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S1. Jahrgang.

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Für die Aufnahme später cingercichtcr Anzeigen zur

Itj), 164. Berlags-Fernsprecher No. 2853.

Dienstag» den 7. April.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Abend-Ausgabe.

Präsident Roosevells Reife.

Zu den zwar nicht durch die Verfassung vorge­schriebenen, aber durch Gewohnheit geheiligten Ge­bräuchen gehört es, daß das Oberhaupt der Vereinigten Staaten während seiner Amtszeit möglichst viele längere oder kürzere Reisen unternimmt, damit eine weit gröbere Anzahl seiner loyalen Untertanen das Vergnügen hat, dem Landesvater die Hand zu drücken, als es sonst an­gängig wäre. Es ist anzunehmen, daß die Herren Präsidenten diese ihre Verpflichtung nicht als eine ihrer unliebsamsten empfinden, denn Reisen werden ja von den meisten Menschen als ein Vergnügen betrachtet, und j>aß die des Staatschefs sich nicht gerade in der unbe­quemsten Weise vollziehen, wird sich jeder sagen können.

, Bei der Ausstellung der Fahrpläne für dieselben >>ird mit äußerster Genauigkeit verfahren, damit jede Verzögerung oder Verspätung und vor allem die Mög­lichkeit eines Unfalles absolut ausgeschlossen sei. SDia Absicht des Präsidenten, auf Reisen zu gehen, sowie die Plätze, nach welchen er sich zu begeben gedenkt, werden stets vorher bekannt gegeben. Me unmittelbarste Folge davon ist, daß ein Regen von Einladungen über das Landesoberhaupt herniedergeht, denn die Zahl der Patrioten ist natürlich sehr groß, die es sich zur Ehre schätzen, dasselbe bewirten zu können. Mese Einladungen ergehen aber nicht schriftlich, die angesehensten Bürger des Ortes werdm nach Washington entsandt und tragen Ue Bitte um den hohen Besuch persönlich vor. Sagt der Präsident zu, so werden sofort Vorbereitungen zu einem würdigen Empfange und den zu veranstaltenden Fest­lichkeiten getroffen. Gewöhnlich erfolgt die Annahme der Einladung indes nicht sofort, eine definitive Ent­scheidung wird meist erst getroffen, wenn man mit ziem­licher Sicherheit annehmen kann, daß weitere Aufforde­rungen nicht zu erwarten stehen.

Run macht der Privatsekvetär des Staatsoberhmrptes sich an die Arbeit und entwirft ein Verzeichnis der Orte, wo der Präsident einen kürzeren oder längeren Aufenthalt haben oder auch nur von der Hinteren Plattform seines Eisenbahnwaggons aus die Ehrenbezeigungen der Bürger entgegennehmen und eine Ansprache halten wird. Ist dieses schwierige Werk beendet, dann geht das Pro­gramm aus den Händen des Privatsekretärs in die der Eisenbahnbeamten über.

Mese haben keine leichte Ausgabe. Bei der Fest­stellung des Fahrplanes für die Reise sind die der ver­

schiedenen Linien genau zu studieren, um sie mit dem ersteren in Einklang zu bringen und möglichst jede Störung im regelmäßige:: Eisenbahnverkehr zu ver­

meiden. Die Güterzüge allerdings finden keine Berück­sichtigung. Mejenigen Bahnen, auf welchen sich der Hauptverkehr bewegt, besitzen in der Regel besondere Geleise für denselben, sonst werden die Frachtzüge auf Nebengeleise geschoben und verbleiben dort, bis der Spezialzug des Präsidenten vorüber ist. Sobald der Fahrplan den Betriebsleitern der Linie, die zu passieren sind, mitgeteilt worden und diese erflärt haben, daß sie im stände sind, alle nöflgen Vorkehrungen zu treffen, wird derselbe dem Präsidenten unterbreitet und, falls von diesem für gut befunden, dem Druck übergeben und in einigen Tagen veröffentlicht.

