Wiesbs-knkr laoblatt.
ss. Jahrgang
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Berlags-Fernsprecher No. 2953.
Samstag» de« 18. April«
Rebaktions.Fernsprecher No.
19V3.
Morgen »Ausgabe»
SoMlpoLLIische Streihiige.
— Mitte April. —
Rußland vor einem Wendepunkt. — Fortschritte der Sozialpolitik in Deutschland. — Stagnation in Österreich. — Kinderschutz in England. — Sozialpolitische Regsamkeit in Frankreich und Italien. — Der Ncunftundentag in Belgien. — Schlichtnngs- kommission und Kinderausbentung in Amerika.
Wenn man fortlaufend die politische Entwickelung in beit einzelnen Staaten beobachtet, so gelangt man zu der Erkenntnis, daß in allen, in den einen schneller, in dm anderen langsamer, die soziale Idee sich Zur Anerkennung durchringt, überall bildet sie die treibende Kraft, die zunächst in der Masse des Volkes Wurzel faßt und diese zu vereintem Streben ans Verbesserung ihrer Existenzbedingungen organisiert und die dann durch den Druck von unten her auch dm sozialpolitisch rückständige Regierung zwingt, ihr Aufmerksamkeit zu schenken. i Diese Entwickelung vollzieht sich gegenwärtig in R ll ß I a n d. Ohne die Bedeutung des Zarenmanifestes dom 11. März, das den Bauern die Aufhebung der lästigen Haftpflicht verspricht und eine weitgehende religiöse Toleranz verheißt, zu überschätzen, erbringt es jedenfalls beit Beweis, daß die Regierung zu der Einsicht gelangt ist, daß die gewaltige soziale Bewegung, die m letzten Jahrzehnt in Rußland rapide an Boden gewonnen hat, sich nicht mehr durch staatliche Machtmittel einfach ersticken läßt. Wenn der Erlaß auch unmittelbare praktische Erfolge nicht hüben wird, so bedeutet er fiir die sozialpolitische Entwickelung Rußlands unverkennbar einen Wendepunkt. Auch seine mittelbare Wirkung macht sich bereits bemerkbar. Während eine seit bahren tagende sozialpolitische Kommission bisher nicht die geringste fruchtbare Arbeit geleistet hatte, ist setzt ganz plötzlich der Entwurf eines, werm auch noch unvollkommenen Unsallvcrsicherungsgesetzes fertig gestellt und bereits dem Reichsrat vorgelegt worden.
..In Deutschland ist wieder ein wichtiger, bositiver Schritt vorwärts getan worden. Das vom Reichstag am 23. März in dritter Lesung im wesent- Men nach den Kommissionsbeschlüssen angenommene mnderschutzgcsetz ist am 2. April promulgiert worden, patres auch noch manche Lücken, bedarf cs noch mancher Ergänzungen, so setzt es doch der Ausbeutung von Hunderttausenden von Kindern in gewerblichen Betrieben ein Ziel und gibt für sie der Möglichkeit einer besseren geistigen und körperlichen Entwickelung Raum, kluch sonst hat der Reichstag fleißig gearbeitet. Sowohl das Phosphor- wie die Novelle zum Krankenversicherungsgesetz sind in der Kommission durchberaten worden. Werden beide im Plenum angenommen, wozu trotz
der Abneigung der Sozialdemokratie gegen einige Punkte der Novelle Hoffnung vorhanden ist, so hat die letzte Session des alten Reichstages fruchtbare Arbeit geleistet. Von den bei der zweiten Etatsberatung angebrachten Rcsoüitionen wurden die ans Verkürzung der Arbeitszeit für Frauen und Jugendliche, aus Anerkennung der Berufsvereine und auf Vorlegung einer Überficht über die Maßnahmen auf dem Gebiet der Wohnungspolitik angenommen. Für die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter hat der Dundesrat einschneidende Bestimmungen durch zwei Erlasse getroffen; der eine verbietet den Aufenthalt und die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Betrieben, in welchen die Verarbeitung von Tierhaaren, Lumpen ec. stattfindet, der zweite unterwirft die Beschäftigung von Kindern in Steinkohlenbergwerken einschränkenden Bestimmungen. Um über Maßregeln gegen die Wurm- krankheit, die im Oberbergamtsbezirk Dortmund gefahrdrohende Dimensionen annimmt, zu beraten, fand am 4. April unter dem Borsitz des Ministers für Handel lind Gewerbe eine Konferenz statt, an der Bergbeamte, Ärzte, Bergwerksbesitzer und Bergleute teilnahmen. Über die Kartellenquete hat die Regierung den ersten Verhandlungsbericht, betr. das rheinisch-westfälische Kohlcn- syndikat, erscheinen lassen und weiterhin die Verhandlungen mit Vertretern der oberschlesischen Kohlenkonvention fortgesetzt. Zu der Frage der Pensionsversicherung der Privatbeamten hat die Regierung sympathisch Stellung genommen. Ferner ist am 1. April die Seemannsordnung und die Bestimmungen über die Einführung der Lohnbücher in der Kleider- und Wäsche- Konfektion in Kraft getreten. In Preußen ist an die Regierungspräsidenten eine Ministerialverfügung zur sorgfältigen Überwachung der Durchführung der gesetzlichen Vorschriften über den Bauarbeiterschutz ergangen, ebenso sind diese angewiesen worden, die Ärbeitsnach- weise zur Aufstellung einheitlicher Grundsätze bei der Berichterstattung an das Reich zu veranlassen. Von den zahlreichen Kongressen verdienen der Ärzte- und Ban- arbeiterschutz-Kongreß, sowie der Krankenkassentag der Erwähnung.
