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Jahrgang« SKeWim* 9<irtnrm{iV 91 Arneiaen-Vreis:

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Jt#* 182» 8erla»s.F«r»fprecher N«. 29».

Morrtag, de« 20. April.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903 .

Abend-Ausgabe.

Per fiarnpf gtßcfi Ms fiurpfiirstjcttuai.

Kein Stand int Deutschen Reiche ist bedrängter als der der Ärzte. So segensreich die soziale Gesetzgebung gewesen ist und weiterwirkt, so hat sie auf die materiellen Interessen der Ärzte nicht die Rücksicht genommen, die verlangt werden mußte, die immer wieder verlangt wer­den wird, bis ihr Genüge geschehen ist. Vielleicht noch mehr aber leiden die Ärzte durch das Unwesen des Kur­pfuschertums. Was darüber zu sagen wäre, ist so oft und so gründlich gesagt worden, daß es sich erübrigen mag, es zu wiederholeir. Wie schwierig jedoch eine gesetzliche Einschränkung dieses Unwesens wäre, darüber pflegen sich die Ärzte nicht immer klar zu sein. Einen starten Eindruck von diesen Schwierigkeiten bekommt man wieder : einmal, wenn man liest, was ein so hervorragender Jurist wie der Senatsvorsitzende im Reichsversicherungs- omt, Geheimrat Dr. Flügge, über die heikle Frage in der „Deutschen Juristenzeitung" zu sagen hat. Der Ver­fasser hält es für ausgeschlossen, daß die gesetzgebenden Faktoren sich in absehbarer Zeit auf ein Verbot der Kur­pfuscherei schlechthin einigen werden. Er findet aber auch, daß solchem Strafverbote manche Bedenken entgegen­stehen. In den Millionen von Fällen, in denen der Laienbehandlung eine ärztliche Zulassung oder An­ordnung nicht vorangegangen ist, entscheidet erst ex post die ärztliche Wissenschaft, ob der Akt der Laienbehand­lung Kurpfuscherei war oder nicht. Würde die Kur­pfuscherei schlechthin verboten und unter Strafe gestellt, so würde kein Laie mehr wagen dürfen, auch in dringen- dem Falle irgend einen Mt der Krankenbehandlung vor- zunehmen, z. B. den Ertrunkenen zu frottieren, dem Ver­blutenden sein Taschentuch auf die Wunde zu drücken. Er müßte in jedem Falle gewärtig sein, daß die ärztliche Wissenschaft nachträglich erklärte, die Laienbehandlung lviirde vom Arzte nicht zugelassen oder angeordnet sein, der helfende Laie habe sich der Kurpfuscherei schuldig ge­macht. Gegen das Verbot der Kurpfuscherei spricht aber wch eine Erwägung juristischer Natur. Jeder Geschäfts- Nige hat das Recht der Verfügung über dm eigenen Wrper. Daraus folgt, daß er in Krankheitsfällen das Recht hat, sich überhaupt von dritten nicht behandeln oder sich von denjenigen behandeln zu lassen, die er nach seiner Wahl damit betrauen will, von Ärzten oder von Nicht­ärzten. Das Recht der Verfügung über den eigenen Leib ist nahezu absoluter Natur; die Rechtsordnung darf dieses Recht und seine Konsequenzen nur in den seltensten

Fällen einschränken. So lange man den Kranken nicht zwingen kann, sich überhaupt behandeln zu lassen, so lange kann man ihn auch nicht zwingen, sich nur von Ärzten behandeln zu lassen. Hiergegen wird man viel­leicht einwenden, das Verbot der Kurpfuscherei enthalte nicht ein Verbot an den Kranken, sich von Kurpfuschern behandeln zu lassen, sondern nur ein Verbot an den Kur­pfuscher, den Kranken zu behandeln. Darin würde ich aber nur ein Spiel nnt Worten sehen: Darf außer dem Arzte niemand einen Kranken behandeln, so ist eben der Kranke gezwungen, sich, wemr überhaupt, vom Arzte be­handeln zu lassen. Daraus ergibt sich, daß ein Verbot der Kurpfuscherei nebst Strafandrohungen schwer zu erreichen und kaum zu wünschen ist. Die Vorschläge, die Flügge gleichwohl macht, um das Kurpfuscherwesert ein­zuschränken, müßten natürlich einer genaueren Prüfung unterzogen werden. Ter Verfasser lehnt selbst den Ge­danken ab, daß die Kurpfuscher einer behördlichen Er­laubnis bedürfen sollen, die zu versagen wäre, wenn die Unzuverlässigkeit des Nachsuchenden in Bezug auf den beabsichtigten Gewerbebetrieb Largetan würde. Denn so­lange der Kurpfuscher diese Erlaubnis hätte, konnte er sich als behördlich konzessionierte Person bezeichnen und dadurch seinen Nimbus noch verstärken. Fraglich ist ferner, ob es viel niitzen würde, wenn die Kurpfuscher verpflichtet würden, Bücher zu führen. Flügge meint freilich: Tie Gewißheit, in den Büchern der .Kranken­