Die Reise des gegenwärtigen Bundesoberhauptes wird eine noch nie dagewesene lange sein. Sie soll vom 1. April bis zum 6. Mai dauern. 24 Staaten und Territorien gedenkt Mr. Roosevelt zu besuchen, wobei er gegen 23 000 Kflometer zurücklegen muß. Natürlich reist der Präsident mit allem Komfort, den wir dem modernen Erfindungsgeist verdanken, so daß die An­strengung keine so große ist, wie wenn gewöhnliche Menschenkinder sich einer sehr langen Fahrt unterziehen. Auch will der Landesvater sich einige Erholung gönnen, indem er mehrere große Exkursionen zu Pferde unter­nimmt, unter anderem um den wunderbaren Aellowstone- Nationalpark und das berühmte Aosemite-Tal zu be­suchen.

Tenn die Reise blldet ja eine Anstrengung nicht nur wegen der Kilometerzahl, die zurückgelegt werden wird und der vielen Ansprachen halber, die Mr. Roosevelt zu halten gedenkt — 190 bis 200 Reden sind vorgesehen — sondern weil er natürlich auch die laufenden Geschäfte erledigen muß. Ein spezieller Telegraphendienst ist ein­gerichtet.

Ganz besondere Maßregeln werden natürlich er­griffen, um die Sicherheit, eines Zuges zu erzielen, in dem der Landesvater reist. In einem Abstand von 10 Minuten fährt stets eine Lokomotive vor demselben her, so daß, wenn ein llnglück passieren sollte, es diese trifft, und in gleicher Entfernung eine andere hinterher. Ebenso wird für die persönliche Sicherheit des Präsidenten in jeder Weise gesorgt.

So reist ein Bundesoberhaupt gleich dm anderen Großen dieser Erde mit einer Bequemlichkeit, die kaum etwas vermissen läßt, was das „Weiße Haus" in Washington bietet. Ob ihm diese später einmal sehr fehlen mag, wenn er von seiner Höhe wieder herabge­stiegen, uni abermals ein Bürger zu werdm gleich den anderen? Karl Schenk.

Deutsches Deich.

Der Erlaß des Erbprinzen von Sachscu-Mciningcn,

über den wir berichteten, wäre nicht nötig gewesen, wenn frühere gleichartige Ermahnungen, so namentlich die des damaligen Prinzm Georg von Sachsen, gefruchtet hätten. Sie mögen ja bis zu einem gewissen Grade den Übeln^ die jetzt wieder der kommandierende General des schlesi­schen Armeekorps beflagt, abgeholfen haben, aber es ist leider :wch genug des Traurigen, ja Entsetzlichen übrig geblieben, so daß der Erbprinz sich in seinem Gewissen gedrungen gefühlt hat, die denkbar schärfste Sprache zu führen. Man kann ganz sicher sein: Me Mißstände, zu deren Tilgung der Erbprinz beitragen möchte, müssen noch ärger sein, als die Öffentlichkeit vermutet, wenn ein solcher Schritt, der immerhin etwas Ungewöhnliches an sich hat, für nötig gehalten werden konnte. Man liest zwischen den Zeilen so manches, was aus vielleicht ge­botener Schonung nicht gesagt werdm sollte. Man fragt vor allem, wo die letzte und entscheidende Verantwortung für das fortgesetzte Vorkommen von Soldatennntzhand- lungen liegen kann, und man hat dm Eindruck, daß nach der Meinung des kommandierenden Generals diese Ver­letzungen von Recht, Gesetz und Menschlichkeit aufhören würden oder eingeschränkt werden könnten, wenn die Unteroffiziere in straffere Zucht genommen würden, über dm Erlaß selbst ist nach der sachlicher Seite hin nichts weiter zu bemerken. Er ist nach Form und Inhalt ein­wandsfrei, lobenswert, die Tat eines vornehmm, human fühlenden, seiner militärischen wie seiner sittlich«: Pflich­ten bewußten Mannes. Nun wird man aber mit Inter­esse abzuwarten haben, welchen Eindruck dieser Erlaß in demjenigen Teil der öffentlichen Meinung machen wird, der in seiner konservativen Rückständigkeit von der ver­kehrten Auffassung nicht loskommm kann, daß derartige Kundgebungen das Gefüge des Heeres locken: könnten. Man wird abwarten müssen, wie sich die konservative Presse zu dem Erlaß äußern wird, und man dürste an dm von dieser «eite zu erwartenden Kommentierungen zugleich einen Maßstab dafür gewinnen, wie in gewissen höheren Militärlreisen über die Angelegenheit geurteilt wird. Einstweilen herrscht in diesem Lager Schweigen, was sich aus verschiedenen Gründen bestens begreifen läßt.

