Wiesbadner Tsgblati.
51. Jahrgang
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U0. 1^4» BerlagS^erusprecher No. 1953. Mittwoch» de» 15. April.
Rebaktions-Fernsprecher No. SS.
1903.
Abend-Ausgabe.
Die Wirren im Orient.
Die Situation in M a c e d o n i e n, die schon im Winter Anlaß zu ernsten Besorgnissen gab, hat sich in bedenklicher Weise zugespitzt, und es wird der angestrengtesten Bemühungen der Mächte, insbesondere der an den dortigen Vorgängen in erster Reihe interessierten Mächte, Österreich-Ungarn und Rußland, bedürfen, um das gefürchtete Wiederaufrollen der orientalischen Frage zu verhindern.
Wir habeil erst unlängst auseinandergesetzt, worauf die ganz besondere Kompliziertheit der Verhältnisse in Macedonien beruht. Die etwa 2 1 /} Millionen starke Bevölkerung des Landes setzt sich aus Billgaren, Albanesen, Türken, Pomakcn, Serben, Rumänen uird Griechen zusammen, die sich sämtlich fei,Mich gegei,übersteh«,, und von denen sich dazu noch die meisten für die berechtigte Nationalität halten. In ersten Reihe gilt dies voir den macedonischen Bulgaren, die im Innen,, im Osten und in einem Test des Westens von Macedonien wohnen, und von den Wbanesen, die in denr westlichen Grenzstreifen an der Drina bis Prizrend sitzen.
Die Unruhen in Macedonien haben auch diesmal, wie fast immer, unter der bulgarischen Bevölke- rung Macedoniens ihren Anfang genommen. Ist diese Bevölkerung schoir an sich zu Gewalttätigkeiten lind Aufständen geneigt, so konrmt noch dazu, daß von Bulgarien aus durch die Agitation der macedonischen Comittzs die gegen die Pforte gerichtete Bewegung geschürt wurde mrd die Losreißungsbestrebungen begünstigt worden sind. In Bulgarien trägt man sich mit kühnen Plänen. JnSbc- sondere dem Fürsten Ferdinand ist die billgarische Grenze längst zu eng und er träumt von einem Königreich Großbulgarien, welches vom Bosporus bis ziem Hafen von Salonichi seine Fittige ausbreit«, soll.
Diesem Ziele streben die seit Jahren in Bulgarien betriebeneil Agitationen zu, wenn man dies auch „amt- licherseits" leugnet und wiederholt so getan hat, als ob man über die macedonische Agitation höchlichst entrüstet sei. Aber die Pläne Ferdinands sind auf den «tt- schiedenen Widerspruch Rußlands, welches in Bulgarien ausschlaggebend ist, gestoßen, und so sah sich die bulgarische Regierung, der Not gehorchend, nicht dem eig'nen Trieb, zur Auflösung der macedonischen Comitss gezwungen. Als trotzdem die Schürung der macedonischen Agitation nicht aushörte, richtete die russische Regierung jene scharfe Note an die bulgarische Regierung, worin sie ibr die Verantwortung für die Weiterentwickelung der Tinge zuschob, falls Bulgarien die Störungen der Ord- nung auf dem Balkan fortsetzeil würde. Daß man in Bulgarien nunmehr weiß, was die Glocke geschlagen hat, geht daraus hervor, daß, wie soeben berichtet wird, der Adjlllant des Fürsten Fecdiiland, Rittineister Gantschew,
Der Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorning.
(23. Fortsetzung.)
