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. 180 .
Verlags-Fernsprecher No. 2958.
Samstag» de« 18 . April.
Rebaktions-Fernfprechcr No. 52.
1903 .
Abend-Ausgabe.
Politische Uebersicht.
Nach der kurzen, durch das Osterfest bedingten Ruhepause haben die Wahlvorbereitungen wieder mit verstärkter Kraft eingesetzt. Aber der Wahlkampf erscheint bisher noch immer als ein Kampf aller gegen alle, und die Dinge sind noch weit davon entfernt, daß man sich ein einheitliches Bild von dem statu» guo der Wahlbewegung machen könnte. Tie verhältnismäßige Ruhe, die sonst infolge der Parlamentsferien auf dem Gebiete der inneren Politik bei uns herrscht, wird von der ausländischen Presse dazu benutzt, um sich mit denjenigen deutschen Angelegenheiten zu beschäftigen, die — nicht vorhanden sind. So ist beispielsweise die Verlobung des deutschen Kronprinzen ein Gegenstand inten- swster Sorge der ausländischen Presse, obwohl doch das Ehestiftei: nicht zun: Beruf der Presse gehört. Da sich aber besagte Presse noch nicht darüber einig ist, ob sie den Kronprinzen mit einer eumberländischen oder mit einer dänischen Prinzessin verloben soll, so wird dem deutschen Kronprinzen nichts weiter übrig blechen, als noch weiter im Junggesellenstands zu verharren.
Während die internationale Lage sich in dieser Woche im Vergleich zur vorigen wenig verändert hat und eine gleich unruhige geblieben ist, sind die A usstands- b e w e g u n g e n, in deren Zeichen Europa in der vorigen Woche stand, im Sande verlausen und sie haben durchweg mit der Niederlage der Arbeiter geendigt. Insbesondere in Holland und in Italien haben die Arbeiter die srestich recht teuer bezahlte Erfahrung gemacht, daß der Versuch, einen Generalstreik ins Werk zu setzen, ein ebenso fruchtloser wie törichter ist. In Holland haben die Eisenbahnarbeiter diesen frivolen Versuch noch dazu mit einer wesentlich^: Verschärfung der strafrechtlickwn Bestimmungen gegen die Streiks bezahle:: müssen. Hoffentlich werden nun wenigstens die Arbeiter der anderen Länder durch das von den holländischen bezahlte Lehrgeld darüber belehrt, eine wie zweischneidige Waffe die Streiks sind.
L Daß die Sozialisten keineswegs durchweg der vernünftigen Einsicht unzugänglich sind, hat sich soeben in Frankreich gezeigt, wo der Parteitag der französischen Sozialisten den von den radikalen Genossen verlangten Ausschluß des früheren Handelsministers M i 11 e r a n d aus der Partei abgelehnt hat, wenn atich freilich mit knapper Mehrheit. Herr Millcrand hatte bekanntlich den Zorn der sozialistische:: Fanatiker erregt, west er der Regierung allzuviel Konzessionen gemacht
habe. Innerhalb der deutschen Sozialdemokratie ist inan minder tolerant, da heißt es mit dem bekannten Worte Liebknechts: Wer sich nicht fügt, der fliegt!
Im übrigen wird die Aufmerksamkeit der Franzosen, während nmn noch nicht weiß, ob die angekündigte Wiederaufrollung der Dreyfus-Assäre kommen wird oder nicht, bereits wieder durch eine neue Skandal- As f ä r e in Anspruch genommen. Oppositionelle Blätter erheben gegen mehrere Abgeordnete und auch gegen den Sohn des französischen Ministerpräsidenten, den Generalsekretär im Ministerium des Innen:, Edgar Combes, den Vorwurf, daß sie sich durch Bestechung hätten bereit erklären wollen, den Kalthäusern das Niederlassungsrecht zu verschaffen. Ta die so Beschuldigten bereits die Gerichte gegen die Verleumder angerufen haben, wird man wohl in Bälde erfahren, was es mit diesen nicht gerade wahrscheinlichen Beschuldigungen auf sich hat.
