Sl. Jahrgang.
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168 . Berlags.Fernsprecher No. 2953.
Abend-Ausgabe.
Niedergehende Berufe.
Von Alfred Moeglich.
Der ewig sinnende und grübelnde Mensch, der die stillen Naturkräfte fesselt und sie seinen Zwecken nutzbar zu machen sucht, ahnt nicht, wie sie ihn wiederum selbst schein und stellenweise ganz lahm legen. Als vor mehr denn einem Jahrhundert die ersten Dampfmaschinen polternd und fauchend gewaltige Arbeiten verrichteten, glaubte man das goldene Zeitalter für die Menschheit gekommen und träumte von Glück und Frieden. Wie anders wurde es aber? Da haust im weltabgelegenen Gebirgstal ein biederer Leinenweber. So lange man zurückdenken konnte, gehörte das kleine blitzblanke Häuschen derselben rechtschaffenen Familie, die mit demselben ehrwürdigen Webstuhl seit Generationen ein bescheidenes, aber auskömmliches Brot verdient hatte. Woche für Woche lieferte der emsige Weber die fertige Ware an seine alten Kunden ab. Mer bald wurde es anders. Gar nicht so weit vom Hause stürzt ein Bach von den Bergen herab. Sein klares Wasser tränkte Wiesen und Felder, sonst hatte man ihn nie besonders beachtet. Nun wurde gegraben, gesprengt, gehämmert. Mauern erhoben sich zu beiden Seiten des Ufers und breite Stockwerke wuchsen in die Höhe. Glänzende Maschinen wurden hineingebaut. Es dauerte nicht lange, so erhob sich in dem stillen Tale ein böses Zittern und Sausen. In großen Ballen kam Wolle und Baumwolle an,' in hochbeladenen Wagen wurden Leinenrollen, Hemdentuche und Rockstoffe wieder davon gefahren, an einem Tage mehr, als der Weber in seinem Häuschen während des ganzen Lebens wohl angefertigt hatte. Kleinbetrieb — Fabrik! Wie sich der Mann an seinem veralteten Webstuhle auch mühte und die Nächte hindurch, wenn die Fabrik in tödlicher Ruhe lag, arbeitete — es war umsonst! Für seine mühevolle Arbeit bekam er immer weniger, und eines Tages mußte er kapitulieren; er kam nicht mehr mit; trotz allen Schweißes geriet er in die Gefahr, zu verhungern.
. So ungefähr sieht ein Ausschnitt aus dem wogenden 8erufsleben der letzten Vergangenheit aus. Und eine Keruhigung der Wogen ist noch nicht abzusehen. Mit jedem neuen Tage stürzen alteingesessene Berufszweige in sich zusammen, entweder hinsiechend vor der Großwirtschaft oder unter dem Einflüsse ganz neuer Bedürfnisse, die altgewohnte Artikel unnötig machen. Es ist ein böses Kapitel, diese Not des produzierenden Mittelstandes. Aber cs betrifft nicht nur diesen Mittelstand. Es sterben auch Berufe ab, bei denen ohnehin schon der Mann kaum von der Hand in den Mund zu leben hatte.
Donnerstag» de« 9 . April.
Werfen wir nur einen Blick in die beiden letzten deutschen Berufszählungen, die uns doch von einer ungeheuren Berufssteigerung innerhalb der deutschen Landesgrenzen erzählten. Wir finden da an vielen Stellen statt eines Mehr ein oft ganz beträchtliches Minus. Und man braucht nicht allzu viel Phantasie zu haben, um sich alle die bitterernsten Bilder auszumalen, die sich an jene Zahlen heften.
