'. Beilage mm Wiesüllüener Tagblatt.
Wo. 163. Morgen-Ausgabe.
Dienstag, den 7. April.
51. Jahrgang. 1903.
Bei Tanz und Musik Kam leise das Glück . . .
Durch Musik und durch Tanz Zerbrach cs oft ganz.
Rich. Nordmann.
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(22. Fortsetzung.)
Der Maltheser.
Roman von O. v. Kis-Killay.
Ter Tote tag in dem großen Festsaale ausgebahrt. Als ich gegen Abend eintrat, wirkte das Gepränge des Todes so mächtig auf mich ein, daß ich an der Tür stehen bsteb. Die schwarz verhangenen Wände, die dunkeln Cypvessen mit leuchtenden Blüten dazwischen — in der Mitte der Katafalk, zu beiden Seiten die riesigen Armleuchter, deren Kerzen zuckende Lichter auf das Antlitz des Toten warfen. — Und zu Härrpten der Bahre saß «ne Gestalt. Es war meine Mutter — eine gebeugte Greisin, die noch gestern in strammer Haltung einhergegangen war. Ihr Haar war über Nacht schneeweiß geworden. . Und sie saß mit trockenen brennenden Augen in das Gesicht des Toten starrend. Mit der einen Hand strich sie ihm liebkosend über die Stirn, während sie leise wimmernd die Worte wiederholte: „Günther, mein Sohn Günther!"
^ ^ Ich stürzte zu ihren Füßen nieder. Sie hob den müden Blick und fragte tonlos: „Warum hat er uns das angetan?"
Da schmolz meine Starre und ich brach in ein krampfhaftes Weinen aus, das Gesicht in ihrem Schoße bergend. Sie legte ihre Hand aus meinen Kopf und strich mir weich und zärtlich über das Haar. „Meine herrlichen zwei Söhne!" hörte ich sie immer wieder murmeln, den Toten und den Lebenden in eine große, heilige Liebe, einschließend.
„Karolus," sagte sie nach einer Weile — ihr Ton klang so müde — „ich habe viele Stunden hier gesessen und gegrübelt und ihn gefragt. — Er hat aber das Ge- iheimnis mit hinüber genommen . . . Gott verzeihe dem, der ihn in den Tod getrieben hat! Edith« — Editha will ihn gar nicht sehen", fuhr sie flüsternd fort. „Höre aber du, Karolus, stehe aus und höre mich." — Sie erhob sich mühsam und stand in ihrer vollen Höhe aufgerichtet. Dann sprach sie feierlich, zwei Finger beschwörend auf die Stirn des Toten legend:
„Gelobe mir, Karolus, indem du das Erbe seiner zeitlichen Güter antrittst" — ich schauderte —- „daß du ebenso werdest, wie er gewesen ist ..."
Meine Mutter hatte noch nie eine Anspielung auf mein früheres Leben gemacht. Und nun verlangte sie, ich solle leben, wo ich das Recht dazu verwirkt hatte!
„Ich kann nicht, Mutter", rief ich schmerzlich, „ich darf^nicht weiter leben, fordere es nicht von mir!"
Sie ließ sich auf dm Stuhl sinken, und ich kniete wieder zu ihren Füßen hin. Eine tiefe Sülle entstand, so üef, als wäre in diesem, denr Tode geweihten Raume alles Leben erstarrt.
Plötzlich umfaßten ihre zuckenden Hände meinen Kopf
und zwangen mich, aufzuschauen. Ihr kummervoller Blick senkte sich fragend in den meinigen und sie las in demselben die Antwort. Ihr Gesicht wurde noch um einen Schatten grauer. Sie ließ mich los und kehrte sich dem Toten zu. Ihre Lippen bewegten sich, als ob sie zu ihm spräche oder betete. Als sie mich wieder ansah, trugen ihre Züge den Ausdruck unendlichen Erbarmens.
„Und doch darfst du nicht sterben, Karolus", sagte sie mit zitternder Stimme. „Durch meinen Mund gebietet er dir: lebe! Nicht durch den Tod büße deine Schuld, sondern durch das Leben! Und jetzt schwöre, daß du ausharren willst . . ."
Und so leistete ich den Schwur an der Bahre dessen, den ich gemordet hatte . . ."
Gossar warf sich erschöpft in den Sessel neben Käthe nieder' und schloß die Augen.
„Und Editha?" fragte sie leise.
„Editha sah ich erst am Tage der Beerdigung wieder. Als die Trauergäste bereits alle versammelt waren, huschte sie, in ihren Kreppschleier gehüllt, herein, und warf sich am Fußende des Sarges nieder. In dieser Stellung verharrte sie, unbeweglich, ohne zu weinen, bis die Zeremonie zu Ende war. Ihr Anblick wühlte meinen grimmen Schmerz von neuem auf. Ich war, wie die Mutter sich ausgedrückt, der Erbe aller zeitlichen Güter meines Bruders, sollte oder mußte ich auch sie Hand nach seinem Weibe ausstrecken. Das wäre die härteste, die schwerste Buße für unser Vergehen. Das Gespenst unserer Schuld hatte sich für ewig zwischen uns gestellt.
Am Tage nach der Beerdigung sagte meine Mutter: „Editha will abreisen —sie geht zu ihren Eltern."
Ich raffte mich auf, — es mußte gehandelt werden. Sprechen mußte ich sie und ihr die Entscheidung über unser beiderseitiges Schicksal überlassen. Ich ließ sie um eine Unterredung bitten und verfügte mich zu ihr.
