Wiesbadener Tsgblstt.
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§tl>. 176. «erlagSOernfprecher R». ASS.
Donnerstag» de« 16. April.
RedaktlonS-Fernfprecher No. 82.
1903.
Abend-Ausgabe.
per fMnltttgratenidit für »dp.
Volkswirtschaftliche Betrachtung von A. I. Es.
„Die Schule hat das Hauptgewicht nicht auf die Aneignung des Lehrstoffes, sondern auf die Bildung des Charakters und die Bedürfnisse des prakttschen Lebens zu legen."
Diese Worte Kaiser Wilhelms H. verdienen auch bei der Ausbildung der weiblichen Jugend besonderer Berücksichtigung. Leider ist aber gerade hier den Verhältnissen des praktischen Lebens vielfach noch viel weniger Rücksicht geschenkt als bei der Ausbildung der Knaben. Letztere erhalten in den öffentlichen Schulen verschiedener Kategorieen eine Ausbildung, die sie für einen bestimmten Beruf immerhin auch theoretisch in gewisiem Sinne vorbereitet. Es gibt Fachschulen für verschiedene Berufsklassen. Hanöwerkerschulen der verschiedenen Zweige des Handwerks, kaufmännische Fortbildungsschulen und allgemeine gewerbliche Fortbildungsschulen. Jünglinge, die sich einem höheren Berufe zuwenden, haben hierzu in den betreffenden Anstalten hinreichend Gelegenheit. Dazu wird dem Jüngling in einer drei- und mehrjährigen Lehrzeit die Gelegenheit geboten, sich auf seinen späteren Lebensberuf auch praktisch vorzubereiten. Das findet man ganz natürlich, so daß niemand daran denkt, es könne auch anders sein. Und dieser Vorbereitung und Zurüstung der männlichen Jugend verdanken wir vieles; wir verdanken ihr einen wohlgcübten Handwerker- und Gewerbestand, eine blühende Industrie und sonstiges mehr.
Ganz anders ist's bei der weiblichen Jugend. Sie ist größtenteils gezwungen, sich ihre Vorbereitung für die Bedürfnisse des prakttschen Lebens selbst zu suchen, ohne daß jene Veranstaltungen ihr durch die Öffentlichkeit geboten wären, in denen ihr die Möglichkeit gegeben ist, sich auf den Hauptberuf des Weibes, das Hauswesen, vorzubereiten. Daher rührt denn auch die traurige Tatsache, daß selbst sonst willige und fleißige Hausfrauen, besonders der unteren Stände, sehr häufig nicht befähigt sind, einen Haushalt richtig zu führen, wenigstens nicht so zu führen, daß sich eine Familie dabei wohl fühlt und das Leben angenehm gestaltet wird.
Das ist ein großer llbelstand in unserem Volksleben. Eine Besserung würde auch nicht dadurch herbeigeführt, wenn diese Volksklassen etwas Besseres zu bewirtschaften hätten, und hier trifft nicht zu, was Goethe von Tiedge sagt: „Er würde bessere Gedanken haben, wenn es ihm
Der Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorning.
(Schluß.)
Katts tat einen Schluck aus seinem Krug, dann sprach Er . weiter: „So ist auch unser Unternehmen, für das wir ent Gut und Blut eintreten wollten, eitel geworden. Wir luussen die Waffen strecken, nicht vor der Übermacht des Heindes, nicht vor der List der Welschen, sondern — vor ter Treue der Preußen, die ohne ihren König nicht vor- warts wollen. lind darum, meine Freunde und Kameraden. sind wir zusammengekommen — darum ist es eine ^rauerversammlung! Wir, die wir aneinander gebunden waren durch heilige Schwüre und durch die gleiche Liebe ium Vaterlande, wir, die wir unser alles, Weib und Kind. <ater und Mutter. Bruder und Schwester, Haus und Hof hintanwarfen. um frei dem Vaterlande dienen zu «mnen. wir. die wir stehen wollten nach dem alten Satze: ^ner für alle, alle für einen! — wir wollen, wir müssen dns trennen."
Leises Schluchzeir drang jetzt da und dort ans reichen iblännerkehlen.
