1. Anlage zum Mesbaüener Tagblatt.
Ko. 161. Morgen-Arrsgahe.
Sonntag, den 5. April.
81. Jahrgang. 1903.
Vorwärts blicken,
Vorwärts denken.
Nie zurück
Die Schritte lenken!
Adalbert Meinhardt.
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(21. Fortsetzung.)
Der Maltheser.
Roman von O. v. Kis-Killay.
Unten traf tdf) niemand, weder im Wohnzimmer, noch im Garten. Ein Diener, den ich nach den Damen fragte, berichtete, meine Mutter sei ins Dorf gegangen. Der jungen Frau Baronin habe er den Kaffee ins Bibliothekzimmer gebracht. Sie war also allein, ich konnte sie ungehindert sprechen.
Als ich leise die Tür öffnete, sah ich sie int Lehnstuhle sitzen, das Gesicht in die Hände gedrückt. Sie weinte. Mit einem Sprunge war ich an ihrer Seite, warf mich zu ihren Füßen und umklammerte ihre Kniee. Ich war außer mir — ich überschüttete sie mit den zärtlichsten Namen und flehte sie an, mir zu verzeihen. Ich wolle gchen, für immer fortgeheu, sie solle mir nur sagen, daß sie mich nicht hasse . . .
Sie wandte mir ihr träneirüberströmtes Gesicht zn und sagte angstvoll: „Du willst fort, Karolus? Nein, nein, du sollst es nicht, du darfst es nicht, Karolus, bleibe bei mir!"
Da war es, als ob der Teufel in mich hineinfahre. Ach zog sie ungestüm und trunken irr meine Arme, und in einem langen, glühenden Kusse vergaßen wir, daß es außer uns noch etwas auf Erden gab . . .
Ein leiser, zitterrrder Klagelaut riß uns auS unserer Betäubung.^ Wir blickten auf. In der Tür stand Eimther, aschfahl und wie gebrochen. „Günther!" schrie ich entsetzt auf. Den Ausdruck dieser Augen vergesse ich nie..."
Gossar schüttelte sich, wie von einem Frostschauer ergriffen. —
»Er bewegte die Lippen, brachte aber kein Wort hervor, wandte sich dann langsam zur Tür und ging hinaus.
Wir sahen uns an, das Entsetzen lähmte uns. „Mein Gott, Güncher!" jammerte Editha und sank auf den Stuhl zurück.
Ich legte meinen Arnr um ihre Schultern und flüsterte: »Beruhige dich, es wird noch alles gut werden, ich will mit Günther reden."
Ich lief zum Hause hinaus in den Wald. Ich mußte rmch erst sammeln, das Ungeheuere begreifen, das geschehen war . . . Und dann mit Günther sprechen. Ja, mst Günther sprechen! Wer was wollte, was konnte ich ihm sagen? Weder Wahrheit, noch Lüge machten es wieder gut. Immer wieder sah ich diese Augen mit dem Ausdruck eines Sterbenden auf mich gerichtet . . . Und ooch war es Mir, als könne ich nur bei ihm noch Trost ßnden, als könne nur er mir die Last vom Herzen wälzen, wie er es früher getan. O, wie ich ihn liebte! Und in UKiner Leidenschaft für Editha war ich plötzlich ernüchtert. Ja, ich wollte mich vor ihm anklagen, ihm sagen,
es sei nur eine augenblickliche Verirrung von uns beiden gewesen . . . Er, der so groß und edel dachte, würde alles verstehen, er würde verzeihen — und auch wieder glücklich werden . . . Wenn er aber nicht verzieh, wenn seine Ehre Genugtuung forderte, dann gab ich chm mit Freuden mein Leben hin . . .
Im ungestümen Laufe durchstreifte ich den Wald nach allen Richtungen und kam erst nach hereinge- brochener Dunkelheit nach Hause. In der Vorhalle kam mir die Mutter entgegen. „Gott sei Dank, daß du wieder da bist!" rief sie aufgeregt. „Ich weiß nicht, was heute los ist, niemand erscheint zum Abendessen. Editha hat Migräne, aber chr beide? Wo ist Güncher?"
„Güncher?" stammelte ich. „Ich habe ihn gar nicht gesehen."
„Wenn ihm nur nichts geschehen ist", lagte die Mutter unruhig. „Er ist sonst so pünktlich!"
Sie ging hinaus, um noch einmal Erkundigungen einzuzieheir und ließ inich mit meineit trostlosen Gedanken allein. Ich verstand den Grund, weshalb Günther fernblieb...
Gegen Mtternacht wurden Leute ausgesandt, ihn zu suchen. Wir hatten die Vorhalle nicht verlassen. Ich stand an einen Pfeiler gelehnt und verfolgte mechanisch mit den Augen die hohe Gestalt der Mutter, welche rastlos auf und ab schritt. Sie hielt die Lippen fest geschlossen und blickte starr vor sich hin.
Plötzlich -— es war wie eine Eingebung — fiel es mir ein, daß Günther sich möglicherweise m dem kleinen Gartenhause unten am Teiche aufhalten könnte, wohin er sich in früheren Zeiten zurückzuziehen pflegte. Ich sagte es der Mutter. Sie hielt in ihrer Wanderung inne. „In dem Gartenhause unten?" Sie schüttelte den Kopf. „Was hätte er dort zu tun? Dorthin geht niemand, seit der Teich versumpft ist. Ich will Nachsehen."
