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Wiesbadener Tsgblstt.

—" gigg g* 21 wöckentti» fSUs* 12 Ausgaben. «JW«*«..

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vienslag, 24. Slugust 1913.

Morgen - klusgabe.

Nr. 391. » 63. Jahrgang.

Der ttrieg.

Vordringen deutscher Truppen bei Wlodawa über die Seenzone. — Zäher russischer wider­stand an der unteren pulwa. — Nirgends er­reichen die ungezählten Angriffe der Italiener ihr Ziel.

Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 23. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 23. August, mittags:

Russischer ttriegsschauplatz. '

östlich der unteren Pulwa und der von Riasno nach Norden führenden Eisenbahn ist crn Kampf von größerer Heftigkeit im Gange. Der Feind verteidigt jeden fußbreit Boden aufs zäheste, wurde aber entlang der ganzen Front an vielen Punk­ten geworfen, wobei zahlreiche Gefangene m unsere Hände fielen. "Besonders heiß kämpften unsere bewährten siebcnbürgischen Regimenter bei den nörd­lich Riasno gelegenen Dörfern G o l a und S u ch o d o I. Das Infanterieregiment Nr. 64 nahm ber der Er- ftürmuitß einer von russischen Grenadieren verteidigten Schanze die aus 7 Offizieren und WO Mann bestehende Besatzung gefangen und erbeutete 7 Maschinen­gewehre. . ^

Bor Brcst - Litowsk nichts Neues. Östlich Wlodawa drangen deutsche Truppen über tue Scen- zone hinaus. Im Raume von Wladrmrr^ Wolhnski schoben wir unsere Sicherungen bis gegen Turyjsk in die Gegend östlich Loboml vor. Die Russen wurden zurückgetrieben. I« Ost­galizien herrschte Ruhe.

Italienischer Xriegrschanplatzr

Auch gestern schlugen unsere Trnpven mehrere An­griffe der'Italiener gegen die Hochfläche von D o b e rd o ab. Stellenweise kam cs wieder zum .Handgemenge. Vielfach versuchte sich der Feind nunmehr methodisch an unsere Verteidigungslinien heranzuarbkiten. Der Brückenkovs Tolmein stand gestern nachmittag unter Artilleriefener. Hierauf griff die feindliche In­fanterie bis in die Nacht hinein wiederholt vergeblich an. Sie erlitt s ch w e r c V c r l u st e. An den übrigen Fronten hat sich nichts Wesentliches ereignet. Das Feuer der schweren Artillerie auf unsere Tiroler Werke

läßt zeitweise nach. „

Heute ist ein viertel Jahr seit der Kriegserklärung unseres einstigen Verbündeten verflossen. Die unge­zählten Angriffe des italienischen Heeres haben nir­gends ihr Ziel erreicht, wohl aber kosteten sie dem Feinde ungeheure Opfer. Unsere Truppen halten nach wie vor ihre Stellungen an oder nahe der Grenze.

Der Stellvertreter des sshefs des Generalstpbs: v. Hofer, Fcldmarschalleutnant.

*

Hindenburg und Mackensen nach dem Fall von ttowno.

Lausanne, 23. Aug. (Zens. Bln.) Der Fall der russi­schen Festuna Kowno gibt dem Pariser „Temps Anlaß zur Befürchtung/daß das ruffische Heer vor Bcest-LitowLk in eine peinliche Lage geraten könne. Das Blat. schreibt u. a.. Der scheinbare St i l l st a n d-des Vordrangens der Ar­meen des Prinzeii Leopold von Bayern und des Generalfeld­marschalls von Mackensen hat jetzt seine Erklärung gefunden. Der Feind wünscht offenbar, daß die ruffischn Armeen mög­lichst lange an diesem Teile des Bug verweilen. Er beaostch- tigt, das Herannahen Hindenburgs abzu­warten. Man müffe mit Bedauern feststellen, daß Hinden­burg tatsächlich sehr schnell herankommt.

Entschuldig mgsgründc für die russischen Niederlagen.

