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Wiesbadner TmM.

51. Jahrgang.

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|tj». 14T* «erlagS^ernfprecher N». 2968.

Samstag» de« 28. Marz.

Sledaktions-Fernfprecher No. 62 .

1803 .

Morgen-Ausgabe.

gfftr öcrs 2. gmartcxC 1903

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

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MMden in Der neuen ®rgan?nnis|ienet* Uernningnng.

Ein sachgemäßes System in der Ausgestaltung und Veranlagung der direkten Steuern, welches auf der Höhe seiner Aufgabe steht und vor allem die Leistungsfähig­keit jedes einzelnen Steuerzahlers möglichst eingehend prüft, muß in seinen Ergebnissen mit Notwendigkeit unter anderem auch ein immer umfassenderes und immer tiefer greifendes Material zur Erkenntnis der Kräfte des einzelnen wie auch der Gesamtheit liefern. So bietet auch die auf der Grundlage der eingehendsten Prü­fung der Leistungsfähigkeit des einzelnen aufgebautc preußische Steuerreform der Jahre 1891 bis 1893, je feiner und genauer das Veranlagungsverfahren allmäh­lich sich ausgestaltet, für die Statistik der wirtschaftlichen Hilfsmittel, sowie ihrer Verteilung und Entwickelung, also für eine der wichtigsten sozialen Fragen, immer wertvollere Ergebnisse.

Während das Einkommensteuergesetz vom 24. Juni 1891 und das Gewerbesteuergesetz vom nämlichen Tage Unterlagen, die aus dem Gebiete der Statistik bereits vorhanden waren, nur verbesserten, hat das Ergänzungs­steuergesetz vom 14. Juli 1893 für eine Statistik des Pri- vatvermögerrs in unserem Staate Unterlagen erst ge­schaffen und damit eine Reihe interessanter Feststellungen auf diesem Gebiete überhaupt erst ermöglicht. Es wird daher einer weiteren Rechtfertigung nicht bedürfen, wenn die nachfolgenden Zeilen es unternehmen, im Anschlüsse an die Ergebnisse der Veranlagung von 1902/04 auf diesem Gebiete für unsere Stadt eine kurze Blumenlese allgemein-interessanter Einzelheiten zu bieten.

Was zunächst die Anzahl der Ergänzungssteuerpflich­tigen anbelangt, so bezifferte sich dieselbe in der Ver­anlagungsperiode 1902/04 für unsere Stadt auf

7508

oder 8,72 % der Seelenzahl nach der im Spätjahre 1901 zum Zwecke der Steuerveranlagung für 1902 erfolgten Personenstandsaufnahme, welche für unsere Stadt 86123 Köpfe ergab.

Es wird nicht uninteressant sein, hier ersichtlich zu machen, welche Stellung unsere Stadt mit diesen Ziffern in der Reihe der je 6 Stadtkreise einnimmt, die bei der Volkszählung von 1900 uns unmittelbar vorangingen bezw. nachsolgtcn. Die Zusammenstellung ergibt föl- gcndes:

Erg.-Steuer- Pflichtige.

Krefeld ...... 5069

Kassel Schöneberg Duisburg Rixdorf . W i e s b a Erfurt . Görlitz Bochum . Spandau Münster

den

5800

5486

2761

1314

7508

4154

4080

1750

1322

3739

% der Pers.- Stds.-Aufn.

4.69 %

5,42 „

5,29 „

2,99 „

1,40 „

8,72 „

4,59 „

5,24 „

2,68 „

2,18

5.69

Feuilleton.

Berliner Brief.

(Von unserem eigenen Berichterstatter.)

iw Rotbe-Prozetz. — Der Spiritismus «IS gesellschaftliche Er­scheinung. - Der Frühling.^-^Di- Neue Gemeiuschast. -

