51 . Jahrgang.
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Ji0. 150. Lerlags-Fernsprechcr No. 2953.
Montag» de« 30. Marz.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
—SSB90BS
Abend-Ausgabe.
Die Wunder des llntmodis.
Berlin, 29. März.
Vor einem Jahrs, zu Anfang März 1902, hatten wir ausführlich über die Verhaftung dos „B l u m e n - mediums" Anna Rothe berichtet und datier auf die kulturhistorische Bedeutung des Prozeßverfahrms gegen diese gemeingefährliche spiriüstische Schwindlerin hingewiesen. Dies Prozeßverfahren ist gestern zu Ende gegangen, und die Berliner Strafkammer hat über dre Blumen, Apfelsinen und Nippessachen apportierende Taschenspielerin eine exemplarische Strafe verhängt, dre hoffentlich nicht ganz ohne abschreckende Wirkung auf kongeniale Geister und Geisterbeschwörer blerben wrrd. Das Blumenmedium ist zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis und 600 Mark Geldstrafe verurteilt tvorden.
Das Bemerkenswerteste an dem Prozeß,, der eine Woche in Anspruch genommen hat, waren die Zeugenaussagen. Der Umstand, daß öer Rothe Bet der Verhaftung 153 Blumen und eine stattliche Anzahl Apfelsinen rmd Citronen aus ihrem inhaltschweren Unter rock, der ihr Geister g eheimk ab inett darstellte, hervorgeholt wurden, hat einen Teil der begeisterten Sprri- ttsten nicht davon zu überzeugen vermocht, welch euren Schwindel die Rothe getrieben. Niemand ist eben leichter zu betrügen als derjenige, welcher betrogen werden will. Selbst der Umstand, daß die nicht der vierten Dimension angehörenden, sondern recht leibhaftigen Blumenhändlerinnen ermittelt worden sind, bei denen dre Rothe ibre Engros-Einkäufe machte, und ebenso die 50-Pfemug- Bazare, in denen sie die Nippessachen kaufte, nut deiren das „Medibumsel" Friedchen die „Gläubigen" beschenkte, hat diese nicht durchweg in ihren Wahnideen erschüttert.
Derr Typus solcher Zeugen stellten der deutsche Gymnasialprofessor, welcher derr „Intelligenzen" Vorwürfe machte, daß sie ihre Blumen, Apfelsiiieri re.„ nicht be- zahlterr, und der schweizerische Gerichtspräsident dar, ioelcher sich den Umstand, daß Frau Rothe ihre Blumen prosaisch in einem Blumenladen gekauft Hatte, damit erklärte daß sie „in einem Toppelbewußtsein die Blumen angekauft, sie zunächst dematerialisiert und dann remate- rialisiert habe." Leute, die behaftet mit der p»ahtgkelt und dem Willen zu einem so starken Wunderglauben m die spiritistischen Seancen kommen, zu täuschen und über den Löffel zu barbieren, dazu braucht man wirklich nicht hellsehend zu sein, sondern dazu genügt, daß man „Helle" ist, wie es bei der Sächsin Anna Rothe, bei der sogar die Geister sächselten, ja ganz natürlich war.
Künststücke, wie die Rothe sie als Leistungen ihrer
Geister vorführte, macht heute — und das hoben auch die vernommenen Sachverständigen hervor -- jeder Taschenspieler weit besser, exakter und uiiter schwierigeren Umständen, als das Blumenmedium es getan hat, die ja mit einem Publikum zu rechnen hatte, bei welchem die „Intelligenzen" nur auf Seiten der „Geister" zu finden waren. Aus deir mannigfachen Zeugenaussagen ging hervor, wie der Impresario Jentsch bei den Zauberkunststücken der Rothe durch seine Reden die Aufmerksamkeit voii jener abzulenken verstand, wie er ihr durch möglichst korpulente Personen eine Rückendeckung verschaffte, wie der Tisch durch schwere Decken verhängt wurde, weil der blanke Tisch das Medium blende, wie, die mißtrauischen Personen in die äußersten Ecken placiert wurden, weil der „Kontrollgeist" das so verlange und weil sonst „die Harmonie gestört" werde. Mit Recht konnte der Sachverständige Professor Dessoir sagen, daß jeder Taschenspieler sich schämen würde, in so kläglicher Weise zu arbeiten. Und auf einen so plumpen, kläglichen Schwindel sind zahllose sogenannte gebildete Leute aus den sogenannten besten Kreisen hineingefallen!
