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61. Jahrgang.

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|jt0, 14 ö. Berlags-Ferufprecher No. 2953.

Sonntag» den 29. Mar;.

Nebaktions-FernspreSer No. 52. 1903.

Morgen-Ausgabe.

DNMAMMdMMulmstiimßaMng.

Gelegentlich der dritten Beratung des Etats brachte, tcie wir schon kurz gemeldet, unser Wgeordneter vr. Miller-Sagan am 24. l. M. im Abgeordnetenhause die KerhÄtnisse unseres nassauischen Fortbildungsschulwesens mr Sprache. Seine Ausführungen werden bei allen Freunden desselben das größte Interesse erwecken, wes­halb wir sie nachstchend nach dem stenographischen Bericht wörtlich folgen lassen.

vr. Müller hielt folgende Rede: Meine Herren, ich möchte mir gestatten, an den Herrn Minister das drin­gende Ersuchen zu richten, dafür Sorge zu tragen, daß den tatsächlichen Bedürfnissen der nassauischen gewerd- lichen Fortbildungsschulen baldmöglichst Genüge geschehe. Diese Frage ist ja schon in der zweiten Lesung hier be­rührt worden. Wenn ich heute noch einmal daraus zurückkomme, so geschieht das lediglich aus der Erwägung heraus, daß ernste, daß große, schwerwiegende Interessen auf dem Spiele stehen, wenn nicht bald den gerechten Ansprüchen des „Gewerbevereins für Nassau" an die Staatskasse Genüge geschieht.

Meine Herren, es wird ja bekanntlich seitens des Herrn Ministers Möller ernstlich angestrebt, das Fort- bildungsschulwesen allgemein gedeihlich weiter zv ent­wickeln. Da sollte man aber doch nun meinen, er müßte es sich angelegen sein lassen, dasjenige Fortbildungs­schulsystem, das sich bewährt hat wie kein anderes, oder doch wie kaum ein anderes, das Muster, das nassauische Fortbildungsschulsystem in seiner jetzigen Verfassung nach Möglichkeit zu schonen, zu pflegen und zu fördern. Und wenn man zu dieser Voraussetzung schon aus allgemeinen Gesichtspunkten heraus kommen mußte, dann durste man doch gerade von dem jetzigen Herrn Minister, der ein praktischer Geschäftsmann war, bevor er Minister wurde, tot wenigsten erwarten, daß er sich in die Formalitäten des Bureaukraüsmus verstricken und um schematischer Gleichmacherei willen versuchen würde, das ureigene, selbstgewordene nassauische Fortbildungsschulwesen in Nassau in enge und starre Formen hineinzupressen, die sonst wohl in Preußen üblich sind. Der Gewerbeverein für Nassau hat so Gutes und so Großes im gewerblichen Fortbildungsschulwesen geschaffen, daß die übrigen preu­ßischen Städte sich ein Beispiel daran nehmen könnten. Nun ist aber neuerlich die Gewährung der nötigen staat­lichen Zuschüsse von einer Reihe von Bedingungen ab­hängig gemacht worden, welche die weitere s e l b st ä n -

d i g e Entwicklung des nassauischen Fortbildungsschul­wesens und damit dieses Fortbildungsschulwesen selbst auf das äußerste gefährden. Ich würde es aufs tiefste beklagen, wenn die Männer, die so selbstlos ihre Kräfte jahrzehntelang in den Dienst der Allgemeinheit gestellt haben, ram durch die ■— ich kann nicht anders sagen — büreaukratischen Formalitäten, die _ neuerlich borge- schrieben worden sind für die Bedarfsnachweisuug auch der nassauischen Fortbildungsschulen, zurückgeschreckt werden sollten von einer ferneren persönlichen Betätigung im Interesse des gewerblichen Fortbildungsunterrichts.

Meine Herren, was das nassauische Fortbildungs­schulwesen von dem anderer preußischer Gebiete und Be­zirke auszeichnet, ist zweierlei: einerseits die Freiwillig­keit der Initiative, aus der es hervorgegangen ist, der werktästgen Anteilnahme verschieden st er Berufs­klassen an der Hebung des Gewerbestands, andererseits die Zweckmäßigkeit der allen einzelörtlichen Bedürfnissen sich anschmiegenden Zentralisation des Gewerbevereins für Nassau, der mit seinen über das ganze Land ver­teilten Lokalvereinen der Träger ist von 108 gewerb­lichen Fortbildungsschulen. Die Verwaltung geschieht freilich einheitlich von einer einzigen Zentrale aus, die aber überall ihre Organe hat, um sich dem örtlichen Be­darfs anschmiegen zu können. Ich gebe zu, daß die Art und Weise, wie bisher die staatlichen Zuschüsse gewährt worden sind an den Zentralvorstand des Gewerbevereins für Nassau, vielleicht nicht genau zu dem Schema gepaßt haben mag, das sonst bei der Überweisung derartiger Zuwendungen üblich ist.

