si. Jahrgang.
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Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur
^jp, 171. Berlags-Fernfprecher No. 2953.
Sonntag» den 12. April.
Nebaklions.FernspreLer No. 52.
1903.
Morgen-Ausgabe.
Wegen des Osterfestes erscheint die nächste Ansgade Dienstag nachmittag.
Ostern.
Unsere heidiüschen Vorfahren feierten Ostern als Frühlingsfest, als das Auferstehungsfest der Statur aus dem langen Winterschlafe. Diese Bedeutung des Festes ist längst vor der christlichen Auffassung des Osterfestes zurückgetreten, welche dieses als die schmerzvolle und glorreiche Erinnerungsfeier an den Versöhnungstod und die Auferstehung Christi, als das Hauptfest der Christenheit begeht. Aber wenn auch die Erinnerung an das ursprüngliche Frtihlingsfest aus der Vorstellung der Menschen verbannt ist, so macht sich doch der natürliche Zusammenhang des Festes mit dem Wechsel der Jahreszeit aus winterlicher Nacht und' Kälte in die sommerliche Hells und Wärme jedem bemerkbar, und keines Menschen Brust vermag sich dem harmonischen Eindruck zu entziehen, welchen das Zusammenklingen der Osterglocken mst deni Werderufe der wärmeren Sonne bietet.
Wer wie unsere heidnischen Vorfahren ihre Ostara als das Auferstehungsfest der Natur begingen, und wie die christliche Religion es als das Fest der Auferstehung Christi feiert, so sollen wir Menscheir auch nicht der dritten, tiefernsten Bedeutung vergefseu, welche das Osterfest als Fest der Auferstehung für uns hat. Tenn wie tins dieses Fest die Auferstehung und Verjüngung der Natur Predigt, so soll mrch des Menschen Seele cm Fest der Auferstehung feiern, eiir Fest der Auferstehung aus dem harten Winter des Mißvergnügens, mag nun dieser Winter im wirklichen oder im übertragenen Sinne gemeint seht.
Eiire solche Erneuerung und Auferstehung aus den Mühen und Sorgen, aus der Not und Pein des tägltchen Lebens tut uns doppelt not in einer Zeit, die, wie die jetzige, von leidenschaftlichen politischen und wirtschaftlichen Kämpfen erfüllt ist, in der noch die Erregung der heißen Schlachten nachzittert, die im Reichstage um den Zolltarif ausgesuchten worden sind, und in der bereits mit leidenschaftlichem Eifer die Vorbereitungen getroffen werden zu der großen Wahlschlacht, die uns am 16. Jtim dieses Jahres bevorsteht.
Das Leben der Gegenwart mag manchem empfindsamen Gemüt unfriedlich erscheinen, denn politische, wirtschaftliche und soziale Probleme, welche fricheren Zelten unbekannt waren, haben der heutigen Zeit ein wesentllch verändertes Gepräge aufgedrückt. Aus allen Gebieten, wohin wir auch blicken, sehen wir uns rapiden Fort-
FruiUeton.
Osterspaziergang.
Von' Willy Widmann.
Heinrich: Vom Pelzwerk befreit siehst du Frauen
und Mädchen.
Bei des Frühlings erstem erwärmenden Blick Schlossen sie eiligst in Kasten und Lädchen Den Muff und die Boa. Sie tragen mit Chic Nun stolz zu dem neuen kuttigen Rocke Das Frühlingsjackett mit Ärmeln gar wett. P a u l: Schau, da kommt Herta als wandelnde Glocke! Heinrich: O, die gefällt mir in jedem Kleid! Komm, laß uns folgen ihren Spuren!
Ich bin ihr wirklich zugetan,
Obwohl sie eine der kalten Naturen,
Stets eisig zu allen, die sich ihr nah'u.
