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S 1 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
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172« Verlags-Fernsprecher N». 2953.
Dienstag» den 14« April.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
Die deutsche Kartellenquete.
Die Verhandlungen über das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat, die am 26. und 27. Februar die von der Reichsregierung eingeleitete Kartellenquete erössneten, sind im „Reichsanzeiger" veröffentlicht worden. Bei dem Studium des außerordentlich umfangreichen Berichtes drängt sich dem Leser das Empfinden auf, daß bei den Verhandlungen zwei Parteien sich diametral gegenüberstehen, auf der einen Seite die an dem Kartell beteiligten oder interessierten, die unbedingt für die von dem Kartell betriebene Politik eintreten, im übrigen sich aber bemühen, alle diese Politik näher angehenden Punkte nach Möglichkeit zu verschleiern, auf der anderen Seite diejenigen, die diesen Schleier zu lüsten und einen Einblick in die innere Geschäftsgebarnng der Kartelle zu gewinnen suchen, um sich danach ein Bild von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, ihrem Einfluß auf Produktion und Konsumtion zu machen. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, bietet schon der erste Bericht eine gewisse dramatische Steigerung. Während zuerst die kartellierten Zechenbesitzer allein das Wort führen und ihre Mit- teilungen sich nicht über das Niveau des allgemein bekannten erhoben, rücken ihnen im Laufe der Verhandlungen die Sachverständigen immer schärfer aus den Leib. Fn erster Linie dem Bergrat Gothein-Breslau und Prof. Achmoller-Berlln, die mit eminenter Sachkenntnis unentwegt die wunden Punkte der Kartellwirtschast hervorhoben, ist es zu danken, wenn schon der erste Bericht nach verschiedener Richtung namentlich über die Regelung des Absatzes und der Preispolitik in den verschiedenen Phasen der geschäftlichen Konjunktur einiges Neuö bringt. Aus den Erörterungen ergibt es sich, daß der Zweck des Kartells nicht — wie einer seiner Verfechter hervorhebt — in erster Linie darin besteht, „daß die Schwankungen, die der Markt in früheren Jahren bei freiem Wettbewerbe durchgemacht har, durch eine einheitliche Preisgestaltung, die von Jahr zu Jahr bestimmt wird, und die bei aufsteigender Konjunktur eine mäßige Preiserhöhung, bei absteigender Konjunktur ein nicht zu rasches Sinken ermöglicht, hintangehalten werden", sondern daß es vor allem eine Jnteressenvereinigung ist, mit dem ausgesprochenen Ziel, seine wirtschaftliche Macht wenn auch, wie zugestanden werden muß, innerhalb relativ maßdollen Grenzen, dazu zu benutzen, sich einen möglichst gewinnreichen Absatz auf Kosten der Konsumenten zu sichern. Kartellierung bedeutet also zunächst Preis st eigerung. Dies erhellt aus folgendem: Im Jahre 1898 wurde das rheinisch-westfälische Syndikat begründet. Von diesem Zeitpunkt an hat sich der Preis für Fettsörderkohle, ein Durchschnitts
produkt, wie folgt gestaltet: Für das Geschäftsjahr 1893/94 ... 7 Mark; 1900/01 ... 10 Mark, d. h. in 8 Jahren eine Preissteigerung von 44,3 %.
Gesteht man dieser zweifellos recht energischen Erhöhung des Preises, die zum Teil auf die Erhöhung der Produktionskosten zurückzuführen sein mag, immerhin noch eine gewisse Berechtigung zu, so nmß es auf jeden Fall schwere Bedenken erregen, wenn die Kartelle, die für sich den Vorzug in Anspruch nehmen, „durch Regelung der Preise und des Absatzes fördernd auf das wirtschaftliche Leben einzuwirken", eine Preispolitik betreiben, die gerade in der Zeit der Krisis dem Abnehmer besonders schwere Lasten auferlegt. Dieser Vorwurf trifft das Verhalten des rheinisch-westfälischen Kohlensyndikates in der Krisis 1901/02. Obwohl bereits im Juni 1900 die wirtschaftliche Krisis sich bemerkbar machen mußte und im weiteren Verlause des Jahres immer ^ unzweifelhafter zu Tage trat, wurden von dem Syndikat die Preise für 1901 nach der wirtschaftlichen Lage von 1900, d. h. auf Grund einer Hochkonjunktur festgesetzt. Da das Syndikat nur Verträge auf ein Jahr abschlotz und sich auf Preisnachlässe, die andere Jndustrieen bei rückgängiger Konjunktur zu gewähren pflegen, nicht einließ, so wurden dadurch seine Abnehmer in eine wirtschaftlich schwierige Lage gebracht.
