Einzelbild herunterladen
 

Viksbckkner TsgM

51. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Psg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

10,00© Abonnenten.

Slnzeigen-Prcis:

Die einspaltige Petitzeilc für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

lür die Abend-AuSgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst» erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschricbcnen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

|jt0« 181. Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Sonntag» den 19. April.

RedaktionS-Fernfprecker No. 52.

1903.

Morgenausgabe,

Die unabhängige Presse

befindet sich in den Zeiten des Wahlkampfs in der Lage einer vielumworbmen Dame. Diejenigen Parteisklaven, welche wissen, daß bei ihr jeder Erfolg für sie ausge­schlossen ist, rünipfen meist sogleich die Nase und mackien es wie der Fuchs, der die ihm zu hoch hängenden Trauben als zu sauer erklärte; sie reden ihr mutig übles nach und zucken vielsagend die Achseln. Von denen aber, die sich einen Korb holten, gehen die einen süll bei Seich und tragen ihren Schmerz mannhaft und anständig im Ver­borgmen unter dem Motto : „Behüt dich Gott, es wär' so schön gewesen", lvährmd die Niedrigdenkenden unter den Ngewiesmen wüste Schmähungen erheben und selbst in ihrem parteifarlatischm Sinne vor Verleumdungen oder verleumderischen Verdächtigungen nicht zurückschrecken. Die Taktik, die sie verfolgen, ist ebmso gemein, als geist­los billig. Da heißt es denn, je nach dem Parteistand- punkt, den der edle Ritter von der Medisance einnimmt, von einem parteilosen Blatte etwa: „es gravitiert ent­schieden nach rechts und schmt sich nicht, zu Zeiten sogar mit dm ihn: sonst so verhaßten Junkern zu kokettieren", oder „es steuert im Fahrwasser der linksliberalen Parteien und zeigt öfters sozialdemokratische Anwandlungen", oder „es fördert durch sein Treiben dm Anarchismus". Ist der brave Schmäher ein protestanttscher -Orthodoxer, so steht das arme, parteilose Organ gewöhnlich im Dienste freireligiöser Bestrebung, die unseren liebm Herrgott deposfedieren möchte, oder es wird gar ein „atheistisches Organ". Ist aber der Schmäher ein waschechter Zen­trumsmann, so besorgt das Blatt natürlich „die sauberen Geschäfte des evangelischen Bundes" und findet sein Ver­gnügen darin, jeden frommen Katholiken bei sei,rem Frühstück, seinem Mittag- oder Abendessen mindestens einmal vor dm Kopf zu stoßen.

Die Parteipresse ist natürlich am wackersten dabei, solch edles Handwerk zu üben und der „Parteilosen" etwas am Zeuge zu flicken, denn die parteilose ist ihr noch verhaßter, als die „farblose Presse", d. h. diejenige, die, um keinm zu verletzen, absolut keine eigme politische Meinung vertreten mag, die sich der Meinung nicht an­schließt, daß eine ehrliche Zeitung im Dienste des Killtur­fortschritts zu stehm hat, die nur auf dem Standpunkt des Gelderwerbs steht und dem Motto huldigt: „Wasch mir den Buckel und mach mich nicht naß." Die Partei-, aber nicht meinungslose Presse ist, wie gesagt, der einge- schwormm Parteipresse ein Dorn im Auge, denn sie „verwirrt" nicht nur oft die Meinung ihrer Schäfchen,

Feuilleton.

„Gartenstadt^ der Inkunst.

Der Zug von dem Lande in die Städte ist eine Er­scheinung im modernen Staatsleben, die — darüber sind sich alle einig — vom national-ökonomischen Standpunkte unbedingt zu verurteilen ist und insonderheit auch für die physische Entwickelung eines Volkes nur nachträglich sein kann. Manche ziehen in die Stadt, weil sie unter den bestehenden Verhältnissen nicht ohne Grund glauben, dort trotz des verteuerten Lebensunterhalts einen vor­teilhafteren Verdienst finden zu können. Andere werden von anderen Annehmlichkeiten angezogen, die in den Städten geboten werden. Aber hat nicht auch das Land seine ganz besonderen Vorteile? Sollte sich unter ge­wissen veränderten Verhältnissen hier nicht unter viel Künftigeren Umständen ein wesentlich besserer Lebens­unterhalt erwerben lassen? Sollten sich die Vorteile des Land- und Städtelebeus nicht vereinigen lassen? Diese Fragen sind in E. Howards Buch: „Garden Cities of to morrow" ein-

Kehend erörtert und •-in der Theorie wenigstens —

in so befriedigender Weise gelöst worden, daß sich nun alsbald eine Gesellschaft gebildet hat, seine Pläne zur p r a k t i s ch e n Ausführung zu bringen. Ünd so utopisch dieselben auf den ersten Blick auch er­scheinen mögen, sind dieselben doch jedenfalls von hohem Interesse und verdienen gewiß Beachtung in wetteren Kreisen, als sie in Deutschland bislang gefunden haben.