behandler verzeichnet zu werden, würde viele abhalten, die Hilfe nichtapprobierter Krankenbehandler in An­spruch zu nehmen, zumal wenn sie sich sagen müssen, daß auch ihre Angaben über ihre Beschwerden in den Büchern festgelegt und der Möglichkefl, bekannt zu werdeit, unter- worfeit sind. JndessM den vielen, die sich durch solche Bestimmung abschrecken ließen, würden immer wieder unzählige Tausende gegeniiberstehen, denen es höchst gleichgiiltig wäre, ob ihre Namen durch Krankenbücher bekannt würden oder nicht. Flügge schließt seine in jedem Falle bemerkenswerten Ausführungen, indem er schreibt: „Jedwede Behandlung von Kranken. ausschließlich den Ärzten vorzubehalten, dazu wird sich die Rechtsordnung schwerlich entschließen. Es ist ein Arzt vom Range des Breslauer Ophthalmologen Professor I)r. H. Magnus gewesen, der das vorurteilslose Wort gesprockjen hat, die Teilnahme des Publikums tut dem Kurpfuschertume er­kläre sich aus der Tatsache, daß es bisher niemals hat ge­lingen wollen, auch nur eine eitrige Lebensbetätigung restlos zu erklären. Diese Tatsache wird auch künftig be­stehen bleiben und der Kurpfuscherei ein gewisses Maß von Fortbestehen gewährleisten. Daß dieses Maß aber so gering ist wie irgend möglich, dazu würde die Ver­wirklichung solcher oder ähnlicher Vorschläge nachhaltig Mitwirken."

Deutsches Deich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Reichskanzler Graf B ü l o w hat vorgestern nach stürmischer Überfahrt auf einem Torpedoboot tmtif° rrent imdj ' JicapeI iie Rückreise direkt nach Berlin ange-

Eine Extra-Ausgabe des „Militär-Wochenblatts" meldet: v. B ü t o w, Generalleutnant, beauftragt mit der Führung des d. Armeekorps, ist zum kommandierendcu General dieses Armee. korps, v. Kleist, Generalleutnant, Inspekteur der 1. Kavallerie. Inspektion, zitm Kommandeur der 38. Division ernannt, Freiherr v. L a n g e r m a n n und Erlencamp, Generalmajor und Kom- mandeur der 14. Kav.-Brigade, mit Wahrnehmung der Geschäfte des Inspekteurs der 1. Kavallerie-Inspektion ernannt worden Ferner wurden zu Generalleutnants befördert die Generalmajore v. Schwartzkoppcn, Kommandeur des Kadettenkorps, von G o tz l e r, Oberanartiermeister, beauftragt mit der Wahr­nehmung der Geschäfte des Chefs des Stabes der 1. Armee. Inspektion, v. Wi t t k e n , Inspekteur der 1. Fußartillerie. Inspektion und v. Eine m , genannt v. R o t h m a l e r , Direks tor des allgemeinen Kriegsdepartemeuts im Kriegsministerium. Freiherr v. Re i b n i tz , Kommandeur der 33. Jnfantericbrigade, wurde zum Kommandanten von Karlsruhe und von der G r o e b e u , Abteilungschef im Großen Generalstabe, zum Kommandeur der 33. Infanteriebrigadc ernannt.

Die „Dresdener Neuesten Nachrichten" erfahren von authen. tischer Seite: Bezüglich des zu erwartenden Kindes der Prinzessin Louise haben der König und der Sioni vrinz von Sachsen von langer Zeit her beschlossen, das Kind, welches zunächst der königlichen Familie augehürt, vorläufia bei der Mutter zu belassen.

* Berlin, 18. April. Die „Ostdeutsche Rundschau" kann nach zuverlässiger Information die Meldung für falsch erklären, daß an die preußischen Landräteein allgemeines Verbot vom Minister ergangen sei, eine Wahlkanöidatur anzunehmen. Beweis hier­für sei, daß im Wahlkreise Wirsitz-Schubin der Lanörat v. Martensleben-Wirsitz als deutscher Kompromiß-Kan­didat ausgestellt sei.

