S1. Jahrgang.
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K». 17S. »-• _Donnerstag, den 16. April. 1963.
Morgen-Ausgabe.
Aus dem englischen Heerwesen.
Unser Londoner n-Korrespondeut schreibt unter dem 12. April: Im vorigen Jahre veranlaßtc iit Eng- lorti) der Bericht jener Kommission, die mit den Ermittelungen über die Ausbildung der Offiziere im britischen Heere betraut morden war, eine ungeheuere Sensation. Die Nation war wirklich überrascht und entrüstet über das, was sie vernahm, und diejenigen, deneir die Kommission nichts Neues zu erzählen vermochte, taten wenigstens, als ob sie empört wären. Unter anderem vernahmen wir damals, daß die jüngeren Offiziere einen ..bejammernswerten Mangel" an militärischen Kerrnt- mssen entwickelten. In Bezug auf die älteren beobachtete man des Sängers Höflichkeit, doch da diese vermutlich auch emmal jung, beziehungsweise Hänscheir gewesen, so konnte mail daraus, sowie aus den Erfahrungen des südafrikanischen Feldzilges seine eigenen Schlüsse ziehen, t-er bewußte Bericht beklagte noch ganz besonders, daß ^steifer unter den jüngeren Marsjüngern als etwas höchst Plebejisches betrachtet wiirde, und dieselben Nichtstun für die erste Pflicht eines wahren Gentleman hielten, v ^ UTI ^ ^bles andere wurde übereinstimmend von den Kommissionsmitgliedern berichtet, zrl deneir die böchsten Autoritäten Englands auf dem Gebiete des Heerwesens, wie Sir Evelyn Wood, Sir Jan Hamilton 'md-^ord Roberts, gehörten. Soeben erschim ein zweiter Bericht,, der gewissermaßen die Ergänzung des erfteren bildet,, indem er den Aufwand der Offiziere behandelt und viele der bestehenden befremdlichen Erscheinungen namentlich aber den Mangel an Diensteifer erklärt. Der «olüat in England hat nicht in demselben Sinne einen Beruf, wie der Arzt oder der Jurist. Je höher die Air- "' sorderungen air die intellektuellen und moralischen Eigenschaften seiner Repräsentanten, um so höher steht auch ein Berus. Bon dem Manne, der Offizier werden will, verlangt man hier jedoch wenig mehr als seine pekumare und gesellschaftliche Qualifikation. Die begüterten Klassen sind aber in England mehr als irgendwo anders von dem Gedanken beseelt, daß reich zu sein und zu arbeiten, als besäße man keine Mittel, ein sinnloses Beginnen wäre, und das erklärt zur Genüge den Mangel an Diensteifer im Heere. In dem vorliegenden Berichte heißt es unter anderem: „Sämtliche Ermittelungen beweisen unwiderleglich, daß der Aufwand der Offiziere pieke Eltern davon abhalten muß, ihre Söhne in das Heer emtreten zu lassen, und daß viele sonst geeignete Kandidaten nur durch pekuniäre Gründe abgehalten werden, die militärische Laufbahn zu wählen. Wenn es Mch in anderen Ländern unerläßlich sein mag, daß der Lfstzler über einen Zuschuß verfügt, so ist das in England doch noch in viel höherem Grade der Fall, und die
Kommission hätte eigentlich gleich erklären können, das
Heer wäre, von den Mannschaften abgesehen, eine stgat- liche Institution im Interesse der Söhne der Reichen, nicht aber eine solche nationalen Charakters. Freilich, wenn man sich die Zahlen des Berichtes näher betrachtet, so findet man, daß die erforderlichen Zuschüsse keine so gar großen sind, aber dafür erzählen sie uns auch nur einen kleinen Teil, der Wahrheit, beziehungsweise sie beziehen sich , lediglich auf absolute Notwendigkeiten, wie die Kommission auch selbst erklärt. Außerdem wurden nur Linienregimenter und die billigsten Reiterregimenter berücksichtigt. In einem der ersteren benösigt ein Leutnant bei seinem Eintritt etwa 4000 Mark, und darnach währeird etwa neun Jahren, bis er Hauptmann wird, einen jährlichen Zuschuß von 1200 Mark. Der Kavallerieoffizier hat zuvörderst einen Aufwand von 12000 Mark zu machen, und muß über einen Zuschuß von jährlich 5200 Dkrrk verfügen. Tie Zuschußziffern verdoppelt, würden wahrscheinlich eher der Wirklichkeit entsprechen, aber selbst dann kauni in den feineren Regimentern. Das erforderliche Anfangskapital soll nun auf 3000 Mark, beziehungsweise 6000 Mark reduziert und es dem Kavallerieoffizier ermöglicht werden, in einem der billigeren Regimenter mit 2400 Mark Zuschuß auszukommen, wonach damr wahrscheinlich "die Reorganisation des englischen Heeres als vollendet be- trachtet werden soll.
