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Witsbsdkmr ©anblatt.

51. Jahrs««-.

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Mp. 132. Berlags-Fernfprecher No. 2958.

Dienstag» den 31. Mär;.

Redaktions-FernfpretKer No. 52.

1903.

Abend-Ausgabe.

Mas rfl's mit den Jehn Geboten?

Ter Kampf um „Babel und Bibel" geht noch immer weiter, uird da Delitzsch versprochen hat, noch einen dritten Vortrag über sein Thema zu halten, wird man sich auch noch nicht auf ein baldiges Ende des Streites gefaßt machen dürfen. Daß dieser die wertesten Kreise unseres Volkes interessiert, halten wir für em erfreu­liches Zeichen der Zeit. Denn es ist ern Beweis dafür, daß doch noch mehr Interesse für grundlegende Fragen unserer Kultur vorhanden ist, als es gewöhnlich scheint.

Einer der schwersten Vorwürfe, die marr gegen Delitzsch erhoben hat, ist der, daß er d i e g ö t tI r ch e Autorität der zehn Gebote unter­graben habe. Damit habe er an den Grund- lagen der jüdischen wie der christlichen Relrgron, ja unsrer ganzen Kultur gerüttelt, denn dre 10 Gebote seien die Norm auch der allgemein menschlrcherr Moral.

Was hat denn nun „unser vortrefflicher Professor über die 10 Gebote eigentlich gesagt? Altes und Neues nach einem hohen Vorbild! . „ ,

Zunächst hat er wieder einmal festgestellt, daß der authentische Text der 10 Gebote, wie ihn Gott mit seinen eigenen Fingern auf die 2 steinernen Tafeln geschrieben hat, selbst nach der Bibel nicht mehr her zu stellen ist. Nach der Überlieferung hätte schon Moses, als er vor den... Übergang über den Jordan die 10 Gebote fernem Volk Ubermals einschärfte, an dem Text nicht allein einzelne Wörter geändert, Wörter und Sätze umgestellt u. dgl. wehr, sondern sogar eine lange Stelle durch eine andere ersetzt, obwohl er auch diese ausdrücklich als Gottes Wortlaut entsprechend hervorhebt. Das Ware eine unbegreifliche Nachlässigkeit und Verwegenheit Gottes einzigster Offenbarung gegenüber! Darum hat die Kritik schon längst erklärt, daß die beiden verschiedenen Texte unserer heutigen 10 Gebote icherhaupt nicht un­mittelbar auf die beiden Tafeln in der Bundeslade, sondern auf anderweitige Aufzeichnungen zuruckgehen, die vielleicht wie die übrigen mosaischen Gesetze durch Jahrhunderte von einander getrennt sind Was eigent­lich auf diesen beiden geheimnisvollen Tafeln stand, das läßt sich, seitdem die Bundeslade mit dem Tempel zer­stört wurde, überhaupt nicht mehr ausmachen. Vielleicht hat Goethe recht, der bekanntlich in der Antwort auf die erste seiner „zwei biblischen Fragen" eine Vermutung aufgestellt hat, gegen die selbst vom Standpunkt der strengsten Bibelgläubigkeit nichts einzuwenden ist za von ihr eigentlich gefordert wird. Seiner Auffassung nach standen auf den Tafeln in der Bundeslade nicht , die 10 Gebote, das erste Stück unseres Katechismus , sondern „die 10 Worte", welche 2. Mos. 34, 10 ff.

Der Preis ist Magdeburg!

Roman von Max Dorning.

(12. Fortsetzung.)

