Einzelbild herunterladen
 

Witsbs-ener lagblatt

51. Jahrgang

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

I®,©©© Abonnenten.

Anzeigen-Preis r Die einspaltige Petitzeilc für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg., für auswärts 1 Mk.

^ mittags, für die Morgen-AuSgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur

- ” “ nachsterschernenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. 5 J

jlfl, 170, Verlags-Fernsprecher No. 296». _ Kl»MSt«g» btU 11. April.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1803.

Abend-Ausgabe.

Politische Peüersicht.

Das Osterfest bringt eine willkoinmene Ab­wechslung in das werktägliche und wcrktägige Alltags­leben, und auch in der Politik, die zwei Monate vor den Wahlen begreiflicher Weise im Zeichen der Nervosität Isteht, ist die kurze Ruhepause, die uns das Fest gönnt, nicht unwillkommen. Saure Wochen, frohe Feste! denken wir Erwachsenen. Und die Kleinen sehen mit Erwartung und mit Hoffnung, welche Tätigkeit der Osterhase im Eierlegen entwickelt. Mit einem ganz anderen Hasen aber beschäftigen sich die Gedanken des Reichskanzlers Grafen Bülow. Er grübelt in der Erholung, die ihm feine Urlaubsreise bringen soll, angestrengt und sinnt darüber nach, lvie der Hase am 16. Juni laufen wird.

„ Auch che französischen Staatsmänner haben ihre Köpfe voll Sorgen, denn kmrn: ist in Frankreich die eine Affäre beendet, so „schließt an das fröhliche Ende der fröhliche Anfang sich an", so beginnt auch schon die neue Affäre. Das Kabinett Combes hat noch nicht den Feld­zug gegen den Klerikalismus völlig zu Ende geführt, und schon sieht es sich einem neuen Problem gegenüber, dessen Ausrollung es dem Abg. Jaurds verdankt, ohne daß es ihm dafür besonders dankbar ist. Jauräs, der schon früher neben Zola in der ersten Reihe der Verteidiger von Drehfus gestandeir hat, hat nunmehr den' schon längere Zeit angekündigten Versuch einer Wieder-Anf- rollung der Dreyfus -Affäre gemacht, aber der Versuch ist im wesentlichen mißlungen. Tic Mehr­heit der französischen Kammer, welche eine starke Scheu bor der Bloßlegung dieser für Frankreich so unrühm­lichen Vorgänge hat. versagte dem Abgeordneten Jaurös in de-.- Hauptsache die Heeresfolge, indem sie einen Be­schluß annahm, wonach die Dreyfus-Affäre den. gericht­lichen Boden nicht verlassen dürfe. Danach bleibt zwar dem Kabinett Combes noch immer die Möglichkeit, die vom Kriegsminister angekündigte admimstrative Unter­suchung einzuleiten, aber ob dies wirklich geschehen und !ob sie mit der Absicht vorgenommen wird, dabei ein ernst­haftes Resultat zu erzielen, das wird man nnndestens dls sehr zweifelhaft hinstcllen müssen. Nachdenr die Mehr­heit der Kammer nicht gerade eine sonderliche Begeiste­rung für eine Neu-Auflage des Drehfus-Prozesses ge­zeigt hat, dürfte auch beim Kabinett Combes der Eifer für diese Sache kein allzu heißer sein.

Im übrigen hat das Kabinett Combes auch sonst Sorgen genug, denn seit dem kalten Wasserstrahl, der aus Anlaß der macedonischen Frage von der Newa nach der Seine geschleudert worden ist, hat das Zweibnnd- v e r h ä l t n i s unverkcmrbar einen kleinen Sprung er­halten, der zwar nicht gefährlicher Natur ist, aber doch immerhin da ist. Der Wasserstrahl hat übrigens seüw

Wirkung getan, denn seit diesem Monitum hält sich die französische Diplomatie den Balkandingen gegenüber un­verkennbar mehr zuriick, während Rußland und Öster­reich-Ungarn nach tvie vor benüiht sind, mäßigend und dämpfend auf die Vorgänge im O r i en t zu wirken, wo die Situation reckst bedrohlich ist. Die Pforte wird Mühe genug haben, mit den aufrührerischen Albanesen fertig zu werden, bevor sich der Aufstand über das ganze Land verbreitet hat: denn dann könnten die Machtmittel der Pforte vielleicht nicht mehr hinreichen..