Herr Friedrich Wilhelm brach das Siegel und las:
„Einzig geliebtes, teuerstes Weib,
wenn Du diese Zellen erhältst, deckt mich bereits die kühle Erde. Für den Fall meines Todes habe den Brief geschrieben, und ich sehe „reinen Tod vorarrs. So laß mich Dir dciln noch ein einziges llllal danken für Ees Gute, was Du ,nir erwiesen, für jedes freundliche Aort, das Tu mir gesagt, für jeden sonnigen Blick, den mir geschenkt. Möge es Dir für Dein Leben zu einem Gefühl der Beruhigung werden, daß ein unruhiges Herz w Dir seine Ruhe gefunden zu haben wähnte. Wenn bas eine Täuschung war — wohl! auch diese Täuschung brar göttlich schön, und um nichts in der Welt möchte ich de missen. Dir, mein teueres Weib, gehören alle meine Euter und Besitzungen: mein letzter Wille ruht in der Kommandantur, wo ich ihn vor meiner Abreise nieder- gelegt habe, und er wird Dir eröffnet werden, sobald me Bestätigung meines Todes dort eingegangen sein ^>rd. Es ist das ganze reiche Erbe meiner Väter, das Dir zufällt, und doch ist es zu wenig für mein liebendes Harz, das Dir eine Welt zu Füßen lege,: möchte. Möchte -ir alles zum Segen gereichen! Du aber, geliebtes Weib, 8eh,Deinem Glücke entgegen, das Du finden wirst! Ich svviß alles! Nimm Dir ohne Zögern, was Dein ist — ,? er Schatten eines Toten soll niemals zwischen Dich und ocn treten, der Deinem Herzen teuer ist. Für mich bitte ' lcf ! nur um eines: nicht ganz, mein teures Weib, streiche "llch aus Deinem Gedächtnis, einen Winkel darin laß °uch in Deinem höchsten Glück für einen Toten offen liehen, und wenn Tein Weg Dich einst in das ferne, Remde Land führen sollte, wo man mir meinen Grab- ^ugel bereiten wird, so geh nicht daran vorüber, ohne ein
dem Zaren Nikolaus ein Schreiben iiberbracht hat, welches die Ergebenheit des bulgarischen Volkes zum Ausdruck bringt. Ties kann wohl als die Bestätigung dafür genommen werden, daß die bulgarischen Politiker entschlossen sind, wenigstens zur Zeit von einer weiteren Schürung der macedonischen Bewegung Abstand zu nehmen.
Unter diesen Umständen könnte num darauf rechnen, daß die Pforte rnit der macedonischen Bewegung, sobald ihr die bulgarische Unterstützung fehlt, unschwer fertig würde, wenn sich die macedonische Frage nicht unterdes dadurch kompliziert hätte, daß auch die albaNesi- scheu Bewohner des Landes sich gegen die Pforte er» hoben haben. Wie die Bulgaren Makedoniens, so streben auch die Albanesen die Losreißung von der Türkei oder doch wenigstens eine weitgehende Autonomie an. Tie Bewegung uitter den Brllgaren hat aber nicht nur indirekt eine korrespondierende Bewegung unter den Albanesen hervorgerufen, sondern die macedonische Liga hat ganz direkt auf die Albanesen eingewirkt und sie zur Geltendmachung ihrer Ansprüche aufgestachelt.
Durch den Aufstand in Albanien, der bei Mitrowitza zu offenen Kämpfen geführt hat, ist die Situatton in diesem unruhigsten Teil des Balkans eine sehr kritische geworden; zugleich aber hat sie durch die Ermordung des russischen Konsuls Tscherbina auch eine heikele internationale Bedeutung bekommen. Die russische Regierung wird selbstverständlich ausreichende Genugtuung für dies Verbrechen, das zugleich einen schweren Verstoß wider das Völkerrecht bedeutet, verlangen, und die Pforte wird diese Genugtuung wohl oder übel geben müssen.
Aber wird sie das können? Gegen die Bestrafung des Mörders zu 15-jähriger Zwangsarbeit hat die russische Regierung bereits Einspruch erhoben, und sie besteht mit aller Entschiedenheit auf der Todesstrafe für den Mörder. Tie türkische Regierung hat sich aber bisher noch niemals zur Verhängung der Todesstrafe über alba- nesische Mörder entschlossen, selbst nicht als vor einigen Jahren der Sohn des Großveziers in Konstantinopel auf offener Straße ermordet wurde. Für diese Zurückhaltung hat man in der Türkei gute Gründe, denn man fürchtet die Blutrache, die bei den Albanesen das oberste aller Gesetze ist. Insbesondere aber fürchtet sie der Sultan, dessen Leibwache aus albanesischen Soldaten besteht. Jedenfalls wird es für die Türkei kein leichtes Stück Arbeit sein, gleichzeitig die Gärung unter den Mace- doniern und unter den Albanesen zu ersücken.