Wer freilich, die Rothe hatte noch eine besondere Spezialität, sie verknüpfte den spiritistischen Humbug mit der Frömmigkeit. Sie eröffnete ihre Sitzungen mit Gebet, nnd ihr ganzes Leben war, wie sie versicherte, nur em Gebet. Ihre Geister apportierten nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Christusfigürchen, die in eurem hiesigen 50-Pfennig-Bazar gekmrft waren. Diese Verquickung eines so plumpen Schwindels mit der Relrgion ist von dem Gerichtshof mit Recht als sehr itrafver- schärfend angesehen ivordeir. Welch eine Blasphemie, welch ein religiöser Wahnwitz liegt in denr Glauben, daß eine Frau Rothe die Seelen Verstorbener, den Geist eures Zwingli dazu kommandieren kann, für drei Mark Entree Blumen, Apfelsinen oder Nippessachen zu apportieren!
Ob die Entlarvung und Verurteilung des „Blumenmediums" auf die Kreise der Spiritisten den wünschenswerten Eindruck machen wird? Der aus der spirisistischen Bewegung bekannte Redakteur Gerling, der aus einem Saulus ein Paulus, aus einem überzeugten Anhänger der Rothe zum entschiedenen Gegner der Schwindlerin geworden ist, hat vor Gericht erklärt, daß solche Entlarvungen sehr undankbar seien, denn insbesondere die Berliner spiritistischen Kreise glaubten alles, und jeder, der ihnen sage, daß sie einem Schwindel zum Opfer gefallen seien, werde von ihnen selbst als Schwindler ge- brandmarkt. — Vorgänge wie der Rothe-Humbug zeigen handgreiflich, wie nötig es ist, in Schule und Leben allenthalben nach Kräften die Aufklärung 31 t fördern und die Gemüter aus dem Banne des Aberglaubens zu erlösen Stur dadurch wird es möglich sein, den Roche und Konsorten auf die Dauer das gefährliche Handwerk zu legen. _D 1 *- 3- ^
Preußischer Kaudtag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 28. März.
Das Abgeordnetenhaus erledigte heute die erste Lesung der Sekundärbahn-Vvrlage. Zahlreiche Abgeordnete brachten lokale Wünsche vor. Aus der Debatte bringen wir folgendes, als für Nassau interessant: Abg. Mischte (nat.-lib.j: Ich bin in der angenehmen Lage, heute an dieser Stelle danken zu können, daß nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen die Linie Weil- m ü n st e r - U s i n g e n endlich in die Vorlage eingestellt ist. Mit diesem Dank verbinde ich die Bitte, nunmehr dem Beschluß die Ausführung auf dem Fuße folgen zu lassen. Zwar entspricht die jetzige Führung der Linie nicht den Erwartungen eines großen Teiles des Weil- tales und des sogenannten Gebirges, aber es ist doch mit Freude zu begrüßen, daß durch diese kürzeste Linie eine neue durchgehende Bahnverbindung zwischen dem Layn- nnd Maintal hergestellt wird. Im Anschluß daran bitte ich um Unterstützung des neuerdings wieder anfgeuom- menen Planes der Verlängerung der Kleinbahn nach K ö n i g st e i n durch das obere Weiltal, durch einige Zuschüsse an das Unternehmen und um jede sonstige, in der Macht der Regierung liegende Erleichterung, damit die Bewohnerschaft des Weiltales und der Fuldbergdörfer einen kleinen Ersatz für ihre fehlgeschlagenen Hoffnungen erhält. (Beifall.) — Abg. Dr. Müller (freis. Volksp.) fordert die Verbindungsbahn Hahn-Wehen nach Niedernhausen oder nach Idstein. Abg. Schaffner (nat.-lib.) dankt dem Minister für die Erfüllung seines zehn Jahre laug vorgebrachtenWuusches nach der Linie Weilmünster-Usingen. Die westlichen Provinzen werden von jeher stiefmütterlich behandelt in umgekehrtem Verhältnis zu ihren Leistungen für den Staat. Der Redner bittet um den Bau der Linie Westerburg-Montabaur. Die Regierung hat die Absicht, die Linie Westerburg-Siershahn auszuführen mit Anschluß an den Rhein. Ich würde aber über Montabaur vorschlagen: da ist derselbe Zweck erreicht