Ein derartiges Vorgehen, das durch egoistische Jn- tevessenpolitik diktiert wird und dem Charakter, den die Kartelle für sich vindizieren, vollkommen widerspricht, ist illoyal und verschärft eine vorhandene wirtschaftliche Krisis. „Denn das bleibt — wie Prof. Schmoller ausführte — im großen und ganzen für die Preislehre wahr: in solchen (Krisis-)Zeiten erzeugt nur ein Preisrückgang wieder nach und nach eine Steigerung des Konsums und erst, wenn der Preisrückgang einigermaßen eingesetzt hat, kann die ganze Depression schwinden, die Geschäftslage wieder eine normale werden." Tritt also ein Rückgang in der Konjunktur ein, so muß auch das Kohlensyndikat auf Preisnachlässe eingchen. „Wenn einmal so große -Organisationen existieren, so darf nicht bloß eine Rücksichtnahme auf den Gewinn der Organisation und der beteiligten Geschäfte, sondern es muß auch eine allgemeine auf die Beeinflussung der Konjunktur stattfinden, es muß die Sanierung der Krise für die Preispoliftk maßgebend sein; das muß einer der wesentlichsten Punkte in der Preisbildungspolitik sein."
Deutsches Reich.
Vom Fideikommißwesen.
L. Berlin, 13. April.
Der Entwurf eines neuen Fideikommißgesetzes, den der „Reichsanzeiger" jüngst veröffentlicht hat, ist bisher von der Kritik ziemlich verschont geblieben. Begreiflich genug. Insofern es sich um juristisch-technische Durch
arbeitung der Materie handelt, dürste eine einwandfreie Arbeit geliefert worden sein. Die wichtigere Frage aber, ob wir das Fideikommißwesen beibehalten sollen, bleibt von der Einbringung der neuen Vorlage so gut wie unberührt, denn wenn dieser Entwurf garnicht ausgearbeitet worden wäre, würden die bestehenden Fideikommisse doch fortdauern, und auch die Errichtung neuer Fideikommisse würde nicht verhindert werden können, da die Gesetzgebung auch bisher schon die Mittel und Wege zu ihrer Gründung dargeboten hat. Die Erörterung der Frage also, ob die Fideikommisse von Nutzen oder von Schaden sind, ob sie ansgehoben oder erhalten werden sollen, kann im Anschluß an den vorliegenden Entwurf kaum anders denn vorher und immer schon behandelt werden. Höchstens ließe sich sagen, daß der neue Entwurf die Bildung von Fideikommissen erleichtern ivird, daß also die mit dem Fideikommißwesen verbundenen Übel vielleicht schneller eintreten können, und von diesem Standpunkte aus wäre der Entwurf allerdings entschieden zu bekämpfen. Aber es muß wiederholt werden: Das Institut selber wird bleiben, was es gewesen ist, so daß die Vorlage mit dem Kernpunkt dieses Problems nur äußerlich zusammenhängt. Die Zeit, wo eine preußische Regierung dem Landtage die radikale Beseitigung aller Fideikommisse Vorschlägen könnte, liegt nach menschlichem Ermessen so unendlich fern, daß es bloßes Theoretisieren wäre, sich eingehender mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen. Das darf aber nicht bindern, jetzt wie stets und jetzt noch stärker als vormals zu betonen, daß die Bindung des Großgrundbesitzes im Widerspruch mit allen Grundrichtungen der modernen Gesellschaftsordnung und des modernen Wirtschaftslebens steht, daß sie agrarpolitisch wie sozialpolitiscki eine bedauerliche Rückständigkeit bedenket, daß sie weite Landflächen künstlich von der Besiedelung mit mittleren Grundbesitzen! für immer ausschließt, daß sie die Mißstände zu verewigen droht, unter denen die ostelbischen Provinzen gegenüber den volkreicheren Gegenden unseres Vaterlandes leiden. Alle diese Einwände werden freilich das Zustandekommen des neuen Gesetzes nicht vereiteln, aber es ist gut, an einem neuen Beispiel zu erfahren, wie schnell bereit die Regierung ist, in beklagenswerter Unkenntnis der treibenden Kräfte unseres wiickschaftspolitischen Entwicklungsprozesses den Großgrundbesitz zu stärken, statt ihn wie jede andere ökonomische Daseinsform auf die eigene Kraft oder auch Schwäche zu verweisen.