Ein teilweiser Rückzug von der Stadt auf das Land fat sich ja zumal in den großen Städten Englands längst insofern bemerkbar gemacht, als ein hoher Prozentsatz von allen, die tags über in der Stadt zu tun haben, wenigstens in den Vororten ihren Wohnsitz haben. Aber was für ein Verlust an Zeit wie an Geld wird ihnen da «urch die täglichen Eisenbahnfahrten auferlegt. Und die Vororte sind doch schließlich auch nicht bas eigentliche «and, weder in Bezug auf die frische Luft, noch hinsichtlich ves Kostenpreises für Wohnung und Lebensunterhalt. Wie manche industrielle Unternehmungen, welche die Menschen an die Städte fesseln, gehören aber gar nicht w eine Stadt. Ihre rauchigen Schornsteine, der von

sie ersetzt ihnen auch meist das gewöhnlich viel teurere Parteiorgan, indem sie dieselben politischen Informa­tionen bringt, oder gar mehr. Braucht sie doch nicht so manches zu unterdrücken, was aus Parteigründen unter­drückt oder gekürzt werden muß, was aber am Ende der Unverstand des blöden Lesers für besonders interessant zu halten sich erfrecht. Dazu kommt dann der blasse Reib, denn es ist eine Tatsache, daß die meinungskräftige, parteilose Presse viel mehr Boden im bildungsbedürfti­gen Publikum hat als die Parteipresse, die, je nach Um­ständen, den blauen Himmel bald für schwarz und bald für rosig ansprechen muß, wie es gerade die Partei für angebracht halt. Me unabhängige Publizistik aber darf anders schalten. Sie nimmt sich, mag sie noch so sehr auf nationalem Grund fußen, die Freiheit, unbefangener an die Dinge heranzutreten, scheut sich nicht, manchen be­rechtigten Kern selbst bei den extremsten Parteien anzu­erkennen und die kopflose Furcht vor ihnen zu verlachen, und ist wohl auch liberal genug, das eine oder andere Gute selbst zu sehen bei den Bestrebungen der Parteien der Funker und der Pfaffen, jener Mächte, die allerdings von jeher jede freie, staatliche Entwicklung gehemmt und alles brutal zu unterdrücken bestrebt waren, das ihrer Meinung entgegen war. Wie dem unabhängigen Parlamentarier, dem jetzt noch ziemlich vereinzelten „Wilden", die Zukunft gehört, so gehört sie auch der un­abhängigen Presse. Die abhängige, die Parteipresse, steht zum Teil schon bedenklich aus dem Aussterbeetat. Der Laie ahnt gar nicht, wie ersck)reckend gering z. B. die Abonuentenzahl mancher großen, reichshauptstädtischen, als führend geltenden, viel citierten Parteiorgane ist und welche Kapitalien an jährlichen Zuschüssen sie oft ver­schlingen, um nicht einzugehen. Aber mag auch die große Masse der Leserschaft sich am liebsten vielleicht jenen Zeitungen zuwenden, die nur Neuigkeiten und Klatsch, aber keine freie Meinung bringen, die bildungsbedürftige, denkende Bürgerschaft — und diese bildet doch auch, Gott sei Dank, noch eine recht stattliche und stets wachsende Menge — neigt sich entschieden und mit Recht dm politisch unabhängigen Tageszeitungen zu, die nicht durch eine gefärbte Brille die Mnge anschauen, sondern immer nur so schreiben, wie sie wirklich denken und mit ihrer freien Meinung nicht hinter dem Berge haltm. Mag der Leser auch uicht immer mit ihrer Meinung einverstanden sein, er weiß doch, daß er in Blättern solcher Art einm ehrlichen, einen wirklichen und somit nützlichen .Niltur- träger vor sich hat. Vielleicht ahnt er mich, daß die Leitung eines Organs gedachter Art weit schwieriger ist, als der Marsch auf der gebundenen Marschroute der Parteipresse, er ahnt, daß ein festeres Rückgrat, daß mehr Wille und Mut dazu gehört, eine freie Meinung zu haben und zu äußern, als gar keine oder eine einge-

