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1. Beilage mm Mesdaüener Tagblatt.

Us. 168». Morgen-Ausgabe.

Freitag» den 10. April.

51. Jahrgang. 1803.

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Wir alle suchen nach Gemeinsamkeit Und finden alle endlich — Einsamkeit.

Anna Ritter.

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(25. Fortsetzung.)

Der Maltheser.

Roman von O. v. Kis-Killay.

Käthe hob^ den Mick und sah seine Augen mit schwer­mütigem Ernste auf sich gerichtet. Ihr Herz schlug ihm heiß und innig entgegen. Er litt, sie konnte ihm aber wieder Freude bringen!

f „Herr von Gossar", begann sie, „ich habe Sie hier­her bitteir lassen, weil ich eine Frage an Sie zu stellen

habe . . . ."

„Ich stehe zu Diensten", antwortete Gossar warm. Vorher muß ich Sie aber um Entschuldigung bitten, daß ich erst jetzt erschienen bin. Gerade heute bin ich später als gewöhnlich heimgekehrt und machte mich, sobald ich Uhren Zettel erhielt, auf den Weg."

„Herr von Gossar", fragte Küthe mit gepreßter Stimme, „ist es wahr, daß Sie nach China gehen?"

„Ja. ^ Mißbilligen Sie mein Vorhaben?"

Er sah, daß Käthe den Kopf abwandte, um die hervor- lprellenden Tränen zu verbergen.

I „Es ist ein abenteuerlicher Plan, der Ihnen nichts einbrmgen wird. Me pekuniären Vorteile, die Sie dabei erringen, fallen bei Ihnen nicht in die Wagschale, Sie, der Sie in der Heimat eine so angenehme Stellung ein- nchmen . . . ."

I Sie vollendete den Satz nicht, die Stimme ver­sagte ihr.

„Ich wende ja Europa rsicht für immer den Rücken", ettviderte Gossar sanft. „Es ist ein Exil, das ich mir auf eimge Jahre auferlege, eine Art Bußzeit . . . Und dort mene ich denr Vaterlande vielleicht besser, als in meiner jetzigen Stellung — auf Hosbällen."

„Warum tun Sie es?"

Sie wagte nicht, ihn airzusehen.

„Weil — ich habe vor Fahren die Erfahrung gemacht, Laß. weim ein Mensch Gefahr läuft, geissig und physisch zu verkommen, es für ihn nur ein Rettungsmittel gibt: sich aus den alten Verhältnissen herauszureißen und sich eine ganz neue llmgebung zu schaffen. Das ist eine Art Wiedergeburt."

„Und Sie brauchen eine Wiedergeburt?"

, „Ja, denn tc’i fange an, an mir irre zu werden, und bin trotz meiner eingebildeten Stärke nur ein erbärmlicher Schwächling .

„Ich muß von Ihnen erst das Wort hören", bat Köche dringend, „ich kann selbst nicht damit heraus . . . >;ch bitte Sie — Sie sind stets so offen und wahr gegen stich gewesen, — sagen Sie mir, was treibt Sie hinaus?"

Gossar biß die Zähne zusammen.

„Sie quälen mich, Käthe . . . Sie mft Ihrem hohen, reinen Sinne werden mich gar nicht verstehen, wenn ich es Ihnen sage . . . Doch wohlan, da Sie es wollen. — Sie mich um den Fortbestand unserer Freundschaft

deutlicher," bat er unruhig. Scheidung," vollendete

eme

baten, wußte ich, daß diese ein Mng der Unmöglichkeit war. Ich versuchte mich zu beherrschen, — um Jhret- lvillen . . . Jetzt aber sehe ich, daß es nicht länger geht. Ich halte es nicht mehr auS, ich gehe dabei zu Grunde. Ich kann nicht Ihr Freund sein, so lange ich Sie liebe, wie ich Sie jetzt liebe. Lassen Sie mich gehen, Küche. Vielleicht nach Jahren, weün wir uns Wiedersehen, bringe ich Ihnen die Freundschaft entgegen, die Sie von mir fordern ..."

„Wenn ich aber gerade diese Freundschaft als ein Unglück ansehen würde?" sagte Käthe mit zitternder Stimme. „Wenn ich wie Sie . . ."

Sie brach ab.

Gossar sah sie betroffen an. „Ich verstehe Sie nicht, jetzt erklären Sie sich, bitte,

„Ich ... ich denke an sie im Flüstertöne.

Gossar verfärbte sich.

„Und Sie tun es — weshalb?"

„Weil ich es als ein Verbrechen an Werner ansehe, wenn ich mit ihni weiterlebe, die Liebe zu einem anderen im Herzen ..."

Ihre Augen begegneten sich, ein Ausdruck so leiden- schastlicher Zärtlichkeit brach aus den seinigen, daß Käthe den Blick niederschlug.

„Mein Gott," rief er mit vor Jubel vibrierender Stimme, „wäre es möglich?! Der Traum, den ich als einen verbrecherischen zu verscheuchen suchte, könnte der- wirklicht werden? Sie könnten mein werden, Käthe? Ich kann es gar nicht fassen! Und er, Ihr Gatte, hat Sie freigegeben? Liebt er Sie denn nicht?"

„Er weiß es noch nicht", antwortete Käthe zögernd.