W. T.-B. Petersburg, 23. Aug. (Nichtamtlich. Peters­burger Telegraphen-Agentur.) Aus sicherer Quelle wird ge­meldet: Die Angriffe deutscher Truppen vor unserer Front dauerten bis in die letzten Tage an. Fetzt kann man feststellen, daß die Stärke der Deuffchen an der Ostfront nur über 40 Prozent der gegenwärtig mobilisierten deuffchen Streitkräfte beträgt. Zusammen mit den österreichisch­ungarischen Truppeti, von denen über 70 Prozent gegen uns operieren, stellt sich die Gesamtsumme der feindlichen Truppen für unsere Frcnt auf die Hälfte aller mcbilisiereten Streitkräfte unserer Gegner, Dieses Verhältnis unterscheidet sich beträchtlich von dem zu Beginn des Krieges, wo wenig mehr als ungefähr 38 Prozent der mobilisierten deuffchen und österreichisch-ungarischen Streitkräfte uns gegenüber standen. Während ferner das gesamte rkontingenl der feind­lichen Truppen im Laufe des Krieges auf das ungefähr 1 s/ 2 ,fache gestiegen ist, haben sich ihre gegen uns geführten Streitkräste verdoppelt. Diese Zunahme kommt haupt­sächlich auf Rechnung der Deutschen, deren Zahl vor unserer Front sich im Laufe des Krieges fast vervier­fachte, während die Anzahl der uns gegenüberstehenden öfterreichisch-ungaristhenTruppen, fast unverändert bleibt. Was die österreichischen Kavalleriedivisionen betrifft, die seit dem

Kriege gegen uns operierten, so stehen diese auch jetzt unver­ändert uns gegenüber. Während vcn den von Deutschland mobilisierten Kavalleriedivisionen zu Beginn des Krieges nur eine einzige gegen unsere Front operierte, sind es deren jetzt eine gange Anzahl. Diese Angaben zeigen klar, mit welch un­geheuren Kräften wir seit ungefähr 4 Monaten Tag für Tag zu kämpftn gezwungen sind.

Ververschärfte Belagerungszustand von Moskau

Eine Folge neuer Unruhen.

Bi-. Stockholm, 23. Aug. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Es haben sich von neuem in Moskau Un­ruhen ereignet. Die Exzesie begannen kurz nach dem Fall von Warschau und richteten sich zunächst nur gegen deutsche oder deutsch sch einen de Personen und Firmen. Die hier vorliegenden Moskauer Blätter ent­halten einige kurze Notizen in mißbilligendem Tone darüber. Nach dem 10. August scheinen die Un­ruhen jedoch ihren ausschließlich deutschfeindlichen Charakter verloren und revolutionäre Färbung angenommen zu haben. Die Blätter enthalten große, ganze Seiten ausfüllendc Aufrufe des Moskauer Ponzet- hauptmanns, in dem die Bevölkerung wiederholt darauf aufmerksam ginnacht wird, daß der Belagerung s- zustand proklamiert wird, und Zusammenrottungen jeder Art streng verboten nnd mit den schwersten Strafen belegt sind. In einem späteren Erlaß wird der verschärfte Belagerungszustand verhängt. Der Verkauf von Waffen jeglicher Art wird unterlagt und ein ausnahmsloses Verbot öffentlicher und privater Versammlungen erlassen. r Viereinhalb Millionen russischer Flüchtlinge.

,e>aag, 23. Aua. lZens. Bln.) Nach Petersburger Be­richten der ..Daily'News" sind in McskanO P eter s- bnrg, Kiew und Charkow zurzeit viereinhalb Millionen Flüchtlinge ans Polen und den nordwest­lichen Gouvernements von Rußland angekommen.

Oie Zentralmächle ohne Schuld am ttriege.

DaS Urteil eines Neutralen.

W. T.-B. Bern, 22. Aug. (Nichtamtlich.) Hier ist soeben unter dem Titel „Das Regenbogenbuch" (Weiß-Rot-Blau- Gelb-Orange-Blau nnd Grau-Buch), aus der Feder von Dr. Max Beer eine kritische Zusammenstellung des gesamten diplomatischen Aktenmaterials erschienen, das, wie der zweite Titel des Buches „Die europäischen Kriegsver­handlungen" besagt, die G e s ch i ch t e der diplomatischen Verhandlungen unmittelbar vor Ausbruch des Kriegs an der Hand der „maßaebenden Dokumente chronologisch und sinnge­mäß" zusammenstellt. Dieses den amtlichen Quellen aller Staaten entnommene Material zeigt, daß die Zentralmächte keinerlei Schuld am Krieg haben. Daß den Mächten des Vierverbands durch die Nebeneinanderstellung ihres amtlichen Aktenmaterials in unbeabsichtigter Kritik grobe Fälschungen nachgewiesen werden, erleichtert jedem, der sich mit der Geschichte des großen Kriegs beschäftigen will, un­parteiische Forschungen.

