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si. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

19,000 Abonnenten.

Anzeigen-Preis:

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg„ für auswärts 1 Mk.

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N». mm. _ Freitag, tat 17. April.

Morgen-Ausgabe.

pfldj der Pertrcibung der OrdensgkMilWsien.

Unser Pariser Korrespondent schreibt: Die

^ Kämmen: sind in die Ferien gegangen, die Kongre­gationen, en bloc verurteilt, bereiten sich vor, Frankreich en ddtail zu verlassen. Die klerikale Gefahr, das schwarze Gespenst, ist gebannt. An den Siegern, den Radikalen, ist es nun, mit der Kaltblütigkeit, die aus dem Sicherheitsgefühl entspringt, die neue Lage der Dinge ins Auge zu fassen, die sie geschaffen haben. Diese Lage ist einfach und klar. Das Konkordat, welches Ministerpräsident Combes aufrecht erhält, obwohl er mit seiner Kündigung droht, besteht bis auf weiteres fort. Die Ordensgesellschaften verschwinden. Von ihnen sprach das Konkordat nicht und dieses Schweigen wurde gegen sie ins Treffen geführt. Nach ihrer Unterdrückung stehen sich eine vomStaat subventionierteKirche, die diesem Respekt und Loyalität schuldet, und eine Zivilgewalt, Ivelche der Kirche Toleranz schuldig ist, gegenüber. So klar diese Situation ist, die Radikalen und sozialistischen Radikalen scheinen sie nicht zu begreifen. Sie schicken sich an, weil noch nicht zufrieden mit den erreichten Er­folgen, nach dem Siege die gehässigen Mittel gegen ihre " Gegner anzuwenden, die vielleicht während des Kampfes ein notwendiges Übel sind, aber Besiegten gegenüber nicht am Platze erscheinen. Und im Einverständnis mit dem Ministerium setzen sie das System der Chikanen fort, dem die Hülste der Franzosen seitens der anderen Hälfte ausgesetzt ist. Ein typisches Beispiel der gegen­wärtig in Frankreich herrschenden Unduldsamkeit und politischen Nerfolgungssucht ist der Erwähnung wert. Kürzlich wurden die Pariser Krankenhausärzte, die vor den Ernennung zum Chefarzt stehen, nach den Bürger­meistereien ihrer Arrondissements beordert, um über ihre politische Gesinnung und ihre Zugehörigkeit zum „Block" ausgefragt zu werden. Eine derartige behörd­liche Neugierde geht doch wohl etwas weit, würde in Deutschland mit dem schärfsten Protest zurückgewiesen werden und ist aus dem Lande der Libertä, Egalitä und Fraternite zu berichten. Diese merkwürdige politische Aushorcherei ist authentisch, denn das ernsthafteste fran­zösische Blatt, der „Ternps", erzählt sie und nennt sie lächerlich, dumm und über alle Maßen gehässig. „Also um Kranke zu heilen", fügt die Zeitung hinzu, „mutz man vor dem Maire beschwören, daß man die Messe nicht besucht und Emile Combes für einen Musterpolitiker hält." Der das jetzige Regime beseelende Geist offen­bart sich übrigens auf die mannigfaltigste Weise. Noch nie hat eine Regierung, wenn sie eine Ernennung vor­nehmen, einen Orden oder eine sonstige Gunstbezeigung austeilen will, so häufig zu geheimen Polizeirapporten, Berichten der Präfekten rc. gegriffen als jetzt. Nament-

RrbaktionS-Fernsprecher No. 5!.

1903.

lach die Polizeiberichte spielen augenblicklich eine solche

Rolle, daß sich ein Regierungsblatt, der „Franyais", ver­anlaßt fand, eine ausgedehnte Preßpolemik gegen dieses widerwärtige Mittel,, das darauf hinausläust, daß ein anrüchiger ^Polizeimensch einen klatschsüchtigen Concierge über die Hausbewohner ausfragt, in Scene zu setzen. Und solche Ausspioniererei kommt in dem Lande vor, wo die „Declaration des droits de l’homme" als Prinzip aufstellte, daß „alle Bürger vor dem Gesetz gleich und in gleicher Weise zu allen Würden, Stellen und öffentlichen Ämtern, je nach ihrer Fähigkeit und ihrem Bürgerverdienst, berechtigt sind." In der Tat, man legt im heutigen Frankreich die Errungenschaften der großen Revolution auf sonderbare Manier aus. Nicht um die Talente, die Moralität und die äußere Korrektion der Beamten, sondern um ihre politischen und religiösen Überzeugungen kümmert sich das Kabinett Combes, selbst wenn diese nicht im geringsten Wider­spruch zum republikanischen Gedanken stehen.

