S 1 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5ö Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
1 ?>,® 0 ® Abonnenten.
füttti'tttrtt für die Abend-AuSgab« bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-AuSgabe bis 3 Uhr nachmittags.
nächstcrscheinendeu Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
|tü. 166. Verlags-Fernsprecher No. 2858.
Abend>Ausgabe.
Der Staatsstreich in Serbien.
Serbien ist das Land der Überraschturgeit, das Land, in oem die Politik, selbst wo sie einen blutigen Anstrich hat, doch immer einen Stich ins Operettenhafte aufweist. Seit der Zeit, wo Fürst Michael, der Vorgänger Milans, auf Veranlassung des rivalisierenden Hauses Karageorgie- witsch ermordet wtlrde und der Operettenkönig Milatt zur Herrschaft gelangte, der später seinem nicht mirrder operettenhaften Söhnlein, Alexander dem Kleinen, Platz machte, istSerbien nicht mehr zur Ruhe gekommen. Insbesondere die Geschichte der serbischen Verfassungen, die soeben um eine neue Epoche bereichert worden ist, machte das Wort wahr, daß nichts dauernd ist als der Wechsel. In Serbien, so hat einmal ein Kenner des Balkan gesagt, wechselt man die Verfassungen häufiger als die Hemden.
An dem Wort ist jedenfalls etwas Wahres. Milan, der 1868 Fürst von Serbien (erst 14 Jahre später König) wurde, beseitigte bereits am 11. Juni 1869 die bestehende Verfassung und ersetzte sie durch eine neue, die er am 22. Dezember 1888 abermals durch eine neue Verfassung auf konstitutioneller Grundlage ersetzte. Am 6. März 1889 dankte Bttlan zu Gunsten seines damals 12 i/ 2 Jahr alten Sohnes Alexander ab. Dieser beging am 13. April 1893 den ersten Staatsstreich, indem er sich für volljährig erklärte. Am 18. Mai 1894 folgte der zweite Staatsstreich, indem er die Verfassung von 1888 beseitigte und die reaktionäre von 1869 wieder ins Leben rief. Nachdem Alexander dann im Alter von 24 Jahren die um 13 Jahre ältere Frau Draga Maschin geheiratet hatte oder vielmehr von ihr geheiratet worden war, folgte am 6. April 1901 der dritte Staatsstreich, indem der König über den Kopf der Skupschtina hinweg abermals eine neue Verfassung dekretierte, welche vor allem eine zweite Kammer, den Senat, schuf, die geheimen Wahlen sichern und der Presse eine größere Freiheit garantieren sollte.
Was die geheimen Wahlen und die Preßfreiheit betrifft, so find die Bestimmungen der Verfassung von 1901 auf dem Papier stehen geblieben, das in Serbien ganz besonders gedrlldig ist. In Kraft getreten ist dagegen das Zweitammersystem, denn Alexander hoffte, sich durch den Senat eine Stütze und ein Kampfmittel gegenüber der zweiten Kämmer, der Skupschtina, zu schaffen. Diese Spekulation war jedoch eine verfehlte, denn auch der Senat weigerte sich, die chronischen Rechtsbrüche und Gewaltakte der jeweiligen Kabinette gutzuheißen, die ihrerseits nur Marionetten in der Hand Alexanders oder
Mittwoch» de« 8. April.
wahrscheinlicher in der Hand der energischen Frau Draga waren und find.
Auch der jetzige Ministerpräsident, der General Zinzar Markowitsch, begnügt sich mit der Rolle eines Gendarmen des Königs, und er war sofort bereit, in den neuen, jetzt znr Ausführung gekommenen Staatsstreich zu willigen. Die Gründe dieses vierten Staatsstreiches, mit dem Alexander der Kleine sein Staatsstreichquartett vollgemacht hat, lagen darin, daß HerrnAlexander der jetzige, nicht hinreichend gefügige Senat nicht paßte, und daß ihm insbesondere das Wahlgesetz, welches der Regierung noch nicht genug Handhabe zur Wahlmache bot, und das Preß- gesetz ein Dorn im Auge waren.