*

* Berlin, 6. April. Gegenüber den Versuchen, die das Urteil des Kaisers über die Halle des Herren­hauses abzuschwächen bemüht sind, wird jetzt von an­derer Seite versichert, daß die Kritik des Kaisers w e i t s ch ä r f e r gelautet hat, als in den Berichten an­gedeutet wurde. Der Kaiser erklärte nicht nur, daß der

Der Preis ist Magdeburg!

Roman von Max Dorning.

(18. Fortsetzung.)

Wieder verneigte sich der Vicomte schweigend.

^ „Ich verlasse mich in allem übrigen aus Sie, lieber Vicomte", schloß der Kommandant seine Auseinander- Mng. „Sie wissen, wo ich, sofern irgmd ein Zweifel an Sie herantreten sollte, stets für Sie zu treffen bin!"

Er machte eine Handbewegung: Charillon war ent­lassen.

Er begab sich zurück in sein Zimmer.

I „So sollte er wirklich sterben müssen?" sagte er in lüttem Selbstgespräche zu sich selbst. „Sollte wirklich und Unabänderlich der Feierabend für ein mutiges Menschen- iierz angebrochen sein?"

Wiedjr begann er hastig im Zimmer auf und nieder in schreiten.

„Und sie? Mein armes Mädchen, das ich liebe, und As keine Ahnung hat, daß ihre Hoffnungen in diesem Augenblicke schon vernichtet sind?"

Schneller, erregter noch wunderte er hin und her.

... Me Schüsse, die ihn töten würden, müßten sie mit­ten! „Es ist furchtbar! O Herr im Himmel, zeige Jtr einen Ausweg aus diesem schrcckensvollm Labyrinth!"

.. Jetzt blieb er stehen, starrte einige Augenblicke vor

nieder, warf einen Blick auf die Uhr und sprach dann Mc vor sich hin:

„Fünf Uhr! Bis zwei Uhr nachts sind es noch nenn Stunden! Eine lange Zeit! Wer so viel noch vor sich 'tut, braucht den Blut noch nicht zu verlieren! Die Frist A'nügt, um vieles geschehen zu lassen!"

Cr klingelte. Eine Ordonnanz erschien.

I „Rufen Sie mir dm wachthabenden Offizier!" be­fahl er.

Gleich darauf stand dieser im Zimmer.

. „Mein Herr Leutnant Fargot", redete der Vicomte An Offizier an, und diesen wollte bedünken, als habe die Stimme des Redners noch nie vorher einen solchen kalten, Aflallenen Klang gehabt — wie wenn man Stahl an Äsen schlage, so scharf und klar klang alles — „mein Herr Leutnant Fargot, auf Grund unbedingter Vollmacht

des Kommandanten entbinde ich Sie von jetzt an des Wachedicnstes! Ich selbst werde die Wache übernehmen!"

Der Offizier verneigte sich und ging.

Noch lange saß der Vicomte unbeweglich in einem Stuhl, in dem er Platz genommen hatte. Ms er sich endlich erhob, lag auf seinem Gesicht ein starrer, fast finsterer Ausdruck. Leise aber flüsterten die Lippen:

„Es muß sein! Sie stirbt, wenn er stirbt, und das will ich verhüten, denn sie ist mein — mir hat sie sich ver­lobt! Ich will sie verdienen! So rolle denn heran, du dunkles Schicksalsrad! In deine Speichen will ich fallen und dich aufhalten, koste es, was es wolle! Ich tat alles, um auf erlaubtem Wege eine Wendung zumGuten herbei- znführen — es sollte nicht sein! Nun denn das andere: Flectere si nequee superos, Acheronta movebo! Und diesmal wird der Sieg mir gehören — der Sieg und der Preis!" —

Es war gegen 12 Uhr in der Nacht, als in das Wacht- zimmer des wachehabenden Offiziers — es war, wie wir wissen, der Vicomte — ein Korporal mit einer Meldung eintrat.

