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si. Jahrgang.

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153 . verlags-Fernsprecher No. 295».

Mittwoch» den 1. April.

Rebaktions-Fernsprecher No. 52.

1903 .

Wopgen°flMsgabe»

GMÜed August Kreltschneider.

Zur 159-jährigen Wiederkehr seines Geburtstages.

Ulrich v. Hutten sagte einst im Vollgefühl des Stre- bens und Schaffens von seiner Zeit: „Es ist eine Lust zu leben." Er hatte ein Recht, dies auszurufen. — Allent­halben neue Gesichtspunkte, ringsum neues Leben, neue Erfindungen, neue Gedanken. Kaum irgend eine Periode der Weltgeschichte kann sich mit derjenigen, in welcher Hutten lebte, so vergleichen wie die unsere. Dasselbe rege Leben, allenthalben neue Gedanken, neue, weit- tragende Erfindungen,- und das hohe Glück unserer Gene­ration besteht wesentlich darin, daß wir den wohltuenden Kontrast von einst und jetzt lebendig empfinden. Irr ein paar Jahrhunderten wird die dann lebende Generation alles das, was uns jetzt als neu und großartig erfreut und erhebt, als etwas ganz Selbstverständliches empfinden und der Name der Erfinder, die wir heut bewundern und verehren, wird dann so ziemlich vergessen sein. Geht es uns doch nicht anders. Dinge, die wir als selbstver­ständlich täglich gebrauchen, existierten vor 150 Jahren noch nicht. Ein Denkmal, das in diesen Tagen in Lirpa enthüllt wird, erinnert lebhaft an jene Wahrheit, wie wir nachstehend zeigen werden. Der Leser muscnliui generis benutzt täglich ein unentbehrliches Kleidungs­stück — die Hosenträger. Erstaunt wird er sich fragen — die sind also noch nicht 150 Jahre alt?! Vielleicht aber wird er sich im stillen darüber wundern, daß dem Er­finder erst jetzt zu seinem 150-jährigen Geburtstage ein Denkmal gesetzt wird. Dies erklärt sich indessen leicht dadurch, daß sein Schaffen in die schwere Zeit der napo- leonischen Kriege fiel, wo man an ganz andere Dinge zu denken hatte als daran, verdienten Männern Denk­mäler zu setzen.

Gottlieb August Brettschneider war ein bedeutender Gelehrter, der zahlreiche Werke wirtschaftlichen und medi­zinischen Inhaltes veröffentlicht hat, aber keins dersel­ben ist als besonders hervorragend auf unsere Zeit ge­kommen. Dagegen sind es zwei Erfindungen, deren weit- tragende Bedeutung er selbst nicht ahnte, und die er, da er sich in seinen Mußestunden viel mit Mechanik beschäf­tigte, gewissermaßen nebenher machte. Zunächst die Er­findung der Hosenträger, welche einen gesundheitlichen sowohl wie wirtschaftlichen hohen Wert besitzen, denn die Kraft, welche der Mann bis dahin aufwenden mußte, um seine Hosen selbst zu tragen, und die somit anderen Funk- tionen des Körpers entzogen war, wurde durch An­wendung der Hosenträger frei, und machte sich sehr bald in Bezug auf die Entwickelung des Körpers geltend. Dies zeigte sich am deutlichsten bei Gelegenheit der Aus­hebung zum Militärdienst, indem diejenigen Mannschaf­ten eine kräftigere Statur aufwiesen, welche von Jugend auf Hosenträger getragen hatten. Weit wichtiger jedoch

war die wirtschaftliche Seite der Erfindung. Ungezählte

Millionen sind durch die Fabrikation der Hosenträger dem Volksvermögen zugefloffen, so reichlich, daß die

Ertrage derselben glatt bezahlt haben. — Die zweite Er­findung Brettschneiders ist in ihrem. Wert vielfach be­stritten. Es ist dies der Korkzieher, welcher mit dem Hosenträger gleichzeitig Geburtstag feiern kann. Daß dieses Instrument der Bequemlichkeit der Menschheit die besten Dienste leistet, ist zweifellos. Die unbeabsichtigten

Folgen aber, welche seine Benutzung gezeitigt hat, sind

doch recht bedenklicher Art. Die Erleichterung, welche der Korkzieher beim Offnen der Flaschen schuf, verleitete die Menschen naturgemäß und in hohem Grade zu immer weiterem und schnellerem Offnen von Flaschen. Mit an­deren Worten — es fand, wie sich statistisch Nachweisen läßt, eine bis dahin ungeahnte Steigerung des Alkohol- konsums statt. Die von der Regierung ausgearbeiteten Alkoholkarten lassen deutlich erkennen, wie sich das Laster des Trinkens an die Fersen des Korkziehers haftete und ihm auf seinem Triumphzuge erst durch das Flachland und dann in das Gebirge hinauf bis auf die höchsten Gipfel folgte.

