si. Jahrgang.
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167. verlagS-Fernsprecher R». ASS.
Hlorgen-f&usgabe.
Maholfrage und GrmcindrpolitiK.
Von vr. Paul Mombert.
Infolge der bekannten Anträge des Grafen Douglas, die im preußischen Landtag jetzt wieder Gegenstand lebhafter Diskussionen waren, sind neuerdings eine Reihe Verfügungen zur Bekämpfung des Alkoholismus ergangen.
An Personen unter 16 Jahren, an Betrunkene, an notorische Trunkenbolde soll kein Alkohol mehr verabreicht werden dürfen, der Branntweinverkauf in den frühen Morgenstunden soll verboten werden; durch Abfassung gemeinverständlicher Schriften will man allgemeine Belehrung über die schädlichen Wirkungen des übertriebenen Alkoholgenusses verbreiten und in gleicher Richtung soll die Jugend in den Volksschulen Aufklärung erhalten. Alle diese Bestimmungen sind recht schön und gut, ob sie jedoch dem Alkoholismus wesentlichen Abbruch tun, kann man mit Recht bezweifeln.
Vor allem ist es aber ein Satz dieser Verfügung, der Interesse verdient: „Den kommunalen Betriebsverwaltungen ist die Schaffung mustergültiger Einrichtungen zur Bekämpfung des Alkoyolmißbrauchs empfohlen."
Dieser Satz verdient nicht deshalb besonders hervorgehoben zu werden, weil nun derartige Einrichtungen — es ist wohl an das Verabreichen alkoholfreier Getränke in den Arbeitsräumen, vor allem in den Kantinen, gedacht — einen besonderen Erfolg haben werden, sondern weil bei der Bekämpfung des Alkoholismus vor allem an die Tätigkeit der Gemeindeverwaltung gedacht ist. Dieser Grundgedanke ist durchaus richtig, wenn er auch in der obigen Verfügung in durchaus unzulänglicher Form wiederkehrt.
Nach welcher Seite die Stadt hin ihren Einfluß geltend machen kann und soll, werden wenige Zahlen zeigen:
Nach dem statistischen Jahrbuch deutscher Städte lV. VIII) kam im November 1898, der letzten vorliegenden Erhebung, in den 64 dort betrachteten Städten auf durchschnittlich 232 Einwohner bereits eine Wirtschaft: in einzelnen Städten war das Verhältnis ein noch viel schlimmeres. So kamen bereits eine Wirtschaft in Mainz auf 98, in Stettin auf 124, in Charlottenburg auf 127, in Bremen auf 132 und in Berlin auf 135 Einwohner.
Unter den Maßnahmen, die man zur Bekämpfung des Alkoholismus vorgeschlagen hat, steht sicher die einer Wirtshausreform mit an erster Stelle, und in dieser Richtung steht den Gemeinden ein weiter Tätigkeitskreis offen. Besteht doch auch bereits seit Mitte Januar 1902 ein „Deutscher Verein für Gasthaus-Reform."
Daß eine Stadtgemeinde das nur denkbar größte Interesse hat, den Alkoholmitzbrauch einzudämmen, liegt auf der Hand; man braucht nur an das viele Elend und
Donnersing, den 9 . April.
die vielen Verbrechen zu erinnern, die im Alkoholismus ihre Ursache haben.
Mit Bezug auf eine Wirtshausreform stehen einer Gemeinde nur 2 Wege offen, die beide gemeinsam beschritten werden müssen. Zunächst wird es sich darum handeln, soweit es angeht, viele Menschen vom Zwang, überhaupt in Wirtshäuser zu gehen, zu befreien. Bei den heutigen Verhältnissen ist es z. B. für Vereine aller Art — seien es nun sozialdemokratische Gewerkschaften oder Kriegervereine — nahezu ausgeschlossen, ihre Zusammenkünfte wo anders als im Wirtshaus abzuhalten.
Ein Arbeiter, der vielleicht seine paar freien Stunden, die er hat, nicht in einer engen schlechten Wohnung zubringen will — man denke an die vielen Tausende von Schlafgängern, die überhaupt nur während der Nachtstunden ihre Schlafstellen aufsuchen dürfen — der das Bedürfnis fühlt, eine Zeitung zu lesen und mit seinen Kollegen zusammen zu kommen, muß ins Wirtshaus.
