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154 * verlagsHernsprecher No. 2953.
Abend-Ausgabe.
Die Reise der Kaisers »ch Dwmli!.
Am Donnerstagnachmittag trifft der Kaiser auf seiner Dacht „Hohenzollern" vor Kopenhagen ein, um dem König Christian IX. in der Hauptstadt des dänischen Reiches einen Besuch abzustatteri. Dieser Besuch stellt in erster Linie eine Erwiderung des Besuches dar, den der Kronprinz von Täiremark im Oktober v. I. ^ dem deutschen Kaiser in Berlin abgestattet hat; in zweiter Linie aber stellt er eine vorträgliche Geburtstagsvisite dar. Ter König von Dänemark begeht am 8. April das seltene Fest seines fünfundachtzigsten Geburtstages, zu den: der deutsche Kaiser dem Königs persönlich seine Glückwünsche abzustatten gedachte. Da aber der Geburtstag ht die Karwoche fällt, so hat der Kaiser seine Besuchsreise in die Ansangstage des Monats April verlegt.
Die Fama hat sich schon längere Zeit vor dieser Kaiserreise mit ihren angeblichen Zwecken eifrig beschäftigt. Die einen fabulierten von einer geplanten Verbindung des deutschen Kronprinzen init einer dänischen Prinzessin, die anderen von einer in Kopenhagen zu bewerkstelligeirden Versöhnung mit dem Hause Cumber- land, die ebenfalls in einem Heiratsprojekte ihren Ausdruck finden sollte. Alle diese Gerüchte sind ans das bündigste dementiert worden. Die Kaiserreise . nach Kopenhagen ist nicht im eigentlichen Sinne eine politische Reise, was schon darin zuin Ausdruck gelangt, daß irn Gefolge des Kaisers die politischen Persönlichkeiten gänzlich fehlen. Es werden in Kopenhagen keinerlei politische Abmachungen getroffen werden, und der Besuch des Kaisers wird der: Charakter eines Familienbesuches tragen. Trotzdem kommt der Kaiserreise eine wesentliche politische Bedeutung zu, und es liegt auf der Hand, ur welcher Richtung diese Bedeutung zu suchen ist.
Wie schon der vorjährige Besuch des dänischen Kronprinzen in Berlin, so ist in noch wesentlich verstärktem Maße der jetzige Besuch des deutschen Kaisers in Kopenhagen ein bedeutsamesSymptom derAnnähening zwischen den beiden Höfen und Staaten, die nach dem Regierungsantritt König Christians IX. zu einer kriegerischen AuS- einandersetzung genötigt waren und in den seit jener Zeit verflossenen 39 Jahren bisher noch nicht zu aufrichtiger Freundschaft gelangen konnten.
Der dänische Hof ist Jahrzehnte hindurch der Mittelpunkt fast aller inEuropa gegen dasDeutscheReich und den Weltfrieden gesponnenen Jntriguen gewesen. Enge verwandtschaftliche Bande gaben dem dänischen Königshause weitreichenden Einfluß auf die auswärtige Poliftk mächtiger Reiche, und insbesondere die Fäden der russischen Politik sind lange Zeit hindurch von Kopenhagen aus ge
Mittwoch» de« 1. April.
spönnen worden. So ist es bekannt, daß die gefälschten bulgarischen Aktenstücke dem Zaren in Däneniark in die Hände gespielt wurden: und hätte der Zar damals nicht seinen Rückweg über Berlin genommen, wo Fürst Bismarck ihn über die Jntrigue aufklärte, so hätte dies leäht einen Weltbrand entzünden können. Als im Jahre 1892 während der Anwesenheit des Zarenpaares in Kopenhagen die Situation abermals eine sehr gespannte geworden war, verstand es Kaiser Wilhelm, drrrch seine Reise nach der Sommerrcsidenz der dänischen Königsfamilie jene Spannung zu heben und zugleich eine Besserung der deutsch-dänischen Beziehungen anzubahnm.