In Österreich ist die sozialpolitische Gesetzgebung ans einem toten Punkte angekommen. Auf allen Gebieten herrscht völlige Stagnation. Das seit Monaten immer wieder versvrochene Altersversicherungsgesetz ist noch immer nicht ans Tageslicht gekommen, die vom Justizminister eingeleitete Enquete über die Gewerbegerichte fördert nichts Positives zu Tage. Die Arbeiter- schutzbestimminigen über die Beschränkung der Arbeitszeit in den Fabrikeir werden mit Wissen, 'ja mit Willen der Regierung, die es mit den großen Industriellen nicht verderben will, durch Gewährung von Überstunden mehr wid mehr durchlöchert. Die Arbeiter sind fast völlig auf Selbsthilfe angewiesen. Infolgedessen nimmt die ge- werkschaftliche Entwickelung namentlich nach Rücknahme
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des einschränkenden Erlasses einen stetigen Fortgang. Nach dem letzten Jahresbericht der Gewerkschastskom- mission für 1902 gehörten dieser 99 861 Arbeiterberufs, vereine an.
Eine gewisse Ähnlichkeit der Entwickelung zeigt sich in England. Hier zwingt das Gebot der Selbsterhaltung die Gewerkschaften zur Selbsthilfe. Nach langen Beratungen der Gewerkschaftsvertreter ist eine Bracke Dispute Art entworfen worden, die dem Unterhause vorgelegt werden soll und die gegen die gewerk- schaftsfeindliche Tendenz, wie sie im Taff-Dale-Urteil zum Ausdruck kommt, Front macht. Allerdings fehlt es den Gewerkschaften noch an einer starten parlamentarischen Vertretung, um ihre Forderungen durchzusetzen. Die Regierung hat dem Unterhause endlich nach jahrelangen: Drängen einen Gesetzentwurf zur Erweiterung des Kinderschutzes vorgelegt, dessen erste Lesung bereits beendet ist. Die „National Labour Party" hat die Regierung durch eine Resolution zur Vorlegung eines Gesetzentwurfs zur Milderung der Wohnungsmißständ« aufgefordert. Der Streik in Denaby hat nach' 89-wöchrger: Dauer aus finanzieller Erschöpfung mit der Niederlage der Arbeiter geendet.
In Fra n k r e i ch hat die Altersversicherung der Bergleute durch einen Kammerbeschluß eine Neuregelung erfahren, die allen Bergleuten unter gewissen Bedingungen eine gteichinäßige Altersrente vom 55. Jahre an sichert. Ferner hat der höhere Arbeitsrat eine Reorganisation erfahren, die den Arbeitern einen stärkeren Einfluß zuspricht. Endlich ist in diesen Tagen ein Gesetz in Kraft getreten, bas die Gemeinden zu einer umfassenden Aufmerksamkeit auf dem Gebiet der öffentlichen Gesund- heitspflege verpflichtet und für eine Reihe ansteckende« Krankheiten die Anzeigepflicht festsetzt.
