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51. Jahrgang.

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||(1, 157* Verlags-Fernsprecher N». 2953.

Freitag» den 3. April.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Horgen-flusgabe.

Gemeinwohl und Kurpfuscher.

Unser Wissen ist Stückwerk; das gilt von aller Wissenschaft, aber am meisten soll es nach der Anschauung mancher Menschen auf die Heilkunde autreffen. Ein Laie wird das schwerlich entscheiden können, wohl aber darf er darauf hinweiserr, daß Wissenschaft und Heilkunde in inniger Wechselwirkung zueinander stehen. Die Be­ziehungen, die schon un grauen Altertum zwischen Medizin rmd Naturwissenschaft bestanden, sind in der Neuzeit immer bedeutungsvoller geworden und nament­lich der Gegenwart hat dieses Verhältnis reichen Segen gebracht. Nach Helmholtz wird die Medizin durch die Naturwissenschaft lebensfrisch erhalten. Kein Großer in: Reich der Geister hat mehr dazu beigetragm, daß die Errungenschaften der Naturwissenschaft der praktischen Heilkunde zu gute kamen, als Virchow. Tie ganz junge Wissenschaft von den die menschliche Gesundheit be­drohenden Krankheitserregern hat einen neuen Zeitab­schnitt in der Geschichte der Heilkunde angebahnt. _ In der Verhütung der Krankheiten, in der operativen Chirurgie, in der Hygiene und in der Behandlung sep­tischer Prozesse, bei der Bekämpfung der Tuberkulose, Diphtherie, Cholera und anderer Seuchen hat die natur­wissenschaftliche Methode der neueren Medizin bekanntlich den größten Einfluß ausgeübt. Wenn also pnser Wissen schon Stückwerk ist, so hat doch die Medizin init Eifer und großem Erfolg daran gearbeitet, dieses Wissen nicht nur zu erweitern, sondern auch auf die Verhältnisse des täglichen Lebens, im Dienste des Gemeinwohls und des einzelnen, anzuwenden.

Das ist festzuhalten, wenn man bei der Beurteilung der Kurpfuscherfrage den richftgen Standprmkt einnehmen will. Von den nicht wissenschaftlich vorgebildetm Ver­tretern der Heilkunde wird nämlich behauptet, die staat­lich approbierte Medizin sei überhaupt keine Wissenschaft, sondern nur eine Meinung und da sei die eine soviel lrert wie die andere. Dieser Anschauung, einer außer­ordentlich regen Werbearbeit, der Abneigung vieler Kranker gegen Medizin, der im Volkscharakter beruhenden Eigenart mancher Kreise, das Vertrauen eher einem Ungelehrten zu schenken, der dem schlichten Mann in der Art des Lebens und Empfindens näher steht als dem wissenschaftlich Gebildeten, und allerdings manchen Heil­erfolgen hat die Bewegung für arzneilose Heilkunde ihren großen Einfluß 31 t verdanken. Dieser ist noch immer im Steigen begriffen und man kann sich von ihm eine Vorstellung machen, wenn man weiß, daß der »Deutsche Bund der Naturheilvereine" heute etwa