Seit dieser Zeit hat es zwar hüben wie drüben an manchem Wechsel der Stimmungen und an manchen Verstimmungen, hier hervorgerufen durch die dänische Unterstützung der Agitation in Nordschleswig, dort hervorgerufen durch das tatkräftige Vorgehen der preußischen Regierung gegen diese Agitation, nicht gefehlt. Aber alles in allenr ist doch das Verhältnis zwischen den beiden benachbarten Staaten im Laufe der letzten Jahre ein unverkennbar besseres geworden. Besonders in letzter Zeit ist der Einfluß der Kreise, die das Zusammengehen mit Deutschland in politischer, wie in Wirtschaftlicker Beziehung in Dänemark befürworten, sichtlich inr Wachsen begriffen, und die Vertreter der Unversöhnlichkeit, der „Revanche", verlieren immer mehr an Boden.
Wenn die Wunden, welche dem dänischen Volke im Jahre 1864 durch seine eigene Schuld geschlagen wurden, auch noch nicht vergessen sind, so sind sie doch vernarbt. Und die einsichtigen politischen Kreise in Dänemark haben sich mit der Tatsache abgefunden, daß es eine schleswig- holsteinische Frage nicht mehr gibt. Einflußreiche dänische Blätter haben gerade in der neuesten Zeit mit steigendem Eifer verbesserte Beziehungen zu der großen südlichen Nachbarmacht gefordert und zur Verbrertung der Überzeugung beigetragen, daß der kleine dänische Staat seine Interessen besser in einem aufrichtigen Zusammengehen mit dem großen Nachbar, als im Gegensatz zu ihm wahrt.
In Deutschland wird man es mit Befriedigung begrüßen, wenn der Besuch des deutschen Kaisers in Kopenhagen den entscheidenden Wendepunkt zum Besseren in den Beziehungen zwischen den beiden eng benachbarten Völkern bilden wird, die auf dein Gebiete des wirtschaftlichen und des geistigen Lebens so außerordentlich viel gemeinsame Interessen haben.
Rebaktions-Fernsprecher No. 52.
1903 .
Die Aufnahme von Wechselprotesten.
Der Hanbelsminister hat am 17. März einen Erlaß an die Handelsvertretungen hinausgegeben, der die Feststellung der für die Aufnahme von Wechselprotesten bestimmten Tageszeit betrifft. Der Erlaß hat folgenden Wortlaut:
V e r l i n , W. 66, den 17. März 1903.
Nach § 4 des Preußischen Einführungsgesetzes zur Allgemeinen Deutschen Weckstclordnnng vom 15. Februar 1850 dürfen Wechselproteste in den alten Landesteilen Preußens nur in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis
6 Uhr abends, außerhalb dieser Stunden aber nur mit Zustimmung des Protestaten erhoben werden. Gleiche Vorschriften gelten in Schleswig-Holstein und in Lauenburg. Im Bereiche des früheren Königreichs Hannover, des früheren Kurfürstentums Hessen und in Helgoland sind keine Proteststunden vorgeschrieben. Die Protesterhebung erfolgt dort in der Regel innerhalb der ortsüblichen Geschäftsstunden: die Frage, ob Proteste auch zu anderer Zeit erhoben werden können, kann indessen zu Zweifeln und Rechtsstreitigkeiten Veranlassung geben.
Für Frankfurt a. Al. ist in 8 10 Abs. 2 des Frankfurter Einsührungsgesetzes zur Allgemeinen Deutschen Wechselordnung vom 10. März 1849 (Gesetz- und Sta- tuten-Sammlung der Freien Stadt Frankfurt, Band 10, Seite 223 ff.) bestimmt:
„Die Proteste werden vormittags von 9 bis 12 Uhr und nachmittags von 2 bis 5 Uhr ausgenommen."