Ter Oberst aber fuhr fort:
„Weinet nicht, vielliebe Kameraden! Fa, es ist frei- "ch vorbei, das goldene Morgenrot, das wir sahen, swer —" hier hob er seine Stimme, stand aus seinem ^tuhl auf. und feierlich, wie eines Propheten Worte "üng. was er sagte —, „aber es war doch ein Morgen- und ein Morgenrot kündet allewege den Tag an! *3 muß untergehen, wenn der lichte Tag kommen soll! Und darum. Freunde und Kameraden, hofft! hofft! sage M! Und: hofft! wiederhole ich! Aber die Stunde des Morgenrots, dieses seltsamen Zwielichtes, das kein Dunkel und noch kein Licht ist, hat auch ettvas voraus vor kommenden Tage: die reiche, beseligende Hoffnung ?uf eben diesen Tag, was er wohl bringen mag, die Hoff- die noch von keinen Zweifel, keiner Enttäuschung 5»gekränkelt ist. Und diese Hoffnung haben wir! O. Balten wir sie fest im Herzen, denn sie ist das einzige, was '/ns hinüberhelfe,: kann über jene Frist, bis der helle Tag Mmifgezogen ist. Du aber, Vaterland, da? uns geboren, du heiliges Land, wo unsere Wiege stand, wo uns
besser ginge". Denn auch bei geringen Verhältnisien kann sich das Leben noch angenehm gestalten lassen, wenn diejenigen, die dem häuslichen Leben Seele und Inhalt zu geben berufen sind, die Frauen, Kenntnis und Verständnis dafür haben. Nur dadurch, daß die weibliche Jugend mehr als bisher zur besseren Besorgung des Hauswesens befähigt wird, ist eine Besserung des ttbel- standes zu erwarten. Hier kommt nicht bloß die Hebung des V o l k s w o h l st a n d e s in Betracht, sondern auch die Hebung der Behaglichkeit des Lebens der unteren Bolksklassen, wodurch wieder Gesundheitszustände und Erwerbsverhältnisse mitbedingt sind. Die Frage der Förderung der hauswirtschaftlichen Kenntnisse und Fähigkeiten der weiblichen Jugend ist darum von der größten Wichtigkeit; sie ist eine Frage von Bedeutung, von der öaS Wohl der Nation nicht unwesentlich abhängt, eine nationale Frage, an deren Lösung die Öffentlichkeit das größte Interesse hat.
Wenn ich nun die Forderung ausspreche, hier müsse die Schule eintreten und die Hebung der hauswirtschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten des iveiblichen Geschlechts in die Hand nehmen, so bin ich mir sehr wohl bewußt, was dieser Forderung entgegengehalten wird: „Die Schule hat nur die allgemeine Bildung zu geben, die jedem Menschen notwendig ist; sie hat aber nicht auf besondere Stände vorzubereiten und nicht die spezielle Berufsbildung zu vermitteln". Das ist der Einwand, der einer solchen Forderung entgegengestellt wird. Dieses mag richtig erscheinen, wenn ich das „nur" in obigen, Satze streiche. Die Volksschule hat die allgemeine Bildung zu geben, jedoch nicht nur diese, denn ein solcher Einwand läßt sich gegenwärtig garnicht mehr aufrecht erhalten gegenüber dem allseitig sich geltend machenden Bestreben, die praktische Seite bei der Ausbildung der Jugend zu berücksichtigen.