Das sind solche Fälle, in denen Alkohol genossen wird, nicht, weil die Leute ein großes Bedürfnis darnach empfinden, sondern weil sie es müssen, um in dieser Form eine Miete für die Benutzung des Lokals zu zahlen. Liegt in dieser Tatsache ein Zwang zum Trinken, so bedeutet dieser Trinkzwang weiterhin eine Verführung zum unmäßigen Trinken, in dem bekanntlich dem ersten Glas bald die anderen folgen.
Um derartigen Mißständen abzuhelfen, stehen der Stadt mannigfache Wege offen: vor allem in der Form, daß sie eben diese Leute von der Notwendigkeit des Wirtshausbesuches befreit. Die Stadt hat für geeignete Versammlungslokale zu sorgen, die zu mäßigen Preisen allen Vereinen offen stehen und in denen kein Trinkzwang herrscht; durch Errichtung von Lesehallen und ähnlichen kann und muß sie dafür Sorge tragen für viele Leute, die heute nur notgedrungen ins Wirtshaus gehen, dasselbe unnötig zu machen. Bedenkt man, daß in dieser Beziehung mit relativ wenig Mitteln sehr viel Segensreiches geschaffen werden kann, so muß man zu der Überzeugung gelangen, daß auf diesem Gebiete von unseren Stadtverwaltungen — mit wenigen Ausnahmen — so gut wie nichts geschehen ist. Aber es gibt noch einen zweiten Weg, der in dieser Richtung den Stadtgemeinden offen steht. In einer soeben erschienenen Schrift („Zur Reform des Schankkonzessionswesens. Die Schankstätten eine Gemeindcangelegenhcit" von Verwaltungsgerichtsdirektor Germershausen, Berlin 1903) wird sehr eingehend und mit Nachdruck darauf hingewiesen. Vor allem handelt es sich darum, die Zahl der Wirtshäuser einznschränken und bei den bestehenden der Stadt weitgehende Rechte einzuräumen. In genannter Schrift findet sich zu diesem Zweck ein ganzer Gesetzesvorschlag ausgearbeitet, aus dem hier einige Hauptpunkte hervorgehoben werden sollen.
Es wird vor allem verlangt, daß die Stadt befugt ist, auf alle in der Gemeinde verkauften Getränke, deren Alkoholgehalt mehr als 2 % beträgt, eine Umsatzsteuer zu legen.
Re-aktions-Fernsprecher No. 52. 1903 .
Ferner soll eine neue Wirtschaftskonzession nur dann gegeben werden, wenn die Gemeinde es wünscht; wo dies geschieht, soll die Konzessionsvergebung — so weit Getränke mit mehr als 2 % Alkoholgehalt verkauft werden sollen — im Wege der Versteigerung dem Meistbietenden übertragen werden. Das Gebot wird in Form einer jährlich zu zahlenden Steuer abgegeben und die Konzession soll auf höchstens drei Jahre erteilt werden. Die Gemeinden, so wird weiter vorgeschlagen, sollen durch Ortsstatut beschließen können, daß der Betrieb von Schankstätten, soweit nicht nach den bisherigen Bestimmungen der Inhaber die Genehmigung auf Lebenszeit hat, entweder durch angestellte Beamte oder durch zu bildende gemeinnützige Gesellschaften erfolgt.
Diese Vorschläge, die im Auslande zum Teil bereits verwirklicht sind, treffen, wenn man auch in einzelnen Punkten eine abweichende Meinung haben kann, im Prinzip vollkommen den Kern der Sache.
Einem Eingriff des Staates, z. B. einem Alkoholmonopol, stehen große Bedenken entgegen und alle bisher gegen den Alkoholismus gebildeten Verein: können eine unmittelbare Wirkung nur in beschränktem Umfange ausüben.
Wir wissen recht wohl, daß in sehr vielen Fällen der Alkoholismus seine Ursache in der elenden Lage und Ernährung der unteren Klassen hat, und daß auch nach dieser Richtung hin den Ursachen dieser so verheerenden Volkskrankhcit entgegengetreten werden muß. Aber ebenso sehr muß dies dem Zwang und der Verführung zum Alkoholkousum, wie sie heute allerorts bestehen, gegenüber feststehen. Nach welcher Richtung dies zu geschehen hat, wurde oben ausgesührt. Die wirtschaftliche Tätigkeit unserer Stadtgcmeinden hat heute bereits einen solchen Umfang erreicht, daß die Forderung, daß die Stadt sich aus sittlichen und hygienischen Gründen auch um das Wirtshauswesen kümmern soll, und zwar entschiedener, als es heute geschieht, keine prinzipielle Neuerung bedeutet.