Ob und in wie weit diese Vorschrift zwingender Natur ist, ist bestritten. Auch gilt die Vorschrift nur im Gebiet der vormals freien Stadt Frankfurt und nicht für die zum Bezirke des dortigen Landgerichts gehörigen, vormals kurhessischen, nassauischen, landgräflich hessischen und großherzoglich hessischen Gebietsteile. Das nassauische und das kurhessische Recht enthalten keine Vorschrift über Proteststunden. In den vormals landgräflich hessischen und den vormals großherzoglich hessischen Gebieten dürfen Wechselproteste nach
7 Uhr abends nicht erhoben werden, sofern nicht der Protestat mit der späteren Erhebung sich einverstanden erklärt (landgräflich hessische Verordnung, die Einführung der Allgemeinen Wechselordnung für Deutschland betreffend, vom 2. Oktober 1849 — Reg.-Bl. vom 7. Okt. 1849 Nr. 7 — 8 18: großherzoglich hessisches Gesetz zur Ausführung der Allgemeinen Deutschen Wechselordnung, vom 4. Juni 1849 — Reg.-Bl. Seite 325 — 8 10).
Seit der Eingemeindung der ehemals kurhessischen Ortschaften Bockenhcim und Seckbach gilt also in dieser Beziehung in der Stadtgemeinde Frankfurt a. M. zweierlei Recht.
Der Ausschuß des Deutschen Handelstages hat es bereits in seiner Sitzung vom 3. Dez. 1898 als wünschenswert bezeichnet, daß die Tageszeit für die Erhebung von Wechselprotesten durch Festsetzung bestimmter Stunden einheitlich fürs Reich geregelt werde. Die Rege, lung in diesem Umfange begegnet Schwierigkeiten.
Um dem verschiedenartigen und zum Teil unsicheren Rechtszustande, der sich namentlich innerhalb des Ober- landesgerichtsbezirks Frankfurt a. M. als unhaltbar erweist, wenigstens in Preußen ein Ende zu machen, ist
Der Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorniug.
(13. Fortsetzung.)
Der Oberst warf einen eigentümlichen Blick auf den jungen Mann, der soeben jene Behauptung so ruhig ausgesprochen hatte, als handle es sich darum, einen Apfel vom Baum zu schlagen.
„Schenk", sagte er, „daß Sie vieles können, haben Sie mir wiederholt bewiesen! Wer wie Sie einen Gefangenen, den nian doppelt und dreifach bewachen und beobachten dürfte, aus einer feindlichen Festung heraus- holen wollen, ohne daß Sie alle beide dabei die Hälse brechen, das ist mir doch dunkel! Sie müßten wahrhaftig mit dem Gottseibeiuns im Bunde stehen — ich habe Sie übrigens schon manchnial in Verdacht gehabt deswegen."
Schenk lächelte.
„Gut denn, Herr Oberst! Lassen Sie den Teufel sich ruhig an einer guten Tat beteiligen! Dann wird wahr werden, was der Dichter Goethe in Weimar in seinem Buche — „Faust" heißt es und erschien im vorigen Jahre, ein merkwürdiges Buch! — vom Bösen sagt, daß er nämlich sei
„Ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft!"
„Na, der Goethe hat gut reden!" brummte der Oberst. „Aber meinetwegen, nehmen Sie den Teufel zum Bundes- genossen!"
„Noch heute Nacht breche ich nach Magdeburg auf!"
Ein besorgter Ausdruck erschien auf dem Gesicht des Obersten.
„Ich habe Fahrenbach nur ungern in das verdammte Nest gehen lassen", sagte er. „Eine Ahnung von Schlimmem erfüllte mich schon damals! Und nun muß ich auch Sie ziehen lassen! Wenn das. so weiter geht, so werde ich mit dem Degen in der Hand allein Magdeburg erobern müssen!"
„Wir kehren wieder, Herr Oberst!"
„Sie sprechen das so zuversichtlich aus, daß ich er- uune! Wie wollen Sie denn solch ungeheuere Tat urchführen?" _
„Das weiß ich selbst noch nicht, Herr Oberst! Ern echter Mann rekognosziert erst sein Terrain und dann aßt er seinen Plan. Der goldene Schlüssel öffnet bließlich alle Tore, und was er zu tun übrig läßt, müssen altblütige Entschlossenheit und im Notfall ein Pistolen- chuß oder Säbelhieb vollenden! Damit ist vieles kläglich!" , ....
„Ich traue Ihrer Entschlossenheit und Kaltblütigkeit kiel zu", meinte der Oberst. „Sie gaben nrir Proben [cnug davon! So sei es denn: liefern Sie diesmal Ihr
[rjctjterftiicf!"