Die ethische Bewegung in Frankreich.
(L’Union pour l’action morale.)
Etwa um dieselbe Zeit wie in Deutschland setzte auch in Frankreich die ethische Bewegung ein. Der Stempel, der ihr in beiden Ländern aufgedrückt wurde, wich freilich einigermaßen von einander ab. In Deutschland wurde er mehr sozialisierend, in Frankreich blieb er mehr moralisierend- immerhin beeinflußte sie auch bei unseren westlichen Nachbarn weite Kreise und dehnt sich dort in recht beachtenswerter Weise aus. Im Jahre 1892 lenkte Paul Desjardins, Professor der Rhetorik zu Paris, der sich bereits als Moralist einen Namen gemacht hatte, durch eine Anzahl Aufsätze die Aufmerksamkeit auf sich. Sie wurden später unter dem Titel: „Le defroir präsent" (Die gegenwärtige Pflicht) in Buchform herausgegeben.
Man wußte bereits durch seine vortrefflichen Schriften, besonders durch le röle moral des univer- sitds, daß Desjardins mit tiefem Verlangen nach Barmherzigkeit, Sittenreinheit und regerem Geistesleben gegen den Egoismus und Materialismus der Zeit anzukämpfen suchte, und daß es ihm am Herzen lag, das Leben des inneren Menschen zu heben. Diese neuen Aufsätze zeigten, daß Desjardins jetzt entschlossen war, praktisch vorzugehen. Sie bedeuteten einen Aufruf an Gleichgesinnte, sich mit ihm zu verbinden. „Mehrere von uns " sagt er unter anderem, „haben bisweilen ihr persönliches
Leid, so groß es auch sein mochte, vergessen, wenn sie sich das moralische Elend um uns her vorstellten und über Heilmittel gegen dieses allgemeine Mel nachdachten. Einige ergaben sich ins Unvermeidliche. Andere, so auch der Schreiber dieser Zeilen, gaben sich nicht damit zufrieden. Sie quälten sich, und zwar fast weniger um das, was ist, als um das, was sein soll."
„Wir leben im Kriegszustand. Sind Gerechtigkeit und Liebe das sichere Gut, das sichere Gesell, der rettende Hafen? Haben wir eine Bestimmung, eine Pflicht? . . . Ich lehre, mit innerster Überzeugung, daß die Menschheit eine Bestimmung hat, und daß wir für etwas leben . . . Wie aus einem dunklen Walde sehe ich aus der Ferne ern Licht schimmern. Das, was mich ihm näher bringt, ist nicht, über die wahrscheinliche Natur dieses Lichtes nachzugrübeln, sondern frisch darauf loszugehen. Das heißt: in allen und in mir muß der Wille zum Guten erstarken."
Und nun forderte er alle Gleichgesinnten ans, mit ihm vereint alles Wünschen und Hoffen in Handeln um- znsetzen. Aus echt menschlichem Mitgefühl entsprungen, sollte sich zunächst der Geist sittlicher Läuterung über die unter dem Druck der jetzigen Lebensbedingungcn leidenden Menschen ergießen. Alle „nach Gerechtigkeit hungernden und dürstenden Seelen" sind ihm willkommen, gleichviel welcher Religion sie angehören. Am 11. Januar 1892 vereinigte er einen kleinen Kreis Gleichgesinnter um sich, Offiziere, Geistliche der verschiedensten Konfessionen, Professoren, Beamte, Kaufleute. Der Kreis vergrößerte sich zusehends, und alles, was die Mitglieder innerlich beschäftigte, fand seinen Niederschlag in dem ausgezeichneten „Bulletin de l’union pour l'actiom morale", dessen Erscheinen mit innigster Freude begrüßt wurde, kam es doch einem so vielseitigen, lange gehegten Verlangen entgegen. Nach und nach gruppierten sich Tausende vorr Anhängern um das kleine Blatt. Im Bulletin vom 1. November 1895 veröffentlicht die Union ein ausführliches Programm ihrer im Laufe der Zeit festgesetzten Bestrebungen und Ziele.