Durch Kanalisationen, Wasserleitungen, vernünftige Bauordnungen rc. hat sich in den letzten Jahren der Gesundheitszustand unserer Städte sehr gebessert, die Sterblichkeit ist in steter Abnahme begriffen; in dergleichen Linien werden alle die Erfolge liegen, die sich aus einer entschiedenen Tätigkeit der Stadtverwaltungen der Alkoholfrage gegenüber erwarten lassen.
Deutsches Deich.
Gewerkschaftliches.
In den letzten Tagen hielten eine ganze Reihe von Arbeiterverbänden ihre Generalversammlungen ab, die Verbände der Zimmerer, der Maurer, der Maler und Lackierer, der Hilfsarbeiter auf Bauten und der Tabakarbeiter. Ta die geschäftlichen Ergebnisse vom Vorjahrs von den Verbandsverwaltungen schon veröffentlicht
Kruilleton.
Die Ausstellung der Berliner Sezession.
Berlin, 6. April.
Während die Kunst-Ausstellung, die sogenannte "große", Jahr für Jahr mit fürchterlicher Gleichheit in dem Glaspalast am Lehrter Bahnhof oder vielmehr in der großeil Glasscheune daselbst wiederkehrt und uns iy 2 bis 2 Kilometer bemalter Leinewand entlang zu schreiten zumutet, legt es die Leitung der Berliner Sezession darauf.ab, von Jahr zu Jahr sich in ihreu Zielen und in den Mitteln, sie zu erreichen, immer klarer zu werden.
Ohne jede Rücksicht auf den Geschmack oder Ungeschmack irgend welcher amtlicher .Kreise, ohne an das zu denken, was an hoher oder höchster Stelle für die „wahre Kunst" gehalten wird, folgt die Sezessioil der eigenen künstlerisä>en Überzeugung ihrer Mitglieder und ihrer Leiter, und so sehen wir denn gerade an der diesjährigen Ausstellung den ganzen Segen künstlerischer Unabhängigkeit und freier Selbstentfaltung. Tie kleine, feine Ausstellung in den sieben Zimmern — Sälen darf man nicht sagen — des so reizend gelegenen Hauses dicht am Theater des Westens ist das Muster einer Ausstellung der bildenden Künste, zunächst was den Rahmen betrifft. Eine Berliner Redewendung sagt von solchen Dingen: »Klein, aber oho!" — und unwillkürlich drängt sich dieses Wort einem aus die Lippen, wenn man beim ersten Besuch flüchtig einmal durch die gemütlichen Zimmer schreitet und tatsächlich bei jedem Blick auf irgend ein wirkliches Werk der Kunst stößt. Nicht immer gleich auf unsterbliche Offenbarungen, aber doch auf Zeugnisse eines ernsten Wollens und eines großen Könnens.
Wie beruhigend wirkt zunächst schon der Gedanke, daß es überhaupt möglich ist, diese Kunstausstellung ganz zu genießen, — für kräftige Naturen sogar bei einmaligem Besuch, für andere und besonders für die liebevollsten Betrachter von Kunstwerken bei drei- oder
viermaligem Besuch. Das ist natürlich in der großen Kunstausstellung ganz unmöglich. Das wäre aber auch in dem Glaspalast am Lehrter Bahnhof eine ungeheure Vergeudung inenschlicher Kraft, denn da, wo es sich darum handelt, einige Dutzend großer und kleiner Säle mit bemalter Leinewand auszufüllen, kann es ja garmcht anders sein, als daß auch eine Unmenge von Mittelgut, ja von völligem Schund zugelassen wird.
