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Wiesbadener Tsgblatt.

S1. Jahrgang

Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Ml». 178. Verlags-Fernsprecher No.

Freilag» den 17. April.

Rebaktions-FernspreLer No. bk.

1903.

Abendausgabe.

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Polen und Zentrum im Wahlkampf.

Die interessanteste und bemerkenswerteste Er­scheinung in dem jetzt aller Orten mit angestrengtem Eifer geführten Wahlkampf ist zweifellos der schroffe Gegensatz und die offene Feindschaft zwischen den Polen und dem Zentrum. Tie Beiben Parteien, die sich bis vor noch nicht langer Zeit in den Armen lagen, liegen sich jetzt in den Haaren, und dieMilch der frommmDmkungs- art zwischen den beiden nahe verwandten Gruppen hat sich in gärend Drachengift verwandelt. Das Zentrum hat von jeher den Protektor des Polentums gespielt und den rührigenAnwalt seinerForderungm abgegeben. Für diesen Beweis der Liebe und Freundschaft hatte das Polentum sich revanchiert, indem es iir der „Wasserpolakai", in Oberschlesien, den Kandidaten des Zentrums zum Siege verhalf.

Dieser Herzensbund zwischen dem Zentrum und den Polen hat in dem jetzigen Wahlkampf einen tiefen und anscheinend unheilbaren Ritz bekommen. Me Polen, denen das Zentrum in den Sattel geholfen hat, sind der Meinung, daß sie jetzt selbst reiten können, und so haben sie dem Zentrum die Heeresfolge bei dm Reichstags­wahlen gekündigt. Die Polen haben sich die Unter- stützung desZmtrums stets gem gefallm lassen und sie sind durch diese Unterstützung stark geworden. Jetzt meinen die Polen entweder, daß ihre Unterstützung durch das Zmtrum etwas Selbstverständliches sei, wofür es keines Dankes bedarf, oder aber das Polmtum fühlt sich so stark, daß es meint, dieser Unterstützung cntraten zu können. Und in der Tat tritt ja das Polentum neuer­dings allenthalben mit einer Anmaßung und Begehrlich­keit auf, die das Durchschnittsmaß, welches man von den Palm in dieser Hinsicht gewöhnt ist, noch erheblich, über­steigt.

Davon weiß auch das Zmtrum ein Lied zu singen, und man darf sich nicht wundern, wenn es, das für die Polen schon so viel getan, daß ihm zu tun fast nichts mehr übrig bleibt, jetzt über schwarzen Undank klagt. Der Kampf zwischm Zmtrum und Polentum, der sich jetzt zu einem blutigen Schlachten entwickelt hat, ist in den rheinisch-westfälischen Jndustriebezirkm ausgchrochm. Das Polentum hat durch, die Zuwanderung polnischer Berg- und Hüttenarbeiter in dem rheinisch-westfälischen Jndustrierevier seit Fahrm außerordentlich und in steigendem Maße an Macht und Einfluß gewonnen, und über dieses Anwachsen der polnischen Stimmen freute sich niemand mehr als das Zmtrum, welches meinte, durch

die Stimmen der polnischen Arbeiter seine eigene Macht stärken zu könnm.

Aber das Zmtrum hat die Rechnung ohne dm Wirt, die Polen, gemacht, dmn es hatte bei seiner Rechnung einen bedeutsamen Faktor völlig außer acht gelassen, die polnische Begehrlichkeit. Allerdings, die Polen des rheinisch-westfälischen Industriegebietes haben sich bereit erklärt, dem Zentrum im Wahlkampf Beistand zu leisten, aber sie haben für diese Wahlhülfe vier Bedingungen ge­stellt, die charakteristisch sind für die Auffassung der Polen, daß man ohne Bescheidenheit weiterkommt als mit derselben. Tie Polen haben vom Zentrum verlangt, daß es ihnen 1. die ständige Seelsorge in polnischer Sprache garantiere, daß es 2. dafür sorge, daß die deut­schen Katholiken in der Provinz Posen für die polnischen Kandidaten eintrete, daß es 3. auf die Aufstellung eigener Kandidaten in Schlesien verzichte und die von dm Polni­schen Wahlcomitös ausgestellten Kandidaten unterstütze, und daß es 4. die Polen im Landtage „energisch und nicht nur mit Redensarten unterstütze."