„Was giebt's?" fragte Charillon.

„Ein eigmtümlicher Vorfall, Herr Kapitän!"

„So sprecht!"

„Es kam vorhin ein französischer Offizier der Garni­son zu den Posten, welche vor der Zelle des zum Tode Verurteilten aufgestellt sind, nannte die Parole und wünschte den Gefangenen zu sprechen. Da die Posten erklärter:, daß sie strengen Befehl hätten, Niemanden zu dem Verurteilten zu lassen außer dem wachehabendenOffi- zier und dem Geistlichen, stutzte Jener einen Augenblick und sagte dann, er sei ein Verwandter des Ernst Fahren­bach, er wolle von ihm Abschied nehmen. Die Posten jedoch handelten ihrer Instruktion gemäß und verweiger­ten das Ansinnen. Darauf ging der Offizier fort und bemerkte noch, daß sie das morgen zu verantworten haben würden. Er verschwand in der Nacht, man konnte in der Dunkelheit nicht wahrnehnien, wohin er sich gewendet."

„Sonderbar!" sprach Charillon. „Von welchem Rcgimente war der Offizier?"

„Das haben die Posten in der Finsternis nicht er­kennen können! Er trug den Orden der Ehrenlegion und war, wie sie sagen, eine große, stattliche Gestalt. Ab-n gekannt hätten sie ihn nicht!"

„Es ist gut — ich danke Ihnen! Ich werde selbst alles revidieren! Und dann —" er stockte; es wurde ihm

offenbar schwer, zu reden — „dann — nachher-will

ich mit dem Verurteilten Fahrenbach sprechen-ich

— ich-habe ihm die letzten Grüße seines Vaters zu

bestellen und werde mit ihm auf dem Wall auf und nieder gehen! Sie werden dafür sorgen, daß die Posten ent­sprechend instruiert sind! Es ist gut!"

Der Korporal entfernte sich grüßend.

Icharillon schnallte den Degen um, steckte zwei ge­ladene Pistolen ein und setzte den Dreispitz auf.

„Sonderbar", sprach er vor sich hin, „wer kann der Offizier gewesen sein? Und weshalb kommt er nicht aus dem vorschriftsmäßigen Wege zu dem Wachtkomman- danten? Die Sache könnte einem zu denken geben, wenn —" er lachte bitter auf — „wenn n:an noch ein ehr- sicher Kerl und braver Soldat wäre!"

Er trat hinaus in die Nacht. Kein Stern leuchtete am Himmel, aber der Regen, der den ganzen Nachmittag und Abend niedergegossen, hatte aufgehört. Weich und warm wehte die Luft, und von drüben her, vom anderen User des Wallgrabens, wo sich einiges Buschverk befand, tönte schmelzend und sehnsuchtsvoll das lockende Lied der Nachtigall.

Einen Monicnt lauschte er danach hin

„Wie friedlich bist du Natur, di, nichtsahnende! Ja, du bist glücklich, denn du denkst nicht, du fühlst nicht! Aber wir Armen! Ach, wer erst zu denken angefangen, hat auch angefangen, unglücklich zu sein! Selig sind, die geistig arm sind! So steht geschrieben und mir wäre - besser, wenn ich zu ihnen gehörte!"

Er war während seines Selbstgespräches den Wall emporgestiegen, an dessen einem Ende ein kleiner, finster aussehender Bau lag, in welchen: sich mehrere Festungs- gefangene, unter ihnen auch Ernst Fahrenbach, befanden. Aufmerksam spähte der Vicomte in die Nacht hinein.

Plötzlich stutzte er und blieb stehen. Sein scharfes Auge erkannte deutlich unten auf der Wasserfläche des Wallgrabens einen Nachen. Er wußte als Adjutant des Kommandanten ganz genau, daß der Plctz für die Militärnachen, mit denen zuweilen die Runden und Patrouillen die Festungsgräben befuhren, ganz anders- wo gelegen, und daß es bei strenger Strafe verboten wäre, die Nachen an einen: anderen Ort fcst-ulegen.