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1. Beilage zum Wiesbadener TagblaN.

Mo. 181. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 1V. April.

51. Jahrgang. 1903.

Edle Frauen (die Musen gehören auch dazu) wollen geliebt und nicht genossen werden.

P. N. Coßmann.

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(1. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

So -— endlich! Sie streckte Ellen noch einmal die Hand hinunter, die kleine Harrd in dein waschledernen ßahrhandschuh.

„Auf morgen! Du kommst doch gleich nach Lisch? Dein Mütterchen muß es erlauben, wollen Ostereier suchen im Garten."

Er hörte deutlich jedes Wort hier oben, ihre Helle Stimme trug weit und hatte so ernen undefinierbaren aristokratischen Klang.

Während er ihrem geschickten Manöver beim Un> wenden und der eleganten Zügelführung mit Kenner - augen zuschautc und sie mit seinen Augen verfolgte, so lange sie in Sicht war, hatte Ellen auch die drei Sfiegen erklommen und stand, ehe er es vermutete, neben ihm.

„Also Poldel! Nummer Eins! ich gratuliere." Sie umschlang ihn mit ihren Armen und küßte ihn, was er sich gnädig gefallen ließ. „Junge! was für himmlische Fahre liegen vor dir!"

' „Hm — wenn der Alte den nöfigen Kies heraus­ruckt."

„Für dich natürlich tut er es. Aber weiß Mama es denn schon?"

„Mein Gott! Du siehst doch, daß ich eben herauf­komme." .

* „Und seit einer Viertelstunde Fräulein Adine nach- schaue, ja das weiß ich."

Ellen lachte und schwenkte ihre abgeschabte Schul­tasche und riß die Tür zum Wohnzimmer auf, in dem sie die Mutter vermutete. Sie blieb erschrocken und sicht­lich nicht freudig überrascht auf der Schwelle stehen, als sie neben der Mutter den ihr wohlbekannten alten hageren Herrn mit dem grauen Spitzbart, der hohen Stirn, über der die Glatze thronte, und den strengen Augen gewahrte.

Poldel hatte über ihre Schnitter geguckt, und glitt nun auf den Zehen zurück. Er schlich in seine driiben gelegene Stube, um sich die Hände zu waschen, die Haare zu glätten und in Positur zu setzen.

Ellen aber mußte vorwärts, denn die Mutter hatte sie und überdies lag der kleine Raum, in dem sie icher bewahrte, arbeitete und der zugleich als Eß- mente, hinter dieser einzigen Wohn- und Emp- , !Übe.

Sie trat also heroisch ein, nickte der Mutter zu und bot dem alten Herrn mit höflichem Knix die Hand.

Er hatte seine eintönig klingende Rede, der die Doktorin Kramer mit beflissener Aufmerksamkeit zuhörte, keinen Augenblick unterbrochen.

„Also — wie gesagt, sein Lebensplan, Schritt für Schritt sorgfältig erwogen, den Verhältnissen angemessen umgrenzt, liegt zu Papier gebracht in meinem Pult, und meine Hülfe-"

Bei diesem Wort wurde er des kleinen Mädchens ge- Mhr, das ihm ihre kräftige warme Hand bot und scheu Mit ihrem rosigen Gesicht zu ihm aufblickte. Er hielt nnen Moment rnne, die Störung war ihm unangenehm, kr liebte nichts weniger, als mitten im Satz unterbrochen »u werden.

Seine Stirn verfinsterte sich, er faßte mit seiner welken Rechten flüchfig die des Kindes, ohne sie weiter anzu- lehen, und fuhr dann unbeirrt in seiner Rede fort.

Ellen entschlüpfte eilig. Ihr gab diese Berührung der kalten feuchten Greisenhand jedesmal einen Schauer, und diese absichtliche unfreundliche Nichtbeachtung ihrer Person ärgerte sie einmal wieder unnötigerweise. Sie schleuderte in Hellem Zorn ihre Schultasche in eine Ecke, daß die Bücher darin unter Gepolter an die Erde fielen, und horchte dann mit schadenfrohem Lächeln, ob eine Rüge erfolgen würde.

