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51 . Jahrgang.
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Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur
159. Berlags-Fernsprecher No. 298».
Samstag» den 4. April.
Rebaktions-Fernfprecher N». II
1903.
Morgen -Ausgabe.
DkiitW des aitttüdjen WiirenerzeiWjsks.
Bekanntlich wird gegenwärtig im Reichsjchatzamt das neue Warenverzeichnis aufgestellt, welches für die Verzollung der Waren rrach dem neuen Tarif maßgebend sein wird.' Welche praktische Bedeutung das Warenverzeichnis für die technische Zollbehandlung har, erörtert ein Artikel der „Deutschen Wirtschaftspolitik", den ein höherer Zollbeamter aus den Erfahrungen seiner Praxis geschrieben hat.
Danach ist das amtliche Warenverzeichnis als Kommentar des Zolltarifs aufzufassen. Ohne Inanspruchnahme der Reichsgesetzgcbung nur iin Wege der Neu- redaküon dieses amtlichen Kommentars kanir unter Umständen eine zollfreie Ware zu einer zoüpslichtigeit mrd umgekehrt eine bis dahin zollpflichtige zu einer zollfreien gemacht werden. So bestimmt der heute gültige Tarif in Nr. 24b, daß Statuen von Marmor oder anderen Srein- arten zollfrei sein sollen. Das Warenverzeichnis schränkt diese Bestimmung dahin ein, daß die Zollsreiheii der Statuen nur zugestanden wird, sofern sie Kunstgegen- stände sind. — Ferner: Position 30e Icutiet: Spitzen, Blonden und Stickereien ganz oder teilweise aus Seide 600 Mk. per Doppelzentner. Das Warenverzeichnis ober verfügt, daß seidene Spitzen, die eine weitere Bearbeitung durch Nähen erhalten haben, zü 1200 Mk. per Doppelzentner verzollt werden sollen, und daß Stickereien auf Seidengaze, Krepp oder Flor mit 1000 Mk., solche auf seidenen Strumpfwaaren, gemustertem TM rc. mit 800 Mk. per Doppelzentner in Verzollung zu nehmen seien. — Während nach dem Tarif Barometer, Thermometer, Hygrometer rc. ohne weiteres zollfrei waren, enthält das am 1. Juli 1896 in Kraft getretene Warenver- zeichnis bei den genannten Artikeln die Bestimmung „nach Beschaffenheit des Materiales".
Bei dem bestehenden Warenverzeichnis ist vor allen Diligen die Schwierigkeit der Orientierung unbequem, da viele Waren nicht unter der geläufigen Bezeichnung, sondern unter oft geradezu gesuchten Stichworten gruppiert sind. So findet man Fahrräder unter „Draisinen". Bei Obstweinen wird man auf „Cider" verwiesen. Sucht jemand „Paradiesäpfel", so wird er ans „Cedrate" hingewiesen, findet aber unter „Cedrate" wieder keine Tarifnummer und keinen Zollsatz, sondern die Bemerkung, daß „Cedrate" wie Zitronen verzollt werden und diese unter Südfrüchten zu suchen seien. Bei Linoleum hieißt es: wie „Kamptulikon". Hat man
Kmnptulikon glücklich gefunden, so wird man aus Decke,:
(Fußdecken) verwiesen. — Geradezu originell ist die Definition von Lederimitation:
„Unter den Begriff des unechten Leders fallen alle ohne Verwendung von Leder hergestellteri Stoffe, welche durch Färben oder Überziehen mit Lack, Olkomposition oder dergleichen, sowie außerdem durch Prägen mit Walzen :c. oder durch andere zweckentsprechende Behandlung ein dem Leder ähnliches Ansehen erhalten haben und dabei eine solche Stärke und Zähigkeit besitzen, daß sie als Ersatz von Leder dienen könne::."
Der Verfasser bemerkt dazu humoristisch, ,nai: könne i» wörtlicher Befolgung dieser Vorschrift auch Wagenräder, die aus hydraulisch gepreßter Pappmasse hergestellt sind und durch Überziehung mit Lack ein dem Leder ähnlichesAussehen erhalten Habei:, zolltarisarisch als feine Lederware behandeln.
