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Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.

Mo. 159. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 4. April.

51. Jahrgang. 1903.

Nicht nur die Stunde, die ein Leid geboren.

Auch unsre schönste wird zur Ewigkeit:

8 hr lebten lang wir ahnungsvoll entgegen, o lalkg wir sind, begleitet uns ihr «egen,

Marie v. Najmäjer.

«fWe&vWWWWWWWvvWWWWWWWWvvWtWWWWWWWW?*

(20. Fortsetzung.)

Der Wlaltheser.

Roman von O. v. Kis-Killay.

Käthe war Peinlich rot geworden.

„Sie haben es doch nicht richtig verstanden," sagte sn, während Tränen ihre Augeir fülltet:. „Ich bin zu Ihnen gekommen, nicht weil ich Ihrer Hilfe bedurfte, sondern" — sie senkte den Kopf, — „ich wollte, — Herr v. Gossar. Sie waren mein Freund, warum sind Sie es nicht mehr? Warum ist es anders zwischen uns ge­worden?"

Während sie sprach, hatte sich der Leidensztig um seim Mundwinkel verschärft. Er sprang auf, ging einigemal hasng im Zimmer auf und ab und sagte dann klanglos:

„Es mutz so sein."

„Es mutz sein?" wiederholte Käthe erregt. „Und dieses Mutz wird fortbestchen?"

„Dann will ich aber auch wissen, warum." rief sie leidenschaftlich. „Sie sind es mir schuldig. Sie dürfen nicht so ohne weiteres das fortnchinen, tors Sie mir einst gewährt haben! . . ."

„Es mutz sein," sprach Gossar leise. Mit inniger Zärtlichkeit hing sein Blick an Käthens Antlitz, auf deren Wangen schwere Tränen langsam herabtropften. Sanft und liebevoll strich er über ihre Hand, wcllche auf dem Tische ruhte. „Ich darf nicht ein zweites Mal die Schuld auf mich laden, die schwere Blutschuld . . . Mein Liebling," fuhr er fort, als Käthe ihn mit vor Entsetzen starr gewordenen Augen ansah, „ich bin es Ihnen schudig — Sie sollen das grotze Leid meines Lebens wissen. — Ich will Ihnen die Beichte ablegen, die sonst niemand ge­hört hat . . . Ich will Ihnen sagen, was'der Mörder derbrochen hat, der die ungesühnte Schuld mit sich herum­trägt . . . Die Schuld, deren Stachel ewig fortbestchen mutz, weil sie nicht gutgemacht werden kann ..."

Er saß eine Weile, die Augen mit der Hand bedeckend. Dann erhob er stch und begann seine rastlose Wanderung im Zimmer auf und ab. Bon Zeit zu Zeit blieb er vor Käthe stehen, einen fremden, hilflose:: Ausdruck im Blick, Mährend diese bleich und gespannt jede ferner Bewegun- gm mit den Augen verfolgte.

„Sie müssen Geduld haben, denn die Geschichte meiner schuld ist lang", begann er seine Erzählung. „Ich hatte einen Bruder, meinen Bruder Günther. Obgleich wir grundverschieden waren, liebten war uns mehr als alles <mf her WAt. Günther war um drei Jahre älter, schwächlich, ein frühreifer Geist, ernst und sinnig, — ich ein kräftiger, gesunder Bursche, zu allen Streichen aufge­legt. Ich war ein heftiger, leidenschaftlicher Charakter,

fiihlte aber die geistige Überlegenheit meines Bruders und beugte mich vor ihr. Als mein Vater starb, kam ich in eine Kadettenschule, Günther wurde zu Hause erzogen. So wurden wir auseinandergerissen Zu allen Ferien kam ich aber nach Hause. Wrr fanden uns stets wieder. Schließlich trennte uns das Leben doch. Gnüther, dessen Gesundheit bedenklich zu wanken begann, wurde auf mehrere Jahre nach dem Süden geschickt. Ich hatte meinen guten Geist verloren und entwickelte mich nun nach meiner Richtung hin. Ich wurde Offizier und ging nur noch von Zeit zu Zeit zum Bestich aufs Gut, welches meine Mutter in Verwaltung genommen hatte. Lange hielt ich es nie dort aus — ich langweilte mich. Es zog mich in das lärmende Treiben zurück. In einem Kreise gleichgesinnter Kameraden überließ ich mich der tollsten Lust, und nicht nur der harmlosen . . . Ilm die Zeit lernte ich auch Rauenberg kennen ... Er rettete mir das Leben ..."

Gossar fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Er rettete mir das Leben, und ich ... . Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte mich umkommen lassen . . . Dann wäre dieses alles ungeschehen geblieben.

Günther schrieb voller Begeisterung — er tvar so empfänglich für alles Schöne. Bald kam in seinen Briefen immer häufiger ein Name vor, der Name einer jungen Amerikanerin, Editha Histors. llnd einmal kam ein jubelnder Brief, in welchem er mir mitteilte, er habe sich mit ihr verlobt. Ich war nicht auf der Hochzeit. Ich konnte keinen Urlaub erhalten. An dem Wend aber zechte ich toll mit den tollsten meiner Kameraden es war mir, als hätte sich etwas zwischen mich und meinen Bruder gedrängt . . . Zwei Jahre später kehrte Günther in die Heimat zurück. Die Ärzte sagten, er dürfe es wagen. Es war im Sommer. Ich nahm einen vierwöchigen llr- laub und ellte nach Hause . . ."

Gossar blieb vor Käthe stehen und holte tief Atem.