Auch sonst geht es im Orient recht lebhaft zu, und insbesondere hat es wieder Alexander der Kleine von Serbien verstanden, von sich reden zu machen. Ta dem König Alexander der Senat, die Skupschtina, die Staatsräte und etliche Gesetze nicht mehr gefielen spielte er ein wenig V e r f a s s u u g s b r u ch und entledigte sich auf diesem in Serbien nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Senats, der Skupschtina rc. Jedenfalls hat König Alexander mit seinem nicht ungefährlichen Experi­ment Erfolg gehabt, denn der Staatsstreich ist in Serbien mit verhältnismäßiger Ruhe varübcrgcgangen, wenn dies freilich auch die Ruhe des Kirchhofs ist. Auch ist es eine andere Frage, ob sich diese Gewaltpolitik ans die Dauer rentieren wird. Vielleicht wird auch König Alexander eininal zu der ErkcmstniS kommen, welche Fürst Schwar­zenberg in die Worte gefaßt hat: Bajonette sind zu vielen Dingen gut, nur setzerr kann man sich nickst darauf!

Aber nicht nur drunten in den interessanten Balkan- ländcrn wird das Wort „Europa hat Ruh'!" Lügen ge­straft, sondern man kann diesmal fast allgemein und mit mehr Recht sagen: Europa hat Unruh' ! Ist es doch fast, als ob in Europa eine A u s st a n d s e p i d e m i e aus­gebrochen wäre, deren Bazillen sich von einem Lande zuin anderen übertragen. Im Vordergründe der Er­eignisse steht noch immer der Eisenbahner st reif in,Holland, wo allerdings der geplante General­streik, wie das nickst anders zu erwarten war, völlig miß­lungen ist. Auch in R o m ist der Versuch, einen um­fassenden Geueralausstand ins Werk zu setzen, mißglückt. Geringere Bedeutung haben die. Streikbewegungen in Spanien und in B u d a P e st. Jedenfalls wollen wir hoffen, daß diese Streikseuche sich nicht ernsthaft als „epidemisch" erweist, und daß somit die zoologische Wissen­schaft nicht um den Streikbazillus bereichert wird.

Eine schwere Gefahr für die deutschen Kreditgenossenschaften.

Von vr. A. Alberti,

Direktor des Verbandes der Erwerbs- und Wirtschafts- genosscnschaften am Mittelrhein.

Seitens des Verbandes Deutscher Sparkassen ist eine Agitation begonnen worden, welche auf nichts mehr und nichts weniger hinausläuft, als allen Instituten, welche nicht öffcntlidye Sparkassen sind, den Betrieb von Spar­

kassengeschäften unmöglich zu machen oder doch derart zu erschweren, daß d:es nicht mehr lohnend erscheint. Sollte es der Verband erreichen, daß in der Tat dahingehende gesetzliche Vorschriften erlassen werden, so würde dies für die deutschen Kreditgenossenschaften eine sehr erhebliche Einschränkung ihres Geschäftsbetriebes^ ja, für viele, ins­besondere die kleinen eine Bedrohung ihrer ganzen Existenz sein. Die Kreditgenossenschaften ziehen das Geld in kleinen Beträgen an sich, um es nachher an ihre Mit­glieder weiter zu leihen und so denselben den notwendigen Kredit zu verschaffen. Von welcher Bedeutung diese Tätig­keit für unser ganzes Erwerbsleben, insbesondere für den Gewerbestand und die Landwirtschaft ist, bedarf hier wohl keiner Ausführung, da diese Angelegenheit in den letzten Jahren überall die eingehendste Erörterung und Würdigung gefunden hat. Gerade der Sparkassen­verkehr ermöglicht cs den Kreditgenossenschaften, auch von Nichtmitgliedern Geld zum Geschäftsbetrieb einzunehmen und zur Gewährung von Kredit zu verwenden. Diesen Zweig der Geschäfte Pflegen alle, nach welchem, System sie auch arbeiten mögen . . . Die Gefahr, die ihnen jetzt droht, ist deshalb auch eine gemeinsame uird sollte bei allen die gebührende Beachtung finden. Wenn dies bis­her iricht der großen Gefahr entsprechend geschehen ist, so liegt dies wohl nur daran, daß man in den Kreisen der Genossenschafter gesetzgeberische Maßregeln der vom Deutschen Sparkasserwerband verlangten Art garnicht für möglich gehalten hat. Dies hat sich inzwischen ge­ändert, indem der Senat der Stadt Hamburg der Bürger­schaft einen Gesetzentwurf zur Genehmigung unterbreitet hat, der zur Verminderung einer mißbräuchlichen Ver­wendung des Ausdruckes Sparkassen dienen soll. In diesem Gesetzentwurf wird zunächst eine Definition der Sparkasse dahin gegeben, daß darunter eine Anstalt ver­standen wird, deren Zweck ausschließlich auf die Ent­gegennahme und zinstragende Belegung von Geld-Ein­lagen gerichtet wird und mit der Absicht der Erzielung eines dem Unternehmer verbleibenden Gewinnes nicht verbunden ist. Es wird dann bestimmt, daß derjenige sich strafbar mackst, der in öffentlichen Bekanntmachungen oder in anderen für einen größeren Kreis von Personen bestimmtenKundgebungen einUnternehmen, das nicht eine Sparkasse im Sinne dieses Gesetzes ist, als Sparkasse be- zeichnet.