Paul: Dann folge du allein ihrer Bahn,
Das ewig Eisige zieht mich nicht an *
Sekretär Maier: Sie haben ivohl auch in der
Zeitung gelesen,
Wie man das jüngste Erdbeben erklärt'? Gepanschter Wein sei schuld gewesen,
Den man zu Landau ansgeleert;
Kaum habe ihn die Erde geschluckt,
Da hat sie vor Schnierz und Entsetzen gezuckt! Kanzleirat Schulze: Es kann auch sein, daß
Staunen und Lachen Bei ihr bewirkte den Wackelesfekt,
Als sie gehört die närrischen Sachen,
Die der Prozeß Rothe hat ausgedeckt.
Als sie vom „Medibnmsel" vernommen,
Da hat sie einen Lachkrampf bekommen,
Und als sie hörte vom Parapluie,
Dem in Atome aufgelösten,
Und der Astralleibtheorie,
Da konnte sie sich kaum fassen und trösten. Sekretär Maier: Daß solcher Schwindel in
unserem Jahrhundert Bon vielen noch wird geglaubt und bewundert!!
schritten und Umgestaltungen gegenüber, die zu mannigfachen Umwälzungen in den Formen unseres Daseins geführt haben. Mit dieser neuzeitlichen Entwickelung hat sich ein großer Teil der Menschen, die sich noch nicht zum richtigen Verständnis der heutigen Zeit durchge- rnngen haben, noch nicht abzufinden vermocht. Die einen, die Rückschrittler, träumen trauernden Gemiits von einer „guten alten Zeit", die in Wahrheit nur „alt", aber nie „gut" gewesen ist. Die anderen aber^ die in ihrer Art nicht nünder reaktionär sind als die Schwärmer für die „gute alte Zeit", träumen von einen: StaatSgebilde der Zukunft, wo das gesamte wirtschaftliche und geistige Leben reglementiert werden soll wie heute im Zuchthaus, wo es dem Tüchtigen und Fleißigen nicht besser ergehen soll wie dem Ilntüchtigen und Faulen, und wo es nül der Freiheit noch weit schlimmer bestellt sein würde als jemals zu den Zeiten der schlimmsten Reaktion.
Die heutige Zeit ist gewiß alles weniger denn vollkommen, und alle Bestrebungen und Bemühungen sind ja darauf gerichtet, die heutigen Zustände auf dem Wege der freilich mühsamen Reformarbeit weiter und immer weiter zu bessern. Wer wir möchten doch unsere heutige Zeit weder mst der „guten alten Zeit" der Reaktionäre von rechts noch mit dem Zukunftszwangszuchthausstaat der Reaktionäre von links vertauschen. Wer nur einen kurzen Blick wirft auf den gewaltigen Weg, den das Menschengeschlecht von der trostlosen Sklaverei des Altertums über die schütz- und rechtlose Zeit des finsteren Mittelalters zurückgelegt hat bis zu unserer heutigen Entwickelung, die allen das gab. was früher das Privilegium weniger Begüiistigter war, Licht und Luft, Recht und Freiheit der wird, ohne Optimist su sein, daraus die Hoffnung ablcitcn können, daß wir auch in der Folge einer, wenn auch allinählicheir, aber doch unaufhaltsamen Besserung unserer Zustände, der Lage des Menschengeschlechts . entg egengeh en.
Freilich, der Weg, den das Menschengeschlecht zu durchschreiten hat, ist — und das mag den Heißspornen unter mis wenig gefallen — ein unendlich langer, und das Zeitmaß, in welchem es voranschreitet, ein unendlich langsames. Häufig erscheint es uns. als ob wir sstll- siänden oder gar zurückschritten; aber wenn wir anf- hören, uns mit der nächsten Gegenwart zu beschäftigen und den Blick in die Vergangenheit richten, dann erst erkennen wir, daß wir und wie wir vorwärtsgeschritten sind Was aber könnte uns eine bessere Mahnung sein, an den unaufhaltsamen Fortschritt des Menschengeschlechtes zu glauben als die Verheißung des Osterfestes, welche uns verkündet, daß dem Licht der Triumph tiber die Finsternis, den: Guten der Sieg über das Schlecht sicher ist, und daß alles Werden und alles Vergehen, welches ja auch nur ein Werden ist, eine Entwickelung zu vollendeteren Formen und reichere m Inhalt bedeutet!