und die Möglichkeit geschaffen, später einmal die Linie von dort nach Gelbachtal und Nassau oder nach Arzbachtal und Ems zu führen. Ter Redner bittet um Van der Linien Hahn-Wehen-Jdstein und Jöstein-Usingen- Butzbach. — Im Laufe der Debatte machte Minister B u d d e die Bemerkung, daß aus der großen Zahl der Wünsche zunächst natürlich die dringlichsten erfüllt wer- den. Wolle er alle vorgebrachten Wünsche erfüllen, so müßten 3000 Kilometer Bahn gebaut werden mit einem Kostenaufwande von ca. 500 Millionen Mark. Die Vorlage wurde an die Budgetkommission überwiesen. — Montag: Arbeiter-Wohnungs-Vorlage und Eisenbahn,
Ausgleichsfonds. *
Berlin, 28. März. Der Senioren-Konvent des Abgeordnetenhauses trat heute zu einer kurzen Be-
Aer Preis ist Magdeburg!
Roman von Max Dorning.
(11. Fortsetzung.)
Bellac verneigte sich höflich., „
„Ich habe den Auftrag, rmt Ihrer Erlaubms, Herr Fahvenbach, Ihr Haus zu durchsuchen: wrr haben die begründete Dermusiing, daß Ihr Herr Lohn, der zu msierm lebhaften Bedauern von der Behörde verfolgt wird, sich hier verborgen halte!" ... ... -
Herr Friedrich Wilhelm trat einen Schratt zuruck und machte eine einladende Handbewegung.
„Treten Sie näher, niein Herr! Mem Haus steht
Ihnen offen!" ^ .....
Der Offizier war über diese Ruhe erstaunt: in der kühlsten, geschäftsmäßigsten Weise sprach der alte Herr da ihn: gegeiiüber, als handle es sich um irgend eine An- oelegenheit von nebensächlichster Bederitung und iiicht nm das Wohl und Wehe, ja um das Leben seines Sohnes.
Er erteilte seinen Soldateil die notwendigen Befehle.
Und nun gab es ein eifriges Suchen im ganzen Hause. Treppauf, treppab stürmten die Soldaten, vom untersten Kellerraum bis zu den höchsten Dachgelassen ivurde alles durchspürt; jeder Schrank, jeder Bchalter wurde geöffnet, keine Kiste, kein Kasten undurchsucht ge- lassen. Alles vergeblich — man fand nichts.
Ein leichter Schatten des Verdrusses zeigte sich auf den Zügen des jungen Offiziers.
Darf ich Sie bitten, Herr Fahrenbach", sagte er, „uns die Erlaubnis zu geben, auch Ihre Vorratsräume und Warenniederlagen zit durchsuchen?"
„Gewiß, mein Herr!" entgegnete Herr Friedrich Wilhelm. „Mein Haus steht Ihnen offen und die ge- nannten Räume bilden keine Ausnahme!"
Mit Windlichtern giiig es nnn zu den Niederlagen. Auch hier wurden alle Winkel durchsucht, jeder Derschlag aufgerissen und durchleuchtet — nichts fand sich vor; alles Suchen war vergeblich.
„Darf ich fragen", fragte jetzt Bellac, „was sich in jenen großen Fässern dort hinten in der Ecke befindet?"
„Dort hinten?" Herr Friedrich Wilhelm war doch
n wenig bei dieser Frage zusammengezuckt. „Dort nten?"
„Ja wohl! Die großen Fässer da --"
„Sie sind teils leer, teils enthalten sie Syrup, Weiii )££ öle!"
Schon war Bellac hinten. Er klopfte an das eine nd das andere aii, ließ in einige, die leer wareii, hmein- uchten — alles vergeblich. Der Gesuchte war nicht da.