Und weil hier eine Ordnung, weil hier uralte Über­lieferungen waren, die allen Stürmen s'.ch gewachsen zeigten, so konnte es auch kaum Wunder nehmen, daß die Rechnung derer trog, welche geglaubt hatten, es werde die Bevölkerung Preußens auch ohne den Willen des Königs ja gegen dessen Absichten sich zum Kanchfe vorwärts reißeii lassen. Me Preußen waren kerne Spanier, und Brandeiiburg. Schlesien, Pommern unc Ostpreußen keine Landstriche der pyrenäischen Halbinsel; der Ge­danke, ohne deii Befehl seines Königs, >a gegen dessen Willen Krieg zu fiihren gegen die Fremoen. war diesem zähen, imerschütterlich treuen Volke zri ungeheuerlich als daß es ihn so schnell hätte fassen können. Möglich ist es wohl, daß, wenn die Köpfe erft dre genügende Zeit gehabt hätten, sich mit diesein für sie überwältigenden Ge­danken abzufinden und vertraut zu machen, wenn ms- besondere der Kampf an der Donau nicht so schnell, zu Ende gegangen, wenn in allen ^andesteilcn Österreichs derselbe zähe und nachhaltige Widerstand fortgesetzt war- den wäre, wie in Tirol — möglich ist es, daß dann dieses schwerflüssige norddeutsche Volk, sofern ein energischer Führer an seine Spitze getreten wäre, dessen Persönlich­keit ein hinreißender Zauber hätte umgeben müssen, um 'wirksam sein zu können, doch noch gegeii den Willen und die Autorität seines Königs zum Kampfe losgebrochcn sein würde.

Aber es kam nicht dahin; die Schlacht von. Wagram sollte auch Preußens Geschick auf Jahre hinaus be- siegeln.-

Im Hause des Kommandanten von Berlin, Grafen Chasot, war Gesellschaft. Die hohen Staatswürden, träger und Offiziere, die Vertreter der Diplomatie, von Kunst und Wissenschaft waren anwesend und gingen, teils

stehen: 1. Du sollst keinen Abgott anbeten. 2. Das Fest

der ungesäuerten Brote sollst du halten. 3. Alle Erst­geburt ist mein, soweit es männlich ist, auch in deinem Vieh, es sei Ochse oder Schaf. 4. Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten sollst du feiern, selbst während der Zeit des Pflügens und Erntens. 5. Das Wochenfest sollst du halten, das Fest der Erstlinge, der Weizenernte und das Fest des Einherbstens, wenn das Fahr um ist.

6. Dreimal im Jahr sollen alle Mannsnamen vor Jahve, dem Gotte Israels, erscheinen. 7. Du sollst das Blut meines Opfers nicht zu ungesäuertem Brot opfern.

8. Das Opferfleisch des Passahfestes soll nicht über Nacht aufbewahrt werden. 9. Die Erstlinge von den Früchten deines Ackers sollst du in das Haus Jahves bringen. 10. Tu sollst das Böckchen nicht in seiner Mutter Milch kochen. „Die Tafeln waren also ein Zeugnis des Bundes, mit dem sich Gott gaiiz besonders Israel verpflichtete. Wie gern wirft man dm beschwerlichen alten Irrtum weg, es habe der partikularste Bund .auf Univerfalverbindlichkeiten (denn das sind doch die meisten der sogenannten 10 Gebote) gegründet werden können. Die Einleitung zur Gesetzgebung enthält Lehren, wie sie Gott bei seinem Volk als Menscheii und Israeliten voraussetzte. Als Menschen, dahin gehören die allge­meinen moralischen, als Israeliten, das Bekenntnis eines einzigen.Gottes und die Sabbatseier." Auch darin scheint Goethe recht zu haben, daß er annimmt, der Verfasser des 8. Buch Mosis habe zuerst unsere jetzigen 10 Gebote als die 10 Worte bezeichnet. Mes Brich sei spater aus der Tradition zusammengestoppelt worden, als die echten Abschriften der heiligen Bücher in wenig Händen waren, die alten 10 Gebote schliefen oder vergessen waren, währerrd die Lebensregeln jeder inr Herzen oder wenig­stens im Gedächtnis hatte. Die K irch e hat den Irrtum über diese Stelle heilig be­wahrt und viel fatale Konsequenzen daraus gezogen." Wir sehen also, daß kein Geringerer als Goethe selbst in der Öffentlichkeit an der „Pagode" unserer Katechismus-10 Gebote gerüttelt hat. wie er denn auch seine kritischen Forschungen zur Ge­schichte des Wüstenzuges überhaupt keineswegs bloß für Theologen geschrieben hat. r ,