Das involviert keineswegs die von manchen Seiten gestellte Forderung, den Knaben einen Handsertigkeits- unterricht durch die Schule erteilen zu lassen, der der späteren Berufsbildung als bessere Vorbereitung zu dienen habe. Das wäre allerdings schon praktische Berufsbildung durch die Schule, eine Berufsbildung, die dem Knaben erst später bei dem Eintreten in einen bestimmten Berns zu teil wird, während die Schule noch nicht weiß, welchem Berufe der Knabe sich später zuwenden wird. Ganz anders bei den Mädchen. Hier weiß man. daß diese mit nur geringen Ausnahmen dem wahrhaft weiblichen Berufe, dem HanswirtschaftSberufe, in irgendwelcher Forin sich fast samt und sonders einst widmen werden, und ebenso weiß man, daß es in den meisten Fällen bisher keine andere Gelegenheit zur Einführung in diesen Beruf gibt, als das Haus selbst. Wenn aber dieses vermöge seiner Beschaffenheit in vielen Fällen
zuerst das Rauschen heimatlicher Waldbäume das junge Herz mit Schauern von Ehrfurcht füllte — du. heißgeliebtes Vaterland, verzage nicht! In tausend Herzen glüht die alte Treue, in tausend Händen zuckt es nach dem Schwerte — o schiebe die Stunde des Kampfes nicht zu lange hinaus, daß die Begeisterung nicht ermüde und verfliege! Wenn sic aber kommt, diese hohe Stunde, und unsere Augen sehen noch das Licht des Tages, dann, ni ei ne Freunde, wollen wir wieder zur Stelle sein und auf die Frage des Vaterlandes: „Bist du da. mein
Kämpfer?" wollen wir die freudige Antwort haben: „Ja. hier bin ich. in Leben und Tod dein treuer Sohn!" Bis dahin aber gehen wir auseinander, die meisten dahin, wo man gegen den Korsen kämpft. — mein guter Schenk, wohin?"
„Nach Spanien?" rief Georg, glühend von Begeisterung.
„Mein stiller, sinnender Fahrenbach, wohin?"
„Nach Spanien mit Georg, an seiner Seite!" klang die Antwort.
„Und Schulenburg. Grimm, Ihr anderen alle, wohin?"
„Nach Spanien, nach Spanien!" tönte es jubelnd durcheinander.
Einen Augenblick schwieg der Oberst, ehe er fortfuhr:
„Wohlan, so zieht denn hin! Auch am Ebro und am Tajo kann man für das Vaterland kämpfen! Macht unserem Preußennamen Ehre, zeigt daß ihr einer stolzen Mutter stolze Söhne seid! Doch wenn die Stunde nift — ins Herze macht ich's euch schreiben! — kehret wieder! Kehret alle wieder, alle, alle! So aber Gott den einen oder den anderen abruft vor der Zeit, so soll er lauschen im Grabe, bis seine Ohren das Sturmgcläut von allen Türmen hören und die Erde dröhnt von Roisehufen und Männertritten. Dann steigt empor, ihr Toten, aus euren Grüften, zieht mit uns. und hoch oben in den Lüften, wie dre alten Helden unseres Volkes, kämpft auch ihr euren Kampf zu unserer Hülfe, zu des Vaterlandes Befreiung, und ob unsere Augen auch gehalten wären, wir werden euch doch sehen und jauchzend den Wiederschein eurer flammenden Schwerter ob unseren Häuptern erblicken! Und so lebt denn wohl, ihr Freunde alle. cS ist schon spät am Abend, und viele von uns haben noch einen weiten Weg! Aber wenn wir dereinst wieder zufamnu'nkommcn.
dazu nicht hinreichend befähigt ist, nnd wenn die „Seele des Hauses", die Mutter und Hausfrau, selbst nur sehr geringe Befähigung zur guten Führung eines Haushaltes mit in die Ehe gebracht hat, wie kann da die Tochter wieder eine rechte Vorbereitung darin bei ihr erhalten? So kommt es denn, daß sich ein llbelstand von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, der dem nationalen Wohlstände und dem Äolkswohlbefinden nicht förderlich sein kann.
Man kann sehr wohl sagen, beidemWeibege- hört es zur allgemeinen Menschenbil« d n n g, daß cs zu jenem Berufe befähigt werde, dem eben alle Mitglieder der weiblichen Hälfte des Menschengeschlechts zustcuern, nämlich dem hauswirtschaftlichen Berufe. Dabei ist nicht zu übersehen, daß große Umwälzungen in der Lebensführung des einzelnen, wie auch der Völker in der Neuzeit vor sich gegangen sind und noch weiter sich vollziehen. Weder der einzelne Mensch, noch die menschlichen Einrichtungen konnten davon unberührt bleiben. Warum nun soll die Schule so ganz unberührt bleiben? Soll sie erstarren oder ein, lebendes Gebilde sein, das an den Fortschritten der Menschheit teilnehmen muß? Es scheint wohl das rich- tigere, daß sie sich den Verhältnissen der Zeit anpasse.
