1. Beilage zum Wirstmürner Tagblatt.
$*♦ 149. Worgen-Attsgabe.
Sonntag, de« 29. Marx.
61. Jahrgang. 1903.^
* Wenn da« Heil so bequem ,u erreiche« und ohne große
* Mühe gesunden werden könnte, wie wäre e» dann möglich, t daß e« fast von jedermann vernachlässigt wird? Alles 5 Erhabene aber ist ebenso schwierig wie selten.
* Spinoza. -■
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(15. Fortsetzung.)
Der Malthefer.
Roman von O. v. Kis-Killay.
„Sie haben sich wohl befunden, gnädige Frau?" Dann ließ er sich neben der Frau Majorin, der ältesten Dame, nieder, und begann nnt dieser ein Gespräch.
Käthens HerZ zog sich zusammen. Es hatte etwas wie Verstimmung in seinem Gesicht gelegen, etwas Fremdes, Abweisendes — das war ihr Freund nicht . . . Vielleicht sah er aber auch nur steifer aus in Uniform . . .
Sie stand auf und ging zum Nebentische, wo die Photographieen lagen. Scheinbar in die Betrachtung derselben vertieft, konzentrierte sie ihre ganze Ausmerk- samkeit auf ihn, dessen jede Bewegung sie, ohne sich umzuwenden, wahrnahm. Nachdem er eine Weile mit der Majorin gesprochen hatte, erhob er sich und schloß sich einer Gruppe jüngerer Damen an. Fröhliches Lachen schallte herüber. Wie einschmeichelnd war der Ton seiner Stimme! Dann sprach er mit einigen neu angekommenen Herren und nun — trat er auf Käthe zu.
Sie fühlte, daß er sie ansah, die Röte stieg ihr bis zu den Schläfen hinaus. Als sie endlich aufblickte, sah sie seine Augen freundlich auf sie gerichtet. Er zürnte ihr also nicht. . .
„Gnädige Frau", begann er, „wie freue ich mich. Sie wiederzusehen! Ich bin so manches Mal die Straßen auf und ab gerannt, in der Hoffnung, Ihnen zu begegnen ... So schön und in jeder Hinsicht vollendet unser Zusammentreffen auch war, wollte ich es doch nicht anders als ein Präludium ansehen und war bitter enttäuscht ..
„Herr v. Gossar", sagte Käthe nmtig, „nicht wahr, Sie hatten erwartet, ich würde Sie auffordern, uns zu besuchen?" Sie stockte. „Ich muß Ihnen unfreundlich dorgekommen sein."
„Gewiß hätte ich mich glücklich geschätzt. Ihnen meine Aufwartung machen zu dürfen — jedoch — ich verstehe."
Käthe schüttelte den Kopf.
„Sie dürfen nicht anders sprechen, als Sie denken, Herr v. Gossar ... Ich meine, das Schönste bei unserer Begegnung war ja, daß wir uns so bald über das Konventionelle hinwegsetzten und uns so offen gegeneinander «ussprachen."
„Ihre Worte beweisen mir, daß ich mich in Ihnen nicht geirrt habe", sagte Gossar mit einem Aufleuchten seiner Augen. „Ich wußte, ich hatte eine jener seltenen Naturen vor mir, die im stände sind, objektiv zu denken. Das können nur so wenige, und am allerwenigsten Frauen. Und so will ich Ihnen sagen — ja, es war eine Enttäuschung für mich, und — obgleich ich ein Philosoph zu sein mir schmeichele — ich grollte Ihnen." _
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aufsorderte. Ihnen einen Besuch Pi machen, meinte er, unser Haus könne Ihnen nichts bieten — wir leben so füll und zurückgezogen .
„Waren Sie auch derselben Ansicht, gnädig« Frau?" fragte Gossar mft einem forschenden Blick.
„Ich? O nein", erwiderte Käthe aufrichtig, „ich weiß, wir hätten noch so manche Anknüpfungspunkt gefunden. Sie müssen aber wissen, ich bin eine fürchterlich passive Natur und schrecke vor jedem Widerstande zurück. Und dann fange ich an zu grübeln und frage mich, ob ich auch ein Recht habe auf meinen Forderungen zu bestehen, und schließlich wachsen die Rechte der anderen riesengroß heran und die weinigen schrumpfen zusammen."
Das fteundliche Lächeln, das jetzt Gossars Mund umspielte, zeigte Käthe, daß sie verstanden und gebilligt w o rden war.
„Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit", sagte er, ihr die Hand entgegenstreckend.
Ter Eintritt des Hausherrn unterbrach die Unterhaltung. Gossar erhob sich.
„Das Glück aber. Sie hier bei meiner Cousine zu treffen, wird mir niemand nehmen können", fügte er rasch hinzu. . „ ■
Eine halbe Stunde später empfahlen sich dre Gaste, Käthe war sehr befriedigt. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen — nicht sie hatte dieses Zusammentreffen veranstaltet. Und in ihre Freude mischte sich nichts Unrechtes. Sie dachte so ruhig an ihn. Und auch in seinem Wesen hatte nichts von Galanterie gelegen,, er hatte ihr so kräftig und fteundschaftlich die Hand gedrückt ...
Werner jedoch runzelte die Stirn, als Käthe ihm von der Begegnung erzählte.