Der erste, welcher die dem ganzen Genossenschafts­wesen drohende Gefahr richtig erkannt hat, lvar der Ge­nossenschafts - Anwalt des Allgemeinen Verbandes Dr. C r ü g e r. Derselbe brachte das Vorgehen Ham­burgs am 21. März l. I. gelegentlich der Beratung des Etats des Reichsjustizamtes im Reichstag zu Sprache, und legte dar, daß der Hamburger Gesetzentwurf im Widerspruch stehe mit den Reichsgesetzcn und deshalb seitens des Reichsjustizamtes beanstandet werden müßte. Er führte aus, daß es ein Recht auf die Bezeichnung Sparkassen überhaupt nicht gebe und auch durch einen Bundesstaat nickst geschaffen werden könne; insbesondere

Der Preis ist Magdeburg!

Roman von Max Dorniug.

(21. Fortsetzung.)

Herr Friedrich Wilhelm hatte die Hochzeit seiner Nichte und geliebten Pflegetochter mit dem ritterlichen Sohn des alten proven^alischei: Adelsgeschlechtes mit cllem Glanz und aller Pracht ins Werk gesetzt, wie er sie seines alten Hauses würdig hielt. Die Trauung sollte nach evangelischen: Ritus stattfindcn, und das ehrwürdige Gotteshaus Magdeburgs, der Dom mit seinenr groß- artigen schiff, sollte die Stätte sein, wo des Priesters Wort die beiden für das Leben verband.

Der ganze Weg von der Wohnung der jungen Brarst bis zum Dom war mit Blumen bestreut und eine Schar weißgekleideter junger Mädchen empfing das Brautpaar an dem Portal der Kirche und geleitete es zu ihren Plätzen bor dem Altar. Auch hier prangte alles in grünem Schmuck. Ilm den Altar herum standen die seltensten Topfgewächse, zum Teil schon prachtvoll blühend, zum Teil mit zahlreickunr, verheißungsvollen Knospen bedeckt. Um die Säulen schlangen sich kunswolle grüne Laub- gewinde, und große Buchen- und Birkenzweige steckten in den Hülsen, in denen abends die Lichter zu stecken Pfleg­ten, und leise rauschten sie mit ihren: Laub, wenn ein Windzug darüber hinfuhr.

Nun intonierte die herrliche Orgel mit ihren wunder- dollen Stimmen ein künstlerisches Vorspiel, und dann brauste, von der Gemeinde gesungen, Paul Gerhardts ewig schönes Lied mit seiner machtvollen Melodie zum Himmel empor:

„Besicht tu deine Wege Und was dein Heue kränkt,

Der allertrcnstcn Pflege Detz, der den Himmel lenkt!

Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Laus und Bahn,

Der wird auch Wege finden.

Da dein Fuß gehe» kann."