Solche Beispiele zeigen, welche Fehler vor allen Tii:geu bei dein neuen Warerwerzeichnis zu vermeiden sind. Die weitgehende Spezialisierung des neuen Tarifs erleichtert ohne Zweifel die Rubrizierung in: Warenverzeichnis wesentlich. Immerhin sollte jeder Industrielle, jeder- Importeur den neuen Tarif aufmerksam daraufhin betrachten, ob die Waren, cm deren Fabrikafion oder Einfuhr er Interesse hat, so bezeichnet sind, daß ein Zweifel über ihre Tarifierung ausgeschlossen ist. Erscheint die Bezeichnung nicht unzweideuüg genug, dann müssen entsprechende Vorschläge für eine Erläuterung im Warenverzeichnis gemacht werden. Der Handelsvertragsverein hat für die ihm angeschlossenen Kreise bereits die erforder- lichen Schritte getan, un: emeSammlung undBearbeitung des einschlägigen Materials in die Wege zu leiten. Wie ans dem ihm vom Reichsschatzamte zugegangenen Bescheide erhellt, wird der Entwurf des Wareiwerzeichnisses vor seiner Vorlegung an den Bnndesrat den Bundesregierungen mit eigener Zollverwaltung zur Begutachtung übermittelt werden mit der Maßgabe, daß diese den Interessentenkreise!: Gelegenheit gäben, den E:ck- wurf einer Prüfung zu unterziehen und eventuelle Abänderungswünsche geltend zu machen. So könnte es sich vielleicht als praktisch erweisen, wein: beim Arfikel „Muster" gesagt würde, daß Zerkleinern, Zerschneiden, überhaupt das Unbrauchbarmachen zu andern Zwecken als zu Mustern bei allen Waren gestattet sei (z. B. braucht ein 30 Meter langes Stück M) nicht verzollt zu werden, wenn es bei der Schlußabfertigung in kleine Diusterabschnitte zerlegt wird). Ferner sollte die Fassung der Anwendung der Zollzuschläge so bündig sein, daß nicht nur der Zollbeamte, sondern auch der Handel- treibende sich ein klares Bild verschaffen kann, in welcher Weise diese Zuschläge berechnet werden; ob einzeln oder durch Accumulierung. So heißt es im neuen Tarif z. B.: „Gespinstwaren mit Metallfäden (Zuschlag 10 %), zu
gleich broschiert (+ 10%), gesäumt und genäht (-t-15%)"„ Wird nun hier ein Zuschlag von zusammen 35 % vom Normalsatz für Gespinstwaren berechnet oder zunächst Gvundzoll + 10 %, dann zu dieser Summe noch 10 % und endlich hierzu 15 % geschlagen? Alle solche Fragen n-üssen durch das neue Warenverzeichnis zweifelsfrei entschieden werden.
Die piüning von Gesamnervlinden und M«8 in der kaWlisüM Kirche.
Dem preußischen Abgeordnetenhaus sind nunmehr die angekündigten Gesetzentwürfe über die Bildung von Gesamtverbänden in der katholischen Kirche und über die Bildung kirchlicher Hilfsfonds zugegangen. Der erste Entwurf bestimmt, daß in Ortschaften, welche mehrere unter einem gemeinsamen Pfarramts nicht verbundene Kirchengemeinden umfassen, können einem Gesamtverbande, welcher aus sämtlichen oder einigen Kirchengemeinden der betreffenden Ortschaft, geeigneten- falls unter Einbeziehung angrenzender Kirchengemeinden, gebildet wird, folgende Rechte und Pflichten ganz oder teilweise übertragen werden:
1. die Befugnis, über Einführung, Veränderung und Aufhebung allgemeiner Gebühren für die Verbandsgemeinden Beschluß zu fassen; 2. die Aufgabe, unbeschadet der Rechte und Pflichten der Aufsichtsbehörden und der einzelnen Kirchxngemeinden, neue Parochialbildungen innerhalb der Verbandsgemeindcn und eine ausreichende Ausstattung der Verbandsgemeinden mit äußern kirchlichen Einrichtungen, insbesondere Seelsorgerstellen, kirchlichen Gebäuden und dergleichen zu fördern; 3. die Verpflichtung, bei: einzelnen Kirchengemeinöen diejenigen Mittel zu gewähren, welche sie zur Erfüllung der ihnen obliegenden gesetzlichen Leistungen bedürfen und in Ermangelung zulänglichen Kirchenvermögens und dritter Verpflichteter (Gemeinden, Patrone rc.) sich nicht ohne Umlage verschaffen können; 4. die Befugnis, Rechte, namentlich auch an Grundstücken, zu erwerben, Verbindlichkeiten elnzugehen, zu klagen und verklagt zu werden und zur Erwerbung^von Grundstücken, sowie zur Errichtung neuer kirchlicher Gebäude und Einrichtung von Begräbnisplätzen Anleihen aufzunehmen; 6. die Befugnis, die Mittel, welche der Verband zur Erfüllung seiner Aufgaben bedarf, soweit nicht andere Einnahmen zu Gebote stehen, sich durch Umlage zu beschaffen. In diesem Falle werden die Umlagen unmittelbar auf die Gemeinöeglieder sämtlicherKirchengemeinden verteilt und müssen gleichzeitig in allen Gemeinden des Verbandes nach gleichem Maßstabe erhoben werden.