75 000 Familien zu seinen Mitgliedern zählt. Die

staatlich approbierten Arzte und die Medizinalbehörden erblicken bekanntlich auch in den nicht approbierten Natur- heilkundigen Kurpfuscher. Richtig ist jedenfalls, daß im Fahrwasser der von Laien ausgeübten Naturheilkunde zahllose kluge Geschäftsleute mitschwimmen, die im Grunde nichts sind als Heilschwindler, gewissenlose Geld- macher, die leichtfertig sich an Leben und Gesundheit ihrer Mitmenschen versündigen. Aber man muß auch hier ohne Voreingenommenheit urteilen. Wie andere Wissenschaften, so verdankt auch die Medizin manche Entdeckung der Laienbildung. Sie hat die Schutzimpfung bei der Huirdswut von denr Nichtarzt Pasteur; Prießnitz, Thure-Brandt waren Laien. Erfahrene Ärzte selbst machen kein Hehl daraus, daß die ärztliche Praxis manches und wichtiges von tüchtigen Krankenpflegern, Instru­mentenmachern, Bandagisteil, Hebammen und Turn­lehrern lernen kann. Das ist sehr erklärlich und keiner Wissenschaft wird es zur Unehre gereichen, wenn sie sich die Erfochrung tüchtiger Laien zu nutze macht. Auch soll nicht vergessen werden, daß die Bewegung für arzneilose Hellweise doch sehr erheblich zur Erweiterung der Volks­bildung über Hygiene, Behandlung von Krankheften und das Wesen des menschlichen Körpers anregte. Diese Aufklärungsarbeit muß einst der approbierten ärztlichen Wissenschaft zu gute kommen, wenn sie selbst hier kräftig einseht. Denn je höher der Bildungsstand in einem Volke ist, unr so entschiedener wendet es sich den lauteren Quellen der Bildung zu und von allen falschen Propheten ab. Ein Volk mit gereiftem Urteil wird mich in Krank- hcitsfällen sich nicht durch marktschreierische Anpreisung von allerlei Heilkünsten bestecheir lassen, sondern es wird dort suchen, wo Wissenschaft, Berufserziehung und Er­fahrung ihm die größte Gewähr für eine wirkliche Hilfe geben. Wenn nun auch bedauerlicherweise zuzugeben ist, daß die Naturheilvereine in kurzsichtiger Weise das Ansehen der medizinischen Wissenschaft oft untergraben, so liegt uns doch nichts ferner als alle Naturheilkundigen zu den Kurpfuschern zu rechnen. Die nreisten Kurpfuscher haben mft der Naturheilkunde so wenig zu tun wie rnit der Schulmedizin.

Die Ärzte haben auf dem Gebiet der Volkserziehung bisher zu wenig mitgearbeitet; es erklärt sich das viel­leicht daraus, daß die Inanspruchnahme im Beruf keine Kraft für andere Zwecke freiläßt. Diese Zurückhaltung' hat der Kurpfuscherei nach unserer Überzeugung die Wege geebnet. Es soll im Reich gegenwärtig etwa 6000 Kurpfuscher geben und in Sachsen sollen aut 100 Ärzte 56 derartige Heilbeflissene kommen. Diese Zahlen sind ganz bestimmt viel zu niedrig gegriffen. Sie schließen augenscheinlich nur jene Personen ein, die von ihrem Kurgeschäft Gewerbesteuer bezahlen, nicht aber die große Menge der in aller Heimlichkeit pfuschenden Bönhasen,

die neben den Geheimmittelschwindlern und den brieflich Rat und Hilfe erteilenden Winkelärzten oft die gefähr­lichsten sind.

Die ärztliche Wissenschaft sicht sich bei diesem starken Andrang der Laien zur prakftschen Heilkuirde in einer schwierigen Lage. Die Ausübung der ärztlichen Praxis ohne staatliche Prüfung war früher in Deutschland mit Strafe bedroht. Durch die Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869 ist jedoch diese Tättgkeit freigegeben rmd nur das unbefugte Führen eines ärztlichen Titels ist nach 8 360 des Strafgesetzbuchs und nach 8 147 der Gewerbeordnung strafbar. Bei der Freigabe des ärzt­lichen Berufs ging man im wesentlichen von der An­schauung aus, daß die Einsicht der großen Masse hin- reiche, uni eine größere Entwickelung der Kurpfuscherei zu verhindern. Aber die Bildung und Urteilskraft eines großen Volkes steigt auch in unserer Zeit nur langsam und so blieb jene Hoffnung bisher unerfüllt. Hieraus haben sich Verhältnisse gestaltet, die den wissenschaftlich gebildeten Arzt zu dem das Heilgewerbe ausübenden Laien in erheblichen Nachteil setzen. Dieser Laie ist von zahlreichen Lasten frei, die dem approbierten Arzt durch Staat, Stand und Erziehung aufgebürdet werden. Ter kurierende Laie hat wohl die Freiheiten, nicht aber die Verpflichtungen des ärztlichen Berufs. Ter Kurpfuscher kennt keine Anzeigepflicht der ansteckenden Krankheiten, kein ärztliches Berufsgeheimnis, keine Taxe, keine Standesordnung, kein langjähriges Studium, das heute beim Arzt ein kleines Vermögen verschlingt. Der Arzt darf seine Kunst nicht anpreisen, der Kurpfuscher aber in allen Tönen und Farben wüster Reklame schwelgen und er hatte bisher nicht einmal, wie jeder Kleider­händler, eine Verfolgung wegen unlauteren Wettbewerbs zu befürchten, wenn er durch Unwahrheiten Zulauf suchte.