Der Präsident der französischen Republik hat unterdes eine Spazierfahrt nach Algier angetreten, wo er unter anderen: eine von einer marokkanischen Gesandtschaft überbrachte Adresse des Sultans Abdul Aziz entgegengenommen hat. In Algier ist man nicht ohne Sorge iibec das Anwachsen der gegen dm Sultan gerichteten Bewegung, denn diese drohte schon mehrfach, sich aus das benachbarte algerische Gebiet zu verpflanzen. Unverkennbar sind die Chancen des Sultans gesunken und die des Prätendenten Bu Hamara gestiegen, und besonders der Verlust der Festung Frajana läßt die Erstarkung der Aufstandsbewegung deutlich erkennen.
Aus dem makedonischen und albanischen Aufstandsgebiet sind in den letzten Tagen weniger beunruhigende Nachrichtei: gekommen und seitens der Mächte hoffte man, daß der Pforte die Bewältigung des Aufstandes gelingen wird. Freilich wird man sich gerade in Albanien noch auf mancherlei Zwischenfälle gefaßt machen müssen, denn das auf Verlangen Rußlands nachträglich iiber den Mörder des Konsuls Tscherbina verhängte Todesurteil wird unter den Albanesen den Ruf nach Rache alsbald laut ertönen lassen.
Beruhigend wirkt es jedenfalls, daß man in Bulgarien neuerdings, den russischen Mahnungen folgend, abzuwiegeln sucht. Hat doch Fürst Ferdinand durch sein Dankschreiben au den Zaren Nikolaus dokumentiert, daß er kein Begehr danach trägt, die russische Balkanpolitik offen zu durchkreuzen. In Serbien, ivo König Alexander ein Gewalt- und Schreckensregiment führt, ist jede Opposition gegen den letzten Staatsstreich im Mime erstickt worden, und eine rücksichtslos gehandhabte Censur sorgt dafür, daß man in: Auslande von den Vorgänge:: in Serbien in der Hauptsache nur das erfährt, was dm serbischen Machthabern in den Kram Paßt.
Me MinMiguils wegen Trunksucht.
Beim 9. Internationalen Kongreß gegen den Alkoholismus in Bremen kam auch dieses Thema zur Sprache. Der erste Referent, Professor I)r. C r a m e r - Güttingen, legte demselben den folgenden Leitsatz zu Gründe: „Die Trunksucht ist eine Krankheit,- die Entmündigung wegen Trunksucht wird nur selten dnrchgesührt,- in den meisten Fällen, in denen sic ausgesprochen wird, kommt sie zu spät". Hierauf führte der Redner weiter aus: Die Trunksüchtigen werden zumeist pathologisch zu behandeln sein, denn es handelt sich doch stets um minderwertige, degenerierte Personen, die zum Teil, wie die sogenannten „Quartalssäufer", sogar akut geisteskrank sind. Die Ursache der Erkrankung an Trunksucht kann sehr verschieden sein. Entweder liegt Vererbung vor, oder aber sie ist auernwrben, z. B. durch eine Alkoholtherapie (bei bleichsüchtigen Mädchen), nach infektiösen Krankheiten, nach Ge- hirnkrankheiteu, geistiger Überanstrengung re. Dazu kommt die Hinüberführung zur Trunksucht durch den Berns, gesellschaftliche Sitten, Trinkgebränche :c. Die Trunksüchtigen sind demgemäß in zwei Klassen zu scheiden, in die der Heilbaren und in die der Unheilbaren. Die Fürsorgebchaudlnug muß in erster Linie der letzteren Klasse sich zuwenden. In juristischer Beziehung sind die Unheilbaren mit den Geisteskranken ans gleiche Stufe zu stellen. Die Anstaltsbehandlnng miisse 1 bis 2 Jahre in Anwendung kommen, bezw. so lange, bis der Kranke zur völligen Abstinenz erzogen sei. Der Redner bedauert, daß von der durch das biirgerliche Gesetzbuch gegebenen Handhabe gegenüber Trunksüchtigen noch sehr wenig Gebrauch gemacht werde. Die Statistik des Reichsgesunö- heitsamtes zeige, daß im Jahre 1895 12 231, 1896 14 238 und 1897 14 323 chronische Alkoholisten den Anstalten zugeführt wurden. Demgegenüber wurden aber zum Beispiel im Jahre I960 nur 688 und im Jahre 1991 nur 822 Trunksüchtige entmündigt. Es sei deshalb eine Aufklärung des Publikums darüber notwendig, daß die Entmündigung eines chronischen Trinkers nicht nur im Interesse des Trinkers, sondern auch in dem seiner Familie liege. Eine weitere Ausdehnung der gesetzlichen Bestimmungen in Bezug auf diese Materie erscheine jedoch nicht notwendig. — Der zweite Referent, Professor Dr. Endemann - Halle a. S., führte aus: Im Jahre 1961 wurden in Preußen wegen Trunksucht entmiindigt 528 Personen (wegen Geisteskrankheit und Geistesschwäche 3537, wegen Verschwendung 113). Von den seit dem Inkrafttreten des bürgerlichen Gesetzbuches bis Ende 1901 wegen Trunksucht entmündigten 616 Personen wurden 68 in Heilanstalten (sämtlich Privatanstalten) untergebracht. — In der Provinz Sachsen :v-urden wegen Trunksucht entmündigt: 1901 27, 1902 28 Personen. Das sei ein ganz
Am sonnigen Strande.