Ein seltsames Verhängnis war es nun, daß der Er­finder der unbeabsichttgten Wirkung seiner Erfindung selbst erliegen mußte. Die von ihm schließlich erlangte Virtuosität im Gebrauch derselben ttug ihre Früchte. Eines Tages legte er still seine letzte Erfindung, den Korkzieher, bei Seite, griff nach feiner ersten, dem Hosen­träger, und hing, statt wie bisher die Hosen, sich selbst daran auf. So endete der Mann, dem die Menschheit so viel zu verdanken hat. Seine Hosenträger aber und sein Korkzieher werden unter Glas und Rahmen im volkswirtschaftlichen Museum seiner Vaterstadt, Lirpa, aufbewahrt, und die Enthüllung seines Denkmals ist der beste Beweis dafür, daß seine großen Verdienste vollste Anerkennung gefunden haben. Ehre seinem Andenken.

Deutsches Deich.

Deutsche Posteiurichtungen im Ausland.

Deutschland unterhält eigene Postanstalten nicht allein in seinen Kolonieen, sondern auch in der Türkei, in Marokko und China. Die Zahl aller außerhalb der Grenzen des deutschen Reiches bestehenden deutschen Post­anstalten beläuft sich jetzt auf 110, wovon 79 auf die Kolo- nieen und 31 auf das Ausland entfallen. Deutsch-Süd- westafrika hat die meisten Postanstalten, nämlich 32, von denen 3 an der Küste und 29 im Innern liegen; außer­dem befinden sich in diesem Schutzgebiet 4 Telegraphen­anstalten, sowie eine Stadtfernsprecheinrichtung in Swakopmund mit 42 Teilnehmern und eine Helio­graphenverbindung zwischen Windhoek und Gibevn, auf der die Beförderung eines Heliogrammes auf 300 Kilo­meter Entfernung durchschnittlich 3 Stunden beansprucht. Deutsch-Ostafrika besitzt 26 Postanstalten, 15 Telegraphen­anstalten, sowie eine Stadtfernsprecheinrichtung mit 30 Teilnehmern in Dar-es-Salaam und eine Umschaltestelle nrit 2 Teilnehmern in Bagamoyo. Je 5 Postanstalten be­finden sich in Kamerun und Deutsch-Neu-Guinea, je drei auf den Karolinen, Marianen- und Palau-Jnseln und im Schutzgebiet Kiautschou, je 1 auf Samoa und den Marschall-Jnseln. Im Auslande unterhält Deutschland

1 Postanstalt mit 2 Zweigstellen in Konstantinopel, vier Postanstalten in der asiatischen Türkei, 11 Postanstalten und 2 Annahmestellen in Marokko, sowie 15 Postanstalten,

2 Telegraphenanstalten und 2 Stadtfernsprecheinrich-

FruiUeton.

Cln Triumph der Technik des 20. Mhrhuuderls.

Bon Eduard Engel sBerlin).

So ist denn die Durchführung einer technischen Ar­beit, die Amerikas kühnsten Unternehmungen dieser Art sich anreiht, in der Reichshauptstadt gesichert. In aller Sttlle vorbereitet, ist der Plan endlich der praktischen Ausführung entgegengereift.

Die letzte Sitzung des Gesamtvorstandes des Reichs­tags unter dem Vorsitz des Präsidenten Grafen von Vallestrem am 19. März wird in den Jahrbüchern nicht nur des Reichstags, sondern, wir dürfen sagen, der ganzen civilisierten Menschheit, eine denkwürdige Rolle spielen. An der Sitzung nahmen außer den drei Präsi­denten auch die acht Schriftführer und die zwei Quästoren teil; ferner haben bei der außerordentlichen Wichtigkeit der zu treffenden Entscheidung auch der Staatssekretär des Reichsamts des Innern, Graf von Posadowsky- Wehner, der Minister für öffentliche Arbeiten, Budde, sowie der Baurat Wallot der Beratung beigewohnt. Außerdem war der bekannte amerikanische Ingenieur Mr. John Hopkins aus Washington vom Präsidium be­sonders eingeladen worden, um vor der endgültigen Ent­scheidung noch einmal seinen Plan vorzutragen. Es handelte sich um die letzte Abstimmung über den im Schoße des Präsidiums und der höchsten Reichsbehörden schon längst erörterten Plan, das Retchstags- gebäude zu verschieben, oder, genauer ausge­drückt, um die Verlegung der jetzigen Westfront an die Stelle der jetzigen Südfront nach dem Brandenburger Tor zu, also eine Drehung des ungeheueren Baues um seine vertikale Achse in einem Bogen von genau 90 Grad.