Gossar wurde bleich bis in die Lippen.

„Er weiß es noch nicht? Und es ist nicht gegenseitige Übereinkunft? Er liebt Sie aber, Käthe?"

„Ich weiß es nicht", flüsterte sie leise.

Gossar strich sich wie träumend mit der Hand über die Sflrn.

„Ich weiß es aber, daß er Sie liebt, — er muß Sie lieben! Oh, es ist hart, hart!" fuhr er verzweifelt fort, „das höchste Glück, das ersehnteste, vor Augen haben und nicht danach greifen dürfen . . . Sich sagen müssen, daß man denjenigen elend machen würde, dem man zu danken hat . . .Er hat mir das Leben gerettet. Hören Sie cs, Käthe? Es wäre ja wie . . . damals."

Ein greller Blitz durchzuckte die Luft, ein ^-mvse Donnerrollen folgte. Sie fuhren zusammen und blickten auf. In ihrer Aufregung hatten sie auf nichts geachtet. Ein bleierner Himmel hing schwer über ihnen, das Ge­witter rückte heran.

In diesem Augenblick gingen die beiden Herren, welche Käthe vorhin belastet hatten, eiligen Schrittes an ihnen vorüber. Der Offizier grüßte Gossar mit einem Lächeln. Meser erwiderte förmlich den Gruß.

„Eine sehr fatale Begegnung", sagte er. als die Herren außer Hörweite waren, „es ist einer aus unserem Regi­ment, eine scharfe, böse Zunge ..."

Ein zweiter Blitz und ein betäubender Donnerschlag. Jetzt erhob sich auch der Wind und jagte den Sand wirbelnd aus. Einige schwere Regentropfen fielen nieder . . .

„Sie haben keinen Regenschirm", sagte Gossar be­sorgt. „Wir werden nicht mehr Zeit haben, ein Obdach 3u erreichen." . _,

In einiger Entfernung bemerkte er, un BnMverr versteckt, einen niedrigen Schuppen, der zur «utfsft* Währung von Gartengeräten diente.

„Kommen Sie rasch!"

Er ergriff sie am Arm und zog sie mit sich fort, wäh­rend jetzt der Regen klatschend hinter ihnen herjagte. Sie hatten kaum den engen, kleinen Verschlag erreicht, als auch das Gewitter mit aller Heftigkeit losbrach. , Der Sturm fuhr pfeifend durch die Bäume, ihre Wipfel meder- biegend. Ein Knattern wie von Geschützsalven — der Blitz hatte dicht vor dem Schuppen in einen Baum ernge- schlagen. .

Unwillkürlich klammerte sich Käthe .an ihren Ge­fährten an. Da, — sie wußte nicht, wie ihr geschah, —- fühlte sie sich plötzlich in seine Arme geschlossen und Hertz und wild an seine Brust gedrückt. Mit einem leisen, zitternden Aufschrei umschlang fie seinen Hals, und dürstend, schmachtend vereinigten sich ihre Lippen zu einem langen, bebenden Kuß —• in schmerzlicher Wonne, über alles erhaben, was Gesetz, Moral und Gerechtigkeit heißt auf Erden, nur des einen großen ungesMten Verlangens bewußt ...

Ein neuer dröhnender Schlag riß sie wieder aus­einander.

„Ein einziger, unbewachter Augenblick", sagte Gossar, die Hand auf die Augen pressend. „Mein süßes Lieb", fuhr er dann leidenschaftlich fort, Käthens Hände an die Lippen ziehend, „verzeihe mir, verzeih, — ick habe dich mit fortgerissen, — ich war von Sinnen . „ ."

„War es denn ein Unrecht?" fragte Käthe, innig an ihn geschmiegt. „Wir gehören, zueinander, wir haben immer zueinander gehört, und was wir uns genommen haben, war unser."

„Unser?" wiederholte Gossar schmerzlich. „Und Werner? Wann kehrt er heim?"

„Nach drei bis vier Tagen", antwortete Käthe be- klommen. Die Erwähnung ihres Mannes traf sie wie ein Mißton in ihrer jetzigen Stimmung.

Sie konnte Gossars Gesicht nicht sehen, er hatte sich abgewendet. Jedoch schien ein schwerer innerer Kampf in ihm vorzugehen.

„Es ist hart, sehr hart", hörte sie ihn zu wiederholten Malen mft erstickter Stimme murmeln.

Sie standen nicht mehr aneinander geschmiegt. Der Gedanke an das Unabwendbare, Schwere hcckte sich zwischen sie gedrängt. Schwelgend blickten sie in das Wetter hinaus. Das Ärgste schien sich einigermaßen ausgetobt zu haben, doch an ein Aufhören des Regens war wohl für den ganzen Abend nicht zu denken.

„Es wird spät", sagte Gossar, seine Uhr hervov- ziehend. „Wir können nicht in dieser Mallsefalle sitzen bleiben. Ich denke, Käthe, ich laufe hinüber zum Schloß- kastellan und borge mir einen Regenschirm. Sie warten hier unterdessen."

„Nein, nein", erklärte Käthe bessimmt, „wir müssen alles Aufsehen vermeiden. Ich mache mir nichts aus einer zerstörten Toflette."

(Fortsetzung folgt.)

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