* Zum Fall Hüssener. Der in Essen verhaftete Fähn­rich Hüssencr, der den Artilleristen Hartmann erstochen hat, ist in der Nacht zum Sonntag durch einen Oberleut­nant des Schulschiffes „Blücher" nach Kiel transportiert worden. Da man Demonstrationen befürchtete, wurde, nach einer Meldung ans Esse n, die Abfahrt geheim ge­halten und Hüssener in einer Droschke nach Alten-Essen geschafft, weil große Menschenmengen die beiden Essener Bahnhöfe besetzt hielten. Voll Alten-Essen aus brachte nian Hüssener mit dem Hamburger Schnellzuge nach Kiel. Trotz aller Vorsicht hatten sich auch aus dem Alten-Essener Bahnhof zahlreiche Personen eingefunden, die laute Schmährufe auf Hüssener ansstießcn. Verhaftungen Lärmender seitens der Polizei erfolgten nicht. In Kiek ist Hüssener in die Garnisons-Arrestanstalt überführt worden. — Wie wir von einem Bekannten Hüffeners er­fahren, hat sich derselbe erst auf Veranlassung des Kaisers dem Militärberuf gewidmet. Anfänglich wollte er Kauf- mann werden. Hüssener soll vor einiger Zeit bei einem

Am sonnigen Strande.

Von Henryk Sienkiewicz.

Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner. (2. Fortsetzung.)

Darauf verkündete Fürst Albert im Tone eines Menschen, der neue Wahrheiten entdeckt hatte, daß jede TAdenschast, wenn sie das Maß übersteige, verderblich 'ft, aber daß zum „Oerels <1e la Mdditerranöe" sehr P vornehme Ausländer gehörten, mit denen es der Whe wert und nutzbringend sei, Bekanntschaft 311 machen. Geröll kann man dem Vaterlande dienen. So z. B. habe er vor drei Tagen dort einen Engländer kennen gelernt, ^nen Freund von Chamberlain, der ihn — den Fürsten Wert — über die Verhqjtnifse im Lande befragte; er Zugegen hat deni Engländer den Stand der ökonomischen ^ud politischen Verhältnisse, die Lage im allgemeinen ßnd die Bestrebungen des Volkes iin besonderen auf ?uer Visitkarte beschrieben. Diese Visitkärte wird ganz Wmmt, wenn auch nicht in die Hände von Chamberlain idibst, der nicht hier ist, so doch in die von Salisbury Mangen, was vielleicht noch besser fein dürfte. Er wird Wahrscheinlich mit Salisburv aus dem Balle zusammen- fjaffen, den der französische General veranstaltet — und Urend dessen der ganze Formidable „a giorno" elek- "tzch beleuchtet werden soll.

0 Als Kresowicz, der aus seinem entgegengesetzten Fvger die Gesellschaft haßte, in der er als Lehrer voir ^Mnlus und Remus sich zu bewegen gezwungen war, "on der Visitkarte hörte, fing er ait boshaft und ironisch lächeln, während Frau Korecka die Aufmerksamkeit ihm abzulenken sich bestrebte.

»Hier wirken die Menschen wahre Wunder: ich hörte, tj der ganze Weg von Nizza nach Marseille elektrisch beuchtet werden soll."

~ »Einen solchen Plan hat ein Ingenieur namens ^stloz entworfen", sagte Swirski, „aber er starb vor Monaten. Er war ein so eifriger Elektriker, daß Ritter gewissen Version nach, in seinem Testamente ver> .wnet haben soll, sein Grab möge immer elektrisch be­suchtet sein "

„Demnach wäre es am Platz", meinte Wiadrowski, „daß über seinem Grabe die Überschrift prangen sollte: „Die ewige Ruhe gib ihm, 0 Herr! und das elektrische Licht möge ihm leuchten in alle Ewigkeit. Amen!"

