1. Beilage mm Wieskadener Tngblatt.
|to. 173. Morgen-Ausgabe.
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*1 „ Mitwarmherziger Jugend harmlos übermütig sein zu 5 können, ist eine der köstlichsten Fähigkeiten reisen Alter«.
* Otto von Leixner.
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(27. Fortsetzung.)
Der Maltheser.
Roman von O. v. Kis-Killay.
Der Doktor kam heraus und winkte ihr einzutreten.
. Als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, blieb sie üef ergriffen stehen. Das Zimmer war von goldigem Sonnenlrchte uberflutet, durch das geöffnete Fenster drangen die Wogen des Lebens, das geräuschvolle Treiben der Großstadt, während hier drinnen einer im letzten / harten Kampfe rang . . . Mit eingefallenen Zügen und bläulichen Schatten um Nase und Dttmd, lag der Kranke da, bts zur Unkenntlichkeit entstellt. Er hielt die Augen geschloffen, und seiner hochwogenden Brust entrang sich ein pfeifendes Atmen. Käthe schauderte zusammen.
I Da öffnete er die brechenden Augen und unendliche Lrebe leuchtete chr aus denselben entgegen. Seine Lippen bewegten sich.
Bon heißem Schmerze überwältigt, stürzte Käthe an nn Lager und warf sich auf die Kniee. Eine seiner schlaff herabhängenden Hände ergreifend, bedeckte sie sie mit Küssen. Der Sterbende versuchte zu lächeln.
„Es hat nicht sollen sein", flüsterte er mit An- I strengung. „Dieses Mal habe ich es gesühnt. . . Trauere ^ besser so . . . Und nun noch einmal
k — küsse mich
Wortlos umschlang Käthe den Geliebten, und als tonne sie durch die Glut ihrer Küsse die erlöschende Flanime wieder anfachen, preßte sie ihre Lippen auf die {einigen, immer wieder, immer heißer und wilder.
Plötzlich ging ein Zucken durch seinen Körper. Er wollte sich aufrichten, sank aber gleich wieder zurück und an heller Blutstrom entquoll seinem Munde.
El * • schrie gellend auf. Ellig stürzte der Arzt herbei : er stieß sie gebieterisch zur Seite und beugte sich über den Kranken.
Gleich einer Bfldsäule stand Käthe da, keiner Emp- l sindung mächtig und lauschte dem größten der Mysterien das sich jetzt vollzog. Das Röcheln des Sterbenden mischte sich mfl den lauten Stimmen des Lebens. Die Sonnenstrahlen tanzten auf dem Fußboden und der Tapete, glitten Wer die Bettdecke und küßten die bleichen Hwrde. In der Ferne tönte auf esiiem Leierkasten ein be- munter Straußscher Walzer. Ein Regiment zog unter schallender Musik, Pfeifen und Trommeln vorüber. Abei Erster als alles tönte in Käthens Herzen das schauerliche Achseln wieder. Nur schneller, schneller, damtt die Qual ein Ende hätte!
Und plötzlich wurde es sttll. Sie fuhr zusammen. Der M Dokwr erhob sich aus seiner gebeugten Stellung und trat zu ihr.
|'< „Es ist aus", sagte er in gedämpftem Tone. „Sie tuten besser, sich zurückzuziehen, gnädige Frau. Es wer-
Mittwoch, den 15. April.
den bald fremde Leute hier sein, und es wäre Ihnen wohl lieber, nicht hier angetroffen zu werden."
Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Käthe das Zimmer. In der Tat, hier hatte sie nichts mehr zu tun. Was dort lag, war nicht mehr er, sondern etwas Fremdes.
Der Doktor folgte ihr.
„Sie haben mir Vertrauen bewiesen, indem Sie mich nicht um ineine Diskretton gebeten haben." Er reichte ihr die Hand. „Ich gebe Ihnen unaufgefordert das Versprechen — niemand soll erfahren, daß Sie hier gewesen sind."
Käthe blickte ihn verwundert an und ging. Wozu dieses Bersprechen, diese Diskretion? Sie hatte ja nichts Böses getan — hatte ihm den letzten Trost gewährt . . . Sie besann sich mühsam. Das war eben das Böse — dafür würde man sie steinigen, mit Fingern auf sie weisen ... Ja, für sie war das Leben noch nicht zu Ende. Vielleicht dehnte es sich noch lang vor ihr aus. Sie würde alt und grau werden, und womit sollte sie die endlose Zeit ausfüllen? Sie hatte alles aus einmal verloren: Liebe, Glück und Ehre. Es war bereits ruchbar geworden — sie war beschimpft. Es war ihr aber gleich- gülttg. Sie würde ohnehin nicht hier bleiben . . .
Müde schlich sie die Straßen entlang, es lag ihr wie Blei in den Füßen. Ja, sie würde fortgchen, sie wußte aber nicht, wohin. Bei Werner konnte sie nicht bleiben. Wenn er eS nicht von anderen erfuhr, wollte sie es ihm selber sagen, dann würde er sie nicht mehr bei sich dulden. Wenn sie nur auch sterben könnte, dann wäre alles gut. Melleicht konnte sie es — sie war so krank, so matt, und ihre Seele war schon tot, sie fühlte nichts mehr.