Ta Alexander weder die Skupschtina noch den Senat zu der vou ihm gewünschten Abänderung der Verfassung und der fraglichen Gesetze bewegen konnte, so machte er kurzen Prozeß nach bewährtem serbischen Muster. König Alexander hat, wie soeben aus Belgrad berichtet wird, die Verfassung von 1901 „suspendiert" und während dieser Suspension kurzer Hand den Senat, den Staatsrat und die Skupschtina aufgelöst, alsbald einen neuen Senat und einen neuen Staatsrat geschaffen und die ihm mißliebigen Gesetze, das Wahlgesetz, Preßgesetz, Gemeindegesetz :c. aufgehoben und durch die früheren reaktionären Gesetze ersetzt. Nach getaner Arbeit setzte König Alexander die Verfassung von 1901 wieder in Kraft — bis auf weiteres. Wenn dir die Verfassung nicht mehr paßt, such dir eine andere, wenn du eine hast!
Und alles dies ist anscheinend glatt abgegangen. Freilich, König Alexander hat am 6. April 1901 den Eid auf die neue Verfassung geleistet und gelobt, sie mit dem Aufgebot seiner ganzen königlichen Macht vor jeder Verletzung zu schützen. Mer König Mexander hat es „von Vätern" gelernt, wie mair^sich über solche feierlichen Gelübde hinmegsetzt. Ter Staatsstreich, der sich soeben in Serbien vollzogen hat, ist in seiner rücksichtslosen Nichtachtung der Verfassung, der Gesetze, der Parlament- und Volksrechte so ziemlich das stärkste Stück, das König Alexander sich bisher geleistet. Und doch gerät man in Europa, wo man den Serben alles zutraut, kaum noch darüber in Erstaunen, und in Serbien selbst wird kaum irgend ein ernsthafter Widerspruch gegen dieseir Gewaltakt laut werden. Die Serben sind von jeher wie die Hämmel dem Leithammel gefolgt, wohin auch die Reise ging.
Jedenfalls sieht man aus dieseir Vorgängen, wre wenig Vertrauen die Verhältnisse in Serbien verdienen. Als König Alexander vor drei Jahren seine Draga hcim- führte, sprach er das große Wort: „Die Zeiten der Überraschungen in Serbien, meine lieben Mitbürger, sind für immer vorüber!" Die tatsächliche Entwickelung der Dinge ist ein wahrer Hohn auf dies Versprechen, denn in Serbien ist nur eine Überraschung ausgeblieben, nämlich die, welche Milan von Draga erwartete.
Anzeigcn-PreiS:
Die einspaltige Petitzeilc für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur
RedakliouS-FernspreLer No. 52. 1963 .
KeMkerllWbkMWg M Me 1901.
In dem „Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reichs 1903 1" wird, wie in früheren Jahren, die Bewegung der Bevölkerung auf Grund der Eheschließungen, Geburten und Sterbcfälle dargestellt. Die Arbeit gibt Nachweise nicht bloß für das Reich und die einzelnen Bundesstaaten, sondern auch entsprechende Daten für das Ausland. Ferner werden erstmals auch Mitteilungen über Alter, bisherigen Familienstand, Religionsbekenntnis der Eheschlietzenden, über Mehrlingsgeburten und Mehrlingskinder, sowie über Alter der Gestorbenen gemacht.
Im ganzen wurden im Jahre 1901 468 329 Ehen ge, schlossen (1900: 476 491), die Zahl der Geborenen betrug 2 097 838 (2 060 657), die Zahl der Gestorbenen 1240 014 (1300 900). Im Vergleich zur Gesamtbevölkcrung ist gegenüber dem Vorjahr die Eheziffer etwas zurückgegangen svon 8,51 auf 8,24 auf 1000 Einwohner), die Geburtenziffer ist gestiegen (von 36,79 auf 36,89 %,), die Sterbeziffer gesunken (von 23,23 auf 21,81 °/J. Der Geburtenüberschuß hat absolut und relativ eine namhafte Erhöhung erfahren, er ist von 759 757 oder 13,56 %, auf 857 824 oder 15,09 0 / 00 gestiegen, er übertrifft nicht allein den durchschnittlichen Geburtsüberschuß des letzten Jahrzehnts, sondern wenigstens der absoluten Zahl nach die feit 1841 für den Geburtsüberschutz überhaupt ermittelte Höchstziffer, welche im Jahre 1898 mit 846 871 oder 15,59 "/„ erreicht wurde.