F r a u W 0 l f: Wie stramm Ihr F r i tz einherstolziert! W i t m e L u tz : Er fühlt sich, weil er konfirmiert, Dünkt sich nun schon ein „Herr" und „Mann!" Frau Wolf: Nehmt meinen besten Glückwunsch an!
Ist denn bestimmt schon sein Berus'?
W i t w e L u tz : Die Frage mir viel Sorge schuf:
„Was soll mein guter Junge werden?"
Sie macht mir immer noch Beschwerden!
In jedem Stande, wo man fragt,
Wird abgeraten, wird geklagt;
Fast überall dasselbe Bild,
Dieselbe Auskunft: „ü b c r f ü l l t !*
Dr. Schmidt: Nein, das gefällt mir nicht vom
preußischen Minister,
Daß er in Schutz nimmt das Z c n s u r v e r b 0 t, Das H e y s e s Werk zum Gaudium der Philister Vom Btthnenlcben fernhält ohne Not.
P r 0 f. H 0 f m a n n : Ich las das Stück und fand auch
nicht die Spur
Von gutem Grund zum Borgeh'n der Zensur! Vornehmer Geist und sittliches Gemüt, Und tiefer Ernst das ganze Stück durchzieht. — Seit alter Zeit, wie die Geschichte lehrt,
Trifft die Zensur meist Dichtungen von Wert,
Fast immer greift sie ungeschickt daneben,
Sucht zu vernichten, was verdient, zu leben.
Dr. Schmidt: Wie hat den Schiller einst sie
malträtiert!
Wie oft hat sie sich neuerdings blamiert!
Sie schädigt häufig just daö Hohe, Echte Und Übersicht das Niedrige und Schlechte.
Drum fort mit der Zensur! Die K u n st fei frei I Im ganzen Reich entrückt der Polizei!
*
M a r : Wie freu ich mich, auf uus'rer Tour Zwei Tage zu streifen durch Wald und Flur!
A u g u st: Wenn nur das Wetter sich günstig hält Und uns kein Regen überfüllt!
Es ist dem A p r i l so wenig zu trauen Wie launischen und koketten Frauen!
*
Deutsches Deich.
* Seltsame Empfangsvorbereitungen. Wenn Mitteilungen der „Sächsischen Arbeiter-Zeitung" in D r e s d c n richtig sind, so hat man für den Empfang König Georgs am 3. Mai höchst merkwürdige Vorkehrungen getroffen. So soll die Generaldirektion der Eisenbahnen ein Zirkular erlassen haben, in dem die dienstfreien Beamten ihres Ressorts ausgesordert werden, an jenem Sonntage in den Straßen, die König Georg passiert, mit ihren Frauen und erwachsenen Töchtern Aufstellung zu nehmen; die letzteren sollen möglichst in weißen Kleideru erscheinen. Auch an die Steuerbeamten soll die „wohlwollende Aufforderung" ergangen sein, sich bei dem Königsemzug zu beteiligen. Zwingen wolle man niemand, „doch möge jeder Beamte für sich, Frau und event. Töchter und Angehörige die Teilnahme schriftlich bestätigen". Nach der Mitteilung des genannten Blattes wird auch gewünscht, daß die weiblichen Angehörigen dieser Beamten gleichfalls in hellen Kleidern erscheinen. Die Militärvereine sollen ersucht sein, für junge Damen in weißen Kleidern zu sorgen und sich am Absperrdienst zu beteiligen. Es kann sich wohl nur um einen nachträglichen Aprilscherz handeln.