Die Sonne war im Sinken, als sie ihre Wohnung erreichte. Leuchtende rote Wölkchen schwammen im blauen Äther. Sie hatte also mehrere Stunden dort gestanden, sie hatte aber keinen Eindruck davon gehabt. Die Ewigkeit hatte sie gestreift und darüber hatte sie die Zeit vergessen.
Sie sihellte — es war wohl ihr letztes Nachhausekommen. Vor ihr stand ihr Mann, finster, mit gerunzelter Sttrn.
„Wo warst du?" fragte er streng. „Ich war bei Rehsans und du bist dort überhaupt nicht gewesen. Ich wartete auf dich und ging dann schließlich. Und was mir sehr unangenehm auffiel, die Leute warm so eigentümlich . .
Käthe hob ihr bleiches Gesicht zu ihm empor. „Ich war bei Goffar und blieb bis zuletzt bei ihm", sagte sie mit klangloser Sttmme. „Jetzt ist er tot."
Werner verfärbte sich.
„DaS Haft du gewagt? Du hast es gewagt, mich so zu kompromittieren? Und du kommst nnt frecher Stirn und sagst es mir frei inS Gesicht? Hast du denn kein Schamgefühl?"
Er fuhr sich inS Haar.
Käthe hatte sich erschöpft auf einen Stuhl fallen wssen. Sie antwortete nicht gleich. Ihr Gesicht hatte nwa? Erschreckendes in seiner starren Ruhe.
„Ich habe dir nichts vorlügen wollen", sagte sie gleich- stiltig. „Überdies hättest du von anderer Seite die Wahrheit erfahren."
Aschfahl im Gesicht stand Werner vor ihr.
51. Jahrgang. 1903.
„Du bist — fand das Duell deinetwegen statt?"
Küthe nickte.
„Mein Gott und du — du hast dich mit diesem {Warnte vergangen?"
„Nein."
„So foltere mich doch nicht", rief Werner mrßer sich. „Lage mir, ivas trieb dich zu ihm?"
„Ich liebte ihn", antwortete Käthe, wie aus einem Traume erwachend. „Wenn er gelebt hätte . . ."
„Wenn er gelebt hätte — ja, wenn er gelebt hätte, so würde wohl eine französische Ehebruchskomödie auf* geführt worden sein, in welcher der betrogene Gatte allein die Kosten trägt ..."
Keine Muskel in Käthens Gesicht zuckte.
„Wenn er gelebt hätte, würde ich eine Scheidung von dir verlangt haben", erwiderte sie in dem gleichen Tone.
„So, es war also abgekartetes Spiel?" Er lachte höhnisch auf. „Ter Weiberverführer ist sich folglich bis zuletzt treu geblieben."
Das Blut schoß in Käthens Wangen.
„Du darfst ihn nickst beschimpfen", rief sie lebhafter als vorhin. „Ja, er ist sich selbst, seinem edlen, großen Denken treu geblieben. Seine letzten Worten waren: es ist besser, daß es so gekommen ist . . . Er wollte sich von mir zurückziehen, ich bin ihm ober nachgegangen. Ich war es, die ihm von der Scheidung sprach."
Werner starrte sie fassungslos an.
„ES ist unbegreiflich!" stotterte er. „Bist du von Sinnen oder bin ich es? Und das sagst du so kühl, so gelassen, als müßte es so sein! Verstehst du denn gar nicht, rnas du sagst?" fuhr er, wieder hefttg werdend. _fort. „Hast du kein Wort der Entschuldigung? Begreifst du nicht, daß du vor deinem schwei-beleidigten Gatten stehst?"
Käthe sah ihn mit verständnislosem Blicke an. „Es tut mir leid, Werner, verzeihe mir — aber es läßt sich nichts mehr ändern . . ."
Werner dnrchmaß das Zimmer mit großen Schritten und blieb dann wieder vor Käthe stehen, welche tränenlos dasaß, gleich einem Bilde von Stein.
„Wie soll es jetzt weitergehen?" fragte er zähneknirschend. „Du meinst wohl, mit dem schönen Geständ- nisse ist alles abgetan und unser Leben ginge im alten Gleise wieder fort?"
Käthe sah ihren Mann befremdet an und eine nene Blntwelle schoß in ihre Wangen.
„Aber Werner, es ist ja selbstverständlich. daß du dich von mir scheiden lässest! Ich bleibe nicht bei dir."
Ein langes Schweigen folgte, während ^welchem Werner die in sich Versunkene mit schmerzlichem Staunen betrachtete. Die Dämmerung war Hereingebrochen, jedoch sah er noch deuüich das feine, weiße Prottl sich gegen den Hintergrund abheben. Die ganze Gestalt hatte etwas so rührend Hülfloses, Gebrochenes . . . Und das war Käthe, seine Käthe, sein Weib, dem er verttaut, das e: über alle anderen Frauen gestellt hatte! Seine Augen quollen über.
„Käthe. Käthe, warum hast du mir das getan! Wie hast du mir meine Liebe vergolten!"
„Du hast mich gar nicht geliebt", antwortete Käthe matt. Werner prallte einen Schritt zurück.
(Fortsetzung folgt.)
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