Ein vermeintliches Kaiscrworr.
Geraume Zeit hindurch hat man es nicht nötig gehabt, sich mit angeblichen, in keiner Weise verbürgten Äußerungen des Kaisers von epigrammatischer Zuspitzung zu beschäftigen. Nachdem solche Äußerungen früher in regelmäßigen Zwischenräumen mit deni Anspruch auf Beachtung verbreitet worden waren, hafte, wie gesagt, diese Art der Berichterstattung ein wohltätiges Ende ge-
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Ver Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorning.
(22. Fortsetzung.)
XIV.
Der Schlag von Wagram war gefallen und kurz | danach ein Waffenstillstand zwischen den kriegführenden j /Rächten abgeschlossen worden, von dem leicht zu erkennen Rar, daß er der Vorläufer des definitiven Friedens sein i würde. War doch schon der hochsinnige Mann, den man als die Seele des heroischen Aufschwunges Österreichs ; kannte, war doch schon der Minister Graf Stadion aus seinem Amte geschieden, und jene armseligen politischen / Kleinigkeitskrämer, an denen die Kabinette der Hofburg - 3u alleEZeiten so reich gewesen sind, hatten wieder einmal
[ das Hessin Händen.
Dazu kam der unerquicklickie Streit im Hauptquartier, Rer den Verlust der Schlacht von Wagram verschuldet hätte — ein Streit, der die Schwächen und Mängel der österreichischen Kriegsführung sehr zum Nachteil des öffentlichen Ansehens der Streitenden vor aller Augen hloßlegte. Die Erzherzöge Karl und Johann gerieten persönlich hart aneinander, und der erstere legte den Oberbefehl nieder, um niemals wieder einen solchen zu übernehmen; seine Erfahrungen in drei Feldzügen hatten den großen Kriegsgelehrten und persönlich tapferen Mann, aber bedächtigen und von ängstlichen Bedenken geleiteten Feldherrn mit einer Erbitterung erfüllt, die seine Seele nie mehr verlassen hat.
War es ein Wunder, wenn unter solchen Umständen die letzten Hosfnnngen, welche man in Norddeutschland über eine allgemeine Volkscrhebnng noch gehegt hatte, über Nacht welk wurden wie die Frühlingsblüten unter dem Aprilfrost? Das verhängnisvolle „Zn spät!", welches Die große Lehrerin Weltgeschichte auf fast allen Seiten j 5hres Riesenbuches in großen, drohenden Glntbnchstaben 'eingezeichnet hat und das doch trotz alledem immer und i immer wieder in den Geschicken der Staaten und Völker,
die nichts lernen können, überhört wird — hier war es aufs neue -eingetroffen: der rechte Augenblick zum Losschlagen war ungenutzt vorübergegangen.
Der blutige Ausgang des Schillschen Unternehmens mußte auch die Kühnsten bedenklich machen. Die erhöhte Wachsamkeit der Franzosen, ihre über das ganze Land ausgedehnte Spionage trugen das Ihre dazu bei, diejenigen, welche etwa noch den Gedanken zu einer Waffen- erhcbung hegten, für die nächste Zeit wenigstens von ihren Plänen Abstand nehmen zu lassen, und nur der einzige „schwarze Herzog", Friedrich Wilhelm von Braun- schweig-Lüneburg-Oels, führte seine Schar in kühnem Zuge von Böhmen bis zur Nordsee mitten durch die Feinde hindurch.