Diese Vorzugsstellung verführte viele Kurpfuscher dazu, ihre Bewegungsfreiheit mit einer ungeheueren Dreistigkeit und Gewissenlosigkeit auszunutzen. „ Die einen im kleinen Kreise und ohne Lärm vor der Öffent­lichkeit, die anderen unter lautem Tamtam und unter den schwindelhaftesten Anpreisungen. Für die Kur­pfuscherei großen Stils ist der Fall Nardenkötter typisch, lind hier wird die Kurpfuscherei_ allerdings über die Berufsinteressen der Ärzte und die Willensbestimmung des einzelnen hinausgehoben. Dieser Fall beweist, daß sie leicht zu einer öffentlichen Gefahr, zu einem Schaden für das Gemeinwohl wird!

Es ist aus zahlreichen anftlichen Feststellungen be­kannt, daß auch viele arme Familien den Kurpfuschern große materielle Opfer bringen. Die letzten Kurpfuscher­prozesse haben wieder einmal den Beweis geliefert, wie die Medicaster sich den fünfzig- und hundertfachen Preis für ein Pulver oder Getränk zahlen lassen, das als Heil­

sind sehr selten. Gewöhnlich gibt es täglich nur einen Zug, der sich überhaupt benutze» läßt. Und dieser scheint überall um fünf Uhr morgens abzufahren. Indessen mit der Zeit und der nötigen Geduld kommt man selbst bis Sevilla, eine Reise von ein paar hundert Kilometern, die man mit einmaligem übernachten — in dem herrlich gelegenen Ronda, wo sich der Guadalcvin durch eine hundert Meter tiefe Schlucht bricht — in zwei Tagen ohne weitere Fährlichkciten zurücklegen kann.

Da die Eisenbahn-Buffets gewöhnlich viel zu wünschen übrig lassen, so tut man am besten, den er­forderlichen Proviant mit sich zu führen, und hat dann ja auch häufig Gelegenheit genug, dem alten bekannten spanischen Brauch zu huldigen, nie etwas zu essen, ohne allen Anwesenden vorher etwas davon anzubieten. Es ist gewiß ein schöner Brauch, aber ich habe doch nie das Gefühl überwinden können, mich lächerlich zu machen, wenn ich nach Hervorziehung meiner Butterstullen nun an die Anwesenden das Ersuchen richtete: „Guste usted comer?" (Wollen Ew. Gnaden zu speisen geruhen.) Und jeder Reisende soll sich doch angelegen sein lasten, möglichst den Sitten des Landes sich anzupassen, übri­gens ist das Ganze eine leere Formalität. Jedermann weiß, niemand wird — auf eine einmalige Aufforderung! — etwas annehmen. Und wüßte er's nicht — hm! — ich bin nicht sicher, daß ihm das die Erfüllung dieser Höflich­keitspflicht stets so viel angenehmer machen würde.

„Wen Gott lieb hat, dem schenkt er ein Haus in Sevilla", sagt ein altes Sprichwort. Muß demnach die Zahl derjenigen, die bei dem lieben Herrgott gut un­geschrieben stehen, notwendigerweise eine sehr beschränkte sein, so gibt es doch in Sevilla auch Gasthöfe genug, in denen sich's recht gut leben läßt. Allerdings hat auch gerade Sevilla besonders prächtige Privathäuser aufzu­weisen, die nach alter maurischer Art einen inneren kühlen Marmorhof mit Springbrunnen, Palmen und Orangenbäumen enthalten. Dazu sind aber auch der Alcasar, der noch gut erhaltene Palast der maurische» Könige, die Giralda, ursprünglich ein maurisches Minaret, die große Kathedrale, die in ihren Anfängen auch eine Moschee war, alles Bauten, auf die jede Stadt stolz sein würde. Die Häuser erglänzen säst ausnahms­los in Weiß und die ganze Umgebung der Stadt ist so reich an Oliven, Orangen, Korkeichen und Weinbergen,

Feuilleton.

MMelmeer^Kriefe.

1 Bon Wilh. F. Brand.

! I l I.

Gibraltar und Südspanien.

