Beilage Mm Wiesdailener Tagblatt.
Wo. 165. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch, den 8. April.
51. Jahrgang. 1903.
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Man ist nicht eine Individualität, weil man mit anderen Z uucins, sondern weil man mit sich ein« ist.
.! P. N. Coßmann.
(23. Fortsetzung.)
Der Mattheser.
Roman von O. v. Kis-Killay.
Käthe hatte mit flammenden Wangen die letzten Morte angehört.
L „Wenn ich aber diese Antwort nicht gelten lasse?" sagte sie leise. „Ich verlange ja nichts, als was ich hatte, den Verkchr mit Ihnen . . . Nichts als Ihre Freundschaft . . . Warum gönnen Sie sie mir nicht?"
Ein zorniger Schmerz malte sich in Gossars Gesicht.
„Weil ... weil ich ein Mann bin", stieß er rauh hervor, „weil ich Sie mit allen Kräften meines Wesens begehre, weil ein einziger unbewachter Augenblick Jahre der Rene . . ."
Er vollendete nicht und sank auf seinem Stuhle zusammen, das Gesicht in beide Hände vergrabend. Ein gittern überflog seinen Körper.
Käthe erhob sich, inneren Jubel im Herzen.
„Sie wollen so stark sein — mm, so beweisen Sie fchre Stärke, ßd) aber bin schwach und sage Ihnen, ich ertrüge mein ödes Dasein nicht, wenn ich meinen Halt verlieren müßte! Und jetzt muß ich gehen — es wird dunkel — ich sage: auf Wiedersehen!"
Er antwortete nicht. Käthe zog sich eilig an und verließ mit einem innigen: „Wir sehen uns wieder!" das Zimmer.
Die Dunkelheit brach herein. Die Kellnerin öffnete zögernd die Tür, als auf ihr Anklopfen kein „Herein!" erfolgt war, nud zog sich geschwind wieder zurück. Der sonderbare Herr schien eingeschlafen zu sein. Er lag mit dem Oberkörper auf dem Tische, das Gesicht in die Arme gedrückt und richrte sich nicht. Der Kaffee schien nicht einmal angerührt worden zu sein. Wenn er seinen Schatz hatte bewirten wollen, so hatte das Fräulein der Bewirtung wenig Ehre angetan. Freilich, auch Fräulein Josephine hätte eine Tasse Schokolade vorgezogen . .
*
Käthe hatte eine Droschke genommen und fuhr ihrer Wohnung zu. Ein einziges Gefühl erfüllte sie: das der seligsten Freude. Er liebte sie, er, der so tief mit ihrem Denken und Empfinden verwachsen war, daß sie sich ein Leben ohne ihn nicht denken konnte. Und jetzt, wo sie don feiner Liebe wußte, wollte sie nicht mehr von ihm lassen. Wer durfte sich anmaßen, dieses großgedachte, reine Verhältnis anzutasten? Wenn sie ihr Glück verheimlichen mußte, so war es, um kleinlichen Eifersüchte- zu entgehen, womit sie Werner quälen würde Werner, dessen eigene Schuld es war, daß sie bei einem anderen gesucht, was er ihr nicht hatte geben wollen. Und Werners Korrekcheit — wie flach erschien ihr diese, wenn sie ihn mit Gossar verglich, der sich vom tiefsten Falle zur jetzigen Höhe hindurchgelitten, hindnrchgernngen hatte! Armer Karolus! Ihr Herz schwoll über von Mitleid und
Zärtlichkeit. Und sie soll von ihm lassen, nur weil die Sitte sie von ihm trennte, und sie zum Heimlichtun greifen mußte Heimlichtun war ja nicht Lüge . . .
Als sie zu Hause anlangte, war es acht llhr vorbei. Werner öffnete ihr die Tür. Er sah verstimmt aus. Jetzt erst besann sie sich, daß sie keine Entschuldigung bereit hatte.
„Bist du bei Dora gewesen?" fragte er kurz. „Warum hast du es dem Mädchen nicht gesagt, daß du ausgchen würdest?"
„Verzeche mir", antwortete Käthe, so unbefangen wie möglich, „ich hatte nicht die Absicht, so lange fortzu- bleiben."
„Ja, was hielt dich denn zurück? So antworte doch
— warft du bei Dora?"
„Nein", antwortete Käthe. Sie konnte die Glut, die ihr in die Wangen stieg, nicht zurückdrängen. „Erst bin ich lange Zeit mit der Frau Majorin von Laden zu Laden herumgebummelt, und dann — traf ich Leutnant von Gossar."
„Und mit dem bist du dann bis spät weiter ge- bummelt?" fragte Werner, in dessen Gesicht die Zornröte aufssieg. „Solche Spaziergänge in der Dämmerstunde will ich mir verbitten. Sie mögen in Rußland Sitte sein, hier aber sind sie unpassend und kompromittieren sowohl dich wie mich."
„Ich wäre schon viel früher nach Hause gekommen,
— Herr von Gossar machte mir aber eine vertrauliche Mtteilung aus seinem Leben, und da konnte ich nicht..."
„Dir vertrauliche Mitteilungeir? Es wird ja immer besser! Was hat er dir für vertrauliche Mitteilungen zu machen? Wenn er sein Herz ausschütten will, so wende er sich an mich. Kommt er dir noch einmal damit, so weise ihn zurück. Es ist höchst unziemlich, und nur Zwischen Ehegatten können vertrauliche Mitteilungen in Frage kommen."