Ein gewaltsamer weichsel-Uebergang.

W- T.-B. Berlin, 24. Aug. (Nichtamtlich.) Bei ihrem Rückzüge in der zweiten Hälfte des Juli ans W e st p o l e n fanden die Russen in den Festungen Jwangorod und Warschau und der sie verbindenden Weichselltme eine feste Aufnahme; den nachdrängenden deuffchen Truppen war zu­nächst Halt geboten. Dieser Halt durfte aber nicht lange währen, um dem Feinde die Möglichkeit M nehmen, die Maste seiner hinter die Weichsel znrückgegangenen Kräfte an anderer Stelle gegen eine nuferer Heeresgruppen auf den Flügel einzusetzen. ^ ^ .. _ . r

Ein Angriff auf Jwangorod konnte raschen Erfolg ,n diesem Sinne nicht bringen, denn die Eigenart der Festung ist ja gerade, daß ihr Verteidiger init schwachen Kräften aus­kommt. Dccher beschloß die Heeresleitung, den gewalt­samen Weichselübergang nördlich Jwangorod, in der Gegend der Radomka-Mündung. Zur Ausführung wur­den die deutschen Truppen der Armeeabteilung Woyrsch bestimmt, die bisher gegen Jwangorod standen. Sie mußten demnach wesentlich Nach Norden verschoben werden.

Me erdenklichen Maßregeln zur Geheimhaltung des Überganges wurden getroffen. Die Armeeleitung Woyrsch Hatte den Führer des Landwehrkorps/ General der Kavallerie Freiherr von König, mit Anweisungen versehen, ihm die Ausführung des Überganges übertragen, nnd die nötigen Hilfsmittel, namentlich zahlreiche Brückentrains, auch solche unserer Verbündeten, überwiesen, die sich unter der Leitung ihres unermüdlichen Führers, Pionierobersten Mischek, treff­lich bewährten.

Am 28. Juli, abends, waren alle Vorbereitungen fertig: Erkundung der Anmarschwege für die Pontons zu den zehn Übersetzstellen, die in mehreren Gruppen in ziemlicher Ent­fernung voneinander gewählt waren, damit, wenn der Über­gang an einer Stelle nicht gelang, dieser an einer anderen gewährleistet wurde. Bereitstellung der Infanterie und Ar­tillerie, so daß sie ohne Kreuzung rasch ihre Übersetzstellen erreichen konnten. Besprechungen mit den höheren Pionier- und Artillerieoffizieren hatten im Hauptquartier des Füh­rers stattgefunden, und alles war bis auf die kleinsten

Nebennmstände. ■ geregelt. Am 29. Juli, um 1 Uhr 30 Min. morgens, sollten an allen Stellen die Truppen das Weichsel- ufer erreicht haben, um sofort mit dem übersetzen beginnen zu können. Die Weichsel hat in dieser Gdgend eine durch­schnittliche Breite von 1000 Meter. Zahlreiche Sandbänke durchziehen sie, so daß für Pontons die Gefahr eines Aus­laufens bestand. Wie der Feind hinter dem Flusse stand, in welcher Stärke, in welcher Kräfteverteilung, war völlig unbe­kannt. Es galt einen Stoß ins Dunkle zu führen. Begreif­lich daher die Spannung. Eine knappe halbe Stunde muß die Entscheidung bringen. Es gibt nur ein Entweder-Oder. Entweder man erreicht das gegenseitige Ufer und behauptet sich auf ihm, oder die Truppen erhalten beim Übersetzen der­artiges Feuer, daß sie nicht hinüberkommen, oder —- was noch schlimmer ist — der starke Feind wirft die zuerst über­gesetzten Truppen, die naturgemäß nur schwach sind, in den. Strom zurück, was gleichbedeutend mit Vernichtung ist. Die begreifliche Spannung wurde noch vermehrt durch das Dunkel der Nacht nnd den fehlenden Gefechtslärm, durch die völlige Lautlosigkeit, die dem Sprunge vorausging.

1 Uhr 30 Min. vormittags. Jetzt brechen überall die Truppen aus den letzten Deckungen am Ufer hervor. Höchste Krastanftrcngnng bringr die schweren Pontons schnell vor­wärts. Jetzt wird das Waffer erreicht, jetzt stoßen sie ab.., Noch alles ruhig, ein gutes Zeichen ... 1 Uhr 40 Min.

