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51. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis; durch den Verlag 5t» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5t» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Uy. 163 . «erlags-Fernsprecher N°. 2953. DieNStttg» d-N 7 . April. Nedak.ious-Fernsprecher No. 52. 19 V 3 .

IHorgen«flusgabe.

KozialpüMsche Umschau.

— Anfang April. —

Ter Arbeiterschutz hat durch die endliche Annahme r ie§ Gesetzes über die Beschäftigung von Kindern tn ge­werblichen Betrieben durch den Reichstag in Tentschland dinen erheblichen Schritt nach vorwärts getan. Zwar hat das Gesetz bÄanntlich mannigfache Mängel, eine Voll­kommenheit menschlicher Einrichtungen gibt es nun ein­mal nicht, über es ist mit seiner Hilfe doch möglich, zahl­reichen schweren Mißständen auf dem Gebiet der Kinder- Leschäftigung den Garaus zu machen; das Gesetz soll am nächsten 1. Jarmar in Kraft treten. Es verbietet die Kinderarbeit in gewissen gefährlichen Berufen ohne weiteres und der Bundesrat ist berechtigt, dieses Verbot auch noch auf andere als die im Gesetz genannten Er­lverbszweige auszudehnen. Das mutz unbedingt geschehen, denn mit den vom Gesetzgeber bezeichneten Bernsen ist die Zahl der für Kinder ungeeigneten Beschäftigungs­arten bei weitem nicht erschöpft. Der Kinderschutz in landwirtschaftlichen Betrieben bildet ein Kapitel für sich, das hoffentlich im nächsten Reichstage zu gründlicher Er­örterung gelangen wird.

Bis dahin ist auch der wichtige Gesetzentwurf über die Kaufmannsgerichte vertagt, während die Kranken- kassennovelle zwar noch in die dritte Lesung gelangen, aber schwerlich vom Reichstage in der Fassung, wie sie bon der Regierung vorgeschlagen ist, angenommen wird. Jn den meisten sozialpolitischen Kreisen und auch in den Kassen selbst ist man, wie sich in letzter Zeit immer mehr herausstellte, gegen die beabsichtigte Gesetzesänderung. Man betont, daß der Regierungsvorschlag wohl einige Erhöhungen der Leistungen an die Versicherten vorsehe, bereit Kostendeckung jedoch lediglich den Versicherten und deren Arbeitgeber aufbürde; alle anderen Wege dazu, wie Zentralisation, Beseitigung der Lasten für die Unfall­versicherung, Reichszuschutz, und Errichtung eigener Apotheken,' jedoch völlig nutzer acht lasse. Aber der Hauptgrund zu der ziemlich allgemeinen Verwerfung der Regierungsvorschläge ist die versuchte Einschränkung und Beeinträchtigung der Selbstverwaltung der Kranken­kassen Hiergegm wendet man sich mit vollem Recht und zwar um so mehr, da diese Selbstverwaltung die Grund­lage der gedeihlichen Entwickelung der Krankenversiche­rung in Deutschland ist und zu ernsten Ausstellungen noch niemals Anlaß gegeben hat. Auf dem kürzlich m Berlin versammelten Kongreß der Krankenkassen, bei dem 1128 Delegierte 4 757 678 Versicherte vertraten, erklärte man sich daher mit großer Mehrheit gegen die Regierungsvorlage, wenn die auf Beschränkung der

Selbstverwaltung gerichteten Absichten derselben mcht gestrichen wiirden. Nachdem so die Versicherten selbst sich gegen die Fassung der Vorlage aussprachen und dabei in Übereinstimmung mit fast allen sozialpolitischen Kreisen handelten, erscheint es ganz unmöglich, den Regierungsentwurf im Reichstag durchzudrücken. Ent­weder bleibt derselbe in der Krankenversicherungskom- missioii, die jetzt die zweite Lesung beendete, begraben oder der Reichstag streicht die verfänglichen Bestimmungen und schafft dadurch eine Wohltat ohne deii sehr bitteren Beigeschmack. , . ,