Aber, meine Herren, was will denn das besagen? Es ist doch zu bedenken, daß auch die Leistungen des Zentralvorstandes einzigarstg sind. Einzigartig darin, daß von dem Zentralvorstand des Gewerbevereins für Nassau in Wiesbaden Vorsorge getroffen ist für eine einheitliche Organisatton des gesamten gewerblichen Fortbildungswesens, für ein einheitliche Überwachung des gewerblichen Prüfungswesens, für, ausgiebige Nutz­barmachung des einmal angeschafften Lehrapparates. Die Ersprießlichkeit der bisherigen Betästgung des Ge­werbevereins für Nassau nach den verschiedensten Rich­tungen hin, insbesondere im Interesse des gewerblichen Fortbildungswesens, ist so in die Augen springend, daß man wirklich meinen sollte, ein Minister wie Excellenz Möller hätte allen Anlaß sich zu hüten, eine so gedeihliche Institution wie die nassauische Fortbildungsschule, in ihrer natürlichen Angliederung an den Gewerbeverein für Nassau, auf das Prokrustesbett des Bureaukratis- nius 31 t spannen. (Sehr gut! links.) Darauf läuft es doch schließlich hinaus, wenn man nun die steifen Formen, die in anderen Bezirken, wo das Fortbildungsschnlwesen

noch nicht sich selbständig entwickelt hatte, vielleicht an­gebracht waren, um dieses künstlich daran und darin in die Höhe zu ziehen, — wenn man die gleichen Formen auszwängen will einem Bezirk, der bewiesen hat, daß er aus eigener Kraft viel Besseres, viel Größeres zu leisten vermag, als es anderswo in Preußen überhaupt geleistet worden ist. Solchen Formalismus halte ich für gemein- schädlich. Ich möchte deshalb den Herrn Minister auf das dringendste ersuchen, das, was an staatlichen Zu­schüssen gefordert worden ist und mit Recht gefordert worden ist für die nassauischen Fortbildungsschulen vom Zeittralvorstand des Gewerbevereins für Nassau, nicht nur ungemindert zu bewilligen, sondern auch un­eingeschränkt durch schablonenhafte Formalitäten, die anderswo vielleicht notwendig sein mögen, nicht aber in Nassau mit seiner bewährten Selbstverwaltung im ge­werblichen Fortbildungswesen. Meine Herren, man kann ja durch solche staatlichen Zwangsformen mmrcherlei erreichen. Man kann, um ein Beispiel aus der Nähe zu nehmen, im Tiergarten schnurgrade Alleen ziehen, marmorne Denkmäler errichten; aber die Frühlings­triebe, den Frühlingszauber, den muß das Leben aus sich selber schaffen, den hemmt man nur, den stört man nur durch steife, starre Formen. (Sehr gut! links.) Man kann durch staatliche Maßnahmen dem Fortbil­dungswesen eine Richtschnur anweisen, aber das Leben kann man ihnen dadurch nicht einhauchen. Meine Herren, daß es anderswo noch vielfach an dem Leben mangelt, dessen sich die Fortbildungsschulen in Nassau freuen wird unmöglich geleugnet werden können.

Nun erklärt aber der Zentralvorstcmd des Gewerbe­vereins für Nassau:

Verbliebe es bei der ablehnenden Entscheidung des Herrn Ministers, dann würde sich der Zentralvorstand in die traurige Lage versetzt scheu, diejenige Tätigkeit aufgchen zu müssen, welche er bisher zu seiner erfolgreichsten zählte. Nach unserer Erfahrung würde ohne unsere Zentralleitung, ohne unser fortwährendes An­regen, Anordnen und Kontrollieren unserer Schulen das Interesse auch bei den Schul­vorständen zurückgehen und ein nicht unerheb­licher Teil unserer Schulen dem Untergänge gewecht sein. Die von der Königlichen Staats­regierung beabsichttgte Hebung des Schulwesens würde in unserem Bezirk in das Gegenteil Umschlägen, zum mindesten aber einen be­deutenden Rückschlag erfahren.