Seit zwei Tagen beschäftigt sich Berlin wieder mit dem Blumcn-Medium" A n n a R o t h e , die letzt wegen Betrugs auf der Anklagebank sitzt. Ich habe Ihnen ferner Zeit ausführlich über die Sache geschrieben, aber wäre das auch nicht der Fall, es wäre doch nur ern kurzer Be­richt über die Tatsachen nötig, die dem Rothe-Prozeß zu Grunde liegen, denn nicht die der Rothe S»r Last ge­legten Betrügereien und nicht die Frage, ob sichere Handlungen als betrügerisch rm Sinne des Gesetzes erweisen lassen, ist es, was uns hrer angeht. Darüber mögen sich Strafrechtler und Psychiater streiten! Für uns kommt die „Sache Rothe" nur als gesellschaftliche Erscheinung in Betracht. Als solche spricht sie eine be­redte Sprache und läßt uns erkennen, daß wir noch lange nicht aus der Epoche des sogenannten fensteren Mittelalters heraus sind. . . Da ist also crne einfache Frau aus dem Volke, eine dürftige Ersthernung, an­gehende Fünfzigerin, der Typ des Durchschnittsmenschen. Diese Frau ist zweifellos schwer hysterisch, und auf diese leicht erkennbare Tatsache mag der geriebene Impresario Jentsch, durch dessen Einfluß diese Frau ohne Zweifel aus die Bahn des Verbrechens geführt worden ist, seinen schlauen Plan gebaut haben. Die hysterische Veran­lagung der Rothe erschwert nun die Entscheidung der Frage, inwieweit sozusagen „physiologischer und inwie­weit „pathologischer" Betrug vorliegt, ganz erheblich. Wir wollen diese Frage also deshalb hier lieber ganz ausscheiden. Frau Anna Rothe eignete sich kraft ihrer hvsterischen Veranlagung besonders gut zum Medium, d H ihr Übergang in den sogenannten Trance-Zustand war sehr leicht, und damit war bereits ein gut Teil der Suggestion gewährleistet, die das Medium auf die Teil­nehmer der spiritistischen „Seancen" austtben muß. Als Besonderheit hat sich die Rothe das Gebiet der „Blumen- Apporte" ausersehen; d. h. sie holte in den Sitzungen Blumen scheinbar aus der Luft, auch wohl Orangen,

Mit beiden Ziffern nimmt unsere Stadt unter diesen Städten mithin weitaus den ersten Platz ein. Aber auch unter den zur Zeit vorhandenen insgesamt 86 Stadt­kreisen des preußischen Staates steht Wiesbaden mit 8,72% Ergänzungssteuerpslichtigen innerhalb seiner Ein­wohnerzahl an erster Stelle. Ihm schließen sich Bonn mit 7,92, Göttingen mit 6,76, Potsdam mit 6,33 und Frankfurt a. M. mit 6,19 % an. Der Ruhm, unter den 86 preußischen Stadtkreisen verhältnismäßig die meisten Ergänzungssteuerpslichtigen zu haben, gebührt also unserer Stadt.

Die Veranlagung zur Ergänzungssteuer erfolgt nun nach folgenden allgemeinen Grundsätzen: das einen regel­mäßigen Ertrag gewährende Vermögen soll auch dann besteuert werden, wenn dasselbe, sei es aus Spekulations­zwecken, sei es der Annehmlichkeit wegen, oder aus anderen Gründen, in der Hand des Eigentümers er­tragslos daliegt. Frei bleiben sollen Kleider, Möbel, Hausgerät aller Art, Bibliotheken, Kunst-, Antiken- und andere Sammlungen, so weit hierbei nicht etwa ein Ge­werbebetrieb in Frage kommt. Die Vermögen bis hin­auf zu 6000 Mk. bleiben steuerfrei. Ebenso bleiben Ver­mögen unter 20 000 Mk. steuerfrei, sofern das Gesamt cinkommen der Besitzer 900 Mk. nicht übersteigt. Ferner tritt bei weiblichen Personen, welche minderjährige An gehörige zu unterhalten haben , bei vaterlosen minder