Denselben berechtigten Wunsch kann man in Beziehung auf die Arbeiterausschüsse äußern, die für den sozialen Frieden nicht entfernt das leisteten, was man von ihnen erwartete. Der Einfluß dieser Ausschüsse ist meistens nur gering und maii hat die Erfahrung genmcht, datz sie aufgelöst und ihre Mitglieder selbst entlassen wurden, sobald sie gegen den Willen der Unternehmer mit einigem Nachdruck die Wünsche der Arbeiter vertraten. Das ist eine Verballhornisierung auch dieser von deii wohlwollend­sten Absichten ausgehenden Einrichtung. In sozial­politischen Kreisen hat man daher in den letzten Jahren die Erwartungen in Beziehung auf die Arbeiterausschusse sehr herabgestimmt. Allerdings der preußische Eisen- bahnminister Budde scheint ihnen jetzt eine höhere Be­deutung geben zu wollen, indem er bestimmte, daß die bei jeder preußischen Eisenbahndirektion bestehenden Ausschüsse mindestens zweimal im Jahre einberufen werden müssen, damit die Arbeiter häufiger als bisher Gelegenheit haben, ihre Anliegen vorzubringen. Dabei mag ja mancher Unfriede im Keime erstickt werden uiid wir wollen das ganz gewiß dankbar anerkennen, aber auch bei den preußischen Staatsbahnen, wie überall, werden diese Ausschüsse ihren eigentlichen Zweck nur dann voll erfüllen können, wenn ihre Mitglieder auch bei energischer Vertretung der Arbeitcrwünsche keine Miß- Helligkeiten zu befürchten habeii. Das läßt sich aber in unserer Zeit der schärfsten wirtschaftlichen und politischen Gegensätze zunächst nicht erreichen. Die Arbeiteraus­schusse setzen ihrer vollen Wirksamkeit eine höhere soziale Erziehung voraus, als sie die Gegenwart besitzt; nur ein feineres soziales Empfinden, eine straffere soziale Selbstzucht wird diese Einrichtung genügend respektieren.

Es geht ihnen so ähnlich wie russischen Reformen. Den höheren Stellen fehlt es nicht an gutem Willen, doch „hart im Raume stoßen sich die Sachen" und die Macht der Verhältnisse ist oft stärker als die kräftigsten An­regungen, die von den Großen der Erde ausgehen. Be­sonders in Rußland hat nian in dieser Beziehung eine reiche Erfahrung hinter sich und man befürchtet, daß auch das auf die Gesundung der sozialen Zustände der russischen Landwirtschaft gerichtete Manifest des Zars das gleiche Schicksal haben wird. Man will die Grund­lagen der russischen Argrar- und ländlichen Steuerver-

fassung ändern, aber man hegt starken Zweifel, ob es

der russischen Bureaukratie gelingen wird, durch Ver­waltungsmatzregeln das Elend der Bauern zu beseitigen oder auch nur wesentlich zu mildern. Hier kann gründ­liche Hilfe nur auf dem Wege einer langen Entwickelung und zweckentsprechenden Erziehung kommen. Viel Elend in den russischen landwirtschaftlichen Bezirken ist auch auf das Schuldkonto des Alkohols zu setzen, dessen Ver­brauch bekanntlich in keinem Lande so sehr zur Staats- einrichtung geworden ist als in Rußland.

Gegen ihn wird jetzt auch in Frankreich ein schärferer Kampf geführt. Selbst in der Armee macht sich das notwendig, wie ein von dein Befehlshaber des 10. Armee­korps an die höheren Offiziere gerichtetes Rundschreiben beweist. Ter General weist auf die zahlreichen Trunk­suchtsfälle in seinem Korps hin und ordnet an, daß Trunkene in den ersten Fällen als Kranke anzusehen und dementsprechend behandelt werden sollen. Für Rück­fällige werden jedoch strenge Strafen angesetzt und un­verbesserliche Säufer sollen vor das Kriegsgericht gestellt werden. Bekanntlich hat man auch im deutschen Heere seit Jahren den Kampf gegen die Trinksitten ausgenommen, obwohl Trunkenheit im Dienst in der deutschen Armee, unseres Wissens, ein sehr seltenes Vergehen ist.