Gewiß hätte nachher die Verwaltung die Genugtuung, sich sagen zu können: jetzt haben wir doch auch die Nassauer in die preußische Uniform

Feuilleton.

Die Sastille der Kchauspieler.

Von einem fidelen Gefängnis, das besonders für die französischen Schauspieler bestimmt war, erzählt Franz Funck-Brentano in einem amüsanten Buche, das unter dem Titel „Ta Lastille des Comddiens" demnächst er­scheinen wird, und aus dem der „Figaro" schon jetzt eini­ges mitteilt. Wenn die Schauspieler den Satzungen der Bühne nicht gehorchten oder es an Achtung gegen das Publikum fehlen ließen, so kamen sie nach „For- l’Ev^que", das ein echtes Gefängnis des „ancien rögime" war. Es war eine bürgerliche und künstlerische Bastille, die für Söhne aus angesehener Familie, Ge­fangene wegen Schulden, Polizeigefangene und Schau­spieler Vorbehalten blieb. Eines Tages beherbergte sie sogar einen erlauchten Gast, den Marquis de Montespan, der nicht müde wurde, seine ihm vom König genommene Frau zurückzuverlangen und durchaus nicht auf Molibrcs Rat: „Tu partage avec Jupiter n’a rien en soi, qui d^shonore" hören wollte. In For-i’Eveque führte wan ein sehr bewegtes Leben. Es fanden sich immer einige vergnügte Gefangene, die Soupers und Feste gaben. Die Clairon, die bekannte Tragödin, empfing hier „ganz Paris". Man konnte sich in diesem Gefängnis alles er­lauben. Als 1724 der Polizeileutnant die Glücksspiele und besonders das Pharospiel verboten hatte, erfuhr er, daß man im For-l’Ev6que seiner Verordnung nicht nachgelommen war. Er schickte eine ganze Anzahl Polizeibeamte hin, und man fand auch in einem Zimmer des dritten Stocks eine zahlreiche Gesellschaft. Mme. de Coade, die als Bankhalterin verbotener Spiele in die Register von For-l’Ev6que eingetragen war, hielt in einem neuen, sehr schönen Kleide aus bemalter Leinwand die Bank. Einige Gäste von draußen, unter anderen die Frau eines Gcneralprokurators, nahmen an dieser Zu­sammenkunft teil. Der Eintritt der Polizei erregte Em­pörung: wo konnte man sich noch unerreichbar glauben wenn nicht im Gefängnis. Ein allgemeines Ausreißer begann, und einige Schuldige entkamen auch. Der wegen seiner „Nouvelles ä la main" verhaftete Sarrazin setz! im Gefängnis seine Zeitung fort, er empfängt Zeitungen, hört seine Berichterstatter und bedient seine Abonnenten