ihnen ausgehende Staub und Schmutz sind den städti­schen Bewohner nichts weniger als eine Annehmlichkeit. Der teure Grund und Boden, die Schwierigkeiten, die sich einer notwendig werdenden Erweiterung ihrer Fabrikräume entgegenstellen, die hohen städtischen Ab­gaben und viele andere Dinge, die sich in der Stadt gel­tend machen, sind doch für die Fabrikanten kein Vorteil und haben schon manche veranlaßt, ihren Betrieb auf das Land zu verlegen. Ebenso vorteilhaft sollte es aber auch im Interesse der Arbeiter erscheinen, wenn sie mit ihrem Brotgeber auf das Land zögen, wo sie so viel billiger, bester und gesunder leben könnten.

Es bliebe daher für einen solchen Fabrikanten, der zum Auszug bereit ist, nur die Frage: Wohin? Denn es müßten hierbei natürlich mancherlei Erwägungen in Betracht gezogen werden. Und hier setzt nun das Howardschc Unternehmen ein. Wenn sich eine Gesell­schaft bildete und einen Komplex von vielleicht 2400 Hektaren in gesunder schöner Gegend, mit genügend Wasser unweit einer Eisenbahn erwürbe und hier eine Ansiedelung errichtete, so würde sich Land zu Bauzwecken sehr billig stellen, und zwar nicht nur für die Fabrikan­ten, sondern auch für die Arbeiter und diejenigen, die von ihnen lebten, Krämer, Handwerker und was sonst zu einen: Gemeindewesen gehört. Vorbedingung wäre nun zunächst, daß die in erster Instanz zu bildende — jetzt taffächlich bereits gebildete — Gesellschaft nicht eine Ver­einigung von Spekulanten sei, sondern von Männern und Frauen mit menschenfreundlichen Gesinnungen, die sich unter allen Umständen mit einem Maximum von vier Prozenten Verzinsung ihres Kapitals begnügen müßten. Was darüber eingeht, käme dem Gemeindewcsen zu gute. Und wenn sich die gehegten Erwartungen einigermaßen erfüllen, so müßte ja natürlich der Grund und Boden schon durch die bloße Verwandlung von Ackerland in Stadtland wesentlich im Werte steigen. Die Ansiedler brauchten dann auch weder für ihr Wohnhaus noch für das Grundstück, auf dem es errichtet, erhebliche Barzah­lungen zu leisten, wohl aber würden sie durch regel­mäßige Entrichtung von jährlichen Teilzahlungen — die an sich noch keineswegs der in den Städten zu zahlenden Wohnungsmicten entsprechen würden — nach einer ge­wissen Anzahl von Jahren Vollbesitzcr ihres Heims und zugleich Mitirrhaber des gesamten Gemeindebesitzes sein,

schnürte und gebundene. Lob oder Tadel regnet es da täglich von rechts wie von links; leicht ist es auch nicht, sich des ständigenLiebeswerbens derParteien zu erwehren, besonders in der Zeit, wo sich diese mit Energie auf den Stimmenfang machen. Recht lustige Feuilletons könnten entstehen, wenn die Redakteure solcher Blätter aus der Schule plaudern und die tollen Katzensprünge darstellen wollten, welche häufig beim Buhlen um die Gunst eines einflußreichen Organs selbst von dm swlzesten, die „Zeitungsschreiber", innerlich- verachtenden Genllemen gemacht werden. Der Redakteurberuf ist für den, der ihn ernst nimmt, wahrhaftig nicht leicht, aber er ent­schädigt durch die komischen Einblicke, die er in das Ge­triebe der menschlichen Eitelkeit und der kleinlichen Jnter» essenpolitik fast täglich tun läßt.

Das Publikum aber möge sich, besonders in Wahl­zeiten, darüber klar werden, wo die besten Quellen zu finden sind, aus denen es seine politische Fnformatton schöpft, um sich seine Meinung zur Stimmabgabe zu bilden, ob bei der Parteipresse oder bei der zwar auch polftischen, aber doch politisch unabhängigen, parteilosen Presse. A

Deutsches Deich.