Wie anders in der Sezession! Diesnial ist die Zahl der ausgestellten Kunstwerke sogar noch viel geringer als in allen früheren Jahren. Im vorigen Jahr war die Zahl schon auf etwa 360 herabgesetzt, und der kunstliebende Beschauer atmete auf. Diesmal ist durch die noch strengere Sichtung bei der Aufnahme, zum teil auch durch das Fernbleiben der Münchener Sezession, die Gesamtzahl der ausgestellten Werke auf 220 Nummern hinabgegangen: 206 Bilder und 14 Bildwerke in Bronze oder Marmor. 102 Maler und 9 Bildhauer haben ausgestellt, und ich sollte meinen, das wäre reichlich genug. Wir haben uns durch die landläufigen Kunstausstellungen gar zu sehr daran gewöhnt, Massenkunst oder Kunst in Masse uns bieten zu lassen, ohne zu bedenken, daß Kunst und Masse feindselige Begriffe und Dinge sind. Kein menschliches Auge, kein menschliches Hin: kann Tausende oder auch nur Hunderte von ganz verschiedenartigen Kunsteindrücken nach einander und neben einander auf sich wirken lassen, ohne geistig platt gedriickt zu werden. Hätte die Sezession kein anderes Verdienst, als daß sie mit der Getnohnheit der Massendarbietung aufgeräumt hat, so wäre dies schon eine höchst erziehliche Wirkung.
Sodann aber die Hauptsache: sie bestärkt die in allen höher gebildeten Kreisen zunehmende überzerigung von der Unantastbarkeit der Freiheit der Ktmst und sie lehrt uns: es geht auch so! Während an anderen Stellen, an sehr mächtigen, immerwährend von der Kunst, von der wahren Kunst gebieterisch geredet wird, während empfohlen und anbefohlen wird, wie es die Künstler zu halten haben, an wen sie sich „anzulehnen" haben, zeigen die Sezessionisten dort draußen in ihrem kleinen Kunst- tempel, daß die wahre Kunst sich an gar nichts anzulchnen habe, sondern daß ihr oberster Grundsatz lautet: Aufrecht
stehen! Zur Strafe dafür muß die Ausstellung der Sezession es sich gefallen lassen, daß sie für den Hof überhaupt nicht da ist, — und siehe da, was lernen wir: daraus? Es geht auch so! Es geht ungefähr ebenso, wie vor bald 150 Jahren, als einer der größten Monarchen, die je gelebt, Friedrich von Preußen, sich auch nicht um die Sezession kümmerte, die damals Aufschwung der deutschen Literatur hieß, und daß er einen Lessing nicht beachtete und in offener Feindseligkeit Goethe! gegcnüberstand.
Einige der wertvollsten, oder sagen wir nur geradezu die wertvollsten Bilder auf der diesjährigen Sezession rühren von großen Toten her: die drei nicht ganz, vollendeten großen, symbolischen Landschaftsbilder von Segan- tini, drei sehr schöne, in Berlin noch fast ganz unbekannte Bilder von Wilhelm Leibl, und eine ganze Reihe gleichfalls wenig bekannter Bilder von Manet. Indessen neben diesen Toten können sich auch die Lebenden mit allen Ehren sehen lassen. Liebermann ist durch einig« seiner besten Bilder vertreten; die Namen , Leistikow, Slevogt, Trübner, Thoma, Ludwig v. Hofmann, Strach- mann, Louis Corinth, Baluschek, Brandenburg, Fritz Erler leuchten uns entgegen, und unter den Ausländern sehen wir die beiden Frairzosen Helleu und Forain unter den Malern, die zwei größten Mldhauer französischer Zunge: Meunier und Rodin, neben denen unser Klimsch sich übrigens auch sehen lassen kann, und an letzter, nicht an geringster Stelle der herrliche alte Israels aus dem Haag, neben dem sein Sohn Isaak Israels sich mit dreil bemerkenswerten Bildern eingestellt hat.
Über die einzelnen h.ervorragenderen Kunstwerke wird demnächst noch liebevoller zu berichten fein. Heute kommt es nur darauf an, zunächst einmal den künstle- rischen Gesamteindruck festzustellen, dm die Ausstellung bei der Eröffnung vor geladenen Beschauern -gemacht Hat, und der einen ziemlich einstimmigen Widerhall in der Presse findet. Die Sezession hat mit dieser ihrer siebenten Ausstellung den von ihr bisher erreichten höchsten Gipfel einheitlicher Kunstwirkung erzielt. Die Ausstellung ist ruhiger als alle früheren, zum größten Teil die Folge des Fernbleibens der Münchener; sie isjj