Plötzlich stark einsehendcs Artilleriefeuer. Der Feind ist an einer Stelle also aufmerksam geworden, nnd bei seinen ersten Schüssen bat untere beeitstehende Artillerie das Feuer gegen das feindliche Ufer ausgenommen, dadurch der noch im Über­setzen befindlichen Infanterie einen wirksamen Feuerschutz gebend. Endlich löst fick die Spannung: Die erste Meldung trifft ein: Soeben kehren die Pontons zurück, die erste

Staffel ist hinüber.

Man atmet auf. Nun find wir drüben. Und wo die Brmeeabteilung Woyrsch einmal Fuß gefaßt hat, da hält sie.

Nun sind wir drüben. Dieser Gedanke kehrt immer wie­der, verstärkt sich immer mehr bei jeder neuen Meldung, daß ein weiteres Bataillon übevgesetzt ist. Es ist hell geworden, unsere Artillerie spricht jetzt entscheidend mit bei den Kämpfen, die den letzten Widerstand des überraschten Feindes brechen sollen. Erst nach tagelangen Kämpfen ist der Besitz des Brückenkopfes voll gesichert, der Feind von Stellung zu Stellung geworfen, seine Angriffskraft ge­brochen.

Inzwischen hatten die unter Führung des Generals der Infanterie von Koeveß stehenden österreichisch-ungarischen Truppen der Armeeabteilung einen großen Erfolg vor Jwen- gorod errungen. Sie batten die sehr stark ansgehaute und zähe verteidigte Festungsstellung durchbrochen und dem auf das Ostnfer flüchtenden Gegner noch 2300 Gefangene und 32 Geschütze abgenommen

*

Die Scharmützel an der serbischen und montenegrinischen Grenze.

W. T.-B. Lyon, 23. Ang. (Nichtamtlich.) Ein Pariser Telegramm des „Nouvelliste" besagt: Meldungen aus N i s ch und S e d n i e zufolge dauern die Scharmützel längs der serbischen und montenegrinischen Grenze an. Bei Wodica fanden hefrige Aitilleriekänipfe statt.

Oer künftige Zrieüe.

Die von der „N. A.Z." im Aufträge des Reichs­kanzlers abgegebene Erklärung, daß die Zeit für deutsche Friedens Vorschläge gekommen sein werde, wenn sich die feindlichen Regierungen bereit zeigen, das Scheitern ihres kriegerischen Unternehmens gegen * uns anzuerkennen, fft mehrfach Gegenstand einer kriti­schen, zum Teil etwas besorgt klingenden Untersuchung gewesen. Man hat aus dem Bort „Vorschläge" folgern wollen, daß w i r den ersten Schritt tun würden, wozu doch gewiß keine Veranlassung vorliage. Aber weil wir diese Deutung für falsch «halten, kann mit ruhiger Sicherheit darüber gesprochen werden. Me wird denn der spätere Verlauf sein? Eines Tages, auch wenn er noch so fern sein mag, werden die F e i n d c ein­sehe n, daß sie die Partie verloren haben. Sie werden es gemeinsam einsehen und zugeben, Werl das Hcrausbrechen des einen der drei Stützpfeiler (Italien zählt ja kaum mit) das ganze Gebäude ins Wanken bringen muß. Ob Rußland oder ob Frank­reich z uer st zu dieser Erkenntnis gelangt, ist fiir das Endergebnis ebenso gleichgültig wie die Frage, ob Eng­land noch darauf pocht, daß es am wenigsten gelitten habe. Wie keiner unserer Feinde ohne das Vertrauen auf die Stärke der beiden anderen den Krieg gegen uns gewagt hätte, so kann ihn auch keiner für sich allein sortsetzen. In diesem Sinne war die Vereinbarung des Dreiverbandes vom September 1914, daß nur ge­meinsam Friede geschlossen werden dürfe, der Ausdruck einer S e l v st v e r st ä n d l i ch k e i t. der uns weder damals zu kümmern brauchte noch cs jetzt tut. Ist es aber einnial so weit, daß in einer der drei Haupt­städte der Wunsch nach Frieden laut wird, dann wird sich leicht eine neutrale Regierung finden, die diesen Wunsch nach Berlin weitergibt. Um es mft den Wor­ten des Fürsten Bismarck nüchtern auszudrücken: „Aus