Bei dem Zustandekonnnen des naffauischen Schul- cdiktes 1817 fand auch der Unterricht in weiblichen Handarbeiten Aufnahme in das nassauische Schulgesetz, und wer möchte ihn heute darin entbehren? Ist das nicht auch weibliche Berufsbildung durch die Schule? Daraus aber folgt notwendig die Fortsetzung, daß die Schule, überhaupt den Verhältnissen der Gegenwart Rechnung tragend, den Schritt wcitergehe und auch dem anderen Teile der weiblichen Allgemeinbildung Raum gebe, dem Haushaltungsunterricht. Aber die Mädchen in dem letzten Schuljahre sollen noch zu jung sein, um an einem solchen Unterricht mit Nutzen teilnehmen zu können. Dem steht die Erfahrung gegenüber, daß Mädchen dieses Alters sehr viel Interesse für diese häuslichen Dinge haben. Davon kann sich auch derjenige überzeugen, welcher dem Haushaltuugsnnterricht, dem theoretischen wie praktischen, beizuwohnen Gelegenheit hat.
Der Einwand aber, dieser Unterricht gehöre in die nachschulpslichtige Zeit, in die Mädchenfortbil- d n n g s s ch u l c , ist insofern hinfällig, da wir diese überhaupt nicht haben und voraussichtlich in absehbarer Zeit auch nicht bekommen, höchstens vereinzelt in wenigen Städten.
Nun sind die Einrichtungen von sogenannten Schul- klichen mit nicht geringen Kosten verbunden' und können schon aus dem Grunde nicht sobald aus allgemeine Einführung rechnen. Vielleicht aber kommt einmal die Zeit, in der für Bildungszwecke mehr Geld zur Verfügung steht als in der Gegenwart, die ja allerdings auch an-
danu wird der Preis nicht mehr Magdeburg allein, dann soll der Preis das Vaterland, das heißgeliebte, sein! Dennoch aber, trotz des höheren Preises, wollen und wer- den wir nicht klein denken von der Zeit, da unsere Hoff- nungen so hoch flogen und unser Feldgeschrei: „Der Preis ist Magdeburg!" uns zu kühnen Taten anfeuerte. Denn schlecht ist der Mann, der über den großen Zeiten seines Vaterlandes die minderen verachtet!"
Wieder schwieg der Oberst einen Moment. Der Schluß schien ihm schwerer zu werden als alles, was er bis setzt gesagt hatte.
Ergriffen sprach er dann weiter:
„So entbinde ich euch denn alle des Gelöbnisses, das ihr mir abgelegt habt, und ein jeder von euch entbinde wiederum die. die er geworben! Sagt ihnen allen, daß ich' ihnen danke für ihre Treue. Verschwiegenheit und Be- reitwilligkeit. und weist sie hin auf den Tag. der uns alle einst wieder vereinen tvird! Und mm lebt wohl, alte Freunde nnd Kameraden, lebt alle Wohl!"
Er reichte einem jeden die Hand, die kräftig gedrückt wurde. Viele umarmte er — auch Schenk und Fahren- dach.
„Orestes und Pylades!" sagte er lächelnd. „Haltet euch die Freundschaft — sie ist bei euch durch kühne Taten fcstgekittet! Ihr seid einander wert! llnd wenn ihr in Spanien unter heißer Sonne kämpft. leidet, hungert und durstet, so denkt auch zuweilen an mich, der ich euch nie vergessen werde! Gott behüte euch und bringe euch ae- sund in die Heimat zurück!"
Noch ein herzliches Händeschütteln, noch ein stürmt- sches Umdrängen zum letzten Gruß, dann ging der Oberst, und bald hörte man das Geräusch des davon- rollenden Wagens.
Nun brach alles auf. Allen waren die Augen feucht als sie unter Umarmungen und Küssen von einander Ab' schied nahmen.
Mit verschlungenen Händen standen Georg von Schenk und Ernst Fahrenbach einander gegenüber
„Komm, alter Geselle!" sagte Schenk. „Wir müssen fort! Im Vaterlande ist der Boden für zwei Hochver- rätcr. wie wir, zu heiß! Man hat in Paris und Kassel lange Arme und ein noch längeres Gedächtnis! Auf in die Ferne! In Spanien und Portugal gibt's ein fröhliches Klingcnblitzen!"