Die Mitglieder der Union richten an jeden Menschen, gleichviel wes Landes, wes Standes, gleichviel welche Religion oder welche Philosophie er sich zur Richtschnur seines Lebens gewählt hat, der aber gewillt ist, seine per- sönlichen Interessen einer gemeinsamen guten Sache zu opfern, folgenden Aufruf:
„Laßt uns gemeinsam daran arbeiten, den Menschen zu bilden. Laßt es unser zunächst liegendes praktisches Werk sein! Zu diesem Ziele soll eine beständige Erziehung führen, die jedem Stande gerecht werden kann. Dadurch arbeiten wir am sozialen Frieden. Denn wenn wir uns selbst mehr zu Menschen machen, machen wir uns zugleich empfänglicher für alles, was menschlich ist — wir vermögen viel leichter die Leiden anderer zu verstehen. Den egoistischen Sonüerinteressen der Gesellschaft entgegen wollen wir feststellen, daß nur solche Handlungen einen Wert besitzen, die den Anforderungen des wahrhaft Gerechten genügen. In diesem Sinne nur soll ein öffentlicher Geist hervorgerufen werden. Die materiellen Eroberungen der Menschheit sind kostbar. Sie
Feuilleton.
Berliner Brief.
,,-^ilosophie. — Weiler und Stimm«»». — Probleme. - Die Sezession. — Pclleas und Mclijande. — Kainz. — Betty Hennings.
Der Frühling hat sich zwar mit löblichster Pünkt- "chkcit eingestellt, aber desgleichen hat diesmal der April »nt ungewohnter und höchst unangenehmer Pünktlichkeit von seinem kalendermäßigen Rechte Gebrauch gemacht "nd uns mit der ganzen bunten Fülle seiner Launen veglückt. Nach einer Reihe von Tagen, an denen Regen und Sonnenschein wechselten wie die Launen eines Tyrannen, verfolgt uns nun schon überlange eine recht widerwärtige Kälte, und wir können uns den Gedanken «nes Osterspazierganges nur mit klappernden Zähnen vorstellen. Das ist auch so eine tausendmal gedankenlos uachgesprochene Behauptung, daß es geistlos wäre, vom Wetter zu reden. Die Rücksicht auf die Witterung llt keineswegs nur für den Landmann vorhanden- wir «tädter sind vielleicht in noch höherem Grade von der Witterung abhängig, weit mehr, als die meisten ahnen, -»or allem alle, die wir geistig arbeiten. Hier liegt noch "n Feld zu bearbeiten, das sehr wertvolle Aufschlüsse Wer unser Seelenleben und insbesondere über die Wechselbeziehungen zwischen leiblichem und geistigem Wohlbefinden verspricht. Man müßte einmal genaue Be- vbachtungen anstellen, beispielsweise über die Veränderungen, die unsere Hauttätigkeit je nach der Witterung, h. je nach dem Feuchtigkeitsgehalt der Luft, erleidet und über den Zusammenhang, der zwischen Hauttätig- "it und Stimmung besteht. Was ist das überhaupt für m rätselhaftes Ding, die sogenannte Stimmung? Sie Jf. keineswegs ein rein psychisches Erzeugnis. Die Psy- wsatrie unterscheidet z. B. eine somatische und eine psy- Mche Melancholie. Vielleicht läßt sich aber Nachweisen, M die psychische im letzten Grund ebenfalls auf körper- "Va Voraänaen beruht? Im Gebiet des normalen
Lebens ist cs doch sehr wahrscheinlich, daß an trüben und feuchten Tagen der Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre auf unsere Hauttätigkeit wirkt und daß unser Wohlbefinden durch diese Vorgänge ganz wesentlich beeinflußt wird, wie ja auch der Einfluß der feuchten schwülen Wärme bei hellem Sonnenschein ohne Zweifel unsere Stimmung erheblich niedcrdrückt. Der Zusammenhang zwischen Klima und Volkscharakter ist ja für unsere heutige völkerkundliche Auffassung eine feststehende Tatsache, Einzeluntersuchnngeu — für den einzelnen Menschen sowohl wie für die einzelnen Witterungserscheinungen — fehlen bisher noch. Diese Untersuchungen sind freilich außerordentlich schwierig, denn die Einwirkungen sind je nach dem Grade der Sensibilität des Menschen ganz verschieden: cs gibt überempfindliche Naturen, die durch andauernd trübe regnerische Tage znm Selbstmord getrieben werden können, und es gibt zahlreiche Menschen, die kaum von den Einflüssen der Witterung berührt werden. Trotzdem, glaube ich, ließen sich bestimmte gesetzmäßige Einwirkungen psychophysischer Art feststellcn wenn die moderne Forschung sich der Sache systematisch annähme.