Zitronen, hie und da beiläufig auch kleine Geschenke wie Statuetten rc-, die sie dann den Sitzungsteilnehmern als Gruß aus der Geisterwelt, als Stiftungen von lieben Toten re. mit allerlei frommen und milden Worten überreichte. Nachdem schon wiederholt von Seiten über­zeugter Öccultisten Entlarvungen des Mediums vorge­nommen waren, indem man ihr nachwies, wo sie die Blumen :c. eingekauft hatte, nachdem man z. B. in einem Falle die vielgerühmte und so höchst poetische Tau­frische der Blumen als aus der Wasserleitung des — Aborts stammend festgestellt hatte, nachdem ihre Materialisationen von Geistern ebenfalls von Seiten gläubiger Spiritisten als ein plumpes Taschenspielerstuck entlarvt waren, hat sich dann auch noch eine sorgfältig vorbereitete Überrumpelung der Rothe durch die Kriminal-Polizei angeschlossen, bei der im Unterrock des Mediums nicht weniger als 153 Blumen, sowie Zitronen und Apfelsinen gefunden wurden. Nun versteht man ja recht wohl, wenn die Anhänger der Rothe trotz dieser Tatsachen den Glauben an die bona, fides ihres be­gnadeten Mediums nicht aufgcben wollen, denn, wie auch aus den gerichtlichen Gutachten hervorgeht, ist diese Frage durchaus nicht glatt zu beantworten. Aber unverständ­lich ist die Hartnäckigkeit, mit der die klaren Tatsachen be­zweifelt, bezw. auf die abenteuerlichste Weise erklärt werden. Da soll z. B. die Rothe in der Todesangst bei dem plötzlichen polizeilichen Überfall die ominösen 153 Blumen „herausgebracht" haben, etwa wie weibliche Geschöpfe infolge eines Schrecks- Fehlgeburten haben: ein anderer meinte, die Blumen seien sämtlich auf einmal materialisiert worden infolge eines Nervenchocs! Mit allen Kräften sträuben sich diese bedauernswerten Menschen gegen das Eingeständnis, das Opfer eines Taschenspielers, als welcher zum mindesten der ver­schwundene Jentsch bezeichnet werden muß, gewesen zu sein. Und in der Tat, wenn man weiß, mit welchem weihevollen Nimbus diese „Seancen" umgeben sind, so kann man dieses Sträuben verstehen. Aber ebenso wie bei dem Kurpfuscher-Prozeß Nardcnköttcr fühlt man wieder, wie weit noch der Abgrund klafft, der die wissenschaftlich urteilenden Menschen, d. h. die wahrhaft Gebildeten, von der dumpfen Masse derer trennt, die noch mit der Naivität des Naturmenschen jedem augenblick­lichen Eindruck glauben und noch zu keiner Selbst­ständigkeit des „Denkens" vorgedrungen sind, so daß sie

jährigen Waisen, sowie bei Erwerbsunfähigen Steuer­

freiheit ein, sofern das Vermögen nicht über 20 000 Mk. beträgt und das Einkommen nicht über 1200 Mk. geht.

Der Betrag der Ergänzungssteuer, der nach den er­wähnten Grundsätzen zur Veranlagung Herangezogenen stellt sich für die Veranlagungsperiode 1902/04 für unfein» Stadt auf

668 736.80 Mk.

Es waren veranlagt mit einem Einkommen von

a) 900 Mk. und weniger ... 180 Pers. oder 1,78 %

b) mehr als 900— 3 000 Mk. 2895 „ „ 38,56 „

c) „ „ 3 000— 6 000 „ 1978 „ „ 26,35 „

d) „ „ 6 000— 9 500 „ 1022 „ „ 13,61 A

o) „ „ 9 500— 80 500 „ 1180 „ „ 15,72 „

f) „ „ 80 500—100 000 „ 262 „ „ 3,49 „

s ) „ „ 100 000 „ _ 41 _ „ _ „ 0,55 „

Zusammen . . 7508 Personen.

Nicht ohne Wert ist es dann wohl auch noch, hie-^ ziffernmäßig zu veranschaulichen, in welcher Weise die Angehörigen dieser sieben Gruppen an der Aufbringung des schon angegebenen Ergänzungssteuersolls beteiligt sind. Die Verteilung gestaltet sich wie folgt:

Gruppe a 1 281,80 Mk. Ergänz.-Steuer oder 0,23 %

„ b 42 270,40 „ „ „ 7,48 „

„ C 68 013,00 „ „ „ 11.66 „

„ d 67 407,20 „ „ „ 11.85 „

„ e 180 220,60 „ „ „ 31,68 „

„ f 141 174,40 „ „ ,. 24,82 „

„ 68 369,40 ,,_ „ „ 12.0L „

Zusammen 568 736,80 Mk.