Das Abendessen wurde in mürrischem Schweigen eingenommen. Nach demselben zog sich Werner in sein Arbeitszimmer zurück und schloß sich ein.
Vertrauliche Mitteilungen zwischen Ehegatten! dachte Käthe mit spöttischem Lächeln. Ja, wenn die Ehegatten als zwei freie, persönliche Menschen einander gegenüberständen! Wo ist aber mehr Lug, mehr Verstellung als hier? Man lügt um des Friedens willen, und weil man Furcht hat . . . Sie hatte sich auch jetzt vor Werner gefürchtet . . . Wie stark sind die Fesseln des Vorurteils!
Was Käche sich geträumt hatte, war nicht in Erfüllung gegangen. Ihre Beziehungen zu ihrem Freunde hatte sich nicht in alter Weise wieder angeknüpft. Zwar erschien er häufiger bei den üre o’clock’s, allein zwischen ihnen beiden war es anders geworden. Mochte vielleicht die Aussprache, die zwischen ihnen stattgefunden hatte, daran schuld sein? Es lag eine gewisse Befangenheit über ihrem Verkehr, und wenn Käthe einen wärmeren Ton ansckstagen wollte, glitt ein Ausdruck von Pein über sein Gesicht. Das ihm von Käthe aufgedrungene Versprechen war ein Zwang, den er immer schwerer zu empfinden schien. Er litt auch physisch, das bezeugten seine eingefallenen Wangen, sein müder Blick.
Mehr als einmal äußerte Dora Käthe gegenüber ihre Besorgnis über die Veränderung, welche mit ihrem Vetter
vorgegangen war. Käthe kannte den Grund und schwieg. Doch das Fieber, das an ihrem Freunde zehrte, tellte sich auch ihr allmählich mst. Das Bewußtsein allein seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. Sie lechzte nach neuen Beweisen derselben. Sie lechzte nach einem Wort, einem Händedruck. O, nur einmal von seinen Armen um- fangen zu werden, seinen Kuß auf ihren Lippen zu fühlen! ... Es war Sünde — ja, sind aber Gedanken und Wünsche denn Sünde?
Die Träume ihrer Nächte, die ihr den Geliebten zu eigen machte, spannen sich auch in ihren Tagesträumereien fort. Stundenlang saß sie müßig da, mit glänzenden Augen und flammend-m Wangen, und lebte in der Erinnerung die letzten Zeiten durch. Oder sie malte sich in glühenden Bildern aus, wie es hätte sein können, sein müssen . . . Und wenn sie dann erwachte, lag die Wirklichkeit so schal, so nüchtern vor ihr . . . Und ihr Mann
. . . In der ersten Zeit ihrer Liebe hatte sich un Wieder-
schein dieser wundersamen Empfindung auch über ihn ergossen. Warum fand sie jetzt, wo die Flammen über ihr zusammenschlugen, jenen Wiederschein in ihrem Herzen nicht wieder? Es gab Augenblicke, wo sie ihn kaum noch ertrug, besonders, wenn er sich wie jetzt beinahe unablässig in ein düsteres Schweigen hüllte.
Eines Tages teilte ihr Dora freudestrahlend ihre Hoffnung mit, die jetzt zur Gewißheit'geworden war.
„Meine arme Käthe", schloß sie, die Freundin in ihre Arme ziehend, „wie gönnte ich dir ein ähnliches Glück!"
Käche schauderte bei der bloßen Vorstellung. , Ein Kind, — damit wäre ja das Band, das fte an ihren Gatten knüpfte, noch fester geschlungen! Wie ein Blitzstrahl traf sie dieser Gedanke. Wie hatte sie nicht früher daran gedacht? Sind es nicht die Kinder, die das Band unzerreißbar machen? Wo keine Kinder sind, haben da die Ehegatten nicht das Recht, freizumachen? Das große Menschenrecht auf Freiheit, auf Glück . . .
Tiefer Gedanke durchströmte Käthe mit neuer Kraft. Ja, jetzt durfte sie nicht länger müßig träumen. Sw mußte ernstlich erwägen und dann handeln . . . Heutzutage bot die Sache nicht so viele Schwrerigkeiten und lind stieß nicht gegen so viele Vorurteile an. Heutzutage gab es Scheidungen in jeder Gesellschaftsklasse. Man konnte freundschaftlich auseinandergehen, lind das Gefühl des Erbarmens, das Käche in ihrem Herzen vermißt hatte, fand sich wieder ein. Nachts wenn sie mit ihren Gedanken wach lag, betrachtete sie den friedlich an ihrer Seite schlummernden Gatten. Armer Werner! Ob er ci wohl bitter empfinden würde? Nein, sicher nicht. Sie war ihm keine gute Frau gewesen, so kühl und teilnahm- los . . . Es regte sich ein Stachel in ihrem Herzen. Warum hatte sie die Zeit nicht besser ansgenützt, warum hatte sie rhn, weil sie darbte, auch mttdarben lassen? Jetzt war es zu spät. Die kurze Zeit, die sie noch miteinander zu verleben hatten, konnte das Versäumnis nicht wieder gut machen. Werner freilich würde den Skandal einer. Scheidung schwer empfinden — er war fwlz . . . Einmal würde er es verwinden und vielleicht noch glücklich werden. Jedenfalls glücklicher, als wenn sie zusammen blieben . . . Eine Wiederholung des traurigen Dramas«, das sich im Elternhause abgespielt hatte . . .
(Fortsetzung folgt.)
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Wiesbaden, den 22. September 1902.
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