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1. Beilage jum Wiesbadener Tagblatt.

♦ 1^1 Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 12. April.

61. Jahrgang. 1903.

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■“ Das Paradies, worin wir alle gelebt haben und woraus wir alle vertrieben werden, ist — die Jugend.

Fannie Groegcr.

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(26. Fortsetzung.)

Der Maltheser.

Roman von O. v. Kis-Killay.

Ihren Sonnenschirm aufspannend, trat sie hirimis.

,mgre ihr.

Der Platzregen hatte die Kieswege aufgeweicht. Er stronne noch immer nieder und durchnäßte die beiden Wanderer.

* "chtete nicht darauf. Ein Blick auf das bleiche

Wsrcht ihres Begleiters, den düsteren, starren Ausdruck seiner .lugen, brachte ihr zum Bewußtsein, was sie sich in r-trsr Iecn Eichen, wegzuphilosophieren versucht. Die Schuld war es, die jetzt langsam und gespenstisch aufstieg und das vielbesprochene Menschenanrecht an Glück als ein leeres Traumbild verjagte

Als sie die Straße erreichten, war keine Droschke zu erblicken. Zum Glück ging die Pferdebahn soeben vorüber, Gossar half Käthe einsteigen, blieb aber selbst P 2 ™ Zartgefühl, um sie nicht zu kompromittieren, dachte Käthe, wahrend ihr Blick an der hohen Gestalt hasten blieb, die wie aus Erz gegossen ini strömenden sch ^ und dem sich entfernenden Wagen nach-

Wie sie ihn liebte! Konnte es ein Unrecht sein, dieses Gefühl das ihr Herz von Dankbarkeit gegen Gott über- wallen ließ? Ihre Mutter hatte, Treue gehalten, und diese starre Treue ohne den erwärmenden Hauch der Liebe hatte nur Fluch gebracht.

mr-dP ® ie ^s, gnädige Frau!" rief das Mädchen erschrocken, als -sie Käthe die Tür öffnete , Wie aus dem Wasser gezogen! Wenn Sie sich nur nicht er­kalten!"

Käthe hatte keine Furcht davor. Me starke Nerven- spMnung hatte sie gefeit.

Doch schlief sie diese Nacht nur schlecht. Seine Küsse brannten ihr auf den Lippen und Feuer floß ihr durch die Adern, ^m Halbschlafe fühlte sie die Nähe des Gelieb- m. Er beugte sich über sie und preßte sie so heftig an

da» ihr der Atem ausging. Dann wieder trat das dilü ihres Mannes dazwischen, seine Augen blickteri sie ernst und vorwurfsvoll an; warum hast du mir das ge- Fort, fort, — sie wollte nichts mehr von ihm Mssen Warum ließ er nicht ab von ihr? Er liebte sie io doch nicht mehr. Er glaubte ein Recht auf sie zu haben, welches das Gesetz und die menschliche Gesell- M. bestätigten. Und sie hatte es ihm in ihrer Blind­st einst selber zuerteilt . . .

S^rner war frühmorgens heimgekehrt und war dann

Rapport zu seinen! Vorgesetzten gegangen.

Käthe saß allein, bleich und düster den Kopf in die .Hände gestützt. Die Stunde der Entscheidung war ge­

kommen. Heute mußte sie den Streich führen, und er traf hart.

Werner war bei seiner Ankunft so fröhlich gewesen. Er hatte geäußert, er habe sich noch nie auf das Nach­hausekommen so gefreut wie jetzt. Und er hatte ihr seinen Plan nutgeteilt, einen Urlaub zu nehmen und mit ihr an die See 31t gehen. Vielleicht ließe sich auch der Vater bereden, rnitzukommen. Sie hatte nichts darauf geant­wortet, kaum zu nicken vermocht. Wie wenig ahnte er, was ihm bevorstand. Sie hatte eine solche Angst .... Was konnte er ihr tun? Nicht einmal die Scheidung verweigern. Aber er würde so starre Augen machen, wie Menschen, die in der Pein sind . . . llnd es graute ihr davor .■ . Sie konnte ihn nicht einmal trösten. Und einige gute Sturrden hatten sie doch in den sechs Jahren gehabt. Er war wohl oft mürrisch und verschlossen ge­wesen und hatte nie für das, was sie interessierte, Ver­ständnis gehabt. Allein, er war stets um ihr Wohl be­sorgt, und im Grunde war er ein ritterlicher Charakter und hatte es nie an Rücksicht fehlen lassen. Wenn er doch recht in Zorn geraten wollte! Dann hätte sie es leichter. Sie grübelte und fügte die Worte zusammen, die sie chm sagen wollte.

Je weiter aber der Zeiger vorrückte, desto mehr ent­sank ihr der Mut. Als sie endlich um die Mittagszeit seine Schritte hörte, mußte sie sich setzen.

Verstört erwartete sie chn im Speisezimmer, nachdem sie ihn durch das Mädchen hatte rufen lassen. Mach dem Essen wollte sie es ihm sagen.

Werner trat ein, einen seltsamen Ausdruck in den Zügen.

„Du scheinst es also auch bereits zu wissen?" sagte er nach einem Blick auf seine Frau. „Ist Frau v. Rchsan bei dir gewesen?"