Aber sie hörte jetzt Leopolds Stimme, und des Jusfiz- rats Begrüßung ihres Bruders, und der Mutter fiohe Ausrufe. „Ach Poldel! also glücklich bestanden — und Nummer Eins mit Auszeichnung!"

„Wie ich es von dir erwarten mußte, Leopold", sagte der Justizrat in hellerem Tonfall, „es freut mich, daß du mich nicht enttäuschest. Also, mein Sohn, ich habe hier eben schon mit deiner Mutter in der sicheren Voraus­setzung eines solcheir Abschlusses deiner Gymnasialstudien deme nächste Zukunft erörtert. Du wirst also deine ersten Semester als angehender Jurist in Heidelberg absolvieren — Heidelberg, du Feine — ja, ja, weckt alte Erinnerun­gen — dein Vater und ich, wir waren da zusammen -— jung — voll Hoffnungen auf das Leben — alles vorbei! vorbei! na, basta! Dil bist ja jetzt jung, hast natürlich ein großes Verlangen, die Jugend zu genießen — aber auf deinem Wege liegt es nicht, den anderen nachzu­machen und gleich zu tun, und die ersten Semester gründ­lich zu verbummeln. Dazu hast du keine Zeit, mußt so rasch wie möglich ferfig werden, um für deine Mutter sorgen zu können. Das weißt du, weißt warum ich dir helfe, um dir das zu ermöglichen."

„Lieber Onkel, mein gütiger Wohltäter, Sie wissen, daß ich von Dankbarkeit erfüllt bin und mit festen Vor­sätzen hinausziehe."

Ellen horchte unwillkürlich, wie ehrbar und wohl- gesetzt der Poldel da redete, als ob er sich's auswendig gelernt hätte. Das kam ihm garnicht vom Herzen, er konnte den alten Philister nicht leider: imd spottete bei jeder Gelegenheit über ihn.

Sie lehnte am Türpfosten und ihr wurde das Herz schwer; ein paar Tränen süegen ihr sogar herauf. Es war doch scheußlich, daß sie hier einsam an der TÜr stand und horchte, anstatt drinnen an der Familienfreude teil zu haben, und auch ihr Zeugnis vorzuzeigen. Mer nach ihr fragte nieinand, der Alte konnte sie nicht leiden, er haßte alle weiblickien Wesen, und die Mutter schob sie immer aus dem Wege, wenn er kam, sie fürchtete sich selbst vor ihm. Mit der Mutter mußte der alte Hngestolz ver­handeln, es ging nicht anders, sonst hätte er über die auch weggesehen. Herz und Interesse hatte er nur für Poldel.

Er war ein Freund ihres verstorbenen Vaters, ein überaus treuer — wie es ihr immer gesagt wurde — und er hatte sich die Aufgabe gestellt, den einzigen Sohn des früh Geschiedenen zu versorgen — sie hatte die Worte oft gehört.

Er führte den ihm von der Stadt verliehenen Titel Justizrat, und fungierte seit seinen jungen Jahren hier als gesuchter Rechtsanwalt mit großer Klientel. Man tarierte ihn auf einen sehr vermögenden Mann und ec besaß gar keine Erben, jedermann hielt Poldel für den dereinsngen.

Für die Mutter oder gar für sie hatte er niemals eine Freundlichkeit. Frauenzimmer brauchten nichts nach seiner Ansicht. Ellen ballte im Verborgenen ihre kleinen Fäuste, sie — sie wollte mich nichts von ihm, sie wollte fiel sein und auf ihren eigenen Füßen stehen.

Während dieser grimmigen Reflexionen nabm sie die unschuldige Schultasche und die verstreuten Bücher vom Boden auf und legte ihr Zeugnis mit einer wehmüfigen Miene auf den Arbeitsfisch. Ob Wohl irgend jemand

darnach fragen würde -— und es war so brillant ausge­fallen. Sie seufzte. Sie war nur ein Mädchen, dis brauchten eigentlich garnicht auf der Welt zu sein.

