Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
Po. 178. Morgen-Ausgabe.
Samstag, den 18. April.
81. Jahrgang. 1903. y
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S . Der menschliche Geist offenbart sich in jeder Zeit anders £ H und verlaßt eine Form, in die er nie wieder zurückkehrt.
«, Wilhelm Grimm. §»
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Späte Erkenntnis.
Roman von Alexander Römer.
Der Unterricht in der höheren Mädchenschule war beendet. :n Scharen strömten die Kleinen und Großen ffi^S den verschiedenen Klassen durch den Schulhof ins rixreie. Vorn Turm der alten Domkirche schlug es zwölf.
, Es war heute der letzte Schultag vor deir Oster- tenen, und die Zensuren über den Fleiß und die Fortschritte rm Winterhalbjahr waren verteilt worden. Ta kam die lärmende Lust ungebändigter als sonst zum Ausbruch. Die Schultaschen wurden geschwenkt, die Kopch zusammengesteckt, die fest geflochtenen Zöpfe flogen um die frischen lachenden Gesichter. Einzelne sahen stolz .und beglückt . aus, andere suchten unter lautem Lachen v Prahlerei eine Niederlage zu verstecken,
Leer schlichen in gedrückter Stimmung nach Hause.
,Dre Gruppe, welche aus dem rechten Flügel des stemermeii Gebäudes hervorquoll, bestand aus vierzehn- bi» sechzehnjährigen, den der ersten Klasse und der Selekta angehorrgeii. Hübsche Erscheinungm darunter, schlank in die Hohe gewachsene Gestalten. Sie lärmten nicht mehr laut, redeten aber nicht minder eifrig, nur in unterdrücktem Flüsterton. Sie hatten schon Geheimnisse zu vertrauen und zu hüten.
schritten zwei. Die eine, ein auffallend hübsches Mädchen mit einem feinen aristokratischen Ge- nmt und lebh.aftcn Augen. Ilm den roten Mund mit den kühn geschwungenen Lippen spielte ein moquanter Zug. ^hre Gefährtin war kleiner und gedrungener, ein kerniges Mädel, mit einem offenen frischen Gesicht und ""§"i Augen. Sie hielt ihr Zeugnisbuch in der Hand und sah sehr beglückt aus.
ffilY "Ta. du kannst schon mit dem Dings da prahlen, ^llen , sagte die andere sorglos lachend, „ich hüte mich anttt zum orja.netrt zu kommen. Es fällt mir qarnicht ein, mich mit all dem wirren Zeug herum zu plagen, toemi du nicht meine Aufsätze und die schriftlichen Arbeiten überhaupt durchkorrigierst, säße ich ja wohl ganz unten mr. Inch, ein halbes ^ahr noch, dann bin ich mit dem llrempel fertig."
K m ™ ! “ rkf lachend, „mit der Arbeit hast du dir den Magen verdorben, solch einen brillanten Kopf, wie du hast — im Französischen und Englischen hast du übrigens „gut", Sprachen lernst du famos "
— weißt du — für die habe ich Interesse. Sie irtmcfa " Cm3t9e ' toa§ ^ in uieinem Leben allenfalls
Fräulein Adine, Freiin von Rodenfels, warf ihren ur dm Scacken und machte ihr hochmütiges Gesicht sie ® ramer sollte abschwenken, aber Adine hielt
. . »Du fährst natürlich mit mir, keine Ausrede! sieh nur wie schon das Wetter, geworden ist, strahlender Sonnen- xlw u Wir fahren aus einem Umwege in deine Emilien-
„Min, Adine, ich habe Eile, der Poldel kommt aus dem Examen, mir schlägt ordentlich das Herz, ob er bestanden."
„Dein Musterknabe? Um dm brauchst du doch nicht zu sorgen. Ihr beiden Geschwister habt ja die Weisheit mit Löffeln gegessen. Deine Mama zerflösse gewiß in Tränen, wenn eins von mch mal niit einem schlechten Zmgnis käme."
. „Ach, Mama" — Ellens Ton war schwer zu dmten, „die wollen wir nur in Frieden lassen. Die macht sich mehr Slot, als auszudenken ist. Aber gerade darum, — für alle Fälle — muß ich heute rasch nach Hause."
Adine hielt die Frmndin mit zwingender Energie fest. „Kleine, sperr' dich nicht, — solltest es bereits wissm, daß es dir nichts hilft. Sieh', da ist Peter schon, als ob du nicht auf deni Wägelchen früher nach Hause känist, als wenn du laufen mußt. Rasch! hinauf! Guten Tag, Peter, die Zügel her! Mensch! Du weißt doch, daß ich selber fahre."
. MrUches Cab mit zwei Sitzplätzen vorn und einem Rücksitz für den Diener, hielt vor dem Portal des Schulgebäudes. Adine saß schon obm und faßte die Zügel der beiden herrlichm Braunm. Sie trug eine Jacke von seinem schwarzm Wollstoff, die ihre elegante Figur verhüllte und zugleich als Staubmantel dimte, .und ein schlichtes Matrosenhütchen, unter dem die schwarzm Flechten in üppiger Fülle hervorquollen.
Ellen gab nach und kletterte gehorsam mif dm Sitz nebm ihr.
„Aber dann keinen Umweg um den Ziegelsee", sagte sie, „das nimnit eine gute Viertelstunde."
„Wenn dein Eigensinn das nicht zuläßt, mbene." Adme wippte mit der Peitsche, ein leichtes Zungen- schnalzen, die mutigm Rosse zogen an, Peter sprang behende aus seinen luftigm Sitz, dos dos der jungen Damen.