Deutsches Deich.
Vom Jefultengesctz.
L. Berlin, 11. April.
Ein Dresdener Blatt will zuverlässig wissen, daß eine Mehrheit für die Aufhebung des 8 2 des Jesuitengesetzes doch noch inr Bundesrate zusamn,«,gebracht werden könnte. Tie Ernzelheiten der betreffenden Berechnung
paar Feldblumen darauf niederzustreuen und ein stilles Gebet für den Schlummernden zu sprechen. Und wenn Dich einer fragen sollte, warum Du das tust, so sage ihm: „Ter dort schläft, hat mich geliebt bis in den Tod! Leb wohl! Leb wohl! Leb Wohl!
Dein Gatte
Raoul de Charillon."
Gertrud schluchzte leise, als der Vater schwieg.
„Have pia anima!" sagte Herr Friedrich Wilhelm ergriffen und faltete die Hände zun, Gebet.
Lange schwiegen dann die beiden.
„Er war größer als sein Kaiser!" sprach endlich Herr Friedrich Wilhelm.
Und nun sah Gertrud, daß es auch in seinen Augen fcucht schimmerte. Sie faßte seine Hand und sagte schlicht:
„Nicht wahr, lieber Vater, wir wollen den Toten nicht vergessen?"
„Nein, mein Kind", entgegnete Herr Friedrich Wilhelm, „wir können ihn nicht vergessen, ob wir's auch wollten, llnd tuen,, du das Glück finden solltest, von dem er spricht, — du wirst doch nie vergessen, was er um deinetwillen getan hat!"
Es dämmerte im Gemach. Draußen am Himmel aber glühte das Wendrot und verkündete einen schönen kommenden Tag.
XV.
ES war eine ernste Versammlung, die an einem trüben, regnerischen Sommerabend des Jahres 1806 in einem kleinen Kruge, der mitten auf dem Wege zwischen Brandenburg und Potsdam liegt — noch heute liegt er da —, zusammcngekommen war. Lauter kräftige, männliche Gesichter, zum Teil von südlicher Sonne gebräunt, lauter hohe stattliche Gestalten, denen man, wenn sie auch alle in Civilkleiduug erschienen waren, mif den ersten Blick das kriegerische Handwerk ansah. dem sie angehör, len. Auf-allen Gesichtern lag jener wehmütige Zug von
sprechen aber durchaus nicht für die Behauptung, zumal sich diese selber klüglich in größtmögliche Unbestimmtheit kleidet. Wenn zu den Sttmmen Preußens und Bayerns (zusammen 24) noch die drei badischen hinzutreten sollten, so ist das nattirlich noch lange keine Mehrheit. Nun soll es nicht unwahrscheinlich sein, daß Mecklenburg und Anhalt mit der: genannten Staaten stimmen werden, aber wer weiß das? Und selbst wenn es so wäre, so sieht man noch immer nicht, wo die Mehrheit Herkommen soll. Übrigens rechnet das Dresdener Blatt bisher auch nur resignierter Weise nach, daß nur noch zwei Stimmen an der Stimmen-Gleichheit fehlen, was wirklich nicht sehr imponieren könnte, was vor allem nicht den Schluß gestattet, daß die Abänderung des Jesuitengesetzes nun doch möglich sein werde. Graf Bülow wird sich vermutlich der Ungewißheit der mitgeteilten Berechnung lieber nicht überlassen, sondern es vorziehen, die Abstimmung mindestens bis zum nächsten Herbst zu vertagen.
Zur Rcichstagswahlbewegung.
