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1. Anlage Mm Mesbaaener Tagdlatt

Mo. 151. Morgen-Ausgabe.

Dienstag» den 31. Mar;.

51. Jahrgang. 1903.

Und sank' auch alles ins Dunkel zurück —

Die Zeit steal mit jedem Augenblick,

Mit dem kleinsten Wort oft, dar lichteutllammt

Don der Höhe kommt und zur Höhe flammtl

M. E. delle Grazie.

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<16. Fortsetzung.)

Der Maltheser.

Roman von O. v. Kis-Killay.

„Ich hoffe, die letztere, gnädige Frau. Ich wäre ja gar nicht des Vorrechts würdig, Mensch zu sein, wollte ich mich über das Menschliche erheben."

„Halten Sie es für ein so großes Vorrecht? Ich glaubte Ihnen meine Anerkennung anszusprechen, in- dem ich Sie als einen, der überwunden hat, hinstellte . . . Das Überwunderchaben ist ja doch die höchste Stufe, zu der wir hinanklimmen können ..."

„Nicht das Überwundenhaben im Sinne des indischen FakirtumL. Es wäre eine Verstümmelung unseres eigensten Wesens und als solche ein Unding. Es soll auch kein Überwundenhaben geben, sondern nur ein Überwinden. Jeder Sieg, den wir im Kampfe gegen uns selbst und die Verhältnisse gewinnen, soll uns ein Sporn zu weiteren Kämpfen und Siegen werden. Unser Ziel sei ein verstellbares und rücke immer weiter fort, je weiter wir selber Vordringen."

Das heißt mit anderen Worten, wir sollen einer Fata Morgana nachjagen?"

Gossar lächelte.

„Der Vergleich ist treffend. Auch die Fata Morgana ‘ _ lt nur wirklich Vorhandenes wieder, wenn es auch weiter Ferne liegt. Wir sollen nur nicht müde werden und nicht Nachlassen."

Käthe schüttelte den Kopf.

„Das Bild wird noch zutreffender, wenn wir gleich dem armen Wanderer in der Wüste mitten auf dem Wege vor Erschöpfung niedersinken und sterben. Wo ist der Mmm, der sagen kann, er sei im Kampfe mit sich, seinen Naturanlagen und den Verhältnissen Sieger geblieben?"

'„Die Möglichkeit ist immerhin da. Sind nicht welt- umwälzende Reformen durch den starken Willen einzelner hervorgebracht worden? Sehen wir nicht täglich im kleinen, daß ungünsttgeVerhältnisie iiberwunden werden? Nur mutig in den Kampf gegangen, und aus jederNieder- lage den Sporn zu noch größerer Kraftentwickelung ent- nommen! Was aber den Kampf gegen unsere Natur­anlage betrifft, wozu überhaupt gegen sie zu Felde ziehen? Kappen wir nur die Wucherungen, lassen wir aber die Natur imbehelligt. Es muß ja verschiedene Käuze geben."

„Wenn aber jemand, so wie ich zum Beispiel, mit einem so unglücklichen Charakter auf die Welt gekommen ist und eine Brille auf der Nase trägt, die alles nur grau in grau zu sehen vermag?"

„O, hier ist das Kappmesser vorzüglich ange­bracht — es ist eine gefährliche Wucherung! Und dann nur eine scharfe Brille aufgesetzt, um die unendlich vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet, zu erkennen . . . Die Brille haben Sie in Ihrem so reich entwickelten Der-

stände, gnädige Frau. Glauben Sie mir, es gibt kein so geräumiges Leben, kein dem Anscheine nach so verlorenes, das nicht seine kleinen Freuden Haben und entwickeln könnte. Es gilt nur die Augen dafür offen zu halten."

Nach diesen und ähnlichen Unterhaltungen kehrte Käthe jedesmal erfrischt und gleichsam neu gestärkt heim. Sonderbar — hatte es nur eines so geringen Anstoßes bedurft, um sie umzuwandeln? Sie grübelte nicht mehr, sie gab sich voll dem Bewußtsein der zum Durchbruch ge­kommenen Lebensfreude hm. Daß diese sich in Gossars Gestalt für sie verkörperte, wollte sie sich selber nicht ge­stehen. Das Leben an sich war ja schön — ihr Heim so freundlich und nett, und ihr Mann ein lieber prächtiger Mensch ... In der Tat, es schien, als teile sich auch ihm etwas von der sie durchströmenden inneren Freude mit. Er wurde gesprächiger, und das mürrische Schweigen, in das er sich bei jedem Anlaß zu hüllen Pflegte, kam immer seltener vor.

Eine üefe Falte lag auf Werners Stirn, während er beschleunigten Schrittes seiner Wohnung zueilte. Der Wind trieb ihn vorwärts und schlug ihm, zur großen Freude der Straßenjungen, den Kragen semes Mantels mehrmals über den Kopf.

Auch er hatte sich in diesem Winter gleich Käthe der Trauer wegen von jeder Gesellschaft zurückgezogen und mit den Kameraden nur dienstlich verkehrt. Heute hatte er sich aber von dem Major Tümmler ausnahmsweise bereden lassen, bei chm einzukehren und sich durch ein Glas Wein nach den naßkalten Exerzicrübungen zu stärken. Die Frau Majorin hatte chn sehr freundlich ernpfangen und ihm Vorwürfe gemacht, daß er sich nirgends sehen ließe.