Insbesondere die Nummer 3 der Friedensbedingungen schlug dem Faß den Bodm aus. Elf oberschlesische Mandate aufzuopfern für die Aussicht, in Duisburg, Bochum und Dortmund in die Stichwahl zu kommen, diese unver—hoffte Forderung ging dem Zentrum denn dach über die Hutschnur. Me Wahlcomitss des Zentrums haben das Ansinnen der Palm rundweg zurückgewiesen und die Duisburger, Bochumer und Dortmunder Hoff­nungen fahren lassen, um wmigstens in Oberschlesien zu retten, was zu retten ist. Wer das Zentrum geht einm sch'weren Gang, und der Kampf wird nicht leicht fein, denn es handelt sich jetzt um einen Kampf nach zwei Fronten, gegen die Sozialdemokratie auf der einen und gegen das Polentum auf der anderen Seite. Das Polen­tum stellt in Oberschlesien einen bedeutsamm Faktor dar, und es ist nicht unmöglich, daß der schlesische Zentrums­turm bei dieser Gelegenheit einige Risse und Sprünge er­hält.

Das Zmtrum klagt ob des schwarzen Undanks der Palm, aber es verdient kein Mitleid, denn es erntet nur, was es gesät hat. Dem Zmtrum ist es in Oberschlesien wie dem Zauberlehrling ergangen, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wurde. Gerade das Zmtrum hat die großpolnische Agitation unter den Polen Ober­schlesiens, die stets erklärt hatten, daß sie zwar Polaken, aber nicht Polen seien, großgezogen, und zwar aus wahl­taktischen Gründm, nämlich um die Polen gegen die Deutschen mobil zu machen, um den Ultramontanismus zu stärken. Jetzt, wo die Proteges erstarkt sind, kehren sie sich gegen die Protektoren. In ganz Oberschlesim hat das Polentum dem Zentrum dm Krieg erklärt, dessen Ausgang mindestens zweifelhaft ist. Und so erfährt das Zmtrum am eigenen Leibe die Wahrheit des Wortes: Womit man sündigt, damit wird man gestraft!

Deutsches Deich.

Zur Alkoholfrage.

Der Internationale Kongreß zur Bekämpfung des Alkoholismus, der gegmwärtig in Bremen tagt, hat nütz­licherweise eine Vorsorge getroffen, derm Fehlen ähnliche gemeinnützige Bestrebungen häufig schädigt, er hat näm­lich für eine ausreichende Berichterstattung gesorgt. Mit wachsendem Interesse verfolgt man die Vorgänge auf diesem Kongreß, den lebhaften Meinungsaustausch, der in keinem Falle ganz vergeblich wird sein können. Das Ziel freilich, das die radikalen Abstinenzler erstreben, wird ganz gewiß nicht erreicht werden, aber Großes dünkt uns schon nröglich, wenn sich in immer weiteren Volks­kreisen das Verständnis für die Folgm des Alkoholmiß­brauchs ausbreiten sollte, und wenigstens dieses Ergeb­nis des Kongresses wird nicht ausbleiben. Es hat in Bremen einen heftigm Zusammenstoß zwischm dem sozialdemokratischen Arzt Iir. Fröhlich aus Wim und einem anscheinend großen Teile der Versammlung ge- gebm. Das laute Bekenntnis des Herm Fröhlich zu der Notwendigkeit, dem Alkoholismus durch Erfüllung der sozialpolitischen Forderungen der Arbeiterklasse zu be­gegnen, hat vielfach verstimmt, und ein Teilnehmer der Versammlung, der Admiral Thomson, verließ sogar den Saal, weil er einm politischen Versammlung, wie er es nannte, nicht beiwohnen wollte. Nun kann man über das Auftreten des Wimer Arztes denken, wie man will; jedenfalls aber wird man ihm zugeben müssen, daß Alkoholismus und wirtschaftliches Elend in einem un­trennbaren Zusammenhänge stehen. Der Alkoholismus wütet dort am meisten, wo die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung am bedrücktesten ist, und er schwindet in dem Maße, in dem sich die wirtschafllichen Verhältnisse bessern. Man geniert sich beinahe, solche Selbstverständlichkeit niederzuschreiben, aber es kommt ja nicht hierauf an, sondern darauf, ob diese Selbstverständlichkeit die Wahr- heit enthält, und das tut sie. Wer die gegenseitigen Be­ziehungen der bei der Alkoholfrage sich einstellenden Probleme näher betrachtet, wird jedoch finden, daß die von Herrn Fröhlich vertretene Auffassung, so zutreffend sie zweifellos ist. nicht das ganze betreffende Gebiet deckt. Es ist unsere Überzeugung, daß die Alkoholfrage nicht zuletzt, wenigstens in Deutschland, eine solche der bürger­lich«: Gesellschaft, richtiger gesagt, der wirtschaftlich besser gestellten Klassen ist, und zwar in dem Sinne, daß die llnsitte des Trinkens, namentlich von der akademi­schen Welt her, in einem Umfange verbreitet ist, der wahr­haftig nicht mit einer wirtschaftlichen Notlage erklärt wer- den kann. Man hat in Bremen offenbar zu viele Dinge durcheinander geworfen, so daß sich die Umrisse des Bildes zu verwischen drohen. Me Bestrebungen zur. Hebung der unteren Klassen werden selbstveisttändlich dem Alkoholismus entgegenwirken, aber die Aufgabe ist

