si. Jahrgang.
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173. BerlagS^Zernsprecher No. 2S5S.
IHorgen-flusgabe.
Offener Kries an den Kenn Minister der offenliilhen Arbeiten Kndde.
Eurer Exzellenz werden demnächst die Sommerfahr- hläne dieses Jahres zur Genehmigung vorgelegt rverden. Gestatten Sie uns. Ihnen, bevor sie die Feder zu Ihrer Namensunterschrift ansetzen, einen Wunsch vorzntragen, der, wie Sie überzeugt sein dürfen, keineswegs nur von uns, sondern von der überwiegenden Mehrzahl aller Reisenden gehegt wird. Verfügen Sie — Sie haben die Macht dazu —, daß vom 1. Mai dieses Jahres ab alle Personenzüge ohne Unterschied mit der 3. Klasse aus- gestattet werden. Einzig und allein die Luxuszüge geben wir Ihnen preis; diese Züge interessieren uns nicht, und sie interessieren noch lange nicht einen von zehntausend Reisenden. Wir und die Mgemeinheit haben keinerlei Interesse an dem Luxus einiger weniger, aber ein sehr hohes an dem unabweisbaren Bedürfnis der vielen.
Sie haben durch eine ganze Reihe von dankenswerten kleinen Verbesserungen unsers Personenverkehrs schon in den % Jahren Ihrer Mnisterschaft bewiesen, daß Sie den Willen haben, Übelstände, die unter Ihrem Herrn Amtsvorgänger sich eingenistet hatten — Herr v. Thielen nannte das bekanntlich geschmackvoll das „Einnisten von Ungeziefer" —, kurz entschlossen zu beseitigen. Zahlreiche Wünsche der Reisenden, die von Herrn von Thielen als unerfüllbar angesehen wurden, haben Sie von heut auf morgen durch einen machtvollen Federstrich aus der Welt geschafft. Wir wollen Ihre Bescheidenheit schonen, indem wir Nnen nicht alle Ihnen zu dankenden kleinen Verbesserungen lobend Vorhalten. Sie dürfen aber überzeugt sein, daß die Reisendenwelt jede Ihrer Verbesserungen mit herzlicher Anerkennung hingenommen hat, allerdings auch mit der dadurch, belebten Erwartung, ein Minister, der solchermaßen verbessernd eingreift, sei auch der Mann, endlich ganze Arbeit zu machen, und mit uralten, zwar geschichtlich erklärbaren, aber mit Gründen des Derkehrsbedürfnisses nicht mehr zu rechtfertigenden Unbilligkeiten und Hemmnissen des Reiselebens aufzuräumen.
Euer Exzellenz kann nicht unbekannt sein, daß die Entwickelung des — wie wir es nennen möchten — Bassengeistes im Personenverkehr auf den preußischen Eisenbahnen offensichtlich dahin gegangen ist, die plutokratische Unterscheidung von Personenzügen in solche für Reichs und Wohlhabende und solche für Mittelbegüterte und Arme auszvgleichen und allmählich, ganz zu beseitigen. Unter der Herrschaft der Privatbahnen blühte die plutokratische Regelung des Personenverkehrs in einer jede Gerechtigkeit und Billigkeit aufs höchste verletzenden Weise. Die Privatbahnvertvaltungen, wir nennen z. B.
Mittwoch» den 15. April.
die Berlin-Anhalter Bahn, schlossen von den meisten Schnellzügen die 3. Klasse ganz aus nrch verteuerten hierdurch den Fernverkehr in unerträglicher Weise. Erleichterungen traten nur da ein, wo der Wettbewerb mit anderen Linien dazu zwang. Überall, wo eine Privatbahn den Schnellzugsverkehr allein beherrschte, verteuerte sie ihn aus einer uns heute unbegreiflichen Kurzsichtigkeit durch Schnellzugszuschläge auch für Rückfahrkarten und durch Einstellung nur der 1. und 2. Klasse, ^ so daß die mittelbegüterten Reisenden von den Schnellzügen so gut wie ausgeschlossen waren. Die Staatsverwaltung hat bei der Übernahme der Privatbahnen jenem Unwesen ein Ende gemacht. Namentlich unter Herrn von Maybach griff der vernünftige und einer Staatsbahn einzig würdige Grundsatz durch, daß eine staatliche Verkehrsanstalt ihre Wohltaten nicht nach plutokratischen Grundsätzen verteilen, sondern sie jedermann, auch den weniger Bemittelten, zukommen lassen müsse. In die meisten Schnellzüge wurde die 3. Klasse eingestellt, und Herr von Maybach, nicht etwa Herr von Thielen, war es auch, der die segensreiche Maßregel anordnete, daß die Rückfahrkarten ohne besonderen Zuschlag auch fiir Schnellzüge Geltung hätten.