Die Bildung eines Gesamtverbandes erfolgt auf Anordnung der bischöflichen Behörde und bedarf der Zustimmung der beteiligten Kirchengemeinden, deren verweigerte Zustimmung durch Beschluß der bischöflichen
Feuilleton.
Pariser Brief.
Pariser Frühling. — Der Selbstmord. — Le boeuf gras. — Die Krone des Skythenkönigs. — Antiquitätenschwindel. — Niedergang des Kunsthandwerks.
Paris, 31. März.
Genau am kalendermätzigen Tag hat sich der Frühling eingestellt und uns seit dem 21. März eine ununterbrochene Reihe schöner und warmer Tage — bis zu 28 Grad Celsius — gebracht, so daß der Ofen außer Gebrauch gesetzt werden konnte, und, da der Pariser April ungefähr das ist, was der deutsche Mai, hoffentlich nicht aufs neue beschickt zu werden braucht. Daß der Frühling astronomisch und tatsächlich ins Land gekommen, merkt mau in Paris auch an sonstigen Anzeichen, z. V. an der Aufregung, welche sich der Maler und Bildhauer bemächtigt. Dieses hier so zahlreiche Völkchen, welches sich den Winter über still gehalten hat, beginnt mit dem Näherrücken des „Salons" anszufliegen. In gewissen Stadtvierteln mehren sich jetzt die langhaarigen Erscheinungen im schwarzen Uberrock oder braunem Sammetkleid, mit Gemälden oder Statuen beladene Wagen streben dem Grand Palais in den Champs-Elysees zu und die Zeitungen sind voll von Indiskretionen über Werke, die den Salon schmücken sollen.
Auch der Selbstmord spielt eine Rolle als Lenzverkünder. Man tütet sich zwar auch im Winter, wie man sich in jeder Jahreszeit tötet. Aber die Liebe zum Kom- s°rt, welche uns moderne Menschen beherrscht, zeigt sich auch in der Art, wie wir uns den Tod geben. Im , Winter bringt man sich komfortabel mittelst der Kohleu- Vsanne um, ein untrügliches Zeichen für die Wiederkehr des Frühlings ist der erfrischende Selbstmord in den Fluten der Seine, der jetzt wiederum zur ständigen Zeitungsrubrik wird. Auch der Beweggrund der Selbstmörder ändert sich mit der Jahreszeit. An die Stelle des Selbstmords aus Not, welcher im Winter seuchenartig hier wütet, tritt im Frühjahr der Selbstmord aus Liebe. , Doch genug von diesem traurigen Kapitel. Die Sonne kocht zu freundlich durch das geöffnete Fenster ans de» Schreibtisch. Als dritter Faschingsumzng bewegte sich
am vergangenen Sonntag die Kavalkade des Fastnachtsochsen, doeuk gras, durch die dem Schlachthof von La Billette benachbarten Straßen des 19. und 10. Arrondissements und übertraf an Pracht der Wagen und Zahl der Figuranten die Umzüge der Studenten am Fastnachtssonntag und der Wäscherinnen zu Mittfasten. Die letzteren waren in diesem Jahre recht kläglich ausgefallen, obwohl sie hergebrachtermaßen die wichtigsten Straßen der Hauptstadt durchziehen, und wurden vom Faschingsochsen, der sich auf einige Stadtviertel beschränkt, gründlich in Schatten gestellt. Ein kapitaler Kerl war er übrigens, Theodoros II., der gelbe, 1470 Kilo schwere Mast- vchse aus dem Nidvre-Departement, der sich inmitten des festlichen Treibens einer stoischen Ruhe befleißigte, wohl in dem Vorgefühl, daß alles das nur eine Art antizipierten Leichenzugs für ihn bedeutete. Die sein Gefolge bildenden Gefährte, etwa ein Dutzend an Zahl, wetteiferten untereinander durch den Reichtum der Ausstattung. Allein der Wagen der Jagd, der schönste von allen, war von mehr als 200 Statisten umgeben. Die unzähligen Reiter in allen möglichen mittelalterlichen Kostümen schauten so kavaliermäßig drein, daß man darüber vergaß, daß sie die Wvche über mit blutigen Schürzen und Messern in den Schlachthäusern hantieren, und die Damen, alle zur Fleischerzunft gehörig, wußten sich, je nach ihrer Rolle, bas Air von Göttinnen unb Edelfräulein mit echt Pariser Chic zu geben. Am Abend vergnügten sich nach dem heiteren, aber beschwerlichen Tageswerk und nach der heißen Konfettischlacht Männlein und Weiblein auf den öffentlichen Plätzen bei Tanz und Freudenfeuern bis tief in die Nacht, so daß das Stadtviertel ganz den Anblick des Nationalfesttages darbot, zumal es scho,: fast julihaft ivarm war.