Der wegen Fälschung von Lotterielosen inhaftierte Chevalier setzt in For-i’Eveque seine Geschäfte fort. Er hat in seinem Zimmer seine Platten, eine Presse und eine Radiernadel. Er wird nur von den anderen Gefange­nen gestört,' selbst sein Helfershelfer kommt regelmäßig und holt die falschen Banknoten, um sie in Umlauf zu setzen. Sogar galante Händel werden zum Nutzen der glücklichen Gefangenen fortgesetzt. Wenn tu diesem Ge­fängnis ein Gefangener gar zu lästig oder unerträglich wurde, wandte man ein großes Mittel an: man gab ihn der Freiheit zurück. . . Das also war die „Bastille", in die die Schauspieler ihrer tollen Streiche wegen gebracht wurden. Und es geschah ziemlich häufig, daß sie es an Achtung gegen das Publikum und die Reglements fehlen ließen. So fiel es der Sängerin Katharine Lemaure am 10. März 1735 plötzlich ein, in der Oper „Jephta" ihre Rolle im Stich zu lassen, um in der Stadt zu soupieren. Man brachte sie, als auch die Vermittlung des Ministers Maurepos nichts half, in ihrem Theaterkostüm und unter großem Geleit nach For-i’Eveque, aber nach einer Stunde holte der Direktor der Oper sie eiligst zurück, da er sie brauchte. Oder es kam vor, daß Schauspieler, statt abends aufzutreten, in einem anderen Theater der Vorstellung beiwohnten. Ein anderer Grund, die Schau­spieler ins Gefängnis zu schicken, ist im 18. Jahrhundert oft die Trunkenheit gewesen. Morifsot von der Opöra- Comique spielt in „Ta Coupe enchantde", während er zam Umfallen betrunken ist. Er empört das Publikum durch „indezente Stellungen" und wird nach For-l’Evöque geführt. Ebenso erschien Mlle. Laguerrc von der Oper bei der zweiten Aufführung von „Iphigdnie en Tauride" von Piceini betrunken auf der Bühne, so daß die schöne Stimme nicht zu erkennen war. Das war nicht „Iphigdnie en Tauride", sagt Sophie Arnould, sondern „Iphigenie en Champagne". Man brachte sie also nach For-l’EvSque und holte sie zur dritten Aufführung wieder. Sie sang wie ein Engel, und Piceini erbat selbst ihre Begnadigung, denn sic sollte nach der Vorstellung wieder ins Gefängnis. „Es ist un­glaublich", wird berichtet, „wie viele verschiedene und vorzügliche Weinsorten sie während ihres Aufenthaltes im Gefängnis getrunken hat. Die Schließer vermissen die vorzügliche Pensionärin sehr." Auch die Comädie hatte ein Hühnchen mit For 1’EvOque zu pflücken. Man sollte „Ile Sifege de Calais" von de Bclloy spielen, aber

die darin beschäftigten Schauspieler — unter ihnen die Clairon — verlangten, daß ein gewisser Dubois, von dessen Spitzbübereien man Beweise hatte, verabschiedet würde. Seine Tochter, die Schauspielerin an der Comsdie war, ergriff jedoch Partei für ihn. Die Verabschiedung des Dnbois war schon befohlen, als am folgenden Tag plötzlich wieder der Befehl kam, das Stück doch mit Dubois zu spielen. Die Schauspieler geben nunmehr ihre Rollen zurück, und man versucht, ein anderes Stück zu geben: aber das Publikum gebärdet sich wie unsinnig; die Borstellung wird aufgeschoben, und der Polizeileut­nant befiehlt die Einsperrung der fünf rebellischen Schau­spieler. Die Clairon wird in ihrer Wohnung verhaftet. „Ich bin den Befehlen des Königs unterworfen, alles steht zu seiner Verfügung, mein Besitz, meine Person, mein Leben; aber meine Ehre bleibt unversehrt; selbst der König kann sie nicht antasten." „In der Tat, Made­moiselle", antwortet ihr der unhöfliche Polizeioffizier, „wo nichts ist, hat selbst der König sein Recht verloren". Ihr Einzug in For-i'Eveque war ein Triumphzug. Ihr Zimmer wurde vom Intendanten von Paris und den Herzoginnen von Villcroy und Duras möbliert. Es war ein Kommen und Gehen von Wagen. Die Ange­legenheit erregte allenthalben Aufsehen, aber schließlich siegten die Schauspieler. De Belloy zog sein Stück zurück, Dubois wurde pensioniert, und die Ordnung war wiederhcrgestellt. Auch die Tänzerinnen beehrten For< 1’EvOque mit ihrer Gegenwart. Als der berühmte Ballctmeister Vestrts einst die beliebte Ballerina Mlle, Dorival, die es an Achtung gegen ihn hatte fehlen lassen, verhaften ließ, zischte man ihn bei seinem Auftreten aus, Schließlich mischte sich der Direktor ein und drängte ihn. die Dorival zurückzuholen. In For-l’Evßque fand Bestris die Tänzerin in lustiger Gesellschaft. Der Tisch war mit Flaschen und Früchten besetzt. „Mein Fräu- lein", sagte Bestris, „ich bringe Ihnen Ihre Freiheit. Man verlangt Sie auf der Bühne". „Danke, ich befinde mich sehr gut hier". „Mein Fräulein, ich bitte Si« darum!" Bestris mutzte erst in Gesellschaft der jungen Gefangenen und ihrer Gäste zivci Flaschen Champagner trinken. Inzwischen hatte das Publikum in der Oper die Geduld verloren und verlangte Bestris' Kopf, bis endlich die Dorival erschien und mit einem BeifallSsturn begrüßt wurde. . . Das alte Gefängnis wurde 1783 zerstört.