In Italien bewirkt der energische Wille den Regierung, die soziale Reform zu fördern, den den Minister am 1. April in der Kammer bei der Besprechung des Landarbeitcrslreiks von Neuem betonte^ weitere Fortschritte. Zur Besserung der Lage der Reis- arberter, deren Arbeitsverhältnisse in hygienischer undi sittlicher Beziehung zu Beanstandungen veranlaßten, sind eine Reihe von Bestimmungen ergangen, die namentlich die Hebung der Wohnungsverhältnisse bezwecken, die Arbeitszeit begrenzen und ein Schutzalter für Kindev festsetzen. Der Abgeordnetenkammer wurde von dev Regierung der Entwurf zu einer Wehrsteuer vorgelegt. Über den VerlausJ)e§ Generalstreiks in Rom haben Witz schon an anderer Stelle berichtet.
In den Niederlanden hemmt der seit Wochen dauernde Kampf um die Streikvorlagen, die in ihrer abgeschwächten Form am 9. April von der Kammer mit 8U gegen 14 Stimmen angenommen wurden, jede weitere! gesetzgeberische Betätigung, dagegen hat in Belgien! der Gesetzentwurf auf Einführung des Neunstundentags
Feuilleton.
Pariser Brief.
iarsreitag »»5 Oster« in Paris. — Montmartre. — Ans de« Pfcsserkuchenmarki.
Paris, 14. April.
Ostern liegt hinter uns und die Alltagsarbeit tritt lvieder in ihre Rechte. In Deutschland ist man gewöhnt, ^ den ersten und zweiten Feiertag noch einen dritten, Sterten u. s. w. zu schließen. Hier beschränkt man sich auf ersten und der Ostermontag gilt nicht mehr als offi- »leller Feiertag, wenn auch eine große Zahl von Läden ^schlossen bleiben. Am zeitigsten beginnen mit der ffsterfcicr die Fleischer, die schon am Karfreitag ihren ^nzigen Feiertag im ganzen Jahr begehen. Die mit Landcssitte nicht vertraute, nach Paris eingewanderte Hausfrau, welche an diesem Tag ihre Fleischeinkäufe Aachen will, gewahrt mit Erstaunen, daß von früh bis abends sowohl die Schweine-, als die anderen Schlächter F zwei hier vollständig getrennte Katcgorieen — ihre '-'ädcn hermetisch geschlossen halten. An, Nachmittag Zutscht ganze Fleischerznnst in festlich mit Guirlanöen ^schmückten Wagen in die Umgegend von Paris, nach ckoinville, Menton, SurcSnes und anderen beliebten "unkten, wo sich Meister und Gesell, Meisterstöchterchen Lehrling einer tollen, des Karfreitags ntcht gerade Erdigen Lustigkeit bei den Weisen der mitgebrachten Musikkapelle und bei dröhnenden Tänzen — denn meischcrsmann und Flcischersfran sind dank der kräf- ugen Nahrung robuste Gestalten und treten nicht leise °us — hingeben. Wenn die Schlächterwelt sich am heiligen Karfreitag vergnügt, hat ein anderer Bcrufszweig an ^sem Tage reichliche Arbeit zu leisten, die Fischhändler.
an diesem Getier in Paris während eines Tages "artilgt wird, ist unglaublich. Auch die sonst in Frank- nicht sehr geschätzten Karpfen, diese deutsche Lcib- 'a°ye, kommen zu Ehren und werden in Massen abgesetzt.
geringe Beliebtheit dieser Sorte Fische, die freilich J r deutschen im Geschmack sehr uachstcht, komnit auch im *rcis zum Ausdruck: 1 Franc das Pfund. Die letzten
Austernvorräte der Saison finden ebenfalls noch ihre AL nehmer. Diese hierzulande so populären und billige, Muscheltiere haben übrigens letzthin eine Krise durch gemacht, da einige Arzte sie für die Träger des Typhus bazillus erklärten und dadurch dem ausgedehnten Austern Handel einen schweren Schlag versetzten. Auch die Sardi nen erfahren eine starke Preissteigerung, da sie sie darauf kaprizierten, Heuer an den Küsten des atlantische, Ozeans nicht zu erscheinen, und so die Magen der not lerdcnden bretagnischen Fischer und die Gaumen de' Pariser Gourmands in Verlegenheit setzen. Währen! die ganze Hauptstadt, sei cs aus religiösen Gründen, sc cs ans alter Gewohnheit, sich der Fastenspeise widmete spielten einige freidenkerische Gesellschaften den seit eint ßen Jahren eingcftthrten Trumpf gegen die Kirche aus indem sie am Karfreitag marktschreicrmäßig angckündigtz Festbankette veranstalteten, auf denen die Stelle de, pische die settesten Fleischgerichte vertraten. Sehr ge schmackvoll ist diese Art der Opposition gegen die gläubi gen Katholiken nicht.