Ter über die Klerisei davongetragene Sieg sollte der herrschenden Partei genügen und sie zur Milde und Duldsamkeit gegen die einzelnen Katholiken stimmen. In einer kürzlichen Senatsrede, die an den Mauern aller Gemeinden Frankreichs angeschlagen wurde, versicherte der Ministerpräsident, daß seit 20 Jahren alle Ver­letzungen des Konkordats auf Rechnung des Klerus und nicht des Staates zu setzen seien. Aber ist es nicht auch eine grobe Verletzung dieses Vertrags, der den Katholiken Bewegungsfreiheit garantiert, wenn einzelne Staats­bürger wegen ihres Glaubens chikaniert werden? Ein Übermaß religiöser Intoleranz dürfte leicht zu neuen Verwicklungen und Unruhen führen und Frankreich hat deren in diesem Jahre allein in der Bretagne genug erlebt. Blanche Zustände lassen in den Franzosen das Gefühl entstehen, daß es besser ist, unter einem absoluten Monarchen als in einer Republik zu leben. Die Regie­rung ist durch Ereignisse der letzten Monate genügend darüber unterrichtet, daß es gefährlich ist, den Bogen zu straff zu spanneu. Wird sie sich an die Lehren der Er- eignisse halten? Wir bezweifeln es, denn erbitterte Kampfstimmung ist das notwendige Lebenselement eines französischen Kabinetts, das sofort an Anhängern ver­liert, wem: es den Weg der Mäßigung beschreitet. Durch die Sozialisten wird es immer weiter nach links gedrängt, denn diese üben bekanntlich auf Ministerium und Kammer einen Einfluß aus, der in keinem Verhält­nis zu der sozialdemokratischen Deputierten- und Senatorenzahl steht. Alles sehnt sich hier nach Ruhe und vor allem nach Neutralität in religiösen Angelegen­heiten, der Präsident der Republik benutzt jede Gelegen­heit, um zur Versöhnlichkeit zu mahnen. Aber seine Stimme verhallt wie die eines Predigers in der Wüste. Seit längerer Zeit spricht nmn schon von Mißhellig- keiten, die zwischen Landet und Combes bestehen. Ersterer ist besonnen, letzterer leidenschaftlich. Man kann in Ruhe abwarten, wie lange sie sich noch vertragen.

Pom Schulunterricht in der Union.

Das britische Unterrichtsministerium („board ob education") gibt ein großes Sammelwerk über das Unterrichts wesen der Kulturstaaten heraus. Die einzel­nen Abteilungen haben angesehene Sachverständige (Thiselton Mark, M. E. Sadler, Fitch, Alice Ravenhill u. a.) zu Verfassern. Der eben veröffentlichte 11. und 12. Band behandelt das Erziehungswesen in den Ver­einigten Staaten von Nordamerika.*) Das Buch ist so wertvoll, lehrreich und anregend, daß man bedauern mutz, daß cs als Regierungspublikation mit viel Ballast belastet ist. Die allen Aufsätzen gemeinsame echte Be­geisterung fürs Schulwesen sollte zur weiten Verbreitung eines Auszuges — unter Weglassung des umfangreichen statistischen Materials — durch einen Privatverlcger fuhren. Leider muß ich mich an dieser Stelle darauf be- schränken, aus dem Inhalt einige ganz besonders charak­teristische und augenfällige Merkmale des Unterrichts-, namentlich des Volksschulwesens der Bereinigten Staaten, herauszugreifen.