Der Schwerpunkt liegt hiernach hinsichtlich der Zahl der Zenstten in der Gruppe mit einem Einkommen von mehr als 900 bis 1000 Mk., hinsichtlich der Höhe des Steuerbctrages aber in derjenigen mit einem Einkommen von mehr als 9500 bis 30 500 Mk. Interessant ist, daß die zusammen 19,76% Angehörigen der drei obersten Gruppen (e bis r) nicht weniger als zusammen 68,62 %l der Steuer aufbringen, also fast Dreiviertel der letzteren. Zu bemerken ist hierzu noch, daß der Ergänzungssteuer-, Veranlagung nur die sogenannten physischen Personen« also nicht auch Aktiengesellschaften ec., unterliegen, deren unsere Stadt im Jahre 1902 zusammen 11 mit insgesamt 64 899 Mk. Einkommensteuersoll zählte.

Auch über die Art und Weise der Zusammensetzung des Vermögens läßt sich ein Überblick gewinnen, jedoch nur hinsichtlich derjenigen ergänzungssteuerpflichtigen Personen, die mit mehr als 3000 Mk. Einkommen zuv Steuer veranlagt sind (Gruppen c bis r) und auch für diese nicht nach den oben angegebenen Gruppen aus­einandergehalten, sondern in Hauptzahlen zusammen,

O^^Jn unserer Stadt kommen in dieser Beziehung 4483 zur Ergänzungssteuer Veranlagte in Betracht, oder 5,21 % der bei der Personenstandsauf nahme vom Herbste

leicht die Beute jeder Suggestion werden. Und Ange­hörige dieser Klasse finden sich in allen Ständen, ja die Rothe hat noch viel mehr, als bisher aus dem Prozesse ersichtlich geworden ist, in den sogenannten gebildeten höheren Kreisen verkehrt. Der Spiritismus tritt mit Vorliebe wissenschaftlich drapiert auf, und ferner ent­spricht er den seelischen Bedürfnissen namentlich vieler hochgestellter Damen, die sich gern durch die salbungs­vollen Phrasen von Menschenliebe und Selbstveredlung fangen lassen, von denen die spiritistischen Ansprachen und die Manifestationsreden gemeinhin triefen. Eines vor allem darf man bei dieser ganzen Frage aber nicht vergessen: So lange das Bedürfnis des Menschen be­steht, mit seinen verstorbenen Lieben in persönlichen un­mittelbaren Verkehr zu treten, das heißt, so lange die Be­dingungen des Lebens und des Todes noch nicht mit aller Klarheit erkannt worden sind, so lange wird es dem Spiritismus an Anhängern nicht fehlen. Nur die. rechte Erkenntnis des Lebens, seiner Bedingungen und seines Zieles kann den spiritistischen Aposteln, deren Wirken ich für sehr bedenklich halte, ihre Anhänger ent, ziehen.

Und wenn wir nun wieder den Blick aus der trüb­seligen Welt des spiritistischen Jenseits in die Welt zurückwenden, die uns umgibt, die wir mit unseren fünf Sinnen erfassen, so tun wir das mit doppelter Freude/ weil diese Welt wieder einmal dabei ist, ihr schönstes Gewand anzutun, und weil mit ungewohnter Pünktlich-'^ keit, genau kalendermäßig, der Frühling eingezogew ist. Erst meinte ich, davon nicht schreiben zu sollen, denn schließlich ist doch der Frühling nichts Neues, und öle meisten Berliner Feuilletonisteu halten ohne Zweifel eine« Premiere im Deutschen Theater für wichtiger. Aber, als ich so nichtachtend und eilfertig an ihm vorbeiwollte, da­sah mich der Frühling mit so verwundertem, un. gläubigem Lächeln an: „Du kennst mich wohl gar nicht mehr?" Und da dachte ich bei mir: „Fast hat er recht! Mußt ihn dir wirklich einmal aus der Nähe ansehen."' So fuhr ich hinaus in unseren vielgcschmähten, vielgc- pricsencn Grunewald, denn ich erinnerte mich zur rechten Zeit, daß die Männer der „Neuen Gemeinschaft", die dort draußen am Schlachtensee auf einem großen Stück Wald- land in einem Hanse, das sie gepachtet haben, ihrem Ideal des Lebens im Bunde mit der Natur nahe zu kommen suchen, gerade wieder einmal ein Fest feierten.