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— '■< Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, °>

Nr- 19b. Dienstag, 24. 5luguft. I9iö.

<7. Fortsetzung.)

„Vas Tantchen."

Erzählung von Horst Bodemer.

< Nachdruck verboten.)

Am nächsten Morgen stand Fräulein Emmi Böhmer Spähend am Fenster und wartete auf den Briefträger. Endlich mußte doch eine Zeile von Heini Klevenich kommen. Wenn ihm der Vater auch das Betreten des Hauses verboten hatte, auf ein paar Zeilen hatte sie be» stimmt gerechnet. Denn daß er sie aufgoben würde, Nachdem er die grauenhafte Wahrheit erfahren, das :flIoirt)te sie nicht. Das war's ja, was sie bis jetzt auf­recht erhalten, hatte.

Da kam endlich der alte Streckies. Auf der Diele nahm sie ihm die Postsachen ab, mit brennenden Augen -sah sie nach der Handschrift der drei Briefe. Wieder nichts von ihm, ihre Mundwinkel zuckten.

„Jk haib' noch ai—nen, aingaschriÄ>en, an den Herrn Ritterjutsbesitzer von der Kenigsbavger Vereinsdank, den muß ich salbst abjrben!"

Frau Böhmer kam herbei, sie hatte auch auf den Postboten gewartet; wenn gerichtliche Zustellungen oder ähnliche unagenehme Dinge kamen, wie so oft in der letzten Zeit, so nahm sie die immer in Empfang und las sie erst, denn ihr Mann war in der letzten Zeit so fürchterlich aufgeregt. Sie hatte Streckies letzte Worte gehört.

„Von der Königsberger Vereinsbank sagten Sie?"

„Ei ja dochchcn, jnäd'ge Frau!"

„Dann kommen Sie mit zu meinem Mann!"

Emmi ging auch mit. An der Tür zum Arbeits­zimmer blieb sie mit pochendem Herzen stoben, dbn die Wereinsbank in Königsberg hatte sich der Vater um - Hergabe der Hypothek auch gewendet, das wußte sie. Das Gesuch war abgeschlagen worden. Vielleicht hatte es sich die Direktion doch noch anders überlegt.

. Herr Böhmer saß vor seinem Schreibtisch, hatte gar nrcht ausgeblickt, wie die drei eintrat-en, ein angegange­ner Brief lag vor ihm.

„Kurt, da, unterschreib den Postzettel, ein einge­schriebener Brief von der Königsberger Vereinshank, sonst nichts von Bedeutung!"

Die Hand zitterte, als sie den Postzettel unterschrieb. Mer Herrn Böhmers Stimme war ganz ruhig, als er hu Streckies sagte:

, „Kommen Sie auf dom Rückiveg mit ran, es ist Ber» jschiedenes mitzunchmen!"

Frau Böhmer hatte sich einen Stuhl neben ihren Mlann herangcholt, sich gasetzt, während der alte Post­bote das Zimmer verließ. Herr Böhmer begriff nicht, was die Königsberger Vereinsbank noch von ihm wollte. Hastig riß er den Umschlag auf, drückte, nachdem er flüchtig das Schreiben Uberleisen, jäh das Kinn an Len Hals, sprang auf und brüllte:

„Nein, Herr Leutnant Klevenich, so haben wir nicht gewettet! So nicht!"

Die Worte genügten, um Emmi von ihrem Posten tzn der Tür schleunigst an Hie Seite der Mutter KU ibrin' gen, der der Brief in der Hand vor Aufregung hin und her zitterte.

Emmi aber tanzte lachend und weinend, nachdem sie den Brief gelesen, durchs Zimmer und fiel ihrem Vater um den Hals.

„Papachen, Papachon, nun bleibst du hier in Laupischkeim! Nun wird alles wieder gut! Ich hab's ja gewußt, was für ein prächtiger Mensch er ist, wie lieb er mich hat!"

Mit jähem Ruck machte er sich frei.

„Erlaube mal, mein Töchterchen. Es ist ein großer ^rrtum, wenn du denkst, ich nehme das an! Daß er sich hinter die Königsberger Vereinsbank gesteckt hat, ist natürlich sonnenklar! Und allen Respekt vor seiner pflxlgkeit! Denk mal gefälligst weiter! Klevenich mel- det seinem Kommandeur seine-Verlobung und der fragt selbstverständlich: Ist denn auch die nötige Kaution da? Und dein Verlobter packt dann seine zweite Hypothek aus Laupischkeim aus. Ach nein, so läßt sich ein Mann wie ich von seinem Schwiegersohn nicht unter die Arme greifen!"

Das war selbst für die sonst stille Frau Böhmer

zuviel.

„Du mit deiner echten ostpreußischen Droibastigkeit! ^st das etwas Ehrenrühriges oder Kränkendes? ' llnb dann ist es nicht für uns alle drei die Rettung? Sind wir denn nicht nach menschlicher Voraussicht endlich über den Berg, wenn wir aus weitere zehn sichre die zweite Hypothek sicher haben? Und das stcht hier in dein Briefe, samt der höflichen Auffordernng an dich, in den nächsten Tagen zur Erledigung der Formalitäten bei der Direktion der Vereinsbank vorzusprechen, lind senkst <du vielleicht, bas Offizierskorps weiß nicht, ürne wir stehen? Und wenn sich der Leutnant Klevenich aus dem Zusammenbruch unsere Emmi herausholt, wolltest &u nta}i§ Hcrgogen haben, hast du vorgestern ges'0/gt. Was ist denn da angenehmer für uns und die beiden junger, Menschenkinder? Mein guter Alter, jetzt häng' aber endlich erninal deine ostpreußische Dreibastigkeit an den Nagel. Unter der Hab' ich nun gerade genug «gelitten! Und dann, wer eribt denn später unser Laupischkeim? Emmi! Und daß ein Ehemann seiner Jvau die zweite Hypothek kündigt, -mag ja vorkornmen, aber mit dieser Wahrscheinlichkeit rechnen doch wohl anständige Leute nicht!"

Herr Böhmer.hielt sich die Ohren zu und raste durchs Zimmer.

Ja, es war die Rettung! Aber wie stand er dann diesem jungen Leutnant gegenüber? Er sah seine Tochter an, die strahlte über ihr ganzes, frisches Gesicht. Ihm schien es, als lache sie ihn aus. Da riß er den Fensterflügel auf. Drüben an der Pumpe stand der Kutscher.

„Anton — anspannen!"

Zu klirrte das Fenster. Ohne ein Wort zu sagen, verließ Herr Böhmer das Zimmer, um sich umzuNeiden. Dem Herrn Leutnant Klevenich wollte er auf die Bude rücken und deutsch mit ihm reden. Denn das Alle?' nötigste war doch, daß er erst einmal ganz klar sah.