Von Henryk Sienkiewicz.
Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner.
(1. Fortsetzung.)
»Ihr Pferd erwies sich als ganz ruhig", sagte Frau Korecka.
, »Was mich nicht wenig freut; denn hier konnte le:cht ein Unglück passieren — und ich fürchtete ein wenig."
, In seinem Gesichte zeigte sich jedoch einige Verlegen- heit, vorerst deshalb, weil das, was er von der Widersetzlichkeit des Pferdes beim Aufsteigen erzählt hatte, wie ^ne Lüge aussah und dann, weil zwischen ihm und Ttvirski ein verhehlter Unwille vorherrschte. De. Stuten hatte zwar nie ernste Absichten in Bezug auf Frau Korecka gehabt, aber er hätte es lieber gesehen, daß ihn auch :n seinen Launen niemand störte. Außerdem kam es Stoischen ihm und Swirski vor einigen Wochen zu einem lauten Wortwechsel. Sinte::, der ein verbissener Aristokrat jvar, erklärte einmal während eines Diners bei Frau Korecka, daß seiner Überzeugung nach der Mensch erst aein: Baron anfange. Darauf fragte Swirski, von schlechter Laune beeinflußt: „Hinaus oder herunter?"
Der junge Mann nahm diese Antwort so ernst, daß er wit Herrn Wiadrowski und dem alten Rat Kladzki zu beraten begann, wie er weiter Vorgehen solle — und erfuhr hon ihnen mit Staunen, daß Swirski einen Fürstenhut 'm Wappen trage. Auch die Nachricht von Swirskis ungewöhnlicher physischer Stärke und seiner Fertigkeit im schießen wirkte gleichfalls beruhigend auf die Nerve:: des Barons de Sinte::, genug, daß der Wortwechsel ohne stolzen geblieben war und daß er bloß einen Unwillen in beider Herzen zurückgelassen hatte. Übrigens wurde oreser Unwille von der Zeit an, als Fra:: Korecka entschieden ans die Seite des Herrn Swirski zu neigen schien, ganz und gar platonisch.
¥ Ter Maler empfand ihn jedoch tiefer. Niemand wnnte zwar annehmen, daß die Sache mit einer Ehe schließen sollte, doch unter den Bekannten fing man schon on von seinem Gestühl, welches er für Frau Korecka hegte, Su sprechen, und er argwohnte, daß Sintcn und Konsorten
ihn zum Gegenstände ihres Spottes machten. Sie ließen es zwar nie, auch nicht durch ein einziges Wort merken. Swirski hegte aber trotzdem die Überzeugung, daß es so sei, und cs schmerzte ihn hauptsächlich in Rücksicht auf Frau Korecka.