Sie stand in der Mitte des Zimmers, bleich und durchsichtig, mit großen, fieberglänzenden Augen. Ohne mir die Hand zu reichen, winkte sie mir Platz zu nehmen und setzte sich.
„Wenn du nicht selber gekommen wärest, Karolus", sagte sie mit leiser aber fester Stimme, „so hätte ich dich zu mir bitten lassen. Es mußte noch klar zwischen uns werden. Ob wir uns geliebt haben, weiß ich nicht, — es ist so lange her . . . Das eine weiß ich aber, wir können nicht mehr miteinander fortleben. Die Folter ertrüge kein Menschenherz. — Und so gehe ich denn, lebe wohl."
Sie wandte sich ab und ging. Ich hatte sie zum letztenmal gesehen. Als sie fortreiste, war ich nicht da.
Ein hcllbes Jahr später erhielten wir die Nachricht von ihrem Tode. Eine Erkältung hatte die galoppierende Schwindsucht in chr entwickelt, der sie in wenigen Wochen erlag. Ich gönnte ihr den Tod und beneidete sie darum.
Die Last der übernommenen Verpflichtung, weiter- zuleben, wollte mich schier erdrücken. Ich quittierte den T-ienst und zog mich zu meiner Mutter aufsLaud zurück. In der Stille und Einsamkett, die mich umfingen, stiegen auklagende Gespenster auf: Du täuschest dich, ' deine
Schuld ist nicht gesühnt, und du sühnst sie nie! Ich hörte ihre Stimmen in dem Wehen der Herbststürme, die um unser Haus rasten, ich hörte sie auch in dem tiefen Schweigen, als. der Schnee gefallen war und jedes Ge
räusch des Lebens erstarb. Nachts erwachte ich aus qualvollen Träumeir, tu welchen Günther Rechenschaft forderte — für alles, was ich ihm genommen, sein Erbe, sein Weib und sein Leben. Und als ich einmal am lichten Tage über der weiten glänzenden Schneefläche vor den Fenstern seine Gestalt einherschreiten sah, mit den halb- geschlossenen Augen, der kleinen blutigen Wunde an der Schläfe, da wurde es der Mutter bange. Ein Arzt wurde herbeigerufen und riet, ich solle eine weite Reise antreten. Ich sollte durch wechselnde Eindriicke metne fixe Idee loswerden.
Ich blieb ein Jahr fort und lernte fremde Menschen und fremde Schicksale kennen.
Körperlich genesen kehrte ich heim, aber meine Seele war krank geblieben. Ich trat wieder in den Menst, Jedoch weder die Arbeit, noch die rauschenden Zerstreuungen vermochten den innerenHunger zu stillen. Ich brauchte etwas anderes, -— ich brauchte Versöhnung mit ihm, der rmversöhnt gegangen war, ■— Versöhnung auch mit mir selber. Es mußte eine Vergeltung geben, einen logischen Abschluß unserer Handlungen, sonst war der ganze Kosmos ein Blödsinn, ein ungeheurer Frevel! Und ich lechzte nach einem Abschluß, auch wenn dann der Stab über mich gebrochen würde . . ..
Ich habe heiß gekämpft, Käthe. Ich las alle Philosophen, ich las die Schrift. Schlaflos verbrachte ich meine Nächte und rang mit dem unbekannten Gott. Und endlich kam die Klarheit. . Ich begriff, daß die Sache gleich hier beginnen müsse, und ich raffte mich auf. Ich be- gann den Kainpf gegen mich, gegen das Bewußtsein meiner Schuld. Dieses Bewußtsein hatte mich niedergedrückt, mich gelähmt, es sollte mich anspornen, nach dem Guten zu ringen."
Gossar machte wieder eine Paüse, und sich Käthe voll zuwendend, betrachtete er sie mit traurig zärtlichem Blick.
„Sie werden aus meiner langen Beichte entnommen haben, wie ich naturgemäß zu dem geworden, der ich bin. Vielleicht Wundern Sie sich, daß ich nicht geheiratet habe. Meine neue Anschauungen hätten mir nicht das Zölibat als Buße auferlegt. Dora trennt mich scherzweise den Maltheser, — mich bindet aber kein Gelübde. Die Frauen sind mir sogar im großen und ganzen menschlich näher getreten, aber keine hat hishec den Wunsch in mir erregt, mich fürs Leben mit ihr zu verbinden. Bis ich Sie traf . . . Sie ahnen nicht, wie Sie mein ganzes Sein gefangen nahmen, Käthe ... Zuerst die Ährllich- feit mit der Verstorbenen . . . Tann, als ich Sie kennen lernte — in Ihnen fand ich das tiefste Bedürfnis meinen Natur verkörpert. Und ich dummer alter .Knabe ahnte nicht, wie es um mich stand, und gab mich rückhaltlos dem Zauber dieser Freundschaft hin. Dann eines Tages, — > erinnern Sie sich des Tages, als Sie mit Ihrem Manns bei Dora erschienen? — Ich kam etwas später, und als ick ihn erblickte, erfaßte mich eine rasende Eifersucht. Da erst wurde es mir klar, welche Rechte ich mir im Herzen über Sie angemaßt hatte, und eine innere Sttmme rief mir zu: zurück! Als ich Ihren Mann begrüßte, sah er mich an, so ernst und fragend, als wolle er mir auf den Grund der Seele dringen. Ich verstand seine Gedanken und mein Händedruck war ein Gelöbnis. Und das ist auch meine Antwort auf Ihre Frage, Käthe." . r
(Fortsetzung folgt.)
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