* Das Ncichsmilitärgcricht im Jahre 1902. Nach der nunmehr dem Reichstage vorliegenden Geschäftsübersicht des Reichsmilitärgerichts waren im verflossenen Jahre bei den Senaten anhängig 405 Sachen. Davon wurden durch Verzicht erledigt 6, durch Unzulässigkeitserklärung des Rechtsmittels wurden verworfen 100 Sachen, die Revision verworfen wurde in 180 Fällen. Die angefoch- tene Entscheidung aufgehoben und die Sache in die Bc- rnsungsinstanz zurückverwiesen wurde in 72 Fällen; auf Freisprechung erkannt einmal. Unerledigt blieben 37 Sachen. 253 Hauptverhandlnngen fanden statt. So weit die Revisionen. Anträge aus Wiederaufnahme des Verfahrens waren 113 anhängig. Das Reichsmilitärgericht hat davon 72 als unzulässig und 11 als unzuständig verworfen, in 6 Fällen die Wiederaufnahme angeorönet, in 5 auf Freisprechung erkannt, in 1 den Antrag abgelehnt, unerledigt geblieben sind 17 Fälle. Von den 56 anhängigen Rechtsbeschwerden sind 7 für begründet, 41 für unbegründet erklärt, 2 ohne Entscheidung erledigt, 6 unerledigt geblieben. Bon sonstigen Sachen sind 10186 geprüfte Ausstellungen zu den standrechtlichen und kriegs- rechtlichen Sachen notiert, von denen 6771 erledigt worden sind. Von 2286 durchgesehenen Urteilen der Oberkriegsgerichte sind 1318 erledigt. Die vier Zweifel an der Zuständigkeit des Gerichtsherrn sind gleichfalls erledigt. Die Geschäfte der Militäranwaltschaft erstreckten sich u. a. auf 405 Revisionen, 113 Anträge auf Wiederaufnahme des Verfahrens, 56 Rechtsbeschwerden, 770 Gnadengesuche, 343 Jmmediatberichte und vier Gutachten zu feld- und bordgerichtlichen Urteilen.
F r ä u l e i n E l s a : Wie ging's mit dem Umzug
, denn, Frau Müller?
FrauMüller: O je, war das eine Plage und Not! Die Nase verlor mein gipsener Schiller,
Mein schönster Spiegel fand den Tod!
Auch ward bei dem Heruntertragen Bon Dorothee, der dummen Gans,
Mein feines Teeservice zerschlagen,
Sowie die Lampe meines Mann's!
Fräulein Elsa: Ist das Logis, wie Sie eS
brauchen?
FrauMüller: O, es gefüllt uns! Ist sehr fein! Nur schade, daß zwei Ofen rauchen!
Auch ist die Küche fast zu klein;
Eins künde ich mit frohen Mienen:
Es passen sämtliche Gardinen!
Ein Bürger: Ihr naht euch wieder, Reichs»
tagswahlen;
O, wärst ihr glücklich schon vorbei!
Wird das ein Kämpfen, Lärnien, Prahlen Im Rosenmond und schönen Mai!
Schon jetzt beginnt das heiße Ringen Mit Eifer, Kampflust und Geschrei;
Es rüstet sich zum Niederzrvingev Des Gegners jegliche Partei.
Ein anderer: Beachte diesmal wohl beim Wählen Das Novum der V 0 l l z i e h n » g s a r t;
Es kann in Zukunft nimmer fehlen,
Daß dein Geheimnis bleibt gewahrt;
Im Ncbenraume, wohlgeborgen,
Den Zettel in den Umschlag steck',
So kannst du wählen ohne Sorgen,,
Daß, wie du wähltest, man entdeck'!
*
H e r m a n n : Ha, welche Lust, mit flotten Madetn Am Osterfeste frisch, froh, frei Hinaus im Blitztempo zu radeln,
An Dorf und Maid und Flur vorbei!
L 0 n i: Ha, welche Lust, auf dem Bieyele Dahin zu sausen, federleicht,
Wenn ans dem Roß von Stahl und Nickel Man Sicherheit bereits erreicht!