Zu jedem Erwerbstätigen gehören mit ihrem Wohl und Wehe die Angehörigen und Dienstboten. Berücksichtigen wir diese im Nachfolgenden mit, und vergleichen wir die beiden Zähljahre 1882 und 1885, so ergibt sich, daß die eigentliche Landwirtschaft 888 851 Köpfe verloren hat, die größte Verlustgruppe unter allen Berufen. Wenn auch die Gruppen Kunst- und Handelsgärtnerei um 114 537, Forstwirtschaft um 44 341, Tierzucht um 2169 Köpfe gewonnen haben, bleibt doch noch ein Manko von über 700 000 Personen bestehen, trotzdem sich in denselben dreizehn Jahren die gesamte Brot und Fleisch verzehrende Reichsbevölkerung um 6Vz Millionen vermehrt hat. Einen ebenfalls auffallenden Verlust zeigen die Gruppen Getreidemühlen (53 307), Hausierhandel (42 966), Schuhmacher (32 025) und Näherinnen (28 661). Das Mühlengewerbe ist besonders stark in die Hände der Großindustrie übergegangen; der Wind- und der Wassermüller, die von der Gunst ihrer Elemente so abhängig sind, müssen der stets zuverlässigen Dampfkraft weichen. Schuhmacher und Näherinnen erliegen der Maschine, die weit schneller, sauberer und billiger arbeitet wie die fleißigste Hand. Ebenfalls auf den Großbetrieb zurück- zusühren ist der Rückgang des Bevölkerungsteiles, der von der Reederei und Schiffsbefrachtung, von See- und Küstenschiffahrt lebt. Mit der Größe der neu erbauten Schiffe sinkt die nötige Händezahl. Wo früher 1000 Getreidesäcke in tagelanger Arbeit von einem Dutzend der stärksten Männer abgeladen wurden, arbeitet heute ein einziger Dampfkran mit drei Hülfsmannschaften nur wenige Stunden. Die beiden Berussarten verloren 7503 bezw. 16 697 Personen. Telegraph, Post, Telephon und Fahrrad reduzierten die Familien der Dienstmänner und Botengänger um 9398 Köpfe. Starke Verluste weisen auch folgende Gruppen auf: Böttcherei (12 845), Flechterei (8004), Posamenten (3657) und Torfgräverei (3987). Bei sämtlichen Gruppen ist es leicht ersichtlich, aus welchem Grunde sie zurückgehen; in letzter Linie sind immer Maschine und Großbetrieb die Ursache. Es wäre Torheit, diese beiden Faktoren deshalb bekämpfen zu wollen. Wo sie Unsegen stifteten und Arbeitslosigkeit, Arbeitsverlängerung oder körperliche Aufreibung verursachten, da trägt der Mensch die Hauptschuld. Vielleicht bringt schon die nächste Zukunft das, was als Ziel warmherziger Volkswirtschaftler gilt: eine durchgreifende Organisation der Arbeit, damit die ausgeschalteten Arbeitskräfte nicht am Ende bedauernswerte rettungslose Opfer der „absterbenden Berufe" werden, von denen nur die wesentlichsten aufgezählt wurden.
Rebaktions-Fernsprecher No. 52. 1903 .
Deutsches Deich.
Allerlei Partei- und Wahlsorgen.
Man muß sagen, die Konservativen verstehen sich manchmal auf diplo:natische Finessen. Die Verlegen- heit, in die sich der Reichskanzler mit der angekündigten Abänderung des Jesuitengesetzes gebracht hat, mißfällt den Herren keineswegs. Sie haben zwar keinen Grund zur Unzufriedenheit mit dem Reichskanzler, aber er soll wissen, daß sie eine Macht sind. So wird sich Graf Bülow den anscheinend ganz harmlosen Wunsch der „Kreuzzeitung", daß der Bundesrat in der Jesuitengesetzfrage endlich zu einem Entschluß «ommen möge, sehr genau auf seine Unter- und Hintergründe anzusehen haben. C8 steckt vielleicht eine kleine Teufelei dahinter; was das leckende konservative Blatt empfiehlt, kommt einfach darauf hinaus, daß sich Graf Bülow im Bundesrate ge- fälligst eine Niederlage holen möge. Die „Kreuzzeitung" weiß ganz gut, daß für die Aushebung des § 2 des Jesuitengesetzes gegenwärtig keine Mehrheit im Bundesrate zu haben ist. Warum also drängt sie den Reichs- kanzler zu einem Entschluß, der ihm übel bekommen müßte? Indem die Konservativen so Vorgehen, nützen sie sich nebenbei auf die mannigfachste Weise. Das Zentrum bekonmck bei dieser Gelegenheit zu hören, daß die Konservativen die Aushebung jenes 8 2 gern sehen würden. Im Lager der Rechten kann man das ruhig aussprechen, da es sachlich gleichgülckg ist, während es taktisch ungemein fördern kann. Denn wie dankbar muß das Zentrum dem agrarpolitisch verwandten Konservatismus sein, da er sich so beflissen für die klerikalen Ansprüche ins Zeug legt! Gleichzeitig aber stellt man sich aus der Rechten so an, als möchte man den mittel- parteilichen Richtungen ebenfalls aus der Verlegenheit helfen. Es ist wahr, der Abg. Bassermann beispiels- weise befindet sich in einer sonderbaren Lage. Er hat die Kandidatur in Karlsruhe unter der Bedingung angenommen, daß ihm mindestens für die Stichwahl die Unterstüung des Zentrums zugesichert werde. Nachdem nun aber die Generalversammlung des national- liberalen Vereins in Karlsruhe einstiimnig gegen die Auf- Hebung des § 2 protesstert hat, wird der Abg. Bassermann auf die Zentrumsstimmen nicht mehr rechnen können, auch garnicht mehr rechnen wollen. Ähnliche Wunder- lichkeiten könnte,: sich auch anderwärts ergeben, werden vielmehr in verschiedenen Formen ganz sicher eintreten, denn das Zentrum wird das Schicksal der Stichwahlen häufig genug in der Hand haben. Aus der Betrachtung dieser Verhältnisse folgt gewiß nicht, daß Graf Bülow nichts Eckigeres zu tun haben könnte, als sich im Bundes- rate niederstimmen zu lassen. Wer ihm anrät, das zu tun, der hat Hintergedanken, vor denen sich der Reichs-
Der Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorning.