„Nein, Mutter", sagte ich entschieden. „Du bleibst lner, ihn zu erwarten. Er kann jeden Augenblick zurück sein. Ich will ihn aufsuchen und bin sofort wieder da."
Ich war sicher, daß ich ihn dort finden würde. Gottlob, ihn wiederfinden! Die Angst um ihn hatte jede andere Empfindung verdrängt.
Eilig schritt ich durch die dunklen Laubgänge des Gartens in den angrenzenden Park, dem Teiche zu; ich hörte nichts als das Knirschen des Sandes unter meinen Füßen. Als ich mich auf etwa hundert Schritte dem Teiche genähert hatte, blieb ich stehen. Ein widerlicher Sumpfgeruch quoll mir entgegen, wie von modernden Pflanzenstoffen. In der Tat, hier hatte Günther nichts zu suchen. Ich ging trotzdem die wenigen Schritte weiter bis ans Gartenhaus. Ich sah zum Fenster hinein — drinnen war es finster. Ich hielt meine kleine Blendlaterne empor —- es war nichts zu sehen. Als ich aber die Tür aufmachen wollte, fand ich sie von innen verriegelt. Ich rüttelte an der Klinke — es regte sich niemand. Ich rief: „Günther!" laut und immer lauter — niemand gab Antwort. Endlich, von Verzweiflung erfaßt, stemmte ich mich mit Aufbietung aller meiner Kräfte gegen die Tür. Die morschen Bretter gaben nach und ich trat ein.
Im Scheine der Laterne erkannte ich einen auf dem Boden lang ausgestreckten Körper. Mit wankendere Knieen ging ich vor und beleuchtete sein Gesicht. Es war
Güncher, bleich und starr, mit ausgebreiteten Armen, mit der einen Hand den Revolver umklaminerrrd .... Die Todeswunde an der Schläfe, etwas geronnenes Blut am Halse und auf dem weißen Oberhemde. Käthe, es gibt ein Grauen, das den Menschen fühllos macht, und unfähig zum Denken und Handeln ... Es ist eine Gnade des Himmels, sonst ertrüge man nicht die Wucht des Entsetzens . . .
So stand auch ich an der Wand gelehnt, den Schein der Laterne auf den Toten gerichtet, ebenso starr und fühllos wie er. Seine halbgeöffneten verglasten Augen sahen mich an, so fremd so kühl, so überlegen in der Ruhe des Todes . . . Ich konnte meine Blicke nicht von ihm wenden, ich war wie festgebannt.
Da hörte ich rasche Schritte und die Stimme meiner Mutter: „Karolus!" rufen. Bevor ich mich aufraffcht und ihr entgegeneilen konnte, war sie da, in der Tür. „Du hast ihn gefunden?" sagte sie dann mit einer fremden, harten Stimme und sank bewußtlos zusammen. Ich faßte sie in meine Arme und trug sie hinaus.
In der Ferne schimmerten Lichter. Es waren dis Leute, welche auf die Suche ausgesandt worden waren. Auf meinen Ruf eilten sie herbei, zwei derselben stellte ich als Wackle bei der Leiche an, und da die Mutter unter- dessen zu sich gekommen war, führte ich die Wankende langsam nach Hause zurück. Sie sprach kein Wort,„sondern schauerte nur von Zeit zu Zeit zusammen. Ich über- gab sie den Händen der alten Wirtschaflerin, der ich in. wenigen Worten das Geschehene mitteilte. Dann ging ich wieder hinaus.
Ein reitender Bote wurde mit einem Telegramm zur Station abgesandt, um den Arzt und das Gericht im nächsten Städtchen in Kenntnis zu setzen. Ich handelte so kühl und gelassen, als ob es mich nichts anginge. Im Grunde meiner Seele lag der eine trostreiche Gedanke verborgen: Wenn du alles geordnet hast, bist du frei und darfst geben!
Ich verfügte mich in das Arbeitszimmer meines Bruders, und beim Scheine einer Kerze, welche das große Gemach in tiefer Dämmerung ließ, durchsuchte ich seinen Schreibtisch, Er mußte doch ein Wort des Ilbschieds, der Erklärung, hinterlassen haben. Die, Morgen- dämmerung brach an, ein fahles, graues Licht, in welchem olle Gegenstände gespensterhaft hervortraten. Es war mir, als schwebe sein Geist, der noch vor kurzem diesen Raum beseelt hatte, zürneitd rem den Eindringling herum, der mit frecher Hand das Geheimnis seiner Todes- quäl enthüllen wollte.
Es war nichts zu finden, kein Wort, das dem Uneingeweihten Aufklärung verschafft, kein Wort, das den Schuldigen verdamrnt und verurteilt hätte ... Er war groß und edel geblieben, bis ans Ende, er hatte nicht gerichtet.
Am frühen Morgen erschien der Untersuchungsrichter. Die von innen verriegelte Tür, die krampfhaft in der Hand geschlossene Waffe ließen keinen Verdacht auf Mord aufkommen, und die Formalitäten waren bald er- ledigt. Ter Arzt kam angefahren und verfügte sich zu den Damen. Editha — es graute mir vor einem Wiedersehen tritt ihr.
(Fortsetzung folgt.)
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