Leise, mit tränenerstickter Stinrme sang die Braut mit: tiefernst blickte ihr weißes Gesicht aus dem schwarzen Spitzenschleier heraus. Aber tief in: Herzen drinnen, leise, ga>:z leise klangen ihr die Schlußworte der Strophe nach, vertrauenerweckend nird ermnntenid, wie eii: freruidliches Glockengeläut aus der Ferne dem verirrten Wanderer zur Nachtzeit klinge:: n:ag. Eii: Hauch von der Kraft, die in den alten Kernliedern der evangelischen Kirche liegt, überkam sic, und es fing an, friedvoll zu werden ii: ihrer Brust nach der Unruhe der letzten Tage. Dam: sprach der Geistliche über seinen Text — die Wo ne Ruths: „Wie du hingehst, da will ich auch Hingehen :c.‘‘ —, er sprach schlicht und einfach, aber seine Worte griffen an die Herzei:.

In Herrn Friedrich Wilhelms Augen sah man Tränen blitzen. So etwas war noch nicht dagcwescn, seit man denken konnte.

„Wenn doch Ihr Sohn da fein könnte!" flüsterte ihm sein Nachbar ii: einer Pa::se zi:.

„Es ist vielleicht besser, daß er iricht da ist!" cistgegnete Herr Friedrich Wilhelm und senkte sein Gesicht tief ans sein Gesangbuch.-

Tie Feier war zu Ende, die Menge flutete aus den geöffneten Pforten ins Freie. Alles drängte sich beglück­wünschend um das junge Ehepaar. Dankend, nach allen Seiten sich verneigend, schritten die beiden zum Wagen und fuhrci: heim zum Hause am Breitenweg.

Ain Eingang des Hanfes erwartete sie schon Herr Friedrich Wilhelm, der vorausgefahren war.

„Seid willkommen im Hause Fahrenbach!" sagte er feierlich. „Von Herzen willkommen. Kinder!"

Und er neigte sich und küßte sie beide, Tochter und Schwiegersohn.

Dann führte er das junge Ehepaar in die für das­selbe bestimmte:: Gemächer und entfernte sich, die Tür schließend.

Die Beiden waren allein. Ein langes, loutlofcs Schweigen herrschte. Endlich nahm der Vicomte das

Wort. In seiner stillen, rücksichtsvollen Art sagte er zu seiner Gattin:

„Wenn Sic irgend einen Wunsch haben, teuerste Ger­trud, so sprechen Sie ihn jetzt aus! Meine Zeit ist kurz, und nur noch nach Minuten zählt das, was ich Ihnen davon widmen kann!"

Fragend sah sie ihn an. Der Sinn der Worte war ihr duirkel.

Er lächelte leise, als er die Frage in ihren Augen las — ein müdes, wehmütiges Lächeln.

„Sie verstehen mich nicht, teuerste Gertrud? Ich werde deutlicher sein! Man wird die Hochzeit ohne mich feiern müssen — mich ruft ein Höherer davon ab!"

„Wer kann Sie rufen in dieser Stunde, Raoul?"

„Der Befehl des Kaisers! Längst erwartete ich ihn, wie Sie wissen; gestern abend erst, nachdem ich von Ihnen fortgegangen war. habe ich ihn erhalten. Er ruft mich unverzüglich ins Feld —"

Sie senkte das Haupt, aber sie sagte kein Wort.

„Es kann lange dauern", fuhr der Vicomte fort, „bis ich wiederkehre! Unsere Sachen an der Donau stehen nicht sehr gut, und im übrigen —" er stockte einen Augen­blick —. „der Weg, den ich gehe, ist ein solcher, von dem nicht alle wiederkehren. Die Feldschlacht erwartet mich — —"

„Meine Bitten um Ihr Lebe,: uird Ihre Gesund- heit sollen täglich zum Himmel steigen!" sagte Gertrud, und offen ruhte ihr Auge auf ihm.

Bewegt ergriff er ihre Hand und führte sie an seine Lippen.

„Ich danke Ihnen, Gertrud", cntgegnete er warm. „Ich weiß cs. Sie sind gut, und des Himmels Segen wird Ihnen nicht fehlen! Ihr Bild wird mich auf meinem Wege begleiten, im Donner der Schlacht soll es mich um­schweben, und-wenn ich blutend und sterbend auf

der Wahlstatt liege, soll es sich zu mir niederneigei: mild und freundlich, wie das Bild der Madonna, Sie aber, teuerste Gertrud, Sie wissen, daß Sie von dieser Stunde an mein Weib vor Gott und den Menschen sind: der