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. 184.
Berlags-Fernsprecher R«. ASS.
Dienstag» den 21. April.
Redaktions-Fernsprecher No. SS.
1903.
Abend-Ausgabe.
Die Dujsrfyierung Finlands.
Tie neueste, von: Zaren von Rußland an den Gteneralgoubemeut von Kurland ergangene Verordnung, bercnWortlaut soeben bekannt wird, bildet denSchlußstein der rücksichtslosen und barbarischer Russifizierungspolitik, die unter denr Zaren Nikolaus cinsetzte und zweifellos zu dem Endziel geführt werden wird, die finische Ver- valtung, Gesetzgebung und — Kultur mit der russischen zu nivellieren, d. h. also auf deren Niveau herabzudrücken.
Tie neueste Verordnung des Zaren bedeutet die Verhängung der Diktatur über Firrland, zu desseir Diktator der Generalgouoerneur gemacht worden ist. Die diesen: verliehenen Befugnisse sirrd so weitgehend und in ihrer Art ungeheuerlich, daß sie fast den Eindruck der Verhängung des K'riegsrechts scher Zustand machen. So gcht die Verordnung denr Generalgouverneur u. a. das Recht, Handels- und Jndustrieilnternehmnngen, insbesondere Gasthöse und Buchhandlungen, zeitweise zu schließen, Vereine aufzulösen und Versammlungen zu verbieten, mißliebige Personen auszuweisen, zu inter- niereit und unter Polizeiaufsicht zu stellen ec. Ferner wird die gesamte kommunale Verwaltung unter die Aufsicht des Generalgouverneurs gestellt, der die von den Gemeinden gewählten Beamten, wenn ihre Bestätigung zweimal verweigert wurde, selbständig ernennen und überhaupt die Beamten auf administrativem Wege absetzen kann.
; Mit Hilfe dieser Diktatur, gegen die irgend welcher Widerstand weder in Frage kommen kann, noch versucht iverden wird, wird die Russifizierung Finlands zweifellos m absehbarer Zeit durchgeführt werden. Tic Finländer haben es zuerst mit Petitionen und Beschwörungeir versucht, dann gingen sie zunr passiven Widerstand, insbesondere gegen das neue Wehrgesetz, icher, und endlich ist es wiederholt zu offener Auflehnung gegen die russische Willkür gekommen. Aber der passive wie der aktive widerstand sind gleich vergeblich gewesen, und die Finnen Verden sich nunmehr, wenn auch init Grimm und Haß >m Herzen, in ihr schweres Geschick fügen müssen.
Ter Grimm und Haß in den Herzen der Finländer gwlich sind groß und das mit Recht. Als Finland im bahre 1809 an Rußland fiel, da gelobte Alexander I >m Vertrage von Borga (vom 15. März 1809) ausdrück- uM daß er die Religion, die Grundgesetze, die Privilegien und die Rechts Finlands allezeit „fest und unverrückt in ihrer vollen Kraft bewahren" wolle. Me Nachfolger Alexanders I., sowohl der streng absolutistische
Nikolaus I., wie der milde und freieren Regungen zu- gäirgliche Alexander II. und selbst der reaktionäre Alexander III., haben die Sonderrechte Finlands respektiert. Und erst Nikolaus II. ist es Vorbehalten geblieben, verbrieftes und verbürgtes Recht zu brechen und mit Fußen zu treten.
lind zwar ein Recht, das Zar Nikolaus II. selbst verbrieft und verbürgt hat! Am Sterbebett seines Vaters, wenige Tage nach dessen am 1. November 1894 erfolgten Tode, hat Zar Nikolaus seine „Regentenversicherung" für die Bewohirer Finlands unterzeichnet, in der er, gleich seinen Vorgängern, feierlich gelobte, er wolle „die Religion imd die Grundgesetze des Landes bekräftigen und bestätigen samt den Privilegien und Rechten, die ein jeder Stand in besagtem Großfürstentum im besondern und alle seine Bewohner, sowohl höhere als niedere, im allgemeinen nach der Verfassung dieses Landes bisher genossen haben."
Dieses feierliche Gelübde hat Nikolaus II. gebrochen, obwohl er tvie seine Vorgänger allen Anlaß gehabt hätten, den Finländern die Treue zu halten, wie sie selbst jederzeit, so bei dem Militäraufstande der Tekabristen, im Krimkrieg und im türkischen Kriege, den Zaren die Treue gehalten haben.