Am sonnigen Strande.

Von Henryk Sienkicwicz.

Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner.

I.

Der Maler saß im offenen Wagen neben Frau Korecka, während ihm gegenüber ihre beiden Zwillinge, Romulus und Remus, saßen, und wenn er auch sprach, so dachte er doch dabei über die Situation nach, die eine schnelle Lösung erheischte — und dazwischen blickte er hinaus auf das weite Meer. Und wohl lohnte es, dorthin ?u blicken! Sie fuhren in der Richtung von Nizza nach Monte Carlo, die sogmannte „Corniche" entlang, einen Weg, der längs herabhängender, hoch über dem Meeres­spiegel sich erhcbmder Felsen hinlief. Von der linken Seite verhüllten hochaufragende graue, rötlich und perlmartig schattierte Felsabhänge die Aussicht, von der rechten hingegen sah man die Bläue des Meeres, das sehr tief zu liegen schien, wodurch es dm Eindmck eines W- grundes und zugleich dm der Unendlichkeit machte. Von der Höhe, auf der sie sich befandm, sahen die kleinen Fischerboote wie weiße Flecken aus, so daß es manchmal schwer fiel, ein entferntes Segel von einer über dcrn Meere kreisenden Möve zu unterscheiden.

Frau Korecka lehnte sich mit ihrem Arme an den des Herrn Swirski mit dem Ausdruck eines Weibes, daS sich keine Rechenschaft darüber gibt, was es tut, und ließ ihre träumerischen Augen über die unendliche Weite des Meeres gleiten.

Swirski fühlte die Berührung, ein Zittern lief durch alle seine Glieder und er dachte, wenn in diesem Augen­blicke Romulus und Remus nicht zugegen wärm, würde er vielleicht dieses junge Weib mit dem Arm umfangen Und an sein Herz drücken.

Aber gleichzeitig ergriff ihn eine gewisse Angst bei dem Gedanken, daß dann seine Bedenken aushörcn wüßten und die Situation geklärt wäre.

„ Plötzlich sagte Frau Korecka: „Lassen Sie den Wagen halten."

Swirski befahl dem Kutscher stehen zu bleiben und eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.

„Wie still ist es hier nach dem Geräusch in Monte Carlo", ließ sich die junge Witwe wieder vernehmen.

„Ich höre bloß Musik", antwortete der Maler, „viel­leicht spielen sie auf den Panzerschiffen in Villa Franche."