Zu den fatalen Konsequenzen, welche die 10 Gebote für die Kirche gehabt haben, gehört vor allem die Tat­sache, daß sie durch dieselben ein gewisses Juden- ch r i st e n t u m nie recht hat los werden können. Wenn die Reformierten in ihren Kirchen keine Bilder dulden, so handeln sie ganz sicher imSinne des 2. Gebotes. Mit Recht macht Delitzsch gegen die katholische Erklärung, daß man Bilder Christi, der Gottesnrutter und aller Heiligen machen dürfe, weil wir sie nicht mibeteten. sondern nur verehrten, geltend, daß Gott der Herr ausdrücklich sagt: Du sollst dir kein Schnitzbild machen, dasselbe anzubeten und z u v e r e h r e n. Ein solches Gebot aber, wie es im Lutherschen Katechismus geschieht, einfach zu unter­drücken, ist doch eine Gewal tmaßregel, die schlecht zu

mehr, tells weniger gesprächig, durch die im Glanze der großen Kronleuchter strahlenden Gemächer. Auch der Oberst v. Katte war anwesend.

Er hatte in Berlin im Interesse seiner Plane zu tim gehabt. Seine Angelegenheiten wollten trotz aller An­strengungen, die er selbst und seine eingeweihten Getreuen machten, nicht so schnell, wie er wünschte, vorwärts gehen. Da und dort entstanden unliebsame Verzöge­rungen, Stockungen, und der größte Übelstand, das tiefe Geheimnis, in das man alles hüllen nmßte, war natür­lich oft genug der Grund, daß Mnge, die in einen, Tage hätten abgemacht werden können, unter diesen Umständen acht bis vierzehn Tage und mehr zu ihrer Reife brauchten.

Es war dem Obersten, der durch seine Tätigkeit sich vollständig in Anspruch genommen sah, und sich mit mancherlei Sorgen und Bedenken trug, nicht danach zu Sinne gewesen, sich in den lauten Lärm einer Gesellschaft zu begeben. Wenn er es dennoch getan, so war es des- wegen geschehen, weil er dem Gastgeber, dem Grafen Chasot, nahe befreundet war und well er hoffte, vielleicht die eine oder die andere Neuigkeit zu erfahren, die für ihn von Bedeutung sein könnte. Der Hauptgrund für ihn aber war gewesen, daß er sich mit seinem getreuen Georg v. Schenk, der heute mit wichtigen Botschaften über den Stand der Angelegenheit eintreffen würde, hier ein Rendezvous gegeben hatte.

Der Wend war schon zieinlich vorgerückt; noch war der Erwartete nicht da.

Schweigsam und seinen Gedanken nachhängend lehnte Katte an einem Fenster und blickte zerstreut in das bunte, bewegte Gewühl.

„Da hörte er sich angeredet: „Ah, siehe da, Herr Oberst v. Katte! Ein seltener Gast in Berlin in der letzten Zeit!"

Der Angeredete blickte auf. Graf St. Marsan, der damalige französische Gesandte in Berlin, stand vor ihm und bot ihm die Hand. Der Graf war dem Obersten stets eine sympathische Erscheinung gewesen; er war als Mann von vornehmer Sinnesart bekannt, der nichts

der Regel stimmt: Das Wort sie sollen lassen stahn!

Ähnlich steht es mit dem Sabbatgebot, um dessentwillen. sich sogar eine Sekte, die Sabbatarier, von der Kirche lcsgesagt hat. Sie halten füf) auch heute noch für ver­pflichtet, den Samstag als Sabbat zu feiern, weil es Gott selbst so geboten habe. Me katholische Kirche be­hauptet zwar, sie habe das Gebot selbst bestehen lassen und nur kraft göttlicher Vollmacht den Ruhetag vom 7. auf dm 1. Wochentag verlegt. Aber mit Recht wendet dagegen schon die Augsburger Konfession ein, daß durch das Evangelium der Sabbat überhaupt abgetan, daß der Sonntag eine menschliche Einrichtung der Kirche sei, die aber keine Christen in feinem Gewissen binde. Wie sehr selbst evangelische Theologen unter dem Einfluß der 10 Gebote zu leiden haben, sehen wir an dem „bekenntnistreuen" Hofprediger Stöcker, der öffentlich er­klärt hat, in der Sonntagsfrage habe sich die Augsburger Konfession geirrt! Man kann sich denken, was da erst der gemeine Mann für eine Not haben mag, sich durch Umdeutung des klaren Wortlautes mit diesem Gebot abzufinden. Wahrlich die Hand aufs Herz, da ist die einfache Offen­barung Gottes in unserem Gewissen, die auch Jesus für allein maßgebend gehalten hat: Was du nicht willst, das man dir tue, das füg auch keinem andern zu! oder liebe Gott über alles und deinen Nächsten als dich selbst! eine verständlichere Lebensregel! An sie hat sich auch die Pflichtenlehre der ältesten Christen allein ange- schlossen. Sie haben das Bilderverbot unbeachtet ge­lassen und, wie in jenem Brief an Diognet, über das Sabbatgebot selbst gespottet! Das „königliche Gesetz der Freiheit" hatte ihnen die 10 Gebote ersetzt. Ganz wie bei Delitzsch!