Der Plan ist bekanntlich kein neuer. Die unglück­selige Lage des Retchstagsgcbäudes, deffen Hauptschau­seite nach hinten liegt — ein Unikum in der ganzen Bau­geschichte der Menschheit — mußte zu dem Gedanken führen, wie man diesen auf die Dauer unerträglichen

Ubelstand beseitigen könne. Anfangs war man der Schwierigkeit der Aufgabe gegenüber ratlos, denn an eine vollständige architektonische Umänderung der beiden in Betracht kommenden Schauseiten war aus künstle­rischen und sonstigen Gründen nicht zu denken, da die Gestaltung der Hauptschauseite ja im innigsten Zusam­menhang mit der ganzen inneren Gliederung des Baues steht, namentlich mit der Lage der großen Wandelhalle, und ein bloßes äußerliches Ankleben einer neuen Schau­seite nach Süden zu von dem Erbauer des Reichstags, Wallot, mit Recht auf das lebhafteste bekämpft wurde. Seit dem Jahre 1895, noch unter dem Präsidium des Herrn von Levetzow, in dem diese entfernte Möglichkeit zuletzt erwogen worden war, hatte die ganze Frage einer Veränderung des Reichstagsgebäudes geruht. Aufs neue ins Rollen gebracht wurde sie wieder im März 1897, und zwar durch einen zufälligen Besuch des be­rühmten amerikanischen Eisenbahn- und Brücken-Jn- genieurs John Hopkins, der aus einer Studienreise durch Deuffchland auch das Reichstagsgebäude besichtigte und hierbei natürlich, wie jeder Besucher, sofort auf die ver­fehlte Anlage des Baues aufmerksam wurde. Wie er einem Berliner Redakteur, der ihn im Berliner Palast­hotel besuchte, in seiner liebenswürdigen Offenheit mit- geteilt hat, ist der erste Gedanke zu diesem seinem groß­artigen Wagnis, der Drehung eines Steinkolosses wie des Reichstags, zuerst dadurch in ihm aufgetaucht, daß einer der ihn im vorigen Jahre im Reichstag herum­führenden Hausbcamten ihm auf seine scherzhafte Frage, ob man denn die Hauptfront nicht besser nach dem Brandenburger Tor legen möchte, ebenso scherzhaft er­widert habe: „Ja, wenn uns einer der amerikanischen Ingenieure den Kasten umdrehen wollte." Er hat da­mals darauf geantwortet: „Na, das kann leicht geschehen!" was bei seinem Führer freilich einen Blick des Zweifels an seiner Zurechnungsfähigkeit hervorgerufen habe. Mit der kecken Entschlossenheit, die Mr. Hopkins schon bei srliheren ähnlichen Gelegenheiten bewiesen, z. B., als cs sich um die Zustimmung des amerikanischen Senats und des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu der

Verlegung des Riesenbaues der Washingtoner Kongretz­bibliothek handelte, begab er sich stehenden Fußes zum Präsidenten des Reichstags, stellte sich ihm in seiner Eigenschaft als Ingenieur der New-Iorker Stadt­gemeinde und zugleich der Washingtoner Staatsbehörden vor, entwickelte ihm den jetzt der Ausführung entgegen­gehenden Plan und fand wenigstens in so weit Gehör, als ihm der normale Weg angegeben wurde, auf dem der Plan zunächst zur amtlichen Erwägung gelangen könnte.

Wir übergehen die an dramatischen Zwischenfällen reiche Vorgeschichte dieses Planes, den Herr Hopkins einfach als das „R o t a t i o n s - S y st e m" bezeichnet, und fügen zum Schluß nur noch einige Andeutungen über die Art hinzu, in der die Rotation des Reichstags­gebäudes um 90 Grad gedacht ist. Selbstverständlich mußte Herr Hopkins die Gefahr übernehmen, daß nicht die leiseste Erschütterung oder Lockerung des Baues durch die Drehung erfolge. Er haftet hierfür mit seiner tech­nischen Ehre, hat sich schriftlich zu jeder Schadensersatz­leistung verpflichtet und überdies mehr als drei Viertel seines bedcntendeu Varvermögens (2% Millionen Dol­lars) bei der Rcichsbank als Deckung für etwaige Schadenfordernngen hinterlegt. Andererseits ist in der letzten Sitzung des Gesamtvorstandes unter Zustimmung des Vertreters der Reichsregierung der Beschluß gefaßt worden, der dem Reichstag als Vorlage zugehen soll, Herrn Hopkins für den Fall des Gelingens die Summe von 750 000 Dollars süber drei Millionen Mark) bar auszuzahlen. Diese nicht unbedeutende Suurme stellt aber nur das persönliche Honorar des Herrn Hopkins dar; alle sächlichen Ausgaben trägt die Reichskasse. Sie werden zum Glück nicht allzu hoch werden, weil in näch­ster Nähe zwei gewaltige Kraftquellen zur Verfügung stehen: die Maschinenanlage für die Heizung und Ben- tilation des Reichstags, sowie die Zentralstation der Ber­liner Elektrizitätswerke. Beide Kraftquellen zusammen sind im stände, bei höchster Anspannung der Leistungs­fähigkeit 11400 Pferbekräfte zur Verfügung zu stellen. Herr Hopkins hat berechnet, daß er mit 8000 bis 9000 Pserdekrästcn vollkommen ausrcicht. Allerdings muß