(20. Fortsetzung.)
Der Kommandant ordnete eine strenge Untersuchung Nr. Aber sie förderte nichts zu Tage.
, Der Vicomte, der schon am anderen Tage sein Zimmer wieder verlassen durfte, da der Säbelhieb, der ihm zuge- dacht gewesen, an dem Stahlring in der Krempe des Dreispitzes seine Kraft gebrochen und ihn nur matt getroffen hatte, so daß eine Ohnmacht und eine tüchttge bchmarre alles war, was er angerichtet — der Vicomte konnte zur Sache nur erklären, daß er plötzlich von einem ^bekannten Manne niedergehauen sei, und daß der Hieb, dne die Ärzte bestätigten, ein tödlicher gewesen wäre, sofern er nicht an dem erwähnten Hindernis seine Kraft ein- Kbüßt hätte. Ihn habe infolge der Erschütterung sofort nne tiefe Ohnmacht umfangen, aus der er erst erwacht sei,
ihn die Posten blutend am Boden liegend gefunden pöttcit. Wer der verwegene Fremde gewesen, habe er in dem einen Augenblick nicht zu erkennen vermocht.
Das war alles, was der Vicomte auszusagen hatte.
Einige Soldaten, die sich in der letzten Zeit durch ein auffälliges Verausgaben größerer Geldsummen über Eren Herkunft sie sich nicht ausweisen konnten, verdächtig SsMacht hatten, wurden zum Zwecke ihrer Vernehmung Em Kommandanten vorgeführt. Aber es war aus den ^urschen nichts herauszukriegen, was irgend mit dem Mnklen Vorfall der Nacht in Verbindung hätte gebracht werden können, und man mußte sich, trotzdem man einen gewissen Verdacht nicht loszuwerden vermochte, doch cnd- W entschließen, die Burschen — Italiener, Polen. Nieder länder — wieder laufen zu lassen, wenn man sich nicht su Gefahr bringen wollte, die vielen fremden Elemente su der Garnison, die jederzeit unzuverlässig und zu widerstand geneigt waren, störrisch und aufsässig zu krachen.
So ergab die Untersuchung zum großen Ärger des Kommandanten nicht das Geringste von Bedeutung, und e £ hielt es schließlich für am besten, die mancherlei an öuglichen, schadenfrohen Benierkungcn, welche da und dort
aus Bürgernmnd gegen ihn fielen, vollständig zu überhöre::. —
Auch in das Haus Fahrenbach war natürlich die Kunde jener Vorgänge gedrungen, und von allen Seiten gab es ein kräftiges Glückwünschen zu der Errettting des Sohnes, von dessen uniuittelbar bevorstehend gewesener Exekution :nan erst jetzt mit Schrecken und Grauen erfuhr. Um so größer war natürlich die Freude, daß der ginge Mann auf solch geheimnisvolle Weise errettet worden wäre, und alle Welt drängte sich mit freundlichen Worten an Herrn Friedrich Wilheln: und Fräulein Gertrud.