Kauern über GelreideMe.

Die „Kieler Zeitung" veröffentlicht das Resultat einer Umfrage, welche die „Nordslesvigsk Landbrugs- og Meieritidende" bei hervorragenden Landleuten in verschiedenen Gegenden Nordschleswigs veranstaltet hat. Die den Betreffenden vorgelegtcn Fragen lauteten:

„Welchen Einfluß wird der neue Zoll auf den Betrieb Ihres Besitzes haben?"

„Wird er Anlaß geben, den Getreidebau zu forcieren auf Kosten der Meiereiwirtschaft,- oder muffen aus Rück­sicht auf den Zoll andere Änderungen getroffen werden?"

Die hierauf eingegaugenen Antwortschreiben äußern sich bezüglich einer günstigen Wirkung des Zolles sehr skeptisch und gestehen ihm höchstens den Einfluß zu, daß die heute rentable Bichmast und Molkereiwirtschaft durch Steigerung der Getreideprcise zu Gunsten weiterer Aus­dehnung des Weizen-Anbaues Einschränkungen erfahren würde.

Nachstehend heben wir einige besonders markante Zuschriften hervor:

P. S k a u - Bukshave: „Ich glaube kaum, daß der neue Zoll Veränderungen im Betriebe der Besitze hier in der weizenbauenden Gegend erfordern wird, wo namentlich Aufzucht und Mästung von Vieh neben Milch­wirtschaft und Schweinemast hergeht. Verkauf von Ge­treide, wie zu Zeiten unserer Väter, glaube ich nicht, datz die Zollverhältnisse Hervorrufen werden, da die Fleisch- und Speckpreise, wie ich annehme, Schritt halten werden

Feuilleton.

Modenöle.

Berlin, 3. April 1908.

Es ist „enorm interessant" — ich bitte, diese neueste Wortzusammenstellnng gebührend zu beachten, denn man sagt jetzt nicht mehr „riesig" oder „furchtbar", sondern „enorm interessant", — also es ist enorm interessant, zu beobachten, wie die Modeschöpfer und Schöpferinnen sich in Nöten befinden, weil es so „enorm schwierig", — bitte noch einmal zu beachten, — also so enorm schwierig r)t, etwas Neues zu finden. Es gibt eben nichts Neues, man muß es immer wieder betonen! Man kann auch unmög­lich noch mehr auf die Kleider aufpflastern — ein anderer Ausdruck ist schon nicht mehr dafür zu finden — als man es tut Dies lehrt uns ein Blick auf die Sommerkostume und Hüte. Die Ausgarnierung der Frühjahrskleiöcr ist ja noch ziemlich einfach. Aber das Schöne an ihnen ist eben nicht neu, und das Neue nicht schön! Es ist sogar „enorm unschön". Es ist zwecklos, und alles Zwecklose ist unschön. Die Grundform der Mode ist die der letzten Jahre. — Schlepprock, lose Jacke, unten sich erweiternder Ärmel, vulgo „Tellerlecker". Das Neue ist der enorm häßliche Besatz mit allerhand Schnickschnack, eben das Zwecklose: Knöpfe, die nicht knöpfen, Schnallen, die nichts halten, Bänder, die nichts binden, vor allem aber Bommeln, Bommelagen, oder wie in dem allerneuesten geistreichen Couplet der allerneuesten „enorm komischen Posse Guido Tbielscher singt: „Bimmel, Bammel,

Bummel".-Ja, es bimmel-, bammel-, bummelt —

alles an diesen neuesten Toiletten. Komische Grelots hängen an dünnen, strickartigen seidenen Schnüren, — dünne strickartige seidene Wulste sind zu allerhand wurm- sörmigen Gebilden vereinigt, — ich sah sogar schaudernd an einem sonst ganz hübschen cremefarbenen Voile-Kleid ungefähr fünfzig rosa „Knuddelchen", an gelben Schnü­ren baumelnd, zu „enorm chicem" Taillenschmuck ver­wendet. Der zu dieser Toilette passende Hut hatte eben­falls als „Gardine" ungefähr zwanzig solche „Knuddel- chcn" an zwanzig Schnüren herabhäugend, während oben auf dem glatten Kopf ein einziger Ricscn-„cbou" sah,

der den Kopf ganz bedeckte. Und vor diesem Monstrum stand ein bewunderndes Damenpublikum und suggerierte sich gegenseitig, daß es „wirklich entzückend" sei!