Sonst aber wurde es still im Lande. Der Waffenlärm verklang, die alten Waffen selbst, die da und dort das in Bewegung gebrachte Landvolk hervorgesucht hatte, rosüge Degenklingen, Morgensterne, Hellebarden, Speere, wurden wieder sorgfälftg versteckt — überall aber mit dem stillenWunsche, daß den vergrabenen und verborgenen Kriegsinstrumenten in nicht zu ferner Zeit eine fröhlich- Urständ beschicden sein möge. Eine dunipfe Ruhe legte sich überall mit niederdrückenden Schwingen auf Stadt und Land. —
Voll bangen Harrens hatten Herr Friedrich Wilhelm und die Vicomtesse auf eine Nachricht von Raoul sowohl als auch von Ernst gehofft. Bon dem letzteren freilich wußte man, daß es bedenklich für ihn sei, durch ein Schreiben seinen Aufenthalt zu verraten, und daß verdächtige Briefe an Herrn Friedrich Wilhelm vorher irgendwo im Geheimen geöffnet worden waren, hatte man im Hause Fahrenbach schon wiederholt aus unbestreitbaren Tatsachen gemerkt. So schickte man sich notgedrungen in das Ausbleiben aller Mitteilungen von Ernst mit der stillen Hoffnung, daß ein junges, frisches Blut doch nicht verderben werde. — _.
Aber auch vom Vicomte kam keine Nachricht. Längst war Wagram gcscblagen, der Waffenstillstand geschlossen : — aber keine Zeile von ihm traf ein, kein Lebenszeichen brachte Künde von ihm. Mar er bei Wagram mit im
Kampfe gewesen? War er noch rechtzeitig zur Schlacht eingetroffen? Oder war er erst nach der Entscheidung zur Armee gestoßen? Das letztere war nicht unmöglich, da der Vicomte für seine Reise zum Heere den großen Umweg über Bayern und die Donau entlang hatte wählen müssen; der kürzere Weg durch Böhmen war ihm aus begreiflichen Gründen nicht zugänglich. Und lebte er noch? War er verwundet? War er tot?
So drängten sich die Fragen bei Herrn Friedrich Wilhelm wie bei Gertrud. Oft hatte man, in der Hoffnung, etwas erfahren zu können, auf der Kommandantur nachgefragt, aber jedesmal unter tiefem Bedauern den Bescheid erhalten, daß man vom Vicomte nicht das mindeste wisse, daß er beim großen Hauptquartier jedenfalls nicht eingetroffen sei, und daß nur die Annahme übrig bleibe, er sei ans seiner Reise von den Feinden anp- gehoben und getötet oder in Gefangenschaft geführt worden.
' Herr Friedrich Wilhelm wie Gertrud litten unsäglich unter der Ungewißheit über das Schicksal der beiden, welche ihnen am nächsten standen. Wiederholt schon war Gertrud leidend und krank gewesen, und mit banger Sorge bemerkte Herr Friedrich Wilhelm, wie die Rosen auf den Wangen seines Lieblings auf Nimmerwiederkehr verschwunden zu sein schienen.
Da wurde eines Tages der Vicomtesse zu ihrem größten Erstaunen der österreichische Oberst Graf Traut- mannsdorf gemeldet, der um die Ehre bitte, ihr in dringender Angelegenheit seine Aufwartung machen zu dürfen.
Der Name des Offiziers war Gertrud vollständig unbekannt: weder sie noch Herr Friedrich Wilhelm hatten irgendwelche Beziehungen zu Angehörigen des öster- icichischen Heeres, aber sie ahnte sofort, daß dieser Besuch in irgendwelchen Beziehungen zu Raouls oder Ernsts Schicksal stehen müsse.
So entschloß sie sich, den Herrn in Gegenwart ihres Vaters zu empfangen.
Der Oberst trat ein — eine vornehme, sympathische Erscheinung.