„Sie sind tatsächlich für Ihre Freunde verloren", schalt sie, während sie ihm sein Glas von neuem füllte, „nicht einmal bei unserer liebenswürdigen Frau Oberst sieht man Sie! Ihre liebe Frau trifft ja der Verlust viel stärker, und sie nimmt doch keinen Anstand, dort zu erscheinen. Mein lieber Rauenberg, lassen Sie sich von der erfahrenen Freundin daran erinnern: Mann und Frau gehören zusammen! Es ist nicht gut, daß eine junge

Frau sich gewöhne, überall ohne ihren Gatten gesehen zu werden. Der leere Platz an ihrer Seite wird nur zu bald ausgefüllt. Ich will nichts gesagt haben —- aber Leutnant v. Gossar scheint die Lücke gern ausfüllen zu wollen. Mein Gott, ich meine ja nichts Schlimmes — es wird ja nur gelehrtes Zeug verhandelt . . . Aber immerhin, Sie wissen, Gelegenheit macht Diebe, und eine junge Frau ist so leicht Mißdeutungen ausgesetzt . . . Und ich habe Ihr Frauchen wirklich gern und meine es gut mit ihr."

Wie von einem Schwindel ergriffen starrte Werner die Sprecherin cm. Die fteundschastlichen Worte hatten getroffen. Jedoch faßte er sich wieder und versicherte mit schwachem Lächeln, er gönne es seiner Käthe, sich über Literatur und Philosophie zu unterhalten, was sie für ihr Leben gern tue.

So ellig wie möglich empfahl er sich und stürmte fort. Eine tiefe Erbitterung gegen Käthe hatte in seinem Herzen Wurzel gefaßt. So weit hatte sie es also kommen lassen, daß man über sie sprach! Zwar hatte sie es ihm nicht verheimlicht, daß sie Gossar jeden Mittwoch bei der Freundin traf — auch daß sie sich Bücher von ihm leihen

ließ. Letzteres hatte ganz besonders sein Mißfallen er­regt, und er hatte eine Bemerkung darüber gemacht. Käthe hatte aber erwidert, die Bücher machten ihre ganze Freude aus. Jetzt war es aber genug. Sie durste ihn nicht länger kompromittieren. Er wollte sie scharf zur Rede stellen.

Als er zu Hause anlangte, fand er Käthe nicht vor. Gewiß war sie wieder mit ihrer unzertrennlichen Freun­din ausgegangen, oder gar . . . Ein heißer Blutstrom schoß ihm zum Herzen. Rasch entschlossen ging er in ihr Zimmer. Da lagen auf einem Regale die verhaßten Bücher, eins davon auf dem Schreibtische. Er schlug sie eins nach dem anderen auf, als könnten sie ihm Antwoitz geben. Alles verrückte Titel — sie bezogen sich sämtlich auf irgend eine vertrackte Philosophie ... Es war also ernste Lektüre . . . Konnte aber nicht auch ernste Lektüre als Deckmantel für etwas anderes gebraucht werden? Zettel ließen sich ja so leicht hinüber- und herüber­schmuggeln ...

Und als Antwort auf seine quälenden Fragen stteg Käthens Blld vor seiner Seele auf, mit dem reinen, klaren Blick, dem jungfräulich keuschen Wesen ... So kühl in ihrer noch schlummernden Sinnlichkeit . . .

Ja, rein und keusch — so hatte er sie kennen gelernt. Konnte sie sich aber nicht unterdessen verändert haben? Was wußte er denn überhaupt von ihr? Hatte sich in all diesen Jahren chre Seele chm erschlossen? War dies nicht der Druck, der auf ihm lastete, und auch chm jedes offene Wort auf den Lippen ersterben ließ? Die Zurück- Haltung, die sie ihm als Braut entgegengebracht hatch, war auch in der Ehe nicht gewichen. Stets gleichmäßig — o, so gleichgütig freundlich — war sie allmählich in Apathie und Trübsinn verfallen. Und mm gerade in der allerletzten Zeit war eine Veränderung mit ihr vor- gegangen. Statt daß der Tod der Mutter sie niederge­drückt hätte, war sie gleichsam aufgelebt. Welchen Ein- flüssen war diese Wandlung zuzuschreiben? War es der Verkehr mit der von Lebensfrohsinn übersprudelnden Freundin, oder das Aufdänimern einer neuen, starken Empfindung ... „ ,

Er stöhnte auf. Er mußte zur Gewißheit gelangen, nur durfte er nicht ungestüm zu Werke gehen -— er mußte abwarten, beobachten, sie nicht durch vorzeittge Fragen mrs ihrer Sicherheit aufschrecken.

Juden: er gehen wollte, fiel sein Blick auf den Schlüssel, der im Schubfach des Schreibtisches stak. (< Er zögerte. Nein, wenn sie etwas zu verbergen hätte, wurd« sie nicht den Schlüssel daqelassen haben! Sie konnte ihn aber vergesseii haben ... Für seine Ruhe, ihrer beider Ruhe war es besser, sich Gewißheit zu verschaffen . . .

Er kehrte zurück. Hasttg zog er die Fächer auf. In dem einen lag ihr Briefpapier mit Kouverts, sauber geordnet, in dem andern ihre Korrespondenz. In einem aroßen Umschläge einige Briefe der Mutter. — hier die Handschrift des Vaters, — mehrere Zettel von Dora< Er griff darnach und las sie durch. Nichts als Ein- ladungen, Aufforderungen zum Spazierengehen, — da« harmloseste Geplauder . . . Doch, — hier- stand etwas' über Gossar: „Gestern machten wir wieder einen Besuch bei Karolus. Er erkundigte sich, ob du noch immer er­kältet seist."

(Fortsetzung folgt.)

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