Hoffentlich dringt diese „Bimmel-Bammcl-Mode nicht durch, — es wäre wahrhaft gräßlich.

Aber wer kann's wissen?

Als levter Chic wird auch die kurze, lose Jacke aus- gcschrieen,'die wir deshalb unseren Leserinnen nicht im

Sig. 1.

Fig. 2.

Bilde vorführcn, weil sie sie wohl zur Genüge auf allen Straßen und Gassen sehen. Auch diese neueste Mode- schöpfung mag einzelnen sehr großen, sehr langtailligen und sehr schlanken Gestalten nicht gar zu schlecht stehen. Aber da gerade kleine, nicht schlanke und nicht langtailligc Frauen eine fatale Vorliebe für dies ihnen so gefährliche Kleidungsstück zu haben scheinen, so ist der Effekt ein solcher, wie ihn die Trägerinnen sicherlich nicht beab­

sichtigen, — „enorm komisch"! Ob die kurze, lose Jacke durchdringt, ist übrigens noch fraglich, — die in meinem letzten Artikel signalisierte „Uniform" ist mittlerweile durchgedrungen undTausende grauer Noppenkleider lassen uns förmlich nach „was anderem" schreien!

Es gibt übrigens auch elegante, einfache Kostüme. Ein Jackenkleid aus zimmetbrauncm Tuch beispielsweise, mit brauner Sammetblende besetzt und mit einem der schönen, breiten Reverskragcn, der mit weißer Ripsseide belegt und mit braunen Sammetauflagen verziert ist (Fig. 1), wirkt hochelegant und vornehm. Der Hut dazu zeigte die für dieses Jahr sehr beliebte Anordnung der langen Straußfeder, die an der Seite angebracht ist und auf das Haar fällt, wie bei einem Ritterbarett. Eine sehr kleidsame Garnitur.

Ein zweites Kleid (Fig. 2) ist ein Prinzeßkleid mit Reformschnitt. (Uher das Reformkleid des Sommers werde ich in einem besonderen Artikel zu reden haben.) Es ist hinten ganz anliegend, auch die Seitennähte sind ziemlich stark geschweift, vorn ist es indessen lose. Ein zierliches Jäckchen deckt die Taille zur Hälfte, die Auf­schläge lassen einen farbigen Einsatz frei, die Ärmel haben unten einen weiten Volant. Dies Kleid ist ebenfalls sehr einfach, aber von wirklich vornehmem Chic, ebenso ein drittes aus seinem blaugrauem Wollstoff (Fig. 3), das mit Tresse besetzt ist, die, anscheinend von der Schulter aus­gehend, sich über die lose Taille auf den Rock in der be­liebten Stolaform fortsetzt.

Apropos Stola! — „Stola" ist Losung und Feldge­schrei Der Stolapelzkragen des Winters wird im Sommer durch einen solchen aus Spitzenstoff ersetzt, aus Spachtelstoff, aus allen möglichen Dingen. Sehr beliebt sind Stolas aus ziemlich starkem Spachtelstoff, die mit fingerbreiten schwarzen Sammetblenden eingefaßt sind und deren Enden fast bis zum Knie herabrcichen. Sie wirken sehr dekorativ und sind unstreitig kleidsam.

Unseren Leserinnen als vorläufige Notiz: Die Röcke der leichten Sommerkleider werden mit Vorliebe in breite Plissecsalten oder in fingerbreite Tollfalten gelegt, die tn Knichöhc ausspringcn. Da ein solcher Rock in den Hüsten völlig „auf Figur" gearbeitet sein muß. ist er ein Kunstwerk, das kaum durch „häusliche Kunst" hcrgc-