„Ich weiß von nichts", antwortete Käthe imruhig, während sie ihrem Manne dm Teller füllte. „Ist was vorgefallen?"

„Leutnant v. Gossar ist durch die Bnist geschossen", erzählte Werner, seine Suppe löffelnd. „Wie'man sagt, kanir er nicht mehr aufkommen."

Käthens Herz war plötzlich zu Stein erstarrt. Eine eisige Ruhe überkam sie. Ihre Stimme klang fremd, als sie mühsam die Worte lallte: „Wie kam es?"

„Es fand heute früh ein Duell zwischen ihm und Leutnant v. Grahn statt. Wie man sich erzählt, soll ihn dieser vor ein paar Tagen unter besonderen llmständen mit einer Dame aus der Gesellschaft getroffen Haben. Und darüber hat er dann hämische Glossen im Kreise der Kameraden gemacht und den Ruf der Dame verlästert. Das hat ihm Gossar nicht hingehen lassen und ihn ge­fordert. Den ersten Schuß hatte Gähn, er ist ein be­kannter Schütze und zielte sicher."

Nur jetzt sich nicht verraten, sie hatte noch etwas zu vollenden. Werner sollte sie nicht daran hindern.

Mit übermenschlicher Anstrengung nahm sie sich während der Mahlzeit zusammen und hörte wie im Traume die Vermutungen, welche ihr Mann an die Be­gebenheit knüpfte.

Nach dem Essen erhob sie sich und sagte kurz: „Ich fahre gleich zu Dora."

Als sie aus dem Zimmer ging, rief ihr Weimer nach,

er werde sie später abholen. Sie achtete aber nicht mehr darauf.

Mechanisch setzte sie ihren Hut auf und trat hinaus. Me Sonne lachte ihr entgegen, das Leben wogte auf den Straßen. Lsie sah sich verwundert um. Nein, es konnte nicht etwas so Entsetzliches geschehen sein! Vielleicht war er nur leicht verwundet und das Gerücht hatte es schlimmer dargestellt.

Sie bestieg eine Droschke und ließ sich nach Gossars Wohnung fahren. „Es ist ein Unsinn, er muß leben!" Sie wiederholte in Gedanken immer dieselben Worte. „Mein Gott, mein Gott, laß ihn leben!" schrie cs angst­voll in ihr auf, als die Droschke hielt.

Der Portier, der sie erkannte, grüßte und öffnete den Mund zum Sprechen. Doch sie eilte schnell an ihm vorüber — sie wollte es nicht von ihm hören. Vor Gossars Tür angelangt, blieb sie stehen. Ein Frostschaner über­lief sie, ihre Zähne klapperten. Durfte sie schellen? Als sie die Hand auf die Klinke drückte, ging die Tür auf — 1 sic war nicht verschlossen. Im Vorzimmer saß in einer Ecke Gossars Bursche und wischte sich die Tränen ab, die ihm über die Backen rollten. Jetzt wußte es Käthe.

- Bei ihrenr Anblick erhob sich der Bursche und sah sie verwundert an.

„Ich will Herrn v. Gossar sprechen", sagte sie leise, aber mit Bestimmtheit.

Der Bursche schüttelte den Kopf.

„Geht nicht, es steht nicht gut mit meinem Herrn Leutnant. Er soll keine Besuche empfangen."

„Wer ist bei ihm?" fragte Käthe entschlossen.

„Es ist nur der Herr Doktor Hartung bei den: Herrn Leutnant geblieben. Vorhin sind aber drei .Herren Doktoren da gewesen und haben die Kugel nicht heraus­ziehen können. Sie sitzt fest."

. Sr wischte sich von neuem die dick verschwollenen Augen.

„Rufen Sie mir den Doktor heraus", bat Käthe mit dem Ausdruck einer solchen Qual in den Zügen, daß der Bursche, nachdem er sie betroffen angestarrt, gehorchte.

. Einige Augenblicke später erschien der Arzt, ein noch junger Mann mit einer Brülle. Er blieb erwartungs­voll vor Käthe stehen, die unterdessen in den Salon ge- treten war.

„Ich möchte Herrn v. Gossar sprechen", wiederholte sie ihre Bitte. „Sie werden es mir wohl gestatten, zu ihm hineinzugehen?"

Der Arzt zuckte mit den Achseln.

„Ich bin diejenige, welche die Veranlassung zum Duell gegeben hat", fuhr Käthe fleherrd fort, „Sie dürfen es mir nicht verweigern, uns beiden nicht -— hören Sie, uns beiden nicht!"

Ihre zitternden Hände faßten seinen Arm.

Der Doktor besann sich einen Moment.

„Mun schaden wird es nicht — schaden kann über­haupt nichts nrehr. Ich muß aber den Patienten auf Jh^ Kommen vorbereiten — Frau Rauenberg, nicht wahr? Bitte, warten Sie indessen hier."

Me paar Minuten, die bis zur Rückkehr des Doktors verstrichen, dünkten Käthe eine Ewigkeit. Sie meinte, das stürmische Klopfen ihres Herzens zu vernehmen.

(Fortsetzung folgt.)

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