Jir erster Reihe steht der hohe Ernst, der hinsichtlich des Unterrichtswesens allenthalben herrscht. Im Gegen­satz zu den europäischen Kulturstaaten, in deren Budget die Vildungsausgaben neben denjenigen für die Landes­verteidigung fast verschwinden, betragen in der Union die staatlichen Ausgaben für Bilduugszwecke ein Vielfaches derjenigen für Heer und Flotte. Die Vereinigten Staaten geben für ihre Schulen jetzt jährlich so viel aus, wie Deutschland, England und Frankreich zusammen für ihre Kriegsmarine — das will etwas heißen! Das Volks­schulbudget hat sich seit 1870 verdreifacht. Dazu kommen bekanntlich riesige Privatspenüen für Unterrichtszwecke: in den letzten 10 Jahren 115 bis 120 Millionen Dollars! Die Schule ist nicht ii: den Händen einzelner Parteien oder verschiedener Bekenntnisse, sondern in denen der ganzen Nation. Im Laufe des letzten Vierteljahr­hunderts haben die Lehrmethoden und der Geist des Unterrichts eine gründliche Umgestaltung erfahren, namentlich im Volksschnlwesen. Dieses ist völlig ameri­kanisch geworden. Ausländische Jdeeti sind nicht ver­worfen, sondern assimiliert worden, aber im großen und ganzen trügt der Unterricht ein recht amerikanisches Ge­präge im besten Sinne des Wortes. Das zeigt sich vor allem in Sachen der Disziplin. An die Stelle des Ve- fehlens sind die Anregung und die Erklärung getreten. Statt ein Herrscher zu sein, bringt der Lehrer das Element der Sympathie zur Geltung. Hierunter hat die Disziplin durchaus nicht zu leiden. „Die Freiheit ist die des Heims", schreibt Herr Mark, „und die Kinder ver­gelten sie mit freiwilliger Arbeit an den Erfordernissen der Schule". Man versteht es, die Schüler begreifen zu

*) Lpecial Reports on Educational Subjects. Volumes 0.0 & 11: Education in the Unidet States of America London 1902, Eyre & Spottiswoode. 1200 Oktavsciten Preis- i 3 /t Schill.

Feuilleton.

Alkoholisinus und Tuberkulose.

Beim „0. Internationalen Kongreß gegen den Alko- lwlismus" in Bremen sprach Mittwvchnachmittag "v. med. Legrain lParis), Oberarzt in der Irren­anstalt „Evrard", Präsident der „"Union frangaise antialcoolique", in französischer Sprache über „A lko- 0 o l i s m u s und Tuberkulose". Der Redner l c fltc seinen Ausführungen folgende Leitsätze zu Grunde:

1. Daß zwischen Tuberkulose und Alkoholismus Be­ziehungen bestehen, wird von niemand mehr in Abrede gestellt.

In seiner Wirkung als prädisponierender Faktor nimmt der Alkohol gegenüber der Tuberkulose keine andere Stellung ein, als gegenüber den anderen infek­tiösen und kontagiösen Krankheiten. Aber das Problem ist hier ernster, da die Tuberkulose diejenige Infektions­krankheit ist, die für den menschlichen Körper die größte Borliebe hat und welche die meisten Opfer fordert.

2. Der Alkohol prädisponiert das Individuum zur Tuberkulose durch die lähmende und erstickende Wirkung, die er auf das Zcllprotoplasma ausübt, welches dadurch in seiner Widerstandsfähigkeit gegen das Eindringen der Parasiten geschwächt wird. Er prädisponiert, indem er alle Verteidigungsmittel des Organismus zerstört, be­sonders, indem er die Gesundheit des Nervensystems angreift, für welches er ein auserlesenes Gift ist. Er bringt Störungen des allgemeinen Ernährungszustandes wü sich (Anorexie, unregelmäßige und ungenügende Er­nährung, Antophagie, Dystrophie).

Indem er angeborene Schwächezustände hervorruft, prädisponiert er die Alkohol-Hereditarics zur Tuber­kulose der Kinderzeit. Diese ist viel häufiger als die an- üeborene Tuberkulose, deren tatsächliches Vorkommen sogar bestritten wird.

4. Indem er endlich auf den schon von der Tuber­kulose befallenen Organismus weiterhin einwirkt, ver­

schlimmert der Alkohol diese Infektion und beschleunigt dereir Entwickelung. Er verhindert die Heilung der Krankheit, die an sich immer möglich ist.

5. Auf dieser Grundlage kann man trotz der kürz­lich von einigen italienischen Gelehrten (Marigliano) ausgestellten Behauptung sagen, daß die systematische Be­handlung der chronischen Tuberkulose mit Alkohol eine vollständige physiologische Verkehrtheit darstellt.