„Nun", sagte er höhnisch, „der Junker wird nicht verfehlen, jeden Kaffeeklatsch mit semerGegenwart zu verherrlichen. Was hat denn auch so ein Garbeofftzwr weiter zu tun, als in den Boudoirs herumznschwanzeln? Er wird aber wohl so ziemlich Hahn im Korbe bleiben — fein anderer vernünftiger Mensch wird sich den geisttötenden Zwang auferlegen lassen!" ,
Käthe ließ sich nicht aus der guten Laune bringen. Sie war von hinten an Werners Stuhl herangetreten und umschlang seinen Hals mit ihren Armen.
,Vielleicht schlägt doch einmal die Stunde, wo mein gestrenger Herr Eheqemahl sich herabläßt, in höchsteigener Person zu prüfen, wie der Kaffee bei seiner schönen Frau
Oberst schmeckt . . ." ^
Erstaunt über die ungewohnte Zärtlichkeit wandte sich Werner um. Ihre Augen leuchteten, chre Wangen hatten erhöhte Farbe — sie war reizender als ie. Er zog sie an sich und küßte sie auf den Mund.
»
Einige Tage später holte Dora die Freuudinzu einer Spazierfahrt in den Tiergarten ab. Warm emgehullt lehnten sie in dem eleganten Einspänner zuruck, ließen die Menge der Wagen und Reiter, die der klare frostig Tag herausgelockt hatte, cm ,sich vorder. Da kam auch wieder einer aus einem prächtigen Rappen herangesprengt. Er grüßte. ^ , ... ,,
Karolus!" rief Dora erfreut und wandte sich nach ihm'um. „Wie gut er zu Pferde sitzt." Sie hatte nicht bc-merkt. wie rot Küche geworden war.
„Ach ja, Käthe, ich vergaß es dir zu erzMlm", fügt,
sie hinzu, während sie weiterfuhren- „Denke dir "^vm> geftern waren Ferdinand und ich zu Karolus zum WfM» Dejeuner eingeladen. Ich stöbere so dvas nt pW Photographieen und Albmns herum, und — fast hätte ich aufgeschrieen — was erblicke ich? Dein Bild aus einer der vordersten Seiten! Natürlich, als ich genauer hin- sah, erkannte ich meinen Irrtum. — Und weißt du, wer es war? Karolus Schwägerin, die Frau sem«S Bruders Günther. Ich hatte früher nick' ~
Bild zu sehen. Aber die Ähnlich . _ _
darauf aufmerksam, er sagte, sie sei auch ihm auf den ersten Blick ausgefallen." , „ ^
Die Unterhaltung nahm eine andere Wendung» aber Käthe blieb zerstreut. Die gemachte Enthüllung hatte sie eigentümlich betroffen. Es war also seine Schwägerin, der er den Tod gegönnt hatte? War es, weil sie so schvxw an dem Verluste ihres Gatten trug? Es werden aber auch anderen Frauen ihre Männer entrissen, und man wünscht ihnen nicht deshalb den Tod . . . Und Gossar selbst — nach dem Tode des Bruders war er wie gebrochen, fast tiefsinnig geworden . . . Was war der Mann gewesen, dessen Hinscheiden eine so unersetzliche Lücke zurückgelassen hatte? Diese Rätsel beschäftigten Käthe, sie scheute sich aber, Dora direkt darnach zu fragen. Diese hatte ihr überdies alles erzählt, was sie wußte. In den Rhein- landen ausgewachsen, hatte sie ihre nordischen Derwandten erst ziemlich spät persönlich kennen gelernt.
Dora v. Rehsans hochfliegende Pläne, schlummernde Fähigkeiten ans Tageslicht zu fördern, verwirklichten sich nicht Hie und da wurde inal etwas musiziert, rm allge- meinen unterschieden sich aber diese üve o’clock’s m nichts von den üblichen.
Wer regelmäßig erschien, war Gossar. Ohne, es Cif* fällig zu machen, wand-K er doch den größten ÄÄ ferner Aufmerksamkeit Käthe zu. Sie sonderten sich 7ucyt ao, aber die Unterhaltung, welche sie miteinander führten, sprach die Unbeteiligten wenig an, und man lreß sie allein. Selten drehte sie sich um die Vorkommnisse des Tages und berührte meist ernste Fragen, über die sie sich rn endlose Diskussionen vertiefen konnten.
Käthe staunte über ihn. Die harmonische Ruhe sem^ Wesens, die Geklärtheit seines Denkens, der tiefe Ernst seiner Anschauungen unterschieden ihn so sehr von semev Umgebung. Und doch durchströmte alle seine Ausspruchs ein so freudiger Lebensmut, daß Küche sich in chrm; Skeptizismus eigentümlich davon ergriffen fühlte. Don» Bemerkung: „In und mit der Welt lebend, scheint er doch ganz andere« Zielen zu dienen", kam chr mcht mehr aus
dem Sinn. , , ^ , .
Eines TageS, als m dem kleinen Kreise me » eine Hundeausstellung kam, und Gossar «n levha Jilteresse dafür bekundete, sagte Käthe: __
„Ich weiß gar nicht, wo ich Sie mit ihrer DopPrL- natur hinzutun habe. Bald kommt eS rrürvor, aE* schwebten Sie hoch über allen Fragen des Erdendaseins, bald stecken Sie mitten im Leben drin und freuen sich an! den kleinsten Dingen . . . Welches ist denn Ihre ■ Natur?"
Gossar lachte.
(Fortsetzung folgt.)
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