In der Tat drangm bisweilen gedämpfte Musiktöne von unten zu ihnen herüber, von demselbm Wind ge­tragen, welcher den Duft der Orangeblüten und Helio­tropen brachte. Weiter unten sah man die Dächer der am Gestade verstreuten und im Dickicht der Eukalipten ver­steckten Villen, neben ihnen weiße und rote Punkte, welche von blühenden Mandeln und von Pfirsichblüten her­zurühren schienm. Noch tiefer war der blaue, im Sonnen- glanz getränkte Meerbusen Billa Franche mit den vielen großen Schiffen sichtbar.

Das Leben, welches da unten schäumte, bildete einen sonderbarm Gegensatz zu den öden und toten Bergen, über denen sich ein wolkenloser Himmel wölbte, der so rein und durchsichtig war, daß er fast gläsern schien. Hier schwand alles und wurde kleiner angesichts der stummen Riesen, und der Wagen mit dem Häuflein Menschen soh wie ein am Felsen klebender Käfer aus, der verwegen bis in diese Höhen gedrungen.

„Hier endet das Leben ganz", sagte Swirski, auf die kahlm Felsen blickend.

Ta lehnte sich Frau Korecka noch fester an dm Arm ihres Nachbars und antwortete mit gedehnter und schlaf­trunkener Stimme: „Und mir kommt es vor, daß es hier erst anfängt."

Swirski hingegen erwiderte nach einer Weile mit einiger Rührung: „Vielleicht mögen Sie recht haben" — und er sah ihr hierbei fragend ins Antlitz. Auch Frau Korecka erhob ihre Augen zu ihm empor, doch bald senkte sie dieselben, gleichsam verwirrt, und trotzdem ihre beiden Knaben ihr gegenüber saßen, sah sie in diesem Augenblick wie ein junges Mädchen aus, dessen Augen den ersten Glanz der Liebe nicht vertragen könne::. Hierauf ver- stummtm sie beide, nur von unten drangen verwebte Musiktöne zu ihnen herüber.

Da zeigte sich plötzlich fern am Meere, hart am Ein­gang zur Bucht, dichtes Rauchgewölk und bald wurde die feierliche, von süßer Ruhe beseelte Stimmung durch Remus getrübt, welcher, vom Sitze aufspringend, aus- rief: „Mens! le Formidable!"

Frau Korecka warf einen unwilligen Blick auf dm jüngeren ihrer Zwillinge. Es tat ihr leid, daß der Augen- bl:ck, in welchem jedes folgende Wort schwer in die Wag­schale ihres künftigen Lebens fallm konnte, nutzlos vorubergmg. „Remus", sagte sie, „veux tout taire?“

„Mais maman, c’est Formidable!"

»Was für ein unausstehlicher Junge!"

„Pourquoi?"

plötzlich Romulus vernehmen, „gestern warm wir :n Ville Franche (hier tvendete er sich an Swirski), Sie sahen uns, als wir auf dein Rad dorthin fuhren, man sagte uns, daß das ganze Geschwader schon hier sei mit Aus­nahme des „Formidable", der morgm eintreffen soll" „Du bist selbst ein Esel!" antwortete Remus mit be- sondcrer Betonung der beiden letzten Silben Und dann begannen sie sich gegmseitig mit den Ellbogen zu $a Frau Korecka aus Erfahrung wußte, welches Mißbehagen die Art und Weise, wie diese beiden Knaben chrachen und überhaupt >vie sie erzogeii waren, in Swirsk: erweckte, befahl sie ihnen, ruhig zu sein.

, »??$ habe es euch und Kresowicz schon oft verbotm,

französisch miteinander zu sprechen und jhr vergesset :mmer daran." 011

emer Brustkrankheit m sich trug und den Frau Korecka an der Rrviera getrofsei: und als Lehrer zu ihren Kindern aufnahm, nachdem sie die Bekanntschaft des Swirski g'. macht hatte und besonders, da der reiche Herr Wiadrowski einmal sagte, daß vornehme Leute ihre Kinder nickt zu Reisenden erzichm.

Mittlerweile verdarb der gewiß ganz schuldlose „Formidable dem für Emdrucke empfänglichen Maler die Stimmung Nach einer Weile fuhr der Wagen über Steine stolpernd weiter..