Er freute sich jetzt, daß Dank der ruhigen Gemütsart des Pferdes Sinte:: sich als Mensch erwiesen hatte, welcher sogar ohne jede Ursache unwahre Dinge erzähle, er sagte demnach, als er zurückgekehrt war: „Ein gntes Pferd und eben deshalb gut, weil es so ruhig ist wie e>n Lamm." Worauf er herunterstieg und sich zu ihnen gesellend. mit ihnen weiterschritt. Frau Korecka begann jetzt, Hern: Sinte:: zu verspotten, vielleicht auch, um seiiwr los zu werden, über Bilder und überhaupt Wer Kunst im allgemeinen zu sprechen, von welcher der juugeSports- nrann nicht den geringsten Begriff hatte. Jener aber fing ans den Klatsch des Spielhauses zu verraten, wobei er der schönen Witwe zum gestrige:: Glück gratulierte, was dieselbe gezivungen anhörte, denn sie schärnte sich vor Swirski, daß sie an: Spiele teilgenommen. Ihre Verlegenheit ivurde jedoch :wch größer, als Romulus auS- rief: „Mama, und uns sagtest du, daß du nie spielest.
Dafür wirst du uns je eine:: Louisd'or geben, nicht wahr?"
Sie ansivortete so, als ob sie zu niemandem direkt spräche: „Ich suchte den Rat Kladzki, um ihn für heute zun: Diner einzuladen, worauf wir uns ein wenig unterhielten."
„Gib uns einen Louisd'or!" wiederholte Romulus.
„Oder kaufe uns eine kleine Roulette", setzte Remus
hinzu.
„Langweilt mich nicht. Steigen wir wieder in den Wagen. Auf Wiedersehen, Herr Sinten!"
„Um sieben?"
„Um siebe::."
Nach diesen Worten trennten sie sich und nach einer Weile befand sich Swirski wieder an der Seite der jungen Witwe; sie hatten jetzt die beiden Rücksitze gewählt, um den Sonnenuntergang betrachten zu könne::.
„Man hört, daß Monte Carlo weit besser geschützt sei, als Mentone", sagte die Witwe, „aber ach! wie es mich manchmal. quält! Dieses unaufhörliche Geräusch, dieses
Treiben, diese ewig neuen Bekanntschaften, die man schließen muß, ob man will, oder nicht. Oft überkömmt mich die Lust, zu entfliehen, um den Rest des Winters in irgend einem ruhige:: Winkel zu verbringen, wo ich nur jene Menschen scheu wollte, die mir lich sind. Welche von den umliegenden Ortschaften gefallen Ihnen om besten?"
„Ich liebe ganz besonders St. Raphael: die Pinien erstrecken sich dort bis zum Meere."
„Ja, aber von dort ist es weit nach Nizza", antwortete sie mit leiser Stimme, „und in Nizza haben Sie Ihr Atelier."
Für einen Augenblick trat Stillschweigen ein. worauf Frau Korecka neuerdings fragte: „Und Antibes?"
„In der Tat, ich vergaß Antibes."
„Und das liegt so nahe bei Nizza. Ich bitte, nach dem Diner etwas länger bei mir.zu bleiben, wir werden dann darüber beraten, wohin man am besten vor den Menschen flüchten könnte."
Er blickte ihr tief in die Augen und fragte: „Wollen Sie wirklich vor den Menschen flüchten?"
„Sprechen wir offen“, antwortete sie, „aus Jh>-er Frage höre ich den Zweifel heraus. Sie verdächtigen mich, daß ich deshalb so spreche, um mich vor Ihnen besser zu machen, oder wenigstens minder oberflächlich als ich bin . . . Und Sie haben das Recht, so zu denken, da Sie usich unaufhörlich in einein Welttrribel sehen. Aber ich will Ihnen darauf antworten, daß der Mensch oft nur deshalb den gewohnten Weg geht, weil man ihn einmal in dieser Richtung fortgestoßcn . . . und er trägt nur widerwillig die Folgen des früheren Lebens. Melleickt ist es, was mich betrifft, die Schwäche eines Weibes, das sich ohne fremde Hülfe zu keiner Energie anfschwingen kann — ich gebe es zu . . . Aber das hindert nicht, sich nach einen: ruhige:: Winkel und nach einem stillerem Leben sehr aufrichtig zu sehnen. Mag man sage::, was nmn will, aber wir sind wie die Schlingpflanzen, die, so- bald sie nicht nach oben sich schlingen können, auf 'der Erde kriechen . . . Und deshalb irren die Menschen oft, ivenn sic glauben, daß wir aus eigenem Antriebe kriechen' Ulster diesem Kriechen verstehe ich bloß ein eitles, weltliches Leben, ohne jedweden edleren Gedanken. Doch wie