Doch der alte Rat Kladzti fiel über ihn her, daß er — Wiadrowski — über heilige Dinge spotte, die nicht zu Witzen geeignet wären, worauf er anfing über die ganze Riviera loszuziehen. Alles sei nur Schein und Aufschneiderei, von den Menschen angefangen und bei den Dingen aufgehört. Überall dem Scheine nach „Marquis, Grafen und Barone" und dabei mußt du wohl acht geben,, daß dir nicht einer das Tuch aus der Tasche stiehlt. ' Was' die Bequemlichkeit cmbetrifst, ist es gerade so. Seine Kanzlei in Pintschow ist fünfmal so groß, als das Zimmer, welches man chm hier im Hotel angewiesen. Tie Ärzte hätten ihn der frischen Luft wegen nach Nizza geschickt, während die „Promenade des Anglais" ivie ein polnischer Hühnerhof stinke. So wahr er Kladzti sei, sie stinke! sein Neffe Sigismund könne es bezeugen.

Doch dem Neffen Sigismund traten die Augen aus dem Kopfe nach den Armen der schönen Frau Korecka, und er hörte deshalb nicht, wovon die Rede war.

„Gehen Sie nach Bordyghiera", sagte Swirski, „der italienische Schmutz hat doch wenigstens einen künstleri­schen Anstrich, während der französische bloß — ekel­haft ist."

„Und Sie wohnen trotzdem in Nizza?"

„Weil ich in Bordyghiera kein Atelier finden würde. Übrigens, wenn ich von hier fortgehen sollte, dann ginge ich in entgegengesetzter Richtung — nach Antibes."

Während er dies sagte, blickte er auf Frau Korecka, welche leise lächelte und die Augenlider senkte.

Nach einer Weile jedoch fing sie an, um die Kon- versation in ein künstlerisches Geleise zu bringen, über die Ausstellung bei Rumpelmayer und über die neuen Bilder zu sprechen, welche sie vor zwei Tagen gesehen, und welche der ihr Gesellschaft leistende französische Journalist Crepot impressionistisch-dekadent genannt hatte. Darauf hob Wiadrowski seine Gabel in die Höhe und fragte mit dem Tone eines Weisen:

„Was sind denn überhaupt Dekadenten?"

„In mancher Beziehung", antwortete Swirski. „sind

das Menschen, welche der wahren Kunst die Saute vor­ziehen, init der sie zubereitet ist."

Doch Fürst Porzecki fühlte sich einigermaßen damit getroffen, was der alte Rat Kladzti von den Marquisen, Grafen und Baronen gesagt hatte. Selbst Lumpenkerle, die hierherkommen, gehören zur höheren Sorte von Lumpenkerlen und begnügen sich nicht mit dem Heraus­ziehen der Schnupftücher. Hier begegnet man Freibeutern großen Stiles. Mer außer ihnen kommt alles, was es nur Vornehmes oder Reiches in der Welt gibt, und da die „baute finance" mit der hohen Geburt hier auf gleicher Stufe miteinander verkehrt -- so ist das eben gut. denn die Welt soll sich veredeln. Ter Herr Kladzti sollte den Roman „Idylle Tragique" lesen, denn da hätte er Ge­legenheit, sich zu überzeugen, daß man neben den ver­dächtigen Menschen den höchsten gesellschaftlichen Sphären hier begegnet — eben solchen, welchen wir auf dem „Formidable" begegne,: iverden, der bei dieser Gelegenheit „a giorno" elektrisch beleuchtet werden soll ..."

Porzecki hatte augenscheinlich vergessen, daß er die Nachricht von der Beleuchtung des „Formidable" schon früher kund und zu wissen getan hatte. Sie wurde auch diesmal nicht mehr der Mittelpunkt der Konversation, dagegen wurde die „Idylle Tragique" Gegenstand des Gespräches. Der junge Kladzti bemerkte, während er über den Helden des Romans sprach, daß „dieser es gut hatte" — aber daß er dumm gewesen, eines Freundes wegen einer Frau zu entsagen, und daß er — Kladzti — das- selbe nicht einmal für zehn Freunde getan hätte, selbst nicht für seinen leiblichen Bruder, „denn die Freundschaft für sich und die Liebe ebenfalls". Doch Wiadrowski ent- zog ihm das Wort. Die französischen Romane, welche er nnt Leidenschaft las, bildeten sein zweites Steckenpferd, auf dem er imitig über Verfasser rmd Werk dahin- galoppicrte.

„Was mich aubetrifst", sagte er, „so könnte mich dieser Schein, der die Wahrheit ersetzen soll, zur äußersten Wut bringen. Wenn jene Herren Realisten sind, dann mögen sie die Wahrheit schreiben. Sind den Herrschaften die Heldinnen dieser Romane nicht ausgefallen? Nun, es beginnt die Tragödie: vortrefflich! besagte Dame

kämpft einen Seelcntampf, geberdet sich ganz' entsetzlich