Der Zeit nach treffen die Eheschließungen des Jahres 1901 zumeist auf die Monate Oktober, November, Mai, April. Das Alter der Heiratenden war bei den Männern in 42,6 v. H. der Fälle 25 bis 30 Jahre, bei den weiblichen Personen in 56,5 v. H. der Fälle unter 25 Jahren. Abweichend von der Regel waren die Frauen älter als die Männer, die sie heirateten, bei 97 489 Eheschließungen oder 20 v. H. der Gesamtzahl. Bon den heiratenden Männern haben fast neun Zehntel, von den heiratenden Frauen etwas über neun Zehntel zum erstenmal sich verheiratet. Ledige Männer mit ledigen Frauen heirateten in 405 000 Fällen, Witwer mit Witwen in 11208, in 418 Geschiedene mit Geschiedenen. Etwas über neun Zehntel der Ehen waren religiös ungemischte Ehen, die Eheleute waren bei 277 480 Heiraten evangelisch, bei 145 141 katholisch und bei 8878 israelitisch. Mischehen wurden 41014 (8,8 v. H.) eingegangen, davon waren 39,115 Ehen zwischen Evangelischen und Katholiken, 480 zwischen Evangelischen und Israeliten, 143 zwischen Katholiken und Israeliten.
Bon den 2 097 838 Geburten des Jahres 1901 waren 2 032 313 oder 96,9 v. H. Lebend-, 65 525 oder 3,1 v. H. Totgeburten. Ehelich waren 1 918 155, unehelich 179 683 oder 8,6 v. H. Mehrlingsgeburten waren unter den Geburten 26,369 (12 %,), und zwar im wesentlichen Zwillingsgeburten. Drillingsgeburten waren es 241, in Baden kam auch eine Vierlingsgeburt vor. Im ganzen kamen bei den Mchrlingsgeburten 52 981 Mehrltngs-
Aer Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorrring.
(19. Fortsetzung.)
Ernst aber fühlte fein Handgelenk von einem eisernen Griff umspannt, und eben dieselbe Stimme, ihm wohl- bekannt, rief aufs neue:
„Komm! Schnell vorwärts!" k Und widerstandslos fühlt er sich in rasender Eile dre Wallböschung hinuutergerissen und unten in einen Kahn gezogen. Dann strich das Fahrzeug hinüber zum anderen Ufer.
„Vorwärts! Vorwärts!" drängte der Befreier.
Wie versteinert saß Ernst im Kahn. Er regte sich dicht.
'„O Schenk!" stöhnte er, „was hast du getan?"
„Dich befreit! Aber du träumst, wo du deine Muskeln gebrauchen solltest! Schnell vorwärts, sonst stehe ich für nichts!"
Jetzt waren sie drüben. In wilder Flucht riß Schenk den Taumelnden hinter sich her durch die Glacis hindurch. Er hörte, wie Ernst stöhnte.
„Was ist Dir?" fragte er endlich, als eine Pause in dem jähen Laufe eintrat. „Bist Du krank?"
Qualvoll schrie Ernst auf: „Nein, nein! Georg — Du hast meinen besten Freund ermordet!"
Der Andere horchte auf.
„Deinen besten Freund?" fragte er erstaunt.
„Ja, denn der Vicomte de Charillon führte mich der Freiheit entgegen! Du und er — Ihr wolltet dasselbe und als Gegner seid Ihr Euch entgegengeireten!"
„Wie konnte ich ahnen —" rief Schenk.
Er brach ab. Bon den Wällen der Festung her donnerte ein Schuß.
„Die Lärmkanone! Jetzt blindlings vorwärts oder Gnade uns Gott!"
Weiter ging es in rasender Eile, über Straßen und Wege, über Wiesen und Felder. Endlich blitzte der Spiegel der Elbe aus dem Dunkel aus. Prüfend musterte Schenk einen Augenblick das Terrain.
„Dort ist's!" rief er dann.
Und schnell ging es auf eine bestimmte Stelle am Ufer zu. Hier lag der Kahn, den er schon am Wend benutzt hatte.
„Hinein!" drängte Schenk.
Mechanisch stieg Ernst ein. Mit kräftigen Ruder- schlägeu trieb Schenk das Fahrzeug durch die Fluten. Am anderen Ufer angelangt, entledigte er sich schnell der llniform und zog die Kleidung des Viehhändlers an. Tann warf er die Uniformstücke ins Wasser, gab dem Kahn einen kräftigen Fußtritt, daß er weit hinaus in dm Strom trieb, und rief: „So, nun tue noch ein übriges, du alter, guter Kahn! Treibe stromabwärts und locke unsere Verfolger auf eine falsche Spur! Wir aber Ernst, wir sind gerettet, denn dort" — er wies mit dem Finger in die Nacht hinaus, und helljauchzend tönte seine Stimme — „dort liegt Preußen!"