Drinnen wurden jetzt Stühle geschoben, der Gestrenge ging — seine knarrende Stimme, die ihr immer auf die Nerven fiel, war noch hörbar — und wie zahm und tugendhaft der Poldel redete. „Alter Heuchler", brummt« sie entrüstet. Jetzt wurde das Öffnen und Schließen dev Tür vernehmbar, — die Blutter geleitete den „Wohl­täter der Familie" natürlich bis zur Treppe_—• die Demut und llnterwürfigkeit der Mutter erschien ihr un­würdig, — alles nur um des dummen Geldes willen —> Geld ! solch ein Trödel!

Da wurde die Tür zu dem kleinen Gemach, in dem sie sich befand, aufgestoßen und Poldel stürmte herein.. Er hielt ein Päckchen blauer Scheine in den Händen, fuchtelte damit in der Luft umher und führte einen wilden Kriegstanz auf.

„Juvifallera! Juchhe! zehn blaue Bohnen, der Mts war nobel, iin nächsten Halbjahr gibt's noch einmal so viel — und nun hinaus in die Freiheit — Juchhe!"

Die Stube war zu klein für den kühnen Wirbel, Poldel brachte den Eßtisch, der gedeckt war, sämtliche Stühle und Möbel in Gefahr, riß Ellen fast über den Haufen, hielt ihr die Hundertmarkscheine unter die Nase und sprang in seiner rasendenFreude sogar auf das alte mit Polsterfissen versehene, hölzerne Sofa, das noch aus des Vaters Jung­gesellenzeit stammte, und bei solcher unerhörten Behand­lung, wo es den Akrobatenkünsten des jugendlichen Turners stand halten sollte, in allen Fugen krachte.

Die Mutter trat gerade ein und erhob ein Wehegeschrei bei dem Anblick. Leopold sprang mit einem Satze, daß die Dielen des nicht allzu solide gebauten Hauses krach­ten, zur Erde, umfaßte die Mutter und schwenkte ihre schmächtige Gestalt in wildem Wirbel herum, daß ihr der Atem ausging.

Dann setzte er die Keuchende auf das Sofa, und rief: „Heute wollen wir fidel sein, mich dünkt, es ist aller An­laß dazu vorhanden. Und nun will ich es nur gleich melden. Ich habe für heute abend die Bande zusammen­getrommelt, hier auf unsere Bude, zum schlichen Abiturientenschmaus, den ich als Primus ja auf alle Falls auszugeben habe. Hätte ihn natürlich lieber in Dabel- steinsWeinkeller gehabt, >vo sich die anderen viel heimischer gefühlt hätteir, aber das ging ja des Alten wegen nicht an" — er machte eine lange Nase nach der Gegend, wo der Jusfizrat verschwunden war — „der alten Mumie wegen, die keinen Blutstropfen warmen Lebens mehr in den Adern hat. Er enterbte niich ja wohl, wenn er das erführe."

Die blasse Doktorin kam erst langsam wieder zu ihrem Ateni, sie vermochte noch nicht zu sprechen, sah aber seht erschrocken aus.

Ellen, die bis dahin lachend dem Bruder zugsiehe» und nur während seiner mutwilligen Eskchiaden Tische, Stühle und zerbrechliche Gegenstände so viel als tunlich in Sicherheit zu bringen versucht hatte, stihr bei seiner letzten Rede entrüstet auf.

„Bist du toll, Poldel? Heute, wo nichts vorbereitet ist, >vie kannst du der Mama das zumuten! Unsere Räume sind überhaupt viel zu klein für solche Kneip- gesellschaft."

Jung inabel da."

Mer bitte, mein lieber Junge", warf jetzt die Doktorin ein, die ihre Stiinme eben wieder gewann, „das geht ja wirklich nicht, das ist ja ganz unmöglich — wo sollten wir bleiben. Wenn man sich vorher darauf ein­gerichtet hätte-"

(Fortsetzung folgt.)

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