„Gieb's gefälligst zu. solch eine Fahrt im raschm Tempo ist etwas Schönes", rief Adine mit blitzenden Augen, „diese frische Frühlingsluft muß uns den Staub der alten gräßlichen Schulstube aus dm Kehlen fegen. Ach! wenn das graue Gemäuer erst einmal auf Nimmerwiedersehen hinter mir läge!"
„Ich begreife es garnicht, warum du dich so nach dmr Ende der Schulzeit sehnst", meinte Ellen, „ich fühle mich in der Schule eigmtlich aru wohlstm."
„Tugmdspiegel! Gottlob, bist du tvenigstens nicht langweilig dabei."
Sie fuhren rasch durch die Straßm. und mancher Norubergehende stand füll und sah der zierlichm Equipage mit ihrm hübsckm Jnfassinnm nach.
Ellens Mutter, die früh verwitroete Doktorin Kramer, wohnte in dem neu-gebauten Stadtteil der kleinm Residenz Schwanau. Die Wohnungm lagm fast noch im freien Felde und warm hier sehr billig.
Me Witwe hatte Grund, sich nach allm Richtungen einzuschränkm. Ihr Mann war Arzt gewesm, jung gestorben, Vermögen nicht vorhanden, und die kleine Pension, die sie aus einer Kasse, in die ihr Mann sie ein- kaufte, bezog, reichte nicht weit. Sie schlug sich mit ihren beiden Kindern mühsam durch.
Da war denn auch unter den Sorgen und Kümmer- nissen ihr einst so schönes Haar früh gebleicht, und ihr feines Gesichtchen blaß geworden.
Adine lmkte das Gefährt direkt nach Ellms Wohnun-z fuhr die kahle, sonnige, nur halb bebaute Straße iit raschem Trabe entlang und parierte die Rosse elegant vor! der Stummer 16.
„Sieh da! der Poldel", sagte sie halblaut.
Aber Ellens Gesicht flog die Röte der Erregung, alL sie den Bruder jetzt gewahrte.
Ein hochaufgeschossener blondhaariger Jüngling, gut aussehend, mit einem stutzerhaften Anflug, schritt auf dem Trottoir und lenkte auf das Haus zu.
Ellen war mit einem geschickten Sprung untm, ehs Peter zur Stelle war, um dem jungm Fräulein zu Helfern,
Sie eilte auf den Bruder zu, und rief atemlos: „ista. Poldel?"
Der junge, etwa 18-jährige Herr zog ehrerbietig mit einem graziösen Nachdruck seine rote Primanermütze vor! dem gnädigm Fräulein da oben auf ihrem thronartigen: Sitz und sagte dann in herablassendem Ton halblaut zun Schwester: „Nun — Nummer Eins mit Auszeichnung."
„O Poldel!" Ellens Züge strahlten, sie machte Miene, dm Bruder zu umarmen, er verhinderte das indeß durch seine abwehrmde Haltung.
Fräulein Adine amüsierte sich augenscheinlich köstlich über das Gebahren der Geschwister. „Ich höre so mit halbem Ohr ein vielsagendes Gemurmel", rief sie neckisch herab, „ich will nur gleich gratulierm. Das einzige, was bei dem jungen Herrn zu erwarten war, die Nummeo Eins in höchster Vollkommenheit ist natürlich da in dev Mappe."
Herr Leopold Kramer, fertiger, sieggekrönte« Abiturient, verbeugte sich etwas linkisch. Er ärgerte sich schmählig. weil er rot wurde und keine schlagfertige Red« in Bereitschaft hatte. Diese schneidige junge Dame, der er um jeden Preis höllisch zu imponieren wünschte, hatte die verflixte Manier, ihn aus dem Konzept zu bringen^
Sie war sehr Wohl bekannt in der obersten Schicht der Prima, und hieß dort „die schwarze Ulanin". Wie sie zu dem Namen gekommen, war nicht mehr nachzuweisen,- aber es galt uneingestanden für ein riesiges „Schwein'% wmn man ihr begegnet war, oder gar mit ihr gesprochen^ hatte.
Leopold Kramer, dessen Schwester für ihre JntimL galt, wurde über sie, ihr Tun und ihre Reden gelegentlich ausgeforscht, und äußerte sich dann vielsagend geheimnisvoll, in dem Bemühen die Kommilitonen an einen prickelnd vertraulichen Verkehr zwischen ihm und ihn glauben zu machen. In Wahrheit sah er die „schwarza Ulanin" selten in der Nähe, sie stieg nicht oft die drei' Treppen in der Emilicnstraße hinauf, sondern lud ihr« geliebte Ellen zu sich ein.
So dienerte denn der Poldel jetzt auch nur wiede» holt linkisch und krebsrot im Gesicht, und verschwand dann so eilig wie möglich im Hause, um atemlos vorn schnellen Aufstieg, wo er immer drei Stufen auf einmal genommen, oben am Flursenster hinter der Gardine zrr spähen, nach ihr. die unten noch mit Ellen schwatzte und lachte. Gelacht hatte sie schon, als er vor ihr stand, diese8 infame moquante Lachen, das sie doch so hübsch kleidete, Brillant sah sie aus die Hexe, so vornehm, so elegant. DiS kannte keine Verlegenheit. Ha! jetzt wanderten ihrs Äugen hinauf, wo er stand, er verbarg sich noch weiten hinter der Gardine — wie ihre weißen Zähne in deL Sonne blitzten! (Fortsetzung folgt.)
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Jacob Wagner, Weingutsbesitzer. Nauetttbal. den 13. Avril 1903