Bald hatten sie die Grenzmarken erreicht. Schenk hob seine Augeir empor zur ebm ausgehenden Sonne. „Sei mir gegrüßt, heiliger Boden meines Vaterlandes!" sagte er begeistert. „Nimm deinen wildm Sohn freundlich auf, und du, Daterlnndssonne, die du die ersten Strahlen über das dämmernde Feld smdest, lächle ihn freundlich an: er hat dir einen wackerm Kämpfer wiedererobert! Und ein solcher gilt viel — du weißt's mein Vaterland!"
Langsamer gingen sie weiter. Kein Wort sprach Ernst. Wie ein Schlaftrunkener taumelte er einher, und mehrere Male inußte ihn Schenk halten, daß er nicht fiele. Seine weichere Seele lag noch ganz im Banne des Unge- heuren. Furchtbaren, das er soeben miterlebt; noch immer sah er vor seinen Augen Schenks Klinge blitzen und auf das ahnungslose Haupt dessen niedersausen, der das Schwerste für ihn getan, was ein Mensch für einen anderen tun kann: der seinen Eid, seine Treue gcbrochm hatte oder im Begriffe gewesen war, sie zu brechen.
In einem Kruge machten sie endlich Halt; beide waren ermüdet und erschöpft zum Umsinken: die Natur verlangte ihre Rechte. Ter Krüger, der sich ob des frühen Besuches — es war erst gegen 8 Uhr des Morgens — höchlich verwunderte, ließ Kaffee kochen und brachte Brot,
Butter und Eier. Mit tüchtigem Appetit sprach Schenk dem Imbiß zu; Ernst dagegen rührte fast nichts an. Er sah totenbleich aus und sprach kaum ein Wort.
„Sei heiter, Freundchen!" lachte Schenk. „Du bist dem Teufel entronnen — das ist die Hauptsache! Ich bin selbst erstaunt, wie glatt alles ablief! Ich hatte Glück bei der Geschichte. Als ich zuerst, um das Terrain zu recognoscieren, als biederer Viehhändler nach Magdeburg kam, führte mir ein gütiges Geschick einen Bauernburschen voir nieinen heimischen Gütern in lier Altmark — heute haben die Fremden ihre Hand darauf gelegt, Gott besser's! — gerade entgegen. Der Bursche halte immer schon den Teufel im Leibe, und wie ich ihn in seiner französischen Uniform sehe, in die sie ihn wider Willen hineingesteckt haben, kommt mir der Gedanke: Holla, da ist, was du brauchen kannst, Freund Georg! Aber, Freund, du ißt nicht —" unterbrach er sich.
Mechanisch, mit müden Bewegungen kam Ernst der Mahnung nach und führte einige Bissen zum Munü.
„Siehst du", fuhr Schenk fort, „und als cs mal so weit war, da tvar auch die Partie beinahe gewoimen. Mit Geld und guten Worten gewann mein Helfershelfer andere Soldaten für den Plan — weshalb haben die Franzosen auch Italiener, Niederländer, Deutsche in ihrem Heere, die kein Herz und kein Gewissen für ihre Sache haben! — und alles wurde bis in die Einzelheiten hinein verabredet. Kein Verräter fand sich, niemand merkte irgend etwas. Und dennoch wäre just im letzten Augenblick beinahe Alles schief gegangen! In der letzten Nacht zwischen 12 und 2 Uhr sollte der entscheidende Schlag fallen: da hatten zwei Leute vor deiner Zelle die Mache, welche erkauft waren. Mit ihrer Hülfe wollte ich dich Heraushalen; für die weitere Flucht sorgte dann der Kahn: die beiden Posten wären mit uns geflüchtet. Da steckt der Böse seine Hand in die Sache. Ganz plötzlich war der Befehl gekommen. Tu solltest um 2 Uhr erschossen werden, und infolge dieses Befehles muß irgend ein Wechsel in der Wachtmannschaft stattgefundcu haben. Tenn als ich in meiner llniform siegesgewiß zu den Posten vor deinem Gefängnis komme, erblicke ich zu meinem Schrecken zwei rvildfremde Gesichter, die mich