Die beiden aber gingen in tiefen Gedanken im Hause umher. Sie hatten häufig, häufiger als sonst lenials, lange Unterredungen unter vier Augen, und eines schönen Tages war auch der Vicomte, der noch eine Binde unt die Stirn trug, m das Haus gekommen. Ta hatten die drei stundenlang miteinander geredet und verhandelt; aber kein Mensch hat jemals erfahren, was eigentlich da beredet worden ist. Jedoch am Nachmittag desselben Tages — es war der vierte seit Ernsts Flucht — war Herr Friedrich Wilhelm in das Comptoir gekommen und hatte seinen Angestellte:: in seiner gewohnten kühlen, ruhigen Weise die überraschende Mitteilung gemacht, daß seine Pflegetochter Gertrud sich mck dein Herrn Vicomte Raoul de Charillon verlobt habe, und daß die Hochzeit schon in vierzehn Tagen, Mitte Juni, stattfinden solle.
Diese Mitteilung erregte ein allgemeines Kopfschütteln bei den klugen, wie bei den dummen Leuten. Die klugen, solche, die das Gras wachsen hören und nfit dem lieben Gott auf du und du stehen, meinten, das hätte man längst vorausgesehen, denn der Herr Vicomte habe gar viel in dem Hause verkehrt, und sicherlich nich: allein um des alten Herrn Friedrich Wilhelm willen, sondern da hätten die hübschen Augen des Fräuleins Gertrud sicher das Ihre dazu beigetragen; daß nun aber Verlobung und Hochzeit so schnell aufeinander folgen sollten, sei doch verwunderlich und sonst gar nicht Sitte in der guten Stadt Magdeburg. Tie Dummen aber, solche, die über alle Dinge die Hände zusammenschlagen und niemals mit irgend etwas, das ohne ihre Billigung geschieht, einverstanden sind, sagten, da? sei doch eine erstaunliche Sache, daß Herr Friedrich Wilhelm, der kalte, stolze Mann,
seine Pflegetochter gerade demjenigen Offizier gebe, dev seinen Sohn hatte zur Richtslätte geleiten wollen und, damck der Verurteilte nur ja nicht entwische, noch in der letzten Nacht selbst die Wache übernommen hätte. Und das Fräulein Gertrud — na, von der sei alles ganz unverständlich. -
Herr Friedrich Wilhelm und besagtes Fräulein Gertrud ließen die Klugen wie die Dummen reden u:ck> denken, was sie wollten. Still und ruhig bereiteten sie alles zur Hochzeit vor. Ruhig, mit gelassenem Emst ging die Braut umher: für jeden hatte sie ein freundlich Wort und für jeden Glückwunsch dankte sie in anmutiger Weise. Und eben so ruhig und ernst war Herr Friedrich Wilhelm. Unermüdlich und streng, wo es galt, seine Pflicht zu tun, höflich und verbindlich gegen jeden, der mit ihm in Be- rührung kam, war er stets und allerorten von dem Streben erfüllt, vor sich selbst und vor der Welt die Achtung zu verdienen und zu finden, ohne die, wie er sagte, das Leben nur eine Plage sei.
Niemand aber merkte und ahnte, daß Herr Friedrich Wilhelm zuweilen ganz im Geheimen tief seufzte, und daß Gertmd eber:so ganz im Geheimen zuweilen leise weinte, bis ihre Augen rot waren: der eine seufzte und die andere weinte einer entschwundenen schönen Hoffnung nach, auf die sie beide Verzicht geleistet hatten.
Täglich kam der Vicomte in das Haus. Gegen Gertmd war er voll Liebe und Güte, gegm Herrn Friedrich Wilhelm voll zarten Aufmerksamkeit. Zahlreiche jener kleinm Zeichen und Dienste, die eine so deutliche Sprache von Dank und Verehrung reden, legte er ihnen zu Füßen, und in allen Punkten bewies er eine eben so wohltuende und wärmende, wie vomehme und taktvolle Rücksicht- nähme. Bei jeder Gelegenheit war er der aufmerksame Kavalier, der es an keinem Eifer fehlen läßt, denen, die er lieb hat. jedes Steinchen aus dem Wege zu räumen, und jeder Wunsch, jede Bitte, die Herr Friedrich Wilhelm oder Gertrud aussprachen, konnte auf Erfüllung rechnen.
So war der Tag vor der Hochzeit herangekommem
Da wurde in den Mittagsstunden dem Mcomte ein Brief von auswärts zugestellt, der durch Vermittlung der französischen Gesandtschaft in Berlin an seine Adresse gelangt war.