Der Andrang der letzteren zu den Kirchen mar wäll rend der Ostcrfciertagc ein ungewöhnlich starker Mai loiiiitc deutlich bemerken, daß das heftige Vorgehen det Ministerpräsidenten Combes gegen die geistlichen Gemein schäften in einem Teil der Bevölkerung eine Reaktiv, machgcrufen hatte, die sich durch vermehrten Kirchcubcsnck äußerte. Alle Gotteshäuser waren am Karfreitag »nt °u Ostern mehr als je gefüllt. Auch der Musikfrcnnt fand seine Rechnung, in der Madeleine hörte er Gounod i» Saint-Augustin Beethoven, in Saint - Philippe - di! Roule Mozart, in anderen Kirchen Cherubini. Hummel Samuel Rousseau. Besonders glanzvoll wurde das Auß erstehungsfcst in der Notrc-Damc und in der Sacrch Coeur-Kathedrale begangen. Auch ich lenkte meine Schritte, um dem Druck von Giebeln und Dächern uni der Straßen quetschender Enge zu entgehen, nach der imposanten, Paris beherrschenden Kirche auf dem Montmartre-Hügel. Da oben, wo der Blick über das gcwaltiac Häusermecr schwebt, kommt man sich wie aus dem All tagstrnbel, auS Handwerks- und Gewerbesbanücn hcr- anSgchvben vor. Man stattet auch als Protestant de», Hochamt gern einen Besuch ab und läßt die Mycht der
katholischen Kirche, die sich zum großen Teile von Außer» lrchkeiten, wie prunkhafte Pompentfaltung an hohen Festen, herschrcibt, eine Weile aus sich wirken. Ein sonderbares Stück von Paris, dieser Gipfel des Montmartre- Berges! Die zahlreichen Läden, in denen Andenken für Wallfahrer feilgeboten werden, versetzen fast nach Louröes. Der Zuschnitt der Häuser ist ein ganz anderer als unten in Paris und erinnert an ein kleines französisches Dorf. Die idyllische Ruhe des Platzes veranlaßt manchen Maler und Bildhauer, hier sein Asyl zu suchen. Christen- und Heidenwelt, Priester und Künstler — denn letztere zählen wohl nicht gerade zu den vollwichtigen Anhängern der Kirche — leben auf einträchtigem Fuße miteinander und sitzen vereint in den ländlichen, weinum- laubten Gartenlauben, den Blick weltverloren auf das zn Füßen liegende Paris gerichtet, das den einen als Heimstätte des weltumstrickenüen katholischen Glaubens — trotz Combes —, den anderen als Domizil der zügel. losesten athenischen Künstlerfreiheit erscheint. Ich be» schließe meinen Ostcrvormittagsspaziergang, nehme noch als zweiter Faust unter der Dvrfliudc einen Erquickuugs- trank ein — in Gesellschaft des Zeichners Willettc, der in vielen Bildern den Montmartre verewigt hat — und kehre fröhlich ins Tal zurück.
Aber nur, um als eifriger Chronikenschreibcr am Nachmittag den berühmten Pfcffcrkuchcnmarkt, der sich am anderen Ende von Paris aut der Place de la Nation von Ostern an vier Wochen lang abspiclt, zu besuchen. Hier herrschen andere Sitten und Gebräuche. Die Bemerkung drängt sich aber sofort aus, daß das Pariser Völkchen, obwohl cs einige große und kleine Revvlntio- nen in Scene gesetzt hat, im Grunde doch recht harmloser Natur ist. Ich wundere mich immer wieder, daß dreißig, und vierzigjährige Pariser Mamas ein Hauptvcrgnügen darin finden, sich auf einem Karussell drehen zu lassen, und daß ein würdiges Familienoberhaupt eine Stunde lang vor einem Hoiiigkuchenladen stehen bleibt, bis Bor- und Zunamen seiner Nachkommenschaft mit weißem Guß auf einem Pfcfferknchenmann angebracht sind. Die Serpciitinetänzerinncn - um dieses hochwichtige kulturgeschichtliche Ereignis nicht außer acht zu lassen - haben auf der heurigen Ostermesse, die sich freilich der Leipziger