Einen Hauvtbeweis für den men s ch l i ch e n U r - s p r u n g der zehn Gebote hatte Delitzsch auch in der Tatsache gefunden, daß sich das 5., 6. und 7. Gebot des Alten Testaments in der nämlichen Zusammenstellung auch in der Gesetzessammlung des babylonischen Königs Hammurabi finde, der anfallender Weise an der Spitze seines Gesetzessteins auf einem schönen Basrelief dar- geftellt ist, wie ihm der Sonnengott die Gesetze offen­bart, ganz wie Moses seine Gesetze von Jahve auf dem Sinai erhält. Selbst S. M. der Kaiser gesteht an­gesichts dieser Parallele, daß d e r A k t d e r G e - setzgeb ung am Sinai nur sombolisch als von Gott inspiriert angesehen werden kann, als Moses zu einer Auffrischung bereits altbekannter Gesetzesparagraphen (möglicherweise dem Kodex Hammurabis, des Freundes Abrahams, ent­stammend) greifen mußte. Wie viel der Kaiser selbst damit als nicht zum Worte Gottes gehörig preis gibt, vernrag nur der zu ermessen, der sich den biblischen Bericht über den Akt der Gesetzgebung selbst ansieht. Was da erzählt ist, das hat der Erzähler s e I b st sicher nicht symbolisch gemeint. Die symbolische Auf­fassung ist nur eine Verl egenheitsauskunft

voir der prokonsularischen Gewalttätigkeit der napoleoni- schon Generale und Beamten air sich hatte; man wußte, daß er keineswegs die harten Maßregeln billigte, welche der Kaiser gegen Preußen in Anwendung gebracht, aber man wußte auch, daß er trotz solcher Meinungsverschie- denheiten dennoch seinem Kaiser unbedingt ergeben war.

Katte streckte ihin freundlich die Hand entgegen. „Ah, Herr Graf! Glaubte ich doch kaum, daß Sie hier an­wesend sein würden!"

St. Marsan lächelte.

„Etwa weil das Haus des Grafen Chasot als das- jenige bekannt ist, in dem sich die hitzigsten Heißsporne und' Gegner meines Kaisers zu treffen pflegen? Das kann mich nicht hindern! Ein Gesandter ist auch gesell­schaftlich zu vielem verpflichtet, und — der Graf Chasot ist ein liebenswürdiger Mann!"

Katte blinzelte ein wenig mit den Augen, und es zuckte leise um seine Lippen, als er entgegnete: „Und es fällt wohl auch manches unbedachte Wort in diesen Räumen, das man zufällig hört —"

„Immer das alte Mißtrauen", fiel der Graf ein. „Sie sollten wissen, lieber Oberst, daß ich ein grundsätz­licher und entschiedener Gegner aller Spionage wie jedes Aushorchens bin! Daß mir in meiner Stellung manches zugetragen wird, kann ich nicht verhindern! Und wenn cs Mnge sind, die meinem Kaiser schaden können, so habe ich die selbstverständliche Pflicht, meine Maßnahmen zu treffen. Daraus wird mir, dem treuen Beamten seines Kaisers, niemand einen Vorwurf machen können! Ich selbst aber bediene mich keiner unlauteren Mittel!"

„Es war nicht so gemeint, Herr Graf!" entgegnete Katte herzlich. „Man kennt und schätzt Sie bei uns!"

„Es ist mir übrigens angenehm", fuhr der Graf nach kurzer Pause fort, „daß ich Sie treffe! Sie haben

ja große Besitzungen im Magdeburgischen-"

„Hatte! hatte, Herr Graf!" warf Katte schnell ein. „Seit man dort französisch-westfälisch ist, habe rch alles verkauft!"

Der Graf nickte.