Keine Spur von Freude oder gar Triumph war in lernt Friedrich Wilhelms Miene zu scheu; so undurch- ringlich, fo ruhig war dieses eherne Gesicht, wre je zuvor, eine Muskel regte sich darin.
„Sind Sie zu Ende, mein Herr?" fragte er.
„Noch nicht ganz, Herr Fahrenbach — zu meinem Be- auern!"
„Weitere Räumlichkeiten sind indessen nicht vor- anden —" ,
„Ich bin davon überzeugt! Nur hat mein Befehl och eine peinliche Möglichkeit vorgesehen —"
Herr Friedrich Wilhelm ließ sein Auge forschend aus em jungen Offizier ruhen, als dieser stockte.
„Sprechen Sie ruhig, Herr Kapitän! Ich bin kem (kann der Furcht!"
Bellac verbeugte sich wieder.
„Ich habe den Auftrag, Herr Fahrenbach, im Falle ie Turchsilchung Ihres Hauses erfolglos bliebe, mich ihrer Person als Bürge zu versichern — wir wissen be- iimmt, daß Ihr Herr Sohn hier ist!"
„Die Durchsuchung meines Hauses sollte Sie vom Gegenteil belehrt haben", entgegnete Herr Friedrich Lilhelm.
Bellac zuckte die Achseln.
„Ich habe die Worte meines Chefs, des Kommandan- en, nicht anzuzweifeln", antwortete er, „und seinem Be- ehl muß ich Nachkommen: ich verhafte Sie deshalb, Herr zahrenbach!"
Einen Moment schien Herr Friedrich Wilhelm doch betreten. Aber nur eine Sekunde währte das. Dann agte er in seiner gewohnten Ruhe:
„Ich bin bereit, mein Herr! Doch finde ich, daß nan meiner Person, einem Freunde und Anhänger Ihrer
Herrschaft, übel für seine Zuneigung lohnt — indessen
Dank erwarten nur die Narren. Ich bin der Ihre, mein Herr Kapitän!"
„So bitte ich, mir zur Citadelle zu folgen — Sie sind mein Gefangener!" fJ
Herr Friedrich Wilhelm neigte stolz das Haupt.
In diesem Augenblick, als man sich eben zum Gehen anschickte, ertönte von einem der mächtigen Fässer her ein starkes Gepolter. Ein kräfsiger Fußtritt von innen her schleuderte den Boden heraus, und gleich darauf sprang ein Mann daraus empor. ,
„Herr Ernst Fahrenbach!" ries Bellac.
„Ernst!" • kam es über Herrn Friedrich Wilhelms Lippen.
Die Soldaten/die wohl anSchlimmes denken mochten, hatten im Nu ihre Gewehre in Anschlag gebracht. Drohend richteten sich sechs Gewehrläufe gegen den jungen Mann, auf desfen entschlossenes Gesicht der volle Schein der Laternen und Windlichter fiel.
„Laßt eure Waffen in Ruh!" sagte Ernst. „Und lassen Sie meinen Vater frei, Herr Kapitän — ich bin Ihr Gefangener! Ich habe in meinem Versteck jedes Wort gehört, das gesprochen ivurde — beenden wir die unerquickliche Situation! Ihre Spione haben Sie trefflich bedient, mein Herr Kapitän!"
Inzwischen hatte sich der ganze Raum mit Angestellten der Firma Fahrenbach angefüllt. Ringsherum bemerkte Bellac drohende Mienen; er fühlte, hier konnte ein Wort zum Funken werden, der eine Katastrophe von unabsehbaren Folgen herbeiführte. Es lag deshalb auch in seinem eigensten Interesse, den Auftritt so schnell als möglich zu beenden.
„Folgen Sie mir, Herr Ernst Fahrenbach!" sagte er. Dann waitdte er sich iwchtnals an Herrn Friedrich Wilhelm: „Damit wird Ihre , Verhaftung unnötig, mein Herr! Ich bedauere lebhaft die Störung, aber Dienst ist Dienst, und man muß sich desselben unterziehen, ob er noch so schwer werde!"
„Keine Entschuldigungen, Herr Kapitän!" entgegnete der Angercdete.
Der Heine Trupp nut dem Gefangeneil in der Mitte brach auf.