Zum Erlaß der „Gegangen Wordenen" läßt sich das „Berl. Tagebl." wie folgt vernehmen: „Böse Beispiele verderben gute Sitten. Mit seiner trotzigen Er­klärung, er sei vom Minister des Innern „gegangen worden", beginnt Herr v. Arnstedt, der Magdeburger ab­gedankte Regierungspräsident, Schule zu machen. Auch Herr v. Tcpper-Laski, der verabschiedete Kösliner Regierungspräsident, zeigt seine Amtsniederlegung mit der Wendung an: „Auf Veranlassung des HerrnMinisters des Innern habe ich meine Entlassung aus dem Staats­dienste erbeten und erhalten." Herr v. Tepper-Laski wird vielleicht nicht der einzige unter seinen zu unfreiwilliger Muße verurteilten Kollegen bleiben, der dem Minister einen solchen Seitenhieb versetzt; die übrigen verabschie­deten Herren haben ebenso wie der Kösliner Regierungs­präsident noch mehr Grund,als Herr v. Arnstedt, dem Minister zu grollen. Herrn v. Arnstedt wollte er ja eine fettere Pfründe bewilligen, die anderen aber sollten nichts kriegen, sondern als Staatspensionäre ihre Arbeitskraft vertrödeln und, was sie sicherlich noch mehr kränkte, ihre hoffnungsvolle Karriere mitten im Rennen aufgeben, ttbelnehmen wird ihnen es niemand, wenn sie den Minister ein bißchen zansen. Höchstens die blinden Ver­fechter der „Beamtentradition" im konservativen Lager werden dazu etwas scheel sehen. Nicht wegen der Oppo­sition gegen die Regierung, bewahre, die kennt man im konservativen Lager seit dem Kanal als eines der zug- kräftigsten Mittel, sich die Regierung gefügig zu machen.

seiner Parkanlagen und öffentlichen Bauten, unter denen neben Kirchen und Schulen auch ein Theater, ein Winter­garten, Bibliothek, Museum, Schwimmhalle und der­gleichen in Aussicht genommen. So soll der neue Ort nichts von den Annehmlichkeiten einer Stadt entbehren und doch auch wieder nichts von seinem ländlichen Charak­ter einbüßen. Nur etwa ein Sechstel des Gebiets soll überhaupt bebaut werden, der Rest für Landwirtschaft reserviert bleiben. Es soll eine „Landstadt" im besten Sinne des Wortes werden; und cs ist wohl nur, weil dieses Wort schon etwas anderes bezeichnet, daß man den Namen „Gartenstadt" dafür gewählt hat. Ein besonde­res Augenmerk soll natürlich auf geräumige, gesunde Wohnungen für alle gerichtet werden und jedes Haus soll seinen Garten haben. Die Straßen sollen nicht plan­los, wie je nach Bedarf im Laufe der Jahrhunderte in anderen Städten geschehen, sondern nach einem wohl- durchdachten, einheitlichen System angelegt werden, mit dem Park in der Mitte, den Fabriken im äußeren Ge­biete des Orts. Sie sollen alle breit und schön und mit Bäumen bepflanzt werden und die Verkehrsmittel ebenso musterhaft werden wie die Kanalisation.

Alles das erheischt allerdings auch wesentliche Gelb» mittel, aber doch nicht im entferntesten, was solche An­lagen in der Stadt erfordern würden. Auch hier macht sich ja das Verlangen nach freien Plätzen, nach breiten Straßen und gesunden Wohnungen stärker und stärker geltend; aber welch ungeheuere Kosten bedingt hier schon die Erlangung eines geringfügigen Bruchteils der An» nehmlichkeiten, die den Gartenstädten in so vollem Matze sich so leicht ergeben. Wie außerordentlich vereinfacht würde da auch z. B. die Anlage yon Abzugskanälen, Wasserleitung, Gas und allen möglichen elektrischen Leitungen in einer solchen neuen Stabt sich erweisen, wenn alles zu gleicher Zeit nach einem einheitlichen System sich Herstellen ließe, und erst dann die Pflasterung der Straßen und der Bau der Straßenbahnen vorge- nommcn würde.

Wo alles so musterhaft mit einem so geringfügigen Kostenaufwand hcrgestcllt wird, da hofft man denn auch nicht nur Fabrikanten und ihre Arbeiter, sondern alle möglichen begehrenswerte Elemente einer Bevölkerung hcranzuziehcn. Dabei kann aber immer noch eine ge­wisse Auswahl ins Werk gesetzt werden, so daß selbst die