„Ich hoffe es, Herr Oberst, init Gottes Hülfe! Und u unserem Schaden wird es nicht sein, wenn auch ich lach Magdeburg komme! Vier Augen sehen mehr als ivei, und ich denke noch manchen Wink und Fingerzeig ür unser Unternehmen mit heim bringen zu können!"
„Und doch bangt mir, Schenk — um Euch beide!"
„Warum, Herr Oberst? In schwierigen Fällen nützen mr schwierige Mittel, und der Einsatz eines Menschen- ebens ist oft der einzig mögliche, um eine schon halb ver- orene Partie doch noch zu gewinnen. In Lagen wie die msere muß man sein Testament gemacht haben, wenn nan der guten Sache mit Ernst nützlich sein will. Wer richt alles an alles setzt, wird niemals alles gewinnen!"
Der Oberst nickte beifällig.
„Ich weiß,' Schenk, daß in Ihnen ein unerschrockenes uld totesmutiges Herz schlägt! So setzen Sie denn in Gottes Ncmlen alles an alles und kehren Sie beide nur gesund zurück!"
„Ich hoffe es!" entgegnete Schenk zuversichtlich, und hell und leuchtend lohte es in seinen Augen auf.
IX.
In dem Prozeß, der gegen Ernst Fahrenbach wegen Hochverrats eingeleitet worden, war die Entscheidung gefallen. Ein Kriegsgericht, welches über ihn als Ausnahmegericht abzuurteilen hatte, hatte ihn zum Tode durch Pulver und Blei verurteil
Gleichmütig hatte Erilst das Urteil ausgenommen;
er war längst darauf vorbereitet, er hatte gewußt, es war kein anderes möglich gewesen. Allen Versuchen,, ihn zu einer Angabe seiner Mitschuldigen zu bewegen, war er ausgewichen, wie er überhaupt die Behauptung der Anklage, er habe die Festung in die Hände der Feinde liefern wollen, in Abrede gestellt hatte. Auch als man ihn darauf hinwies, daß ein unumwundenes Geständnis der einzige Weg sei, sich von dem sicherm Tode zu bewahren, indem man dann möglicherweise einen Gnaden- okt des Königs Jsrüme herbeiführen könne, hatte er zu keinerlei Aussagen bewogen werden können.
Nun stand sein Schicksal fest, und ihm war es, als sch der Tag, den er bis zum Eintreffen der königlichen Bestätigung des Urteils, die eingeholt werden mußte, noch zu leben habe, ein reines Gnadengeschenk für ihn. Nur eines schmerzte ihn: man hatte ihm allen Verkehr mit seinen Angehörigen untersagt, und nur kurz vor seinem letzten Gange solle, so hieß es, ihm gestattet werden, noch einmal ihren Besuch zu empfangen. Doch schickte er sich auch in diese Trennung, die schmerzlichste für sein liebe- volles Herz, nur dem Mut und der Resignation des Mannes, der das Unvermeidliche mit Würde zu tragen weiß.
Aufs tiefste getroffen aber waren Herr Friedrich Wilhelm und Gertrud von dem Urteil. Auch sie hatten es ja vorausgesehen, aber nun, da es da war, dünkte es sie doch wie ein ungeheures, ganz unfaßbares Schicksal, das allen Glanz, alle Freude, alles Glück, in ihrem Dasein zertreten und vernichtet werde.
Blaß ging Gertrud umher und oft kam es vor, daß sie vlötzlich still stehen bleiben oder irgend eine Arbeit aus der Hand legen mußte, weil ihr die hellen Tränen über oie Wangen geschossen kamen. Sie sprach nur wenig, fast gar nichts; sie gestattet keinen Blick in ihr Inneres, und doch fühlte und merkte ein jeder, welch großer, namenloser Schmerz darin wohnen müsse.
Auch Herr Friedrich Wilhelm war still und schweig, sanr, wie immer. Sein Äußeres bewahrte dieselbe Ruhe wie sonst; er erledigte die Geschäfte, die tagsüber an ihn