6. Der Alkohol prädisponiert den Menschen sozial zur Tuberkulose, indem er bei ihm jeden moralischen Rückhalt, jedes moralische Ideal und das Bewußtsein seiner wahren Bedürfnisse zerstört. Das hat beim Men­schen zur Folge die Vernachlässigung seiner physischen Person und das Elend mit allen seinen Erscheinungs­formen: kleine, überfüllte und ungesunde Wohnungen, mißliche Ernährung und die Unkenntnis aller elemen­tarsten Regeln individueller und allgemeiner Hygiene.

Der Alkoholiker versteht weder zu essen, noch sich zu kleiden, noch sich eine paffende Wohnung zu suchen, noch seinem Leben eine mit der Ethik im Einklang stehende Haltung zu geben.

7. Demgemäß sind auf sozialem Gebiete nicht die Ansteckungsträger (Bazillen) die ivahrcn Ursachen der Tuberkulose, sondern alle diejenigen Faktoren, welche ge­eignet find, die Macht dieser Bazillen zu steigern und deren Giftigkeit zur vollen Wirkung zu bringen (schwere Krankheiten, Exzesse, Schlemmerei, unnütze Ermüdung, Überanstrengung, physisches, moralisches und pekuniäres Elend, Mangel air Hygiene), lauter Ursachen, die größten­teils direkt aus dem gewohnheitsmäßig betriebenen Alkoholmißbrauch hervorgehen. Praktisch darf man nicht die Tuberkulose mit den Tuberkulösen verwechseln.

8. Logischer Weise folgt daraus, daß die Bekämpfung der Tuberkulose der Behandlung der Tuberkulose vorau- gehen muß, und daß diese Behandlung in erster Linie eine soziale, d. h. eine vorbeugende, ist.

Durch Heilung einiger Tuberkulöser bringt man die Tuberkulose nicht zum Verschwinden, so wenig, wie man die Trunksucht aus der Welt schafft und die Trinksitten bessert, wenn man einige Trinker heilt. - ,

Wenn es auch paradox ist, so behaupte ich doch, daß die Lösung der Frage unendlich weit und ohne wirklichen Nutzen hinausgeschoben wird, wenn man gegen die eigentliche Ursache der Krankheit zu Felde zieht, obwohl fcststeht, daß die sogenannten accessorischen (beihelfenden) Ursachen die Hauptrolle spielen.

0 . Übertragbarkeit der Tuberkulose durch Ansteckuna gibt es tatsächlich, aber mau hat ihre Bedeutung über­trieben. Wenn es auch gut ist, die Ansteckungsgefahr sehr laut zu verkünden, weil der heilsame Schrecken, den sie ernflößt, die Menschen allmählich dahin bringen kann von sich ans ihre individuelle Gesundheitspflege zum Nutzen der Allgemeinheit zu ändern, so dürfen doch bw Hygreinker d:c Ansteckungsgefahr nicht höher einschätzeu als be: allen anderen Infektionskrankheiten.

* llkuntz nicht sagen, daß man die Tuber,

kulösen mcht behandeln und ihnen nicht helfen oder bab man die Herde der Tuberkulose nicht zerstören solle, aber ich bin der Ansicht, daß man sich, der Wichtigkeit der Sache entsprechend, zunächst daran machen muß, die Trinkütteu zu bessern und die Herde des Alkoholismus zu zerstören.

11. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß der Krica

gegen das Ausspeicn, die Isolierung der Tuberkulösen und ihre persönliche Behandlung ausreichen zur Heilung der Tuberkulose. ^ ü

12. Wenn auch das Sanatorium ein Nutzen für die

Tuberkulösen ist, bedeutet es doch in sozialem Sinne einen Irrweg, so lange nicht als Gegengewicht eine gleichsin­nige Entwickelung von Werken allgemeiner Prophylare (Vorbeugungsmaßregeln) stattfindct, deren wichtigstes der Kampf gegen den Alkohol ist. x

Uber den Alkoholismus triumphieren, heißt an. nähernd auch über die Tuberkulose triumphieren.

13. Die Anstrengungen der öffentlichen Gesundheits. pflege und privaten Wohltätigkeit werden verschwendet wenn sie sich, wie cs gegenwärtig der Fall ist, auf Seite der Tuberkulose konzentrieren.

Die Unterstützung der öffentlichen Macht und bas in sozialem Sinne angewandte Kapital werden in falsche