! j ' Von Hamburg und Bremerhaven, von Genua und Neapel fahren seit einiger Zeit die stattlichen deutschen ! Reichsdampfer direkt nach Gibraltar, wodurch uns ge­wissermaßen eine ganz neue Welt — wenn nicht zwei, ja, drei neue Welten! — eröffnet worden. Zunächst ist

- jetzt Spanien, und zwar gerade das entferntere und inter­essantere südliche Spanien, so viel leichter zu erreichen,

' als es bei den bisherigen Schiffsverbindungen und den : langwierigen Eisenbahnfahrtereien möglich war. Zu­

gleich bringt uns dann aber eine kurze Fahrt durch die Straßen von Gibraltar mitten in das recht eigentliche 1 orientalische Leben, nach Marokko hinein. Und schlieh-

- sich würde eine solche Reise an die Pforte des Mittel- * Meeres doch auch an sich manchen Gelegenheit geben, den

Zauber einer wirklichen Seefahrt auf einem wirklichen Ozean-Palast in vollen Zügen zu genießen und eine Welt ihnen erschließen, der das große Publikum immer noch gar zu fremd gegenübersteht. s Der schroff vom Meere anfsteigende Felsen von

! Gibraltar — die eine der Säulen des Herkules —, der, l stark befestigt, den Schlüssel zur Pforte des Mittelmeeres ', j 1 bildet, macht einen höchst imposanten Eindruck; und in >. der an seinem Fuß errichteten Stadt gleichen Namens mit ihren hübschen Anlagen und Terrassen, der südlichen Vegetation und der herrlichen Aussicht auf die Bucht und \ das Meer, auf Spanien und gegen Süden hin auf die andere „Säule" Ceuta und die Küste von Marokko läßt

- sich ein sehr angenehmer Tag verbringen, und wenn cs auch mehrere wären! Aber wohl konnte ich auch die

d Klage eines „Tommy Atkins" (eines englischen Soldaten), e mit dem ich ins Gespräch kam, verstehen, der nun schon

- steben Jahre „auf den heißen Felsen verbannt" war.

I Höher und höher kletterte ich die steilen Pfade der

st Felsen hinan, vorsichtig nach etwaigen Warnungstafeln 1 . U ausschauend, die das Betreten der Befestigungswerke

untersagen könnten. Aber nirgends irgend ein Verbot. Schon befand ich mich schweren Geschützen gegenüber, als ich auch plötzlich vor einem Posten stand. Na, dies kann schön werden, dachte ich, und entschuldigte mich, wenn ich zu weit gegangen sei. „That’s all right", antwortete der grimme Krieger und führte mich zu einem wacht­habenden Unteroffizier, der auf meine Entschuldigungen gleichfalls nur ein „Das ist schon gut" zur Antwort gab. Er ersuchte mich dann, meinen Namen in ein dickes Buch einzutragen, das ganz wie ein Fremdenbuch aussah und wies dann auf einen bereit stehenden anderen Kanonier, der mich weiter führen solle.

„Aber wohin?" warf ich zögernd ein.

„Sie sind doch wohl gekommen, die Befestigungs- werke zu sehen?" antwortete er betroffen. „Er wird sie Ihnen zeigen."

Und er hat sie mir gezeigt. Er führte mich nicht nur in die Galerieen selbst ein, die langen Stollen nndSeiten- stollen, mit denen der ganze Fels ausgehöhlt und die mit schweren Geschützen gespickt sind, sondern klärte mich auch über deren Mechanismus, ihre Tragweite, die Schießübungen und deren Ergebnisse und tausend andere Dinge auf, die man sonst wohl als militärische Geheim­nisse zu betrachten pflegt. Nun, er wird mir eben auch nicht alles gezeigt und wohl gewußt haben, was er tat. Immerhin aber möchte ich diese Festung nie zu er­stürmen haben, noch wider Willen ihrer Besatzung den Durchgang durch „die Straße" zu Schiffe zu erzwingen versuchen. Ist cs vielleicht Absicht, solche Gefühle in uns wach zu rufen, daß die Engländer jeden Reisenden so bereitwillig in ihrer „uneinnehmbaren" Festung hcrum- führen! — Von der Spitze des Felsens hat man eine großartige Rundsicht und auf seinen mit Kaktus über­wachsenen Abhängen hält sich noch ein Trupp von etwa 40 Affen auf. Es ist die einzige Stätte in Europa, wo sie noch wild leben.

Gibraltar ist nicht nur der Schlüssel zum Mittcl- meer, ist nicht nur der militärische Schlüssel zu Süö- spanien, sondern auch der Schlüssel dazu für den Reifen­den, der zur See kommt. Aber nun beginnen auch so­fort seine Schwierigkeiten. Denn die Verkchrsverhült- nisse sind noch wenig entwickelt in Spanien. Die schnellsten der Schnellzüge erreichen nur selten eine Ge­schwindigkeit von 40 Kilometern die Stunde. Und sie

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