„Ich sehe es noch alles so deutlich . . . Die Ankunft an der Bahnstation, hinter dem Bahnhofsgebäude den großen Familienlandauer, davor die dicken alten Schimmel, den alten Kutscher auf dem Bocke . . . Und auf dem Perron stand mein Günther, mein Bruder, mein .alter Spielgefährte ... Er war kräftiger und männ­licher geworden — wir hatten uns vier Jahre nicht ge­sehen. Derselbe Ausdruck der Liebe strahlte mir aber aus seinen Augen entgegen. Dann die Fahrt, eine lange zweistündige Fahrt durch weitgestreckte Ebenen, die heimatlichen Felder. Darüber der goldige Glanz der nntergehenden Sonne: als die Glut erlösten war, der tiefe, weite Friede ... Es war mir so wunderlich und still zu Mute, als sei ich wieder zum Kinde geworden, und als sei die wüste Zeit, die dazwischen lag, mir ein Hätz- licher Traum. Wir berührten nicht die Gegenwart, wir vermieden es, von seiner Frau, von mir zu sprechen. Wir redeten nur von der Vergangenheit. Die Vergangenheit allein gehörte uns, in der Gegenwart waren wir ge­schieden . . .

Die hellerleuchteten Fenster des alten Schlosses strahlten mir ein freundliches Willkommen entgegen, als 'wir in die Einfahrt einbogen. Auf der Treppe stand die Mutter, neben ihr eine weibliche Gestalt. Ich sah nur die Mutter und flog in ihre Arme. Da fühlte ich mich an der Schulter berührt, und Günther sagte: „Begrüße doch

auch deine Schwester!" ■ Ich wandte mich um und prallt« fast zurück.

Es war mir, als stände ein lang bekanntes, ersehntes Traumbfld vor mir. Sie war Ihr Ebenblld, Kisthe . . < Verwirrt stammelte ich einige Worte, worauf sie etwas nnt reizend fremdländischem Accent erwrderte, ich weiß nicht mehr was. Beim Abendessen saßen wrr zum ersten­mal seit langer Zeit alle wieder beisammen. Sie störte mich aber, ich empfand eine große Befangenheit.

Als ich mich in mein Zimrner zurückgezogen hatte, kam Günther herein. Er setzte sich zu mir aufs Bett und wir plauderten noch lange. Es war dunkel im Zimmer und ich konnte seine Züge nicht erkennen, aber der Tort seiner Stimme und die Worte, die er sprach, prägten sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Er schilderte sein Glück, er sagte, daß er jetzt, wo er wieder zu Hause und in der Arbeit sei, nichts mehr zu wünschen übrig habe und schloß mit den Worten:

„Ich will, daß du gut Freund mit Editha wirst. Die beiden Menschen, die mir die liebsten auf Erden sind, solle,: sich auch lieb haben ... Ich, werde mich jetzt viel in der Wirtschaft umtun müssen, leiste du Editha unter­dessen Gesellschaft, sie ist nicht ans Landleben gewöhnt, es könnte ihr etwas öde Vorkommen."

Meine Beklommenheit schwand schon am nächsten Tage. Editha hatte eine so sichere und liebenswürdige Art und wußte jeden gelten zu lassen, so daß ich bald wieder Herr meiner selbst ward. Wir wurden unzer­trennliche Gefährten. Da sie allem Sport leidenschaftlich ergeben war, ritten wir oft stundenlang miteinander aus oder spielten Lawn-Tennis und Croquet. Und so kam es, daß ich erst ahnungslos, dann immer bewußter in ein« Empfindung hineingetrieben wurde, die mich zum Ver­brecher machte. Ich verliebte mich in Editha und fing an, sie zu begehren. Daß sie das Weib eines anderen war, das Weib meines so zärtlich geliebten Bruders, kam mir nur flüchtig in den Sinn und wurde als eine un­zeitige Gewissensmahnung verscheucht. Ich war gewohnt, mich rückhaltslos meinen Leidenschaften hinzugeben. Da geschah es eines Tages ..."

Gossar hielt inne. Er war sehr bleich und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Wir waren aufs Feld hinausgeritten. EditbaS Sattelgurt hatte sich gelöst. Ich sprang vom Pferde und streckte ihr die Arme entgegen, um sie herunterzuheben. Als ich sie in meinen Armen fühlte, flimmerte es mir rot vor den Augen. Ich drückte sie an mich und küßte sia heiß und brünstig auf die Lippen. Sie sträubte sich nicht, sic wehrte mir nicht, sie ließ es geschehen. Als ich sie wieder auf den Boden stellte, war sie bleich wie der Tod. und zitterte. Wir sprachen beide kein Wort.

Nachdem ich den Gurt befestigt hatte, half ich ih« wieder aufs Pferd. Mr legten in rasendem Galopp den Weg nach Hause zuriick. Ich stürzte wie sinnlos in mein Zimmer, jede andere Empfindung war in der einen m:1ev- gegangen — ich sah nur ihr bleiches Gesicht, ich fühlte nur das Beben ihres Körpers in meinen Armen. Warum batte sie gezittert? Ein quälender Zweifel überkam mich. Hatte sie sich vor mir gefürchtet, mich für einen Wahnsinnigen gehalten? Ich mußte zu ihr. sie um Ver- zeihung bitten, ihr sagen, daß ich sie anbete und fliehen« weit, weit fort . . . (Foris-tzuna folgt.)

Bekanntmachung.

Die evangelische Kirchenfondsrechnung für 1901/02, sowie die Rechnungs­uberschläge für die evang. Gesamtkirchengemeinde und die Pfarreien für 1. April 1903 04 liegen von heute ab den evang. Gemeindemitgliedern während 8 Tagen in dem Geschäfts­zimmer Luisenstraße 32 zur Einsicht offen. F322

Wiesbaden, den 3. April 1903.

Der Gesamt-Kirchenvorstand:

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