Unter Ihrem unmittelbaren Amtsvorgänger Herrn von Thielen wurde jener milde und zugleich weise Grundsatz des Staatsbahnwesens leider vielfach durchbrochen. Herr von Thielen erfand die besonders verteuerten v-Züge, die keineswegs immer neue Züge waren, sondern bloß verteuerte, seit Menschengedenken verkehrende, unentbehrliche Schnellzüge. Wir nennen in dieser Beziehung zum Beispiel die durch die Platzkartengebühr verteuerten Schnellzüge von Berlin nach Ostpreußen. — Ferner trat unter Herrn von Thielen die sehr bedenkliche Neuerung ein, daß dringend notwendig gewordene, besonders beschleunigte neue Schnellzüge als Luxuszüge verkehrten, also dem allgemeinen Verkehr überhaupt nicht zu Gute , kamen. Kurz, dre plutokratische Auffassung des Personenverkehrs hatte unleugbar unter Herrn von Thielen einen Grad erreicht, der fiir die Entfaltung des Verkehrs die größten Gefahren schuf.
Sie, Exzellenz, haben durch einige unscheinbare, aber dem aufmerksamen Beobachter unseres Verkehrswesens angenehm auffallende Verfügungen nicht nur der Pluto- kratischen Ausbildung unseres Schnellzugsverkehrs Einhalt geboten, sondern Sie haben durch die Umwandlung mehrerer V-Züge mit 2 Massen in gewöhnliche, aber ebenso schnelle Schnellzüge mit 8 Klassen auf einigen der wichtigsten Linien des Fernverkehrs bewiesen, daß Sie nicht in der immer fortschreitenden Verbesserung des Reiseverkehrs für die Reichsten das Ziel einer Staatsbahnverwaltung erblicken, sondern in der Zugänglichmachung aller Fortschritte der Technik auch für die große Mittelklasse, ja für die ärmeren Reisenden. Nunmehr aber, so glauben wir, ist der Zeitpunkt gekommen, in dem es sich nicht um die Verbesserung dieses oder jenes
NedaktiouS-Ferusprecbrr N». 5*. 1903.
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einzelnen Schnellzuges in der von uns angedeuteten Richtung, sondern um eine durchgreifende Maßregel handelt. Wie dre Dinge jetzt stehen, muß der weniger wohlhabende Reisende vor dem Antritt jeder Fernreise zwei Erwägungen anstellen; nicht nur die: welches ist dev schnellste und bequemst liegende Zug? sondern auch die: welchen Schnellzug kann ich mit meinen bescheidenen! Mitteln bezahlen? Wir braucherr Ihnen nicht zrr sagen,, daß es große Eisenbahnländer gibt, in denen man Unterschiede zwischen Personen- und Schnellzügen zwar in dev Benennung kennt, aber nicht in der Bezahlung, In England fällt es keinem ärmeren Reisenden ein, beim Aufsuchen des für ihn passenden Zuges im Fahrplan gewisse Züge auszuschalten, wefl sie an seinen Geldbeutel unerschwingliche Forderungen stellen, sondern er stellt nur eine Rechnung an: welches ist der schnellste und für mich passendste Schnellzug? Die schnellsten englischen Züge führen die dritte Klasse: die meisten entbehren der zweiten Klasse, aber keiner der dritten.
Sollten Sie, Exzellenz, uns den in solchen Fällen gewöhnlich gemachten Einwand entgegenhalten: Ja, das ist England, und dort herrschen andere Verhältnisse, so erinnern wir Sie daran, daß es auch ein deutsches Land mit einem selbständigen, verhältnismäßig großen Eisenbahnnetz gibt, in dem der englische Grundsatz durchgeführt ist, mit der einzigen, nicht der Berücksichtigung werten Ausnahme der Luxuszüge. Dieses Land ist Württemberg. Können Sie uns und der weiten Reisendenwelt einen einzigen stichhaltigen Grund nennen, tves- halb es Schnellzüge ohne die 3. Klasse in Preußen gibt?, Technische Gründe hierfür werden Sie gewiß nicht anführen, denn gerade einige der schnellsten preußischen Schnellzüge führen die 3. Klasse, während weniger schnell« Züge nur mit zwei Klassen ausgestaüet sind. Das Betrübende ist nämlich, daß auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen unseres Eisenbahnwesens, kein streng, durchgeführter Grundsatz, keine stramme Ordnung, sondern bunte Durcheinanderwürfelung und geradezu Willkür herrscht. Dieser Unordnung und Willkür ein Ende zu machen, dazu halten wir Sie, Exzellenz, ganz besonders berufen, aber auch befähigt.