Wir erhalten folgenden Bericht: „Tie Frei
sinnige Volks Part ei des 1l. nassauischen Wahlkreises hielt gestern im Gartensaal des Hotel-Restaurants „Friedrichshof" zu Wiesbaden eine gn.t besuchte Versammlung ihrer Vertrauensmänner ab, um über die Aufstellung eines Kandidaten für die kommende Reichstags- Wahl zu beraten und Beschluß zu fassen. Fustizrat Dr. Alberti-Wiesbaden begründete in längeren Ausführungen den Vorschlag des Wiesbadener Wahlvereins der Freisinnigen Volkspartei, nach welchem der seitherige Vertreter unseres Wahlkreises, Herr Genossenschaftsanwalt Dr. Hans Crüger-Charloüenbnrg, wieder als Kandidat aufgestellt werden soll. Er besprach dabei die seitherige Wirksamkeit des Dr. Crüger im Landtag und Reichstag, rühmte seine persönlichen Eigenschaften, insbesondere seinen Fleiß, seine Energie und seine politische Selbständigkeit und kam dann aud} unter anderem auf die unverdienten Angriffe zu sprechen, denen Dr. Crüger in der letzten Zeit ausgesetzt gewesen sei. Tabei wurden auch die bekannten Vorgänge auf dem letzten Genossenschaftstag in Kreuznach berührt, auf welchem eine Anzahl Konsumvereine aus dem Allgemeinen Genossenschaftsverband ausgeschlossen wurden, die sich in ihren wirtschaftspolitischen Ansichten in schroffen Gegensatz zu den Ansichten des Verbands gestellt hatten und deren Tendenz darauf ausging, womöglich den ganzen Verband den eigenen sozialistischen Ideen dienstbar zu machen. Tabei wies Redner nach, wie jetzt sogar von sozialistischer Seite zugegeben wird, daß eine Trennung, wie sie dort erfolgte, notwendigerweise eintreten mußte. In der sich anschließenden Diskussion über den Vorschlag des Wiesbadener Wahlvereins fand derselbe allseitige Zustimmung, und sprachen insbesondere Waldmann-Biebrich und Jung- Rüdesheim die Zustimmung der Parteigenossen in Biebrich und Rheingau mit der Aufstellung Dr. Crügers aus, wobei sie auch darauf hinwiesen, daß dort die Stimmung für seine Kandidatur sehr günstig sei. Die
Resignation, der selbst das kraftvollste Männerantl'ch auffällig weich und milde erscheinen läßt, und sie alle waren offenbar nicht in der Stimmung, viel zu reden, denn das Hauptkennzeichen dieser seltsamen Versammlung lvar, ganz im Gegensatz zu anderen Versammlungen, ein großes Schweigen.
Die einen starrten schweigend auf den Krug schäumen- den brande,,burgec Bieres, das ihnen der Krüger vor- setzte, wobei er scharf Obacht gab. keinen Krug leer zu lassen; die anderen raucht«, aus kurzen Tonpfeifen und bliesen bald dicke Wolken, bald zierliche, luftige Ringe vor sich hin; wieder andere lasen in der „Königlich privi- legierten Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen", aber sie lasen nur die „Staatssachen", während sie über die „gelehrten" ,nit flüchtigem Blicke hinwegeilten: noch andere endlich hatten kleine Karten vor sich, der eine eine solche von Spanien, der andere von Frankreich, der dritte von Italien, und studierten diese eifrig.
Aber alle schwiegen; man konnte sich in La Trappe glauben.
llnd so eintönig wie die Versammlung, so eintönig war draußen das Wetter: tick, tick, tick, tick fielen die
schtvercn Regentropfen nieder, zuweilen rüttelte ein Wind- stoß an den Fenstern und schüttelte von den Ästen der Kiefern draußen wahre Wasserbäche herunter, und üb->r die ganze düstere Landschaft legte sich swon die frühe Dunkelheit . einer regenschwangeren Nacht.
Jetzt ging eine Bewegung durch die Versammelten. Man hob die Köpfe, horchte, lauschte.
Ein Wagen war draußen vorgefahren. 1
„Er ist's!" rief einer.
Gleich darauf ging die Tür auf und tief in einen rcgenschweren Mantel gehüllt, trat der Oberst v. Katts in daS Zimmer.
„Mit Gott für König und Vaterland !" sagte er zum Grust
„Für's Vaterland!" lautete der einstinimigc Gegew grüß.