Doch wohin verlieren wir uns! Daran ist auch nur dieser niederträchtige melancholische Tag schuld, der einen förmlich zum Grübeln zwingt. Und doch gäbe es wahrlich genug zu berichten. Da ist z. B. die E r ü f f n u n n b 6 r-i e J [1° ns-Ausstellung, die diesmal ungewöhnlich früh erfolgt ist. Nur 229 Bilder und nicht einmal ein Dutzend plastische Werke sind zu dieser Ausstellung vereinigt. Es ist also wirklich die Möglichkeit vorhanden, ein jedes Ausstellungsobjekt zu genießen Die geringe Zahl hat freilich diesmal nicht bloß in der Sorgfalt der Auswahl von seiten der Jury ihren Grund, sondern es spricht nicht unwesentlich das Fehlen der Münchener Sczessivnisten mit, die sich bekanntlich mit den Berliner Kunstgenosscn veruneinigt haben Die einzigen Münchener, die ausstellen, sind die Mitglieder der Bereinigung „Scholle", deren Werke zwar durchaus nicht wertlos sind, aber doch für das Ausbleiben der Boykotteruncht voll cnEchädigcn können. Man kennt die
. Leute von der „Scholle" zumeist als Illustratoren der Münchener „Jugend". Sie sind sämtlich Künstler von reicher Erfindungsgabe und eigenartiger Phantasie- sie sind das Gegenteil von Akademikern, aber sie sind, noch nicht zu wahrhaft großen Aufgaben vorgedrungen. Sonst gibt es für die Scnsationsbegierigcn nicht viel Ausbeute Einen elou im herkömmlichen Sinne hat diese siebente Ausstellung der Sezession nicht aufzuwcisen, aber relativ und absolut viel echte Kunst. Von allen ist sie die ruhigste und die, die am wenigsten Widerspruch weckt Es wäre wertvoll, wenn sich die Leitung der „Großen Berliner den Grundsatz aneignen ivolltc, dem diese Sezesuons-Ausstellung die Beschränkung auf weniger als den zehnten Teil der im Glaspalast ausgestellten Werke verdankt: Alles fernzuhalten, ivas nicht p e r s ö n l ich e u " ""fweist'Sind die Juroren selbst Männer von künstlerischem Empfinden, so werden sie mit unfehlbarer Sicherheit erkennen, wenn ein Maler die Sprache der Routine oder des Fleißes und wenn er die Sprache der schöpferischen Persönlichkeit spricht. Alles, was gut und den Anforderungen der zeichnerischen und malerischen ^edM't entsprechciid gemalt ist, sollte draußen bleiben. Solche Bilder mag man sich gern ins Zimmer hängen, und der Kunsthändler - und zwar nicht der, welcher eigene Ausstellungen veranstaltet, sondern der nichts ist als Händler— ist der Mann, bei dem sich die Kauflustigen nach solchen Bildern umsehen mögen- in eine Ausstellung gehören sie nicht. Es sind wahrscheinlich Männer die starken Schönheitssinn besitzen und sich in jahrelangen, fleißigem Studium einen feinen Farbensinn und ein scharf beobachtendes Auge erworben haben, Persönlichkeiten aber sind sie nicht. Dessen sollten sich die Leitcr der „Großen Berliner" stets bewußt sein. bczw. endlich einmal bewußt werden, und die Zahl der Bildwerke würde im Handumdrehen so weit znsammcnschrumpsen daß inan die Ausstellung wirklich mit Nutzen durchwandern könnte. Nachdem wir ein Zeitalter der llbcr- produktioii in den Künsten durchgcmacht haben, ist es an der Zeit, daß wir uns darauf besinnen, daß jeder der auf den Künstlernamen ans welchem Gebiete immer An-