Sie haben jüngst im Reichstage mit überzeugenden Gründen auf die Notwendigkeit hingewiescn, den ärmeren Reisenden, also denen der dritten Klasse, die Annehmlichkeit der Speisewagenbenutzung zu verschaffen. Seien Sie versichert, daß man im Publikum Ihnen gerade für dies« wohlwollende und einsichtsvolle Berücksichtigung des Bedürfnisses der ärmeren Reisenden warmen Dank zollt. Warum aber sollen die ärmeren Reisenden von dem Vorteil der schnellsten Beförderung aus vielen Zügen ausgeschlossen bleiben? Nirgends, wo man die plutokrattschen Schnellzüge mit nur 2 Klassen in solche mit 3 Klassen umgewandelt hat. ist irgend ein Übelstand hervorgetreten, Es ist noch gar nicht so lange her, da hielt es die bayerische Staatsbahnverwaltung für gcnrz unmöglich, in Schnell
Feuilleton.
Pariser Frühjahrsmoden.
Mit den ersten schönen Lcnzestagen beginnt auch die Pariser Frühjahrsmode ihre Pracht zu entfalten. Die eleganten Damen erwarteten ja schon mit Ungeduld den Zeichunkt, wo sie ihre sorgsam vorbereiteten Schätze, die entzückenden Frühjahrskostüme, die reizenden Jacken und Umhänge, die kleidsamen, großen Hüte, die schönen Schirme, ja selbst die feinen, koketten Stiefeletten, auf der Promenade zeigen konnten. Und ihre Sehnsucht ist begreiflich, denn kaum je war die Mode so reich, so schön, so kleidsam, so chic, wie eben jetzt. Kann man auch dieselbe Bemerkung beim Beginn jeder neuen Saison vernehmen, so läßt sich doch nicht leugnen, daß sie diesmal ihre Berechtigung hat. Frau Mode hat ihre Freude an Luxus und Pracht, sie bietet in verschwenderischer Fülle weiche und schmiegsame und duftige Stoffe, kleidsame Formen und einen unermeßlichen Reichtum an kostbarem, reizvollem Beiwerk. Und dabei gestattet sie die größte Freiheit in der Auswahl ihrer Gaben; jede Dame kann sich aneignen, was ihr gefällt und gut steht. Freilich stellt die Mode auch hohe Anforderungen an die Kasse ihrer eifrigen Jüngerinnen. Es gehört Geld dazu, viel Geld, um all ihren Gebote» oder gar ihren extravaganten Launen solgen zu können. Schon die Spitzen, die sich jetzt an jedem Toilettengegenstand befinden, repräsentieren manchmal ein Vermögen. Und doch können auch weniger Bemittelte die Spitzenmode mitmachen. Es brauchen ja keine echten Retinella, keine echten Irish Guipure, altfranzösischc oder Brüsseler Spitzen zu sein — oder wie die vornehmen, bald duftigen, bald kräftigen Erzeugnisse weiblicher Kunstfertigkeit heißen wögen —, die Industrie bietet so wundervolle Imitationen, so vollendete Nachbildungen aller Spitzenartcn, daß nur ein Kcnnerauge sie von echten zu unterscheiden vermag. Was für schöne Einsätze, Spitzen, Pleins, Bordüren, Karos, Rosetten, Medaillons, Patten werden aus der All höchster Vollkommenheit gebrachten Spachtelmaschine
hcrgestellt zu Kleiderbesatz, für Kragen und Fichus, zur Garnierung von Umhängen, Jacken, Hüten, Schirmen, Jupons, Wäscheartikeln, kurz, zum Schmuck aller erdenklichen Toilettengegenstände. Ganz schwere Zwirn- guipure, selbst grobfädige Torchonspitze, wie man sie früher nur an Bett- und Tischwäsche sah, dient mit Vorliebe zum Ausputz eleganter Frtthjahrstoiletten aus streifig meliertem, glänzenden Sammet, aus langhaariger, weicher Zibeline, aus weiß genopptem Moulinä. Vielfach wird noch eine erhöhte Wirkung durch aufgesteppte Tuch- oder Taffetornamente und durch Grelot- Büschel erzielt. Ebenso beliebt ist die durchgehende Verwendung von zwei Stoffen. Wie apart nimmt sich z. B. ein schwarzes Kostüm aus, das abwechselnd aus Längsstreifen von Tuch und Tafset hergcstellt ist, überkleidct und verbunden durch