand sich äußerst bemitleidenswert, wegen dieser mgen. armseligm Verhältnisse, ivo das Einfachste und Selbstverständlichste erst erkämpft werden mußte.

Ellen beriet unterdeß mit der Mutter, auf deren schnmlm Wangen schon die hektische Röte der Aufregung brannte. Sie rannte dann mit ihren flinken Beinen in der Stadt herum, um Fehlendes herbeizuschaffen, die Stundm vergingen in, Fluge, unter dem Anfertigm dieser Berge von Butterbröten, dem Mischen des Salats, dem llmrückm der Möbel und der für diesen Zweck nötigm Umgestaltung der kleinen, behaglichen Räume.

Todmüde und erschöpft zog sich die' Doktorin, als

das Gepolter auf der Treppe die Ankunft der Einge­ladenen verkündete, in das kleine Schlafgemach zurück und streckte sich aus ihr Bett.

Ellen hatte auch brennende Wangen und müde Beine, aber sie hatte sich ihrer leichtlebigen Jugend gemäße schließlich für ihre Aufgaben interessiert, und mit aner­kennenswerter Energie Brotschnitten mit Butter be­strichen, und die Fleischsorten darauf verteilt, auch zu­letzt ein paar schöne Schnitten selbst mit großem Appetit verzehrt.

Sie setzte sich daher mit einer gewissen Befriedigung aus den Rohrstuhl vor ihrem Bett, und fing jetzt erst an, den Zustand trostlos langweilig zu finden. Beim An­blick der erschöpften Mutter gewann die Entrüstung wieder in ihr die Oberhand. Solche Jungens waren gräßlich egoistische Geschöpfe, und ihr Poldel, den sie sicher von niemand sonst verunglimpfen ließ, machte keine Ausnahme.

Da ging nun jenseits der leichten Türe das Ge­trampel los, Stühle scharren. Bewillkommen, Redens- arteir —- sie vernahm jedes Wort. Ein Lächeln glitt über, ihr Gesicht, es amüsierte sie einmal zu erfahren, wie sich die Jungens anstellen, wenn sie unter sich waren, sie kannte ja die nieisten der drinnen Anwesenden.

Ha! jetzt zapfte Poldel das Faß an und nun wurden sie lebendig. Poldel hatte Singbücher ans den Tisch gelegt, aber die Kehlen mußten erst angefeuchtet werden, ehe der Rundgesang beginnen konnte.

Die Mutter hatte die Augen geschlossen, Ellen beugte sich über sie. „Mütterchen, soll ich dir eine Tasse Tee machen, ein Brötchen habe ich dir auch bei Seite gestellt, du hast seit Mittag nichts gegessen."

„Nein, laß nur, Kind, ich könnte nichts genießen — höre! sie singen — wie hübsch das klingt — diese jungen, hoffnungsfrohen Menschen, so blühend in ihrer Kraft und Gesundheit. So war dein Vater, als wir uns kennen lernten, ach! Ellen-!"

Die schwache Frau urnschlaug ihr Töchterchen und weinte in ihrer nervösen Erregung. Ellen stand unbe­weglich und streichelte der Mutter Haar. Sie horchte auch den feierlichen Klängen des Rundgesanges, dabei flogen allerlei abgerissene Gedanken durch ihren Kovf.

Wie ivar denn das Leben eigentlich? fie_ war ein Mädchen und sah es wohl nur von der schmälsten Seite. Warum ivar denn das Los der Mädchen und der Knaben so verschieden? und warum sie gerade als Mädchen in die Welt gekominen? Es däuchte ihr. als ob sie die Auf­gaben der anderen Hälfte recht gut zu' bewältigen ver­möchte. -Ihr Zeugnis lag da im Pult unberührt, niemand batte darnach gefragt, nieniand es angesehen. Des Poldels Semesterabschluß wurde zu einem Ereignis ersten Ranges gestempelt. Sie hatte auch einen hellen Kopf, war reich­lich so fleißig gewesen wie der Bruder, darnach krähte kein Hahn. Vor ihr lag keine „Laufbahn", wenn sie sich ihr Brot auch sicher allein verdienen mußte.

Der Gesang verstummte, wirrer Lärm folgte, es wurde drüben immer lebendiger.

Ellen überredete die Mutter sich zu entkleiden und fest niederzulegen. „Du hast gewiß dein Kopfweh", sagte sie besorgt.

„Leider! Mer es wird sckon Vortibergehen."

sFortsetznng folgt.)

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