Aber schon Mitte der neunziger Jahre begann die Russifizierungspolink, tvie sie von den Panslavisten gefordert wurde. Zuerst begann es schüchtern mit einigen Verwaltungsmaßnahmen zweiten Ranges. In größerem Maßstabe begann die Russifizierung im Jahre 1898, als dem finischen Landtag der vom russischen Kriegs- minisierium ausgearbeitete Entwurf des neuen Wehrpflichtgesetzes zuging. Mer Widerstand hiergegen war vergeblich. Im Februar 1899 wurde das berüchtigte Manifest veröffentlicht, welches die finische Verfassung außer Kraft setzte, und im Juli 1901 erschien der verhängnisvolle Ukas, der die Auflösung des finischen Heeres verordnete. Aller Widerstand war vergeblich. Tie Aushebung der finischen Rekruten für die russischen Truppenteile wurde mit Gewalt durchgeführt, und die Opposition der Beamtenkörper und Gerichtshöfe wurde mit der Kassierung der Beamten und Richter beantwortet.
Da alle diese rigorosen Maßnahmen den Widerstand der Finländer nicht ganz zu ersticken vermochten, ist nunmehr durch das neueste Reskript des Zaren die Verhängung der Diktatur über Finland dekretiert worden, und auf diesem echt russischen Wege wird jede Opposition erstickt werde:,. Ob es den Fine:: unter dieser Gewaltherrschaft gelingen wird, wenigstens ihre Sprache und ihre höhere Kultur vor der völligen Russifizierung zu retten und vor der Überflutung durch die niedere russische Kultur zu schützen, das muß leider als sehr zweifelhaft bezeichnet werden!
Deutsches Deich.
Jur Reichstags,vahlbeweguug Wir erhalten folgende Berichte:
H a uscn v. b. H., 20. April. Western sanöeu an 5 Orten j .mestgen Gegend Bertrauensmänner-Versarnmlunge» der
" stg di Volkspartei statt, zn denen auch der .vondtdat der sreisinnigen Voltspartei, Ge.wffenjchastSanw.lt Or. Hans Krüger- Charlottenburz, erschienen war. Die Versammlungen waren gut besucht.
( 3 -, ® * * r ft . a ' 20 ,\ SfpriI - 3m Saalbau „Zum Bären" fand Oanwiag unter dem Vorsitz des Bauunternehmers Florreich «ine Wühlern der freisinnigen Volkspartei statt, die E gut beincht war. In derselben sprach der Kandidat der frei, smnlgen bolkspartei. Herr Genosscnlchaftsanrvalt Dr. Hans u n,e r- ^arlottenbiurfi, über di- Tätigkeit der freisinnigen l e * ne Tätigkeit im Reichstag Mlö Landtag und gewickelte ,n großen Zügen das Programm der freisinnigen Volkspartei. Se,ne Ausführungen fanden allfeitigeu Beifall und r m §"flj>idaten wurde in der sich an feinen Vortrag anfchließe«. den Diskussion wiederholt Zustimmung zu seinen Ansjührunge« ausgeiprochen.
@ ch i e r ft e i n , 21. April. Fm Saalban von Jak. Seibel dahier fand gestern ein« von der freisinnigen BolkSpartei einbe- rnfene öffentliche Wahlerversaunnlnng statt, die so zahlreich be- sncht war, wre sie Schierstein wohl vordem iwch nicht gesehen hatte. In derselben entwickelte der Kandidat der freisinnigen Volkspartei, Herr Genoffenschastscmwalt Or. Hans C r ü g e r - Charlottenburg, das Programm seiner Partei und dabei im einzelnen die Stellungnahme derselben zu den gegenwärtig schwebenden polt- fl'chsn Tagcsfragen. Seine Ausführungen fanden den lebhaften Beifall der Berfammlung. In der -ich an die Rede des l)r Crüger anfchiießenden Diskussion wurde die freisinnige Bolkspartei von v'rfchicüenen, anderen Parteien angehörigen Rednern, anae- grifsen: von einem agrarischen Zünftler, weil sie bisher nicht genügend die Jntereffen von Landwirtschaft und Handwerk vertreten habe, von einem Sozialdemokraten, weil sie den agrarischen Bestrebungen nicht genügend entgegcngetreten, auch in Militär- und Marineiragen den Forderungen der Regierung zu weit entgegen gekommen sei. Rechtsanwalt Güth-Wiesbaden wies diese Angriffe unter dem lebhaften Beifall der Versammlung scharf zurück Er bemerkte insbesondere, daß gerade die sretsinnige Volkspartei es gcweien ,ei, die von je her durch Förderung des Biidunqswesens. vor allem des gewerblichen Bildnngs- und des Genossenschaftswesens, für die Hebung des Handwerks eingetreten sei. daß sich speziell auch der Kandidat der freisinnigen Volkspartei Dr Crüger in dieser Hinsicht ganz besondere Verdienste erworben habe indem er noch vor kurzem im preußischen Abgeordnetenhaus- für die Schonung von Meisterkurscn eingetreten sei, und wies weiter darauf hin, daß in gleicher Weise auch die freisinnige Volkspartei stets warm die Interessen der Landwirtschaft vertreten habe, indem er im einzelnen hierbei die Siellung derselbe» zn den agrarischen Bestrebungen besprach, die mehr das Jnterese des Großgrundbesitzes als des Bauernstandes im Auge haben. Schließlich betont- er den Sozialdemokralen gegenüber, daß allerdings die freisinnige Volkspartet stets für Heeresvermehrung eingetreten >u, soweit deren Notwendigkeit nachgewicscn, daß sie aber darüber hinausgehenden Forderungen der Regierung ebenso regelmäßia entgegen-geireten sei. An der wetteren Diskussion beteiligten sich noch die Herren Brötz und Hartmann-Wiesbaden. Die Versammlung wurde von dem Vorsitzenden, Weinhändler Schneider-Schier- stein, mit einem begeistert ausgeiiommenen Hoch ans den Kandi- baten geschlossen.
Am sonnigen Strande.
Von Hcaryk Sien icroicz.
Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner.
(3. Fortsetzung.)
^ . Eine tiefe Rührung ergriff ihn. denn beim Anblick verblich er Tränen wurde er immer weich wie Wachs. Das «sertrauen, welches sie ihm beivies, nahm sein Herz ein > vT ^füllte es mit zärtlichen Gefühlen. Er begriff auch, ,8 der entscheidende Augenblick gekommen sei: den Arm jwt sie schlingend, sagte er daher: „Bleiben Sie immer "bk mir, räumen Sie mir ein Recht auf sich ein."
! Pu Korecka antwortete nicht, aber ans ihren Augen Gnnen unaufhörlich große, stille Tränen.
L »Werde mein", wiederholte Swirski. Da schlang sie Pen Arm um seinen Hals und drückte sich an ihn, wie W Kind sich an seine Mutter drückt. Und Slvirski beugte kt über sie und küßte ihre Stirn und die Tränen von «eit Augen. Und allmählich ergriff ihn die Leidenschaft, di sie mit seinen kräftigen Armen, drückte sie an
Ie Brust und suchte mit seinem Munde den ihren.
. Doch sie versuchte, sich zu wehren. „Nein, nein", strach fi e niit atemloser Stimme, „du bist nicht so wie die ""d^ren . . . Später! nein! nein! Habe Erbarmen!"
swirski hielt die sich Sträubende mit seinen Armen denn in diesem Augenblick war er wohl gerade so ke die anderen. — Doch zum Glücke für Frau Korecka JJ 5 Jwfj gleich nach ihren Worten ein leises Klopfen an “ er Tür vernehmen.
Da sprangen sie wie zwei Billardkugeln auseinander. >, r klopft?" fragte Frau Korecka mit dem Tone w Ungeduld in der Stimme.
der Tür erschien der finstere Kopf des Kresowicz.
''Entschuldigen Sie", sagte er gedehnt, „Romulus k.^t und hat Hitze ... Ich dachte, daß ich Ihnen das >°gen muß."
Swirski blickte auf.
»Soll ich vielleicht den Arzt holen?"
Loch Frau Korecka hatte bereits die Geistesgegenwart ^der gctoonnen.
„Ich danke Ihnen", sagte sie, „wenn es nötig sein sollte, wird es die Hotelbedienung schon besorgen, aber erst muß ich das Kind sehen ... Ich danke Ihnen, doch jetzt muß ich gehen — auf Wiedersehen also bis morgen! Ich danke!"
Nachdem sie dies gesagt hatte, streckte sie ihm ihre Hand entgegen, welche Swirski an seine Lippen zog.
„Bis morgen — und alle Tage. Auf Wiedersehen!"
Als Frau Korecka mit Kresowicz allein zurückgc- blieben war, blickte sie ihm forschend in das Gesicht.
„Was fehlt dem Romulus?"
Er wurde noch blässer als sonst und entqeqnete fast grob: „Nichts."
„Was bedeutet das?" fragte sie, die Augenbrauen zusammenziehend.
„Dies bedeutet, daß . . . jagen Sie mich fort, denn — ich werde wahnsinnig!"
Und ihr'den Rücken wendend, ging er hinaus. Frau Korecka stand eine Weile mit zornsprühenden Augen und zusammengezogenen Brauen da, doch allmählich begann sich ihre Stirn zu glätten. Sie war in der Tat fünfund- dreißig Jahre alt, und eben jetzt hatte sie einen neuen Delveis empfangen, daß ihrem Zauber niemand zn widerstehen vermochte.
Nach einer Welle trat sie vor den Spiegel, als ob sie in ihm die Bestätigung dieses Gedankens suchen wollte
Swirski dagegen kehrte im leeren Waggon nach Nizza zurück und hob unaufhörlich die nach Heliotrop duftenden Hände gegen das Gesicht. Er war unruhig, doch zugleich glücklich und das Blut hämmerte in seinen Schläfen, so oft er den Dust von Frau Koreckas Lieblings- parftim gierig einsog.
III.
Am folgenden Tag jedoch erwachte er mit schweren, Kopf, wie nach einer munter verlebten Nacht — und gleichzeitig mit großer Unruhe im Herzen. Wenn da-? Tageslicht auf eure Theaterdekoration fällt, da kommt einen: das. was am Abend ein Zaubermärchen erschien — wie ein schlechtes Gekleckse vor. Im Leben ist es oft auch so. Swirski begegnete nichts Unverbofftes. Er wußte, auf welches Ziel er losstcucrte und daß er dahin gelangen muffe, und doch hatte er jetzt, nachdem die Falltür zugc-
ilappt war, das Gefühl der unbegreiflichen Angst. Bei dem Gedanken, daß er gestern noch sich, hätte zurückziehen können, überkam ihn eine tiefe Reue. Umsonst sagte er sich, daß jetzt keine Zeit zum Philosophieren sei. Aller- lei Einwendungen, die er vorher gegen Frau Korecka und vor allem gegen eine Ehe mit ihr im Geiste vorbrachte, kehrten jetzt mit verdoppelter Gewalt in seine Seele zu- :mck. Die Stimme, die ihm vorher unaufhörlich in das Ohr raunte: „Lei kein Narr!" fing jetzt an, laut zu
rufen: „Du bist ein Narr!" Und er konnte sie weder durch eine entgegengesetzte Beweisführung, noch durch das oste Wiederholen der Worte: „Es ist geschehen!" ersticken — de::n die Vernunft sagte ihm. daß eine Dummhesi siatt- gcfunden, deren Ursache in seiner Schwäche zu suchen sei. Und bei diesem Gedanken ergriff ihn eine heiße Scham Tenn wenn er jung wäre, hätte er zu seiner Entschuldigung die Jugend: wenn er diese Dame erst an der Riviera kennen gelernt und bis jetzt nichts von ihr gehört hätte, würde ihn die llnkennlnis ihres Eharakters und ihrer Vergangenheit rechtfertigen — aber er war ihr swon vorher begegnet. Er hatte sie zwar selten gesehen aber dafür hörte er von ihr mehr als genug, denn in War,chau sprach man von ihr mehr als von irgend jemand. Man nannte sie dort die „Sirene" und die dortigen Witzlinge schärften den Witz an ihr, wie ein Messer an einem Schleifstein, loas übrigens die Männer nicht hinderte, sich in ihren Salon zn drängen Die Frauen, welche zwar weniger freundschaftlich ihr gegenüber gesinnt waren, empfingen sie trotzdem aus Rücksicht auf die reichen verwandtschaftlichen Beziehungen welche sie mit der dortigen Gesellschaft verbanden.' Manche zumal solche, denen es darum zu tun war, daß die öffent- liche Meinung überhaupt nicht gar zu streng rechte per- teidigten sogar die schöne Witwe. Andere, die weniger nachsichtig zn sein brauchten, getrauten sich deswegen nicht die Tur vor ihr zu schließen, weil niemand der erste sein wollte, der es täte. Ein gewisser Komödirnschreiber, der einmal hörte, daß jemand Frau Korecka zur „Halbwelt" antwortete, daß sie weder zur ganzen Welt, noch zur halben, vielinehr zu der drei Vicisicltvelt gehöre Da jedoch in den größeren Städten alles seine Absonderheit mit der Zeit einbüßt, so büßte auch die Position der;