ein Netzwerk von Cordonetseide; auch Bolerotaille und Ärmel zeigen ähnliches Arrangement. Bei solchen Zusammenstellungen werden immer glänzende und stumpfe Stoffe vereinigt; man sieht sie besonders in Braun, Grau und namentlich in Resedagrrin das zur Lieblingssarbe dieser Saison erklärt ist. Auch bei diesen kombinierten Kleidern übernehmen meist Spitzen den Ansputz. Zu den hübschen und eleganten Neuheiten zählen Tuchkleider mit Lochstickerei, die durch die Kurbelstickmaschinc hergestcllt wird. In großen Magazinen findet man verschiedene Muster in diesem Genre, und zwar liegen die einzelnen Teile immer fertig gestickt vor. Die schönen und reichen Dessins kommen über hellseidenen Unterkleidern zu prächtiger Wirkung, denn überall schimmert der farbige, glänzende Seidenstoff durch die zahlreichen, bald ganz offenen, bald mit Zierstichen gefüllten Löcher. Die Farbenzusammenstellung kann die mannigfachste sein; sehr hübsch wirkt z. B. Crk-me zu Schwarz oder Reseda, Pastellblau zu Braun, Erdbcerrot zu Beige.
Fast gleichzeitig mit den Kostümen auS neuen, kräftigen Frühjahrsstoffcn in Wollengewcben erscheinen die hellsten, zartesten und duftigsten Kleider auf der Bild- fläche, sowie nur die Sonne warm und mild vom blauen Himmel lächelt. Sic sind ja auch zu verführerisch, zu hübsch und kleidsam, diese weißen, glatten und brochterten,
gestreiften und karierten Gewebe in Mull, Battst. Jaconet, Satin ü jour, — diese zahlreichen Neuheiten in Voile und Etaminc, in Muffelin de laine und Foulardine —, so nennt sich ein besonders feiner Satin. Vor allem spielen jetzt Etaminegewebe in vielen neuen Mustern eine hervorragende Rolle. Man sieht sie fein» und grobfädig, durchsichtig und halbklar, hier mit feinen Noppen, dort mit Flammenstreifen oder mit eingewebten großen Rundteilen, bald mit reizenden Zierborten, bald mit Durchbruchsstreifen. Die Vorliebe der Franzosen für Blau und Grün, die sich, etwas abgefchwächt, auch nach Deutschland übertragen hat, macht sich in zahlreichen karierten Mustern bemerkbar; es finden sich in dieser Zusammenstellung kleine und große und Strichkaros, mitunter auch mit weißen und roten Fäden durchzogen.
Wenn es die liebe Sonne gut meint, so trägt die ele. gante Pariserin zu einer feinen Toilette nur einen Schulterkragen aus Stoff, der fast unter der Spitzenfülle verschwindet, oder aus Federn; eine andere greift zu einem „Etole", einem Stolakragen, welcher unter den verschiedensten Name», Formen und Ausstattungen erscheint. Für kühlere Tage bieten zahlreiche Mäntel, Umhänge, Jacken wärmende und kleidsame Hüllen. Auch für diese Konfektion wird häufig ein durchscheinender, aber doch haltbarer Etaminestoff über farbigem Seide, falter verwendet, meist in hellen, feinen Tönen und nur ausnahmsweise auch in Schwarz. Als Aufputz dienen 'lnflagen und Blenden in Tuch oder Seide, Passemente- rieen, Stickereien und Spitzen, denn die Mode verlangt iue reiche und elegante Ausstattung. Als vorherrschende Grundform in der Konfektion behauptet sich die kurze ^ackjacke; aber welche Abwechselung und welchen Reiz cwinnt die einfache Schuittform durch die vielfach inriierenden Ärmel und Kragen, sowie durch den Besatz, freilich mitunter sehen die Jacken ganz schlicht und be- lcheiden aus; sie sind nur mit einigen Stcppreihen, höch. stens Formblcnden, gcschmiickt, aber die scheinbare Ein- sachheit täuscht. Die Vorderteile haben einen reichen Jnncnbcsatz aus den kostbarsten Stoffen, den herrlichsten Stickereien. Die Pariserin, die eben noch einfach und I unauffällig erschien, wandelt sich sofort in eine hvchcle.