Der Faschingsochse erregte nur in einigen Pariser Straßen Staub, die Tiara des Saitaphernes wirbelt solchen in der ganzen zivilierten Welt auf. Ist sie echt oder unecht'? Ist sie gänzlich neuerlichen Ursprungs, oder ist sie aus alten und neuen Teilen zusammengesetzt? Sehr möglich, daß man auf diese Fragen niemals eine'bündige Antwort erhalten wird. Gewiß ist aber, daß noch vor einem halben Jahrhundert das Problem der Echtheit der Kopfbedeckung des Skythenkönigs nicht die welt- erschütternde Bedeutung angenommen hatte, die man ihm heutzutage beizulegen beliebt. Denn die Antiquitätcn-
sucht hat erst in den letzten Jahrzehnten die jetzige Ausdehnung gewonnen. Zur Zeit unserer Väter war sie noch eine Ausnahme, gegenwärtig ist sie eine Mode, ein Sport geworden. Alle Welt gibt sich dem Sammeln mit Leidenschaft hin, die Preise alter Kunstgegenstänöe sind ins fabelhafte gestiegen und folglich in allen Großstädten der Erde die Kuriositätenhändler wie Pilze aus dem Boden geschossen. In Paris, das von jeher das Mekka der Sammler war, werden die Antiquitätenverkäufer, wenn die Manie in der bisherigen Weise fortschreitet, in gewissen Straßen nächstens so zahlreich sein wie die Weinwirte. In manchen Straßen, wie tn der Rue La- fayettc von der Großen Oper bis zum Faubourg Montmartre und in der ganzen Rue de Chllteaudun, folgt ein Kuriositätenladen fast ohne Unterbrechung auf den anderen.
Indes, die schier unerschöpfliche Fülle der auf den Markt gebrachten Altertümer beginnt die Amateure stutzig zu machen. Sie kratzen sich das Ohr und fragen sich, ob denn wirklich das 17. und 18. Jahrhundert — das sind die gesuchtesten Epochen — so viele Gemälde, Bronzen, Möbel, Tapisserieen u. s. w. der Nachwelt hinterlassen konnten. Sie schütteln mit dem Kopfe und fangen an, an der Authenticität einiger von ihnen gesammelter Schätze ernstlich zu zweifeln, zumal da die Zeitungen jeden Tag neue unerhörte Geschichten über ditz diabolische Geschicklichkeit der Fälscher auftischen. Noch gestern brachte ein Pariser Blatt lange Mitteilungen über eine Fälscherwerkstatt auf den Höhen des Montmartre — da oben scheint man von den Vorurteilen frei zu sein, welche den Niederungen von Paris zum teil noch ankleben die hauptsächlich die Neue Welt mit täuschen, den Nachahmungen alter Gemälde versorgte. Die Haupt, sache für diese Jndustrieritter besteht darin, eine alte, irgendwie beklexte Leinwand in entsprechendem Gatter aufzutreiben. Die Farben werden weggekratzt, mit un. vergleichlichcr Kunst ein Largilidre, ein Drouais, ein Mignard, ein Boucher darauf gemalt, eine besonders geschickte Hand gibt der fertigen Fälschung durch eine letzte Retouche das endgültige Gepräge des 17. oder 18. Jahrhunderts, ein dritter liefert den nötigen Rahmen, denn es gibt eine besondere Spezialität der „Altvergolber", — und die Sendung ist fertig für Amerika. Kenner behaupten, daß